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Kulturvolk Blog Nr. 415

Kulturvolk Blog | Sibylle Marx

von Sibylle Marx

7. November 2022

Heute: 1. Berliner Ensemble – Brechts Gespenster / 2. Deutsches Theater – Minna von Barnhelm / 3. Komödie – Marie-Antoinette oder Kuchen für alle!

 

 

1. Berliner Ensemble - Kapitalismuskritik mit Puppen

Matthias Trippner, Martin Klingeberg, Proletarier (Puppen), Suse Wächter, Hans Jochen Menzel © Jörg Brüggemann
Matthias Trippner, Martin Klingeberg, Proletarier (Puppen), Suse Wächter, Hans Jochen Menzel © Jörg Brüggemann

Gespenster – wer kennt sie nicht? Sie begegnen denen, die an sie glauben, genau wie denen, die sie verleugnen. Sie sind überall, geistern durch Räume und Zeiten. Tauchen plötzlich auf und verschwinden genauso plötzlich. Es gibt sanfte, freundliche, die den Geist einer guten Zeit heraufbeschwören; andere heulen, klappern mit den Knochen, führen uns eigene und fremde Abgründe vor Augen, lehren uns das Fürchten.


Nicht nur Brechts Gespenster


Die Vorbühne des Berliner Ensembles hat sich in einen Fundus verwandelt, in dem unzählige Gespenster-Puppen nur darauf zu warten scheinen, dass sie ihr Wesen oder Unwesen treiben können (Bühne: Constanze Kümmel). Da sitzen, liegen und hängen sie, unterschiedlich groß, manche sind voll bekleidet, von anderen sind nur die Skelette in Kleiderfetzen übrig. Es sind nicht nur Brechts Gespenster, sondern unsere, Zeugen von Vergangenheit und Gegenwart. Puppen-Gespenster, von Suse Wächter wie gewohnt liebevoll und sorgfältig bis ins kleinste Detail gefertigt und jeweils für kurze Zeit von ihr zum Leben erweckt, dabei unterstützt von Hans-Jochen Wenzel und den Musikern und Mit-Spielern Martin Klingeberg und Matthias Trippner.

Die Gespensterkammer wird zur Kapitalismus-Kritik-Revue mit Live-Musik, in der die Schauspieler die Puppen tanzen, singen, philosophieren lassen.
Fran
z Kafka liest aus seinem Brief an Milena von vor hundert Jahren, in dem er das Briefeschreiben als Verkehr mit Gespenstern geißelt. Der Meister selbst mit Schirmmütze, Brille und Zigarre (ver)führt das Publikum, ihm in die Dialektik des anwesend Abwesenden, also die Gespenster-Dialektik zu folgen. Zwei weiße alte Männer, Gott und Marx streiten und kommen sich dabei näher. Henry Ford spielt Klavier, schmettert das Lied vom Lob des Kommunismus und wird getoppt von Maggie Thatcher, die durch winzige Veränderungen daraus ein Lied vom Lob des Kapitalismus macht...


Vergnügen wird zum bitteren Ernst


Das ist alles klug erdacht, wunderbar anzusehen und oft saukomisch, bis es kippt und gar nichts mehr lustig ist. Das kleine Proletariat – eine Gruppe von hölzernen Puppen, jede nicht größer als fünfzig Zentimeter – formiert sich gliederschlenkernd zum Solidaritätslied. Kurz darauf stürzt der kleine Proletarier Franz Dietz aus der roten Samtloge im Rang auf den Bühnenboden, weil er die Miete für seine Wohnung nicht mehr bezahlen kann.

Luciano Pavarotti als wirklich gutes Gespenst gibt berührend die Kinderhymne von Brecht „Anmut sparet nicht noch Mühe“ zum Besten und der auf der Bühne diskutierte Gedanke, ob sich dieser Text nicht doch besser als Nationalhymne für ein wiedervereinigtes Deutschland geeignet hätte, blieb mir, genau wie das Lied selbst noch lange nach der Vorstellung im Kopf haften.


Der V-Effekt, von Brecht zum bestimmenden Element seines Theaters etabliert, darf natürlich nicht fehlen. Im Spiel von Suse Wächter mit den Puppen wird er sinnfällig, lebt geradezu. Da hätte es den langatmigen Monolog von Gespenst Manfred Wekwerth mit Erläuterungen zu selbigem Effekt nicht gebraucht. Die Puppe wiederum großartig: Einst Brechtscher Meisterschüler, dann Intendant des Gespensterhauses und lange Stasi-Informant, was zeitlebens von Wekwerth geleugnet wurde – jetzt klapperndes Gerippe mit rot eingewickeltem Totenschädel.


Berliner Ensemble, 18. November. Hier geht’s zu den Karten.

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2. Deutsches Theater - Frauenpower statt Stolz und Ehre

Seyneb Saleh, Natali Seelig, Max Simonischek, Bernd Moss  © Arno Declair
Seyneb Saleh, Natali Seelig, Max Simonischek, Bernd Moss © Arno Declair

Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück hat Lessing sein Lustspiel genannt, 1763 „verfertiget“. Im Deutschen Theater wurde der Untertitel weggelassen, hier geht es nicht ums Soldatenglück. Anne Lenks Inszenierung beleuchtet eher das Soldatenunglück, das Unglück überhaupt, das der Krieg über die Menschen bringt. Zu Beginn der Handlung ist ein Krieg ist zu Ende. Nichts ist mehr wie vorher, das Land ist genauso zerstört wie Familien und Beziehungen. Was spielen dann Begriffe wie Ehre und Stolz, Schuld oder Schuldlosigkeit noch für eine Rolle?


Spannung im doppelten Guckkasten


Das Wirtshaus, in dem Minna ihren Tellheim aufspürt, um ihn kämpft und am Ende auch kriegt, ist hier ein zweigeteilter Guckkasten, auberginenfarbig. Der obere Raum, gekachelt, strahlt Kälte aus, im unteren scheinen Wände und Boden wie mit Plüsch bespannt. Lichtleisten umlaufen die vorderen Kanten, werden an- und ausgeknipst, genau wie die Beleuchtung der beiden Kästen, sodass zeitweise ein Raum völlig im Schwarz verschwindet (Bühne: Judith Oswald).

Hier bewegen sich Figuren, die auf den ersten Blick nicht wie Schauspieler wirken, sondern eher wie Skulpturen. Die verrückten Kostüme von Sibylle Wallum sehen einerseits aus, als wären sie aus dem Humana-Container gefischt, abgerissen, leicht modrig und mühsam aufgehübscht, sind dann wieder aufwendig gearbeitet und mit besonderen Details ausgestattet. In diesen Outfits entwickeln die Darsteller besondere Gangarten und skurrile Spielweisen: Sie umkreisen und beschnüffeln einander, verbiegen sich geradezu und schaffen es, die Spannung über die Distanz von oben und unten zu halten.


Komik und lustvolle Frauenpower


Die Spielfreude des Ensemble ist groß. Besonders Bernd Moss als Just und Paul Grill in der Rolle des Paul Werner bedienen die im Stück enthaltene Komik meisterhaft, ohne dessen Tragik zu ignorieren. Das ist um so großartiger, da Paul Grill ganz kurzfristig für den erkrankten Jeremy Mockridge übernahm.

Der Fokus der Regie liegt auf den Frauen und deren Stellung in der von Männern dominierten Gesellschaft.
So ist der Wirt hier eine naseweise Wirtin (Lorena Handschin) mit zwei dazu erfundenen Geschwistern, die es durchzubringen gilt, was die Gier der Herbergsmutter nachvollziehbar macht. Minna (Natali Seelig) und Franziska (Seyneb Saleh) glänzen als eingeschworenes Team, das sich die Dialogbälle virtuos hin- und herwirft. Max Simonischek kann da nicht recht mithalten. Sein Tellheim wirkt neben den starken Frauen blass, die Figur bleibt statisch und die Frage, warum Minna mit allen Mitteln um diesen Mann kämpft, beantwortet die Inszenierung nicht.

Die gut zweistündige Aufführung arbeitet mit dem klassischen Text, manchmal augenzwinkernd erweitert, wenn zum Beispiel Franziska Paul Werners Anrede vom Frauenzimmerchen frech mit Männerzimmerchen oder Wachtmeisterchen kontert. Beeindruckende Raps von Fatoni, vertont von Camille Jammal, über die Absurdität des Wachstums im Kapitalismus, das nicht enden soll und die dadurch verkümmernden menschlichen Beziehungen oder über die Sinnlosigkeit des Krieges kommentieren die Handlung und rücken den Lessingschen Text noch ein Stück näher zu uns heran.


Deutsches Theater, 11. November; 3., 11., 25. und 31.Dezember. Hier geht’s zu den Karten.

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3. Komödie im Schillertheater - Lahmer Humor mit hohem Schauwert

Anna Thalbach als Marie-Antoinette © Franziska Strauss
Anna Thalbach als Marie-Antoinette © Franziska Strauss

Wer kennt ihn nicht, den Ausruf der französischen Königin, gerichtet an ihr Volk: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!“ Diese Empfehlung hält sich als historische Anekdote hartnäckig, ist aber frei erfunden. Genauso erfunden, wie die Ausgangssituation in „Marie Antoinette oder Kuchen für alle“:


Alle wollen was abhaben von der süßen Speise


Ludwig XVI. und Marie Antoinette sitzen seit der Revolution in Versailles fest und warten auf ihre Hinrichtung, die seit fast zwanzig Jahren immer wieder verschoben wird. Vom früheren Hofstaat sind nur ein Kammerdiener und eine Zofe übriggeblieben. Es ist also ziemlich langweilig in den königlichen Gemächern, ab und zu kommt Besuch vorbei – historische Figuren, Wegbegleiter aus besseren Tagen – mehr oder weniger willkommen. Der König versucht sich als Handwerker und ist stolz auf seine selbstgebaute Guillotine. Die berühmte Halsbandaffäre ist immer wieder Thema. Ständig wird von Kuchen geredet. Wenn die Rufe der hungernden Leute draußen zu laut werden, macht man einfach schnell die Fenster zu.


Eindimensionale Figuren


Peter Jordan und Leonhard Koppelmann haben eine Geschichte erdacht und inszeniert, die zwischen Komik und Absurdität hin und her pendelt. Aber der Funke will nicht überspringen, die Lacher im nur mäßig besetzten Zuschauerraum bleiben an diesem Abend weitgehend aus. Das liegt zum großen Teil am Stück, das jede Menge aktueller Anspielungen und erhebliche Längen aufweist. Der Inszenierung fehlt Rhythmus und Tempo, es schleppt sich trotz der Witze so dahin. Anna Thalbachs Marie Antoinette versucht den Spagat zwischen Göre und Grande Dame, Ludwig XVI. (Alexander Simon) kommt ziemlich tumb daher. Max von Pufendorf und Annika Kuhl schlüpfen jeweils in verschiedene Rollen. Aber die Schauspieler nehmen ihre Figuren nicht ernst, sie spielen die Komik, die sich erst herstellen sollte, häufig schon mit, und das ist auf Dauer echt ermüdend.


Ein Abend, vor allem fürs Auge


Da ist es ein wirklicher Trost, dass es viel zu schauen und zu staunen gibt. Stefanie Bruhn hat eine phantastische Bühne gezaubert. Der Rundhorizont ist mit einer Fototapete bestückt, die den Spiegelsaal von Versailles täuschend echt vorgaukelt. Genauso echt die Kronleuchter und Kandelaber mit Putten aus Pappmaché. Im Zentrum ein überdimensionales Himmelbett in hellblauer Seide mit Baldachin, in dessen Kissenberg viel gespielt werden kann. Nach der Pause, als schon ziemlich viel Blut geflossen ist – die Guillotine wurde ausprobiert – wird die teure Seide mit Plastikfolie geschützt. Ein schöner Einfall ist der überlange cremefarbene Diktatorentisch mit Goldintarsien, an dem Robespierre den Revolutionsführer rauskehrt, aber eigentlich auch nur eins will: Kuchen!

Die Schönheit des Bühnenraumes wird durch die Kostüme und Masken von Barbara Aigner vervollkommnet. Ausgehend von der Mode des 18. Jahrhunderts finden sich Kostümteile und Accessoires, die ins Heute weisen und darüber hinaus die Figuren charakterisieren. Sogar die Unterwäsche, in der das Königspaar im zweiten Teil agiert, ist sehr fein und wunderschön anzusehen. Auch die Perücken sind großartig und haben Filmqualität.

Und was wird nun aus Marie Antoinette und Ludwig? Nur soviel. Hingerichtet werden sie nicht. Das Stück hält hier einen überraschenden Ausgang parat.

Komödie im Schillertheater, bis zum 27. November. Hier geht’s zu den Karten.

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