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Kulturvolk Blog Nr. 383

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

24. Januar 2022

HEUTE: 1. „Mein Name sei Gantenbein“ ‑ Berliner Ensemble / 2. „Der zerbrochne Krug“ – Deutsches Theater / 3. Theaterfotografie Ruth Walz – Museum für Fotografie

1. BE: - Geschichten anprobieren wie Kleider

Nach 20 Jahren zurück im Theater: Matthias Brandt in
Nach 20 Jahren zurück im Theater: Matthias Brandt in "Mein Name sei Gantenbein", Berliner Ensemble © Matthias Horn

Wisch links, zurück nach rechts, oder rauf, runter, hin, her – wie auf dem iPhone: Bilder gucken, Stories hören, Erinnerungen beschwören. Mit Lust, mit Glück, Überraschungen und Dankbarkeit. Oder Ärger, Ablehnung, Schrecken und Wut. Ein gestandenes Mannsbild ist es, das da wischt und kramt in seinen Erlebnissen – doch beileibe nicht nur seinen. Denn das praktische Gerät haben offensichtlich noch andere benutzt und beladen. 

Um es endlich zu sagen: Das tolle Ding existiert nur im Kopf des Kerls, der da besessen ist von der Erforschung seiner unendlich verwinkelten Seele. Umgetrieben von der Frage, was oder wie er denn sei; was da sein könnte, wenn… 

Und wirklich, der Schauspieler Matthias Brandt steht in Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ auf der Bühne in einem Gehäuse, das einem quer gelegten iPhone gleicht. Das vielsagende Szenenbild von Hansjörg Hartung ist quasi das Hirn, in dem dieser Theo Gantenbein, so der Name, den er sich andichtet, herumgeistert auf der vertrackten Suche nach seiner Lebenswirklichkeit sowie seinen offensichtlich verpassten Lebensmöglichkeiten im Dasein, in dem nun mal, wie wir wissen, dem Tod das letzte Wort gehört. 

Wobei er unermüdlich und nicht ohne Irritationen (für sich selbst wie für das Publikum) jongliert mit seinen und anderen durchaus bunten Lebensgeschichten – etwa jenen des skrupulösen Wissenschaftlers Enderlein, des vibrierenden Svoboda sowie einer flatternden Schauspielerin mit dem vielsagenden Namen Lila und „so sinnlichen Lippen“. Alle drei Herren sind auch intim mit ihr, was natürlich einen besonders komischen oder schmerzlichen Punkt bildet (Sex, Ehe, Eifersucht; eben Männertheater…) in Gantenbeins Vexierspiel mit echten, angemaßten, erträumten oder vertanen Rollen der Existenz, die er mal gelassen, mal gierig anprobiert „wie Kleider“.


Der Roman als Ein-Mann-Spektakel 

 
Was für Futter für einen Schauspieler. Film- und Fernsehstar Matthias Brandt, seit zwei Jahrzehnten nicht im Theater beschäftigt, wünschte sich, als Intendant Oliver Reese ihn an sein BE lockte, Max Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“ von 1964 als Ein-Mann-Spektakel. 

Brandt wird gewusst haben von Reeses Geschick, mit dem er bedeutende Romane für Solo-Abende bearbeitet und inszeniert – zuletzt „Die Blechtrommel“ von Günter Grass mit Nico Holonics, dem Mackie Messer der „Dreigroschenoper“, und „Sarah“ von Scott McClanahan mit Marc Oliver Schulze. 

Max Frisch über „Gantenbein“: „Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.“ Das scheint widersprüchlich, doch der erste Satz sei dem seinerzeit politischen Klima geschuldet. Ansonsten bleibt das Nirgend-sonst! Die Gewissheit: Ohne „Ich“ keine Literatur, kein Theater. 


Selbstgespräch voller Konjunktive 


Frischs 300-Seiten-Erzählung einer kunstvoll organisierten Ich-Befragung, dieses Selbstgespräch voller Konjunktive und brüchiger Spiegelungen, passt – klug gekürzt ‑ in einen Monolog. Dabei bleibt es letztlich unwichtig, wie weit Gantenbein, der sich blind stellt für die Erkundungen seiner Wirkungen, vorankommt bei der Wahrheitsfindung. Wer schon bringt heraus, was wahr ist. 

„Jeder Mensch erfindet früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Ob sie nun beflügelt oder deprimiert, sei dahingestellt. Aber: Es geht um Geschichten! Um erste und letzte Dinge, ums Himmelhochjauchzend und um Abstürze, eingebunden in die – wir kennen das ‑ wunderbaren, verrückten, absurden oder auch kruden, elenden Banalitäten des Alltags. 

Matthias Brandt spielt sie mit ihrem fliegenden Figurenwechsel im stimmungsgemäß raffiniert illuminierten iPhone wunderbar leichthin in ihrer Fülle und fragwürdigen Pracht. Weh, bitter, bass erstaunt oder nachdenklich in sich gekehrt, leise sarkastisch. Und trotz schwebender Melancholie auch saftig grinsend. Wenn es ihm ganz schlimm kommt, gellt ein Aufschrei. Zuletzt aber sagt er schlicht sein Trotzallem: „Ich liebe Leben.“ – Das ist: Großes Menschentheater. Vor gebanntem Publikum; danach explodiert Jubel. 

Wieder 25. Januar; 1., 2. Februar.

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2. DT: - Der Schurke sagt Tschüss und verduftet

"Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist, In einer Fassung von Anne Lenk und David Heiligers am Deutschen Theater Berlin. © Arno Declair

Dem Zeitgeist verdanken wir jetzt sonderlich zwei Neuerungen in Kleists Klassiker von 1811: Zum einen, die Scherben des zerbrochnen Krugs, die Mutter Marthe Rull (Franziska Machens) wohlverwahrt in hausfräulicher Tupperdose als Corpus Delicti im Wiedergutmachungsprozess präsentiert, sind – Achtung! – keine ordinären Bruchstücke, sondern die Reste eines kostbaren Familienerbstücks, das vor langer Zeit einer der Rullschen Ahnen aus einem Kolonialkrieg als Trophäe oder eben Raubkunst in die niederländische Dorfheimat verschleppte. 

Zum anderen, Gerichtsrat Walter, befasst mit der Aufklärung des Falls – kaputter Krug als Folge einer Vergewaltigung von Rulls Tochter Eve – dieser Herr Rat ist jetzt eine Frau. Das freilich hat keinen Einfluss auf die Prozessführung. Denn Frau Rätin (Lorena Handschin) führt die Ermittlungen mit der gleichen souveränen Stringenz wie ihre in der bisherigen Aufführungsgeschichte männlichen Kollegen. 

Auch sonst hält sich Regisseurin Anne Lenk an die so unverwüstliche, weil perfekt eingefädelte Justizkomödie um immerhin schweren patriarchalischen Machtmissbrauch, ist doch der Dorfrichter selbst der Verbrecher. Der sich wiederum keine allzu große Mühe gibt, seine Tat aufwändig zu vertuschen. Meint doch der alte Macho-Adam kraft amtlicher Allmacht die Sache mithilfe von Bestechung der Gerichtsrätin (Braunschweiger Würste, Rotwein) lax beiseiteschieben zu können. Klappt nicht, merkt er bald. Und verduftet mit einem coolen „Tschüss!“. Ein vergleichsweise kurzer, dabei trefflicher Auftritt von Ulrich Matthes, der in seiner provokant grinsenden, geradezu eleganten Kaltblütigkeit das alte sexistische Me-Too-Tätertum samt den entsprechenden Versuchen, den Rechtsstaat zu untergraben, flott auf den Punkt bringt. 

Der tolle Rest, pointiert eingedampft auf 90 schnelle Minuten, ist perfekt an der Rampe entlang schnurrendes Komödienstadel mit Klasse-Komödiantinnen wie Franziska Machens als schnatternde Anklägerin oder gackelnde Tugendwächterin Marthe Rull oder Lisa Hrdina als lebenskluge Eve im beredt stummen Protest gegen Mutters vorlaute Beschränktheit – gegen alle Dummheit und Frechheit dieser Welt überhaupt. Dazu Tamer Tahan, ihr süßer tumber Liebhaber Ruprecht. Und Jeremy Mockridge als intrigant karrieregeiler Bürohengst Licht sowie Julia Windischbauer als süffisant gegen die Obrigkeit stänkernde Belastungszeugin Brigitte aus der stets alles beobachtenden Nachbarschaft. 

Klar, für metaphysisches Schürfen (Adam, Eva, Paradies) oder assoziationsreiches Dekonstruieren hat man hier gar keine Zeit. Auch gut. Man ist ja witzig und auch scharf und gönnt sich ordentlich Spiellust. Kleist würde mit „Na meinetwegen!“ die volkstheaterhafte Chose durchgewunken haben. Muss sich doch unter Niveau niemand amüsieren im Parkett. Obgleich das Böse in der Luft liegt. 

Wieder 25. Januar; 16., 18., 21., 24. Februar; 1. März.

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3. Ruth Walz im Museum für Fotografie: - Meisterliche Bilder vom Theater

Die Stunde da wir nichts voneinander wußten von Peter Handke, Schaubühne am Lehniner Platz Berlin 1994, Regie: Luc Bondy, Bühne: Gilles Aillaud, mit Anne Koren © Ruth Walz
Die Stunde da wir nichts voneinander wußten von Peter Handke, Schaubühne am Lehniner Platz Berlin 1994, Regie: Luc Bondy, Bühne: Gilles Aillaud, mit Anne Koren © Ruth Walz

Er hat das Zeug zur Hauptrolle: der Theatervorhang. Als großer Verhüller und Enthüller, schwebend oder stürzend. Wie aufregend, findet Ruth Walz, Theaterfotografin, die ein knappes Halbjahrhundert lang Spitzenleistungen (der vornehmlich westdeutschen) Theater- und später auch Opernkunst beobachtete und in ihren Bildern eine „heimliche Wahlverwandtschaft“ erkennt – mit dem Theatervorhang. Deshalb ihr Credo: „In vielen Bildern zeigen und erzählen, was dem Regisseur wichtig ist. Und dabei etwas vom Geheimnis aufzudecken, ohne es ganz zu verraten.“ 

So ist es folgerichtig, dass Ruth Walz „nicht als eigenständige Künstlerin, sondern als dienende Chronistin“ antritt, die ihren eigenen Blick, ihre eigene Handschrift niemals einer Bühnenproduktion überstülpt. Ihr geht es darum, deren „verletzliches, eigenartiges Wesen zu erfassen im Bild“. Und eben das ist es, was die Ausstellung „Ruth Walz. Theaterfotografie 1967 – 2021“ im Berliner Museum für Fotografie so besonders macht. 


Eine Collage von Reflexen 


Dabei will diese Schau keine Retrospektive eines immerhin glanzvollen Gesamtwerks, kein Best of Walz sein. Sondern, so sagt sie, „eine Collage von Reflexen, ein Streifzug durch mein Archiv, quer durch Zeiten und Szenen“ ‑ von Berlin bis Salzburg, Athen bis Zürich sowie zu den damals, in den 1970ern, noch neuartigen Spielorten wie Stadien, Gasometer, Fabriken, Messehallen. Mit Regisseuren wie Peter Stein, Klaus Michael Grüber, Luc Bondy, Peter Sellars oder Robert Wilson im Mittelpunkt oder dem Iffland-Ring-Preisträger Bruno Ganz, dem Lebenspartner von Ruth Walz, der sie fesselte seit seiner Rolle „als träumender Prinz von Homburg, mit weit aufgerissenem weißen Hemd, auf ganz eigene Art oszillierend zwischen viriler Härte und Melancholie“. Oszillierend! Das war in Berlin anno 1972. Seither sind Ruth und Bruno ein Paar, vier Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod im Frühjahr 2019. 


Distanzierte Teilnahme und aktive Beobachtung 


Die Begeisterung fürs Theater begann für Ruth Walz, Jahrgang 1941, in ihrer Bremer Jugendzeit mit Peter Zadeks Shakespeare-Inszenierung „Maß für Maß“ (1967, mit u.a. Edith Clever, Jutta Lampe, Bruno Ganz), die provozierend Epoche machte mit völlig neuartigen Bildfindungen für treffliche Vergegenwärtigung. Nach dem Studium beim Berliner Lette-Verein fing Walz zunächst beim Film an als Standfotografin (Ulrike Meinhofs „Bambule“); freilich ohne vom Theater zu lassen. Schließlich holte sie Peter Stein fest unter Vertrag als Hausfotografin an seine Schaubühne, damals noch am Halleschen Ufer. Erst hier hatte sie die Möglichkeit, ihr Verständnis vom Beruf ernsthaft auszuleben. Nämlich als teilnehmende Beobachterin des gesamten Verlaufs einer Produktion. Und nicht gastweise als fremde Instanz, die vielerorts engagiert wird bloß für die Klicks der flüchtigen Momente. 

Denn nur so seien die eine Inszenierung ausmachenden Augenblicke zu finden, „in denen die Zeit sich aufhalten lässt in einem Raum mit einem Satz mit einer Geste, durch einen Blick“. Nur so gelänge es, mit der Kamera Natur und Seele der Figuren sowie deren sichtbare wie unsichtbare Beziehungen „vorsichtig anzudeuten“. Statt sie bloß „effektvoll grell“ auszustellen. 


Ein Who is Who im Schauspiel-Spitzenbetrieb 


Solche Bilder von „Wesens“-Szenen mit starken Natur-und-Seelen-Figuren machen die Schau im Kaisersaal des ehemaligen Landwehrcasinos zum aufregenden Erlebnis – nicht nur für ergriffene Zeitzeugen von damals, sondern gerade auch für neugierige, mit neuen Formen und Spielweisen konfrontierte Theaterfreunde von heute. Und nebenbei: Der Saal versammelt in seltener Fülle ein Who is Who des deutschsprachigen Spitzenbetriebs im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts. 

Eine eigene Abteilung dokumentiert exemplarisch die besondere, weil prozesshafte Arbeitsweise der Fotografin: Peter Steins „Orestie“-Inszenierung 1980. Es fing damit an, dass das gesamte Ensemble samt Fotografin eine monumentale Steinmauer hochziehen (der Spielhintergrund) und ein Graffiti sprühen musste; „Durch Leiden lernen“. Lernen durchs Körperliche; nicht bloß durchs Geistige des Aischylos. Daneben Fotos vom kollektiven Textlesen (die Fotografin samt Script mittendrin) – „Steins Maßnahmen, den antiken Mythos zu erfühlen“. Dazu eine Serie Seelenbilder von Edith Clever als Klytaimnestra: Der furchtbare Doppelmord an Agamemnon und Kassandra. Und hinterher die Clever als Erschöpfte in der Garderobe. Was für eine Erzählung… 

Es sind solche Reports aus der Zeit vor Einzug der Postdramatik, die sonderlich erstaunen. Als man sich in ungeniert erbarmungslos (selbst)kritischer Regie- und Ensemblearbeit mit akribischer Textexegese und aufwändigen Proben konzentrierte auf ein dramatisches Hochleistungs- und Hochspannungs-Spiel. Das schloss vermeintlich cooles dahin Dilettieren wie heute oft rigoros aus. Professionelle Mindeststandards als Old School abzutun oder gar als spießig – damals unvorstellbar. 

Umso bedenkenswerter die Fülle auratischer Bilder. Die kostbaren Erinnerungen der Ruth Walz an ihr Theater der Leidenschaft, Einfühlung, Verwandlung. Eine Art Vermächtnis der Achtzigjährigen. 

Noch bis zum 13. Februar 2022.

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