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Kulturvolk Blog Nr. 404

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

11. Juli 2022

HEUTE: 1. „Der Diener zweier Herren“ – Hexenkessel Monbijou-Park / 2. „Operette für zwei schwule Tenöre“ – Berliner Kabarett Anstalt / 3. Erinnerung an den großen Theatermacher Peter Brook / 4. Auf in den Sommer!

1. Monbijou - Karacho am Canale Grande

 © André Lewski
© André Lewski

Hurra! Monbijou ist wieder da. Zwei Jahrzehnte lang war das Hexenkessel Hoftheater mit seiner intimen Freilicht-Arena im Monbijou-Park ein Inbegriff sommerlicher Lebensfreude in der Mitte Berlins am Spreeufer gegenüber der prunkenden Fassade des Bode-Museums. Mit angeschlossener Pizza-Bäckerei, Ausschank sowie Salsa-, Tango-, Standard-Tanzpodium für alle neben den Liegestühlen der Strandbar. Dann kamen Beschwerden aus den neuen Luxuswohnungen in der Nähe – und das Aus. Und ein jahrelanger Kampf um Wiederbelebung der sommernächtlichen Vergnügungen; gestützt durch Online-Petitionen mit 17.000 Unterschriften, vorangetrieben vom neu gegründeten Verein ZweiDrittel.

Jetzt endlich kamen die neue Genehmigung und der neue Nutzungsvertrag für den Spielbetrieb. In Windeseile wurde die hölzerne Arena installiert: samt dem ganzen schönen Drumrum mit Trinken, Futtern, Tanzen und Musike draußen am Spreewasser. Freilich nun nur noch bis 22 Uhr. Dann soll Nachtruhe sein…


Mit Spielwut im Herzen


Doch zuvor tobt Truffaldino, das Muster eines ausgebeuteten, zugleich aufmüpfigen, durchtriebenen Service-Personals, über die Bretter; genauer: übers nicht ungefährliche Pflaster Venedigs von 1746. Und verdingt sich aus purer Daseinsnot frech als Diener bei gleich zwei Herren in Carlo Goldonis Commedia dell’arte-Klassiker „Il servitore di due padroni“.

„Nix in der Tasche und noch weniger im Magen“, seufzt Carsta Zimmermann als Truffaldino und beschreibt sowohl dessen als auch die Situation der nicht subventionierten, also total freien Theatertruppe. Erstaunlicherweise befeuert der Missstand die Spielwut des gesamten Personals in der ausgeklügelten Regie von Jan Zimmermann. Und so nimmt denn das Verwechseln, Verstecken, Belügen, Betrügen, Kloppen und Küssen seinen rasenden Verlauf in Richtung Absurdistan.


Zucker für alle Affen


Goldonis an Abgründen entlang taumelndes Jahrmarktsspektakel ist ja seit jeher ein Festspiel für sportive und wortgewandte Komödiantinnen (und Komödianten) mit jeder Menge Lust auf Zucker für deren Affen. Und so ist es auch jetzt: Da knallen die Pointen, krachen die Slapstickiaden, sitzen Auf- und Abgänge, klappen die fliegenden Rollen- und Kostümwechsel und spritzt das Wasser hoch, wenn jemand mit Karacho in den Canale Grande stürzt.

Das Publikum auf den voll besetzten Rängen amüsiert sich königlich und feiert zu guter Letzt lauthals die Schar der glücklichen Akteure Tobias Schulze (im Wechsel mit Thorsten Loeb), Roger Jahnke, Jefferson Preto, Ina Gercke (im Wechsel mit Claudia Rippe) – und natürlich seinen Liebling, die hinreißende Carsta Truffaldino, stilbruchsicher, aber witzig, eingekleidet in zünftige Seppelhosen. Was wir entzückt erleben ist der Beweis: Auch im kleinen Rahmen ohne großes Geld gelingt bei beherztem Zugriff und mit Lust prima Theater.

Dienstag bis Samstag jeweils 20 Uhr. Montags gastiert das Impro-Kollektiv „Theatersport“. Ab dem 16. Juli kommt Sommerspaß Nr. 2 hinzu: „Die lustigen Weiber von Windsor“ nach Shakespeare, voraussichtlich im Wechsel mit Goldoni 18.30 und 20.30 Uhr. Spielzeitfinale Ende September. www.monbijou-theater.de.

*** 

2. BKA - Zwischen Idyll und Hölle

 © BKA-Theater
© BKA-Theater

Zwei Männerunterhosen auf einer Wäscheleine. Ein Blick aus der Ferne signalisiert: Hier geht’s um Sex. Davon abgelenkt haben wir auf dem Plakat den Text über den Hosen übersehen: „Operette für zwei schwule Tenöre“. Aha, es geht um einen Zweipersonen-Männerhaushalt. Mit gemeinsamer Waschmaschine, mit Sofagemütlichkeit und all dem Pipapo unterm Dach glückseliger Geborgenheit. Auch schön. Und immerhin: Als Titel und Thema eines abendfüllenden Stücks Musiktheater so noch nie da gewesen.


Der Hintersinn mit den Unterhosen


Noch mal zurück zu den Wäschestücken: Eins ist eine Art Boxershorts, das andere ein Slip. Wir wissen: Die so genannten Eingriffe sind unterschiedlich; doch das soll hier nicht näher erörtert werden. Obgleich die beiden Hauptfiguren besagten Stücks – Jan & Tobi – in dessen Verlauf singend und plaudernd diverse Einzelheiten preisgeben. Doch davon abgesehen: Im geradezu genialischen Plakat steckt ein Hintersinn.

Der nämlich verweist, ausgehend von den Eingriffen, obendrein auf verschiedene Zugriffe – Zugriffe auf unterschiedliche Lebensentwürfe sowie, trotz grundlegender Gemeinsamkeit wie Schwulsein, auf ganz gegensätzliche Vorstellungen von Zweisam- oder gar Dreisamkeit, von eheähnlicher oder ehelicher Fest- oder Lockerbindung, was dem heterosexuellen Betrieb nicht fremd sein dürfte. Womit sich das auf den ersten Blick homosexuelle Operetten-Theater unversehens ins Universelle schraubt.


Amor auf dem Schützenfest


Dabei ist der Plot geradezu simpel: Der schwärmerisch veranlagte Grafiker Tobi (Ricardo Frenzel Baudisch) flieht aus der ihn nervenden großen Stadt aufs ihn entzückende Land (frühmorgens lauscht er, wie erstaunlich, zwanzig verschiedenen Vogelstimmen), schließlich kann er am Laptop überall werkeln. Dort trifft er beim dörflichen Schützenfest den einheimischen, eher nüchternen Krankenpfleger Jan (Felix Heller), den wiederum das wilde Großstadtleben, das Tobi so sehr auf den Keks geht, geradezu manisch-magisch anzieht.

Es ist ein klassischer Stadt-Land-Konflikt, den der Autor und Liedtexter Johannes Kram opulent ausschmückt: mit vielen höchst komischen, gelegentlich albernen, meist jedoch bittersüßen oder gar schmerzlichen Alltagsproblemen zwischen pastoralem Idyll, dörflicher Hölle und urban entgrenztem Freizügigkeitswahn. Sie zerren denn auch, auch mit Gesang, heftig am Band zwischen Jan und Tobi.

Die Pointe: Da man sich stilistisch auf die Berliner Operette der 1920er Jahre kapriziert (das freche, auch parodistische Spiel mit Rollenklischees und sexueller Toleranz, das populär Jazzig-Sentimentale), jedoch das einst gängige Friede-Freude-Eierkuchen-Finale zeitgenössisch unterläuft, gibt es kein Happyend. Und so hängen denn auf der signifikanten Wäscheleine neben den genretypischen Glücksmomenten und eingängig tönenden Schmissigkeiten noch allerhand Fragezeichen.


Wie emanzipiert sind wir eigentlich


Mit denen müssen nun Jan und Tobi fertig werden. Doch auch wir alle, also die Gesellschaft, kommen ins Nachdenken, wie herrlich weit wir es denn wirklich gebracht haben mit (queerer) Emanzipation und allgemeiner Aufklärung.

Doch keine Angst, das Wackeln mit dem Zeigefinger verdirbt an keiner Stelle den von Johannes Kram und Marco Krämer mit hinreißender Leichtigkeit inszenierten, sexy intelligenten Zwei-Stunden-Abend. Da knallen die Pointen, sitzen die Dialoge. Eine Seltenheit: Tenöre als Sprechkünstler; freilich, beide sind gestandene, preisgekrönte Kräfte mit Meriten im Staatstheater- wie Off-Betrieb. Florian Ludewig komponierte – viel Futter bei die Fische – gleich eine Girlande von Ohrwürmern (Arrangements und Musikproduktion: Martin Rosengarten).

Und wie sich’s für jede zünftige Operette gehört, spielt die dritte Hauptrolle ein stolz sich „Company“ nennender Tanztrupp. Tim Grimme, Tim Oclay und Torben Rose sind drei handfeste Kerle, die auch den köstlich tuntigen Hüftschwung souverän beherrschen und – Überraschung! – ebenso singen können. Eben nicht als Einlage oder Deko, sondern vom Regisseur und Choreografen Michael Heller als kollektiver Kontrapunkt perfekt in die 16 Spielszenen des dreiaktigen Herz-Schmerz-Lust- und Kopf-Theaters eingebunden.


Weltweit erste queere Operette


„Ja klar, laufen wir durch eine Schneise, die Barrie Kosky an Berlins Komischer Oper geschlagen hat. Nicht nur für die Relevanz der Operette überhaupt, sondern auch für die Selbstverständlichkeit des queeren Blicks“, schreibt Autor Johannes Kram – ein geschickter Dramatiker, ein bemerkenswert geistreicher Dichter – im Programmheft. Und setzt noch eins drauf: „Operette eignet sich einfach gut als Soundspur für den Aufbruch in eine neue Zeit. Sind wir doch tatsächlich die weltweit erste queere Operette; die erste mit schwuler Haupthandlung.“ – Was für ein Coup! Nicht nur wegen weltweit.

Wieder 10. bis 13., 17. bis 20., 24. bis 27. August; dann wieder im November. Hier geht es zu den Karten.

3. Kosmopolit, Menschenforscher, Humanist - Zum Tod von Peter Brook

 © P. Victor | via Flickr: Thomas Rome
© P. Victor | via Flickr: Thomas Rome

„Es ist der immaterielle, magische Mechanismus, der den Funken von der Bühne in den Saal überspringen lässt, von den Schauspielern zum Publikum und vom gedruckten Text ins Herz und Hirn der Zuschauer“ – um diese Magie, um dieses Glück ging es dem legendären Theatergenie Peter Brook, der jetzt im gesegneten Alter von 97 Jahren gestorben ist. 

Hier geht es zu meinem Nachruf, der am 4. Juli in der Tageszeitung Die Welt erschien. 

4. Auf in den Sommer!

Marienkirche Beeskow © Schmidti, CC BY-SA 3.0 <http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/>, via Wikimedia Commons
Marienkirche Beeskow © Schmidti, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

Hallo, liebe Leser und Leserinnen! Keine Angst, wir drei Blogger und leider nur eine Bloggerin, wir kommen wieder. Aber: Wir machen vorerst eine Luftholpause, pirschen uns raus aus den Theatern rein ins Freie. Am 29. August, einen Tag nach Goethes 273. Geburtstag, geht es wieder los mit unserer kritischen Berichterstattung. Dann mit Uwe Sauerwein im Blog Nr. 405. – Bis dahin: Eine glückliche Sommerfrische!


Und nebenbei drei Tipps für Ferien-Unterhaltung:

Um in Berlin zu bleiben: Die Staatsoper Unter den Linden bietet für Neugierige, die auch mal hinter den Vorhang gucken wollen, vom 11. Juli bis zum 24. August täglich (!) um 14 und um 16 Uhr Führungen an. Die Staatlichen Museen veranstalten auf der Museumsinsel (nebenan vom Monbijou-Theater) vom 7. Juli bis zum 21. August ein facettenreiches Familien-Kulturprogramm.

Für eine kleine Landpartie ins Brandenburgische empfiehlt sich das idyllische Städtchen Beeskow im Landkreis Oder-Spree. Hier in unmittelbarer Nähe zur historischen Burganlage residiert das aufwändig ausgestattete Museum „Utopie und Alltag“ mit seiner großen Sammlung von Kunst aus der DDR. Am 17. Juli gibt es um 14 Uhr eine Depot-Führung. Dazu ist die Fotoausstellung „Sibylle Fendt“ zu besichtigen.

Und um 11 Uhr (17. Juli) stellt der bekannte Berliner Film- und Kulturkritiker Knut Elstermann seine Monografie über den Künstler Konrad Knebel vor, der in seinen kühl melancholischen Bildern sehr subtil die Großstadtwelten des Prenzlauer Bergs einfing.

Anmeldung telefonisch unter 03366-352727. Treffpunkt ist jeweils am Tresen der Burg. 

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