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Kulturvolk Blog Nr. 381

Kulturvolk Blog | Uwe Sauerwein

von Uwe Sauerwein

10. Januar 2022

HEUTE: 1. „RENT A FRIEND“ – SCHLOSSPARK THEATER / 2. FIL: „SCHMERZHERBST“ – MEHRINGHOF-THEATER

 

1. Schlosspark Theater - Nichts als die Wahrheit

Pikantes Familientreffen mit Caroline Beil, Torsten Münchow, Bürger Lars Dietrich und Alessija Lause (von links) in
Pikantes Familientreffen mit Caroline Beil, Torsten Münchow, Bürger Lars Dietrich und Alessija Lause (von links) in "Rent A Friend" © DERDEHMEL/Urbschat

Singapur, London, Dubai. Sarah kommt viel rum. Der Job bestimmt ihr Leben. Twentyfourseven, soll heißen: 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr widmet sie ihrer Aufgabe als Immobilienberaterin. Wenn das Dasein derart durchgetaktet ist wie bei der erfolgreichen Businessfrau, bleibt keine Zeit für Privatleben. Und erst recht nicht für Beziehungen, da hilft ihr attraktives Äußeres auch nicht weiter.

Der virtuelle Assistent, der die megamoderne Technik im Dachgeschoss-Apartment von Licht bis Warmwasser am Laufen hält, heißt bei Sarah nicht Alexa, sondern Sascha. Er ist, von gelegentlichen Escort-Service-Lovern abgesehen, das einzige Wesen mit männlichem Vornamen, das sich in ihrer Luxus-Behausung aufhalten darf.

Doch nun wird es ernst. Sarahs Vater, den sie seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, kündigt seinen Besuch an. Angeblich von seiner Privatinsel in der Karibik aus, macht sich Karl mit seiner aktuellen Gattin, der früheren Schönheitskönigin Juanita auf, seine Tochter endlich wieder zu sehen – und ihren Verlobten kennen zu lernen. Das Problem: Sarah ist weder verliebt noch gar verlobt. Und Big Daddy, das weiß Sarah ganz genau, duldet kein Versagen. Wie die Tochter, so der Vater. Was also tun? Wenn, der Karriere wegen, keine Zeit bleibt, eine Familie zu gründen, muss man sich halt Verwandte mieten.


Powerfrau in Seelennöten


„Rent A Friend“ ist eine Agentur für Familienmitglieder in allen Lebenslagen. Genau so heißt auch das neue Stück von Folke Braband, das jetzt im Schlosspark Theater Berlin eine umjubelte Uraufführung feierte. Alessija Lause verkörpert glaubwürdig die Powerfrau in Seelennöten, die sich, um des perfekten Scheins willen, bei „Rent A Friend“ einen vorgeblichen Verlobten bestellt.

Doch leider ist der Agentur ein Missgeschick unterlaufen. Der ursprünglich als Darsteller des künftigen Schwiegersohns vorgesehene Kollege wurde versehentlich zu einem Kindergeburtstag entsandt, wo er nun an den Marterpfahl gefesselt ist. Bei Sarah indessen erscheint statt des bestellten George-Clooney-Doubles ein Typ mit Basecap, Sneakers und Vollbart, der ausschaut wie der Bote von Lieferando: Gabriel, mit dem früheren Hiphopper Bürger Lars Dietrich sehr authentisch besetzt. Da Papa ante portas ist, muss Gabriel in Windeseile in einen schicken Anzug schlüpfen und sich mit der Biografie des fiktiven Verlobten, einem deutlich älteren, megaerfolgreichen Schönheitschirurgen und Marathonläufer, vertraut machen. Die hohen Erwartungen des Vaters dürfen um Himmels Willen nicht enttäuscht werden.

Die Idee des Stückes ist nicht wirklich neu. „Rent A Friend“ baut auf die bewährte Verwechslungs- und Verkleidungskomödie vom Boulevard, in der die Party nicht so läuft wie geplant. Da gibt es unzählige Vorläufer, bei denen man ablachen durfte. Ich erinnere mich etwa an die Screwballkomödie „Dinner für Spinner“, in der Schlosspark-Hausherr Dieter Hallervorden vor Jahren bei den Wühlmäusen brillierte. Oder den Klassiker „Charlys Tante“, noch vor wenigen Monaten in Steglitz zu erleben. Folke Braband, als Autor wie Regisseur vielfach ausgezeichneter Komödienspezialist und dem Haus durch zahlreiche Produktionen eng verbunden, legt seinen leicht sozialkritischen Schwank behutsam in der Jetztzeit an.


Spiel zwischen Sein und Schein


Das Treffen mit Karl (Torsten Münchow), einem furchtbaren Macho, der seiner Juanita (Caroline Beil) ständig auf den Allerwertesten haut, entwickelt sich besser als von seiner Tochter befürchtet. Denn Gabriel, der vermeintliche Loser, läuft darstellerisch zur Hochform auf, schildert ergreifend seine tragische Vorgeschichte, in der seine frühere Frau bei einem Autounfall zu Tode gekommen sein soll. Daddy scheint keinerlei Verdacht zu schöpfen. Dann muss Sarah plötzlich weg, ein Bombendeal droht zu platzen. Allein mit seinen Gästen, beginnt Gabriel seinerseits hinter die Fassade des Vaters zu blicken. Ist der Alte wirklich so erfolgreich, wie er vorgibt? Und stammt die zwischen Spanisch und Englisch radebrechende Juanita tatsächlich aus exotischen Gefilden? Könnte sie nicht sogar eine Berliner Pflanze sein?

Dieses Spiel zwischen Sein und Schein, von der Schwierigkeit, sich die Wahrheit zu sagen, es lebt von seinen fitten Darstellerinnen und Darstellern. Hallervordens Erfolgsrezept seit der Übernahme des Schlosspark-Theaters beruht auf seinem immensen Netzwerk, das es ihm immer wieder erlaubt, bekannte Gesichter aus TV und Film für seine Projekte zu gewinnen. Das funktioniert auch bei „Rent A Friend“ hervorragend.


Erfolgreiche Umbesetzung


Als Sarahs Vater war zunächst Michael Mendl angekündigt. Aber der Star-Schauspieler musste nach einem Sportunfall die Probenarbeit abbrechen. Der eingesprungene Torsten Münchow, bekannt aus der Serie „Großstadtrevier“, schlägt sich als bärbeißiger Chauvie so prächtig, dass man glaubt, die Rolle des Karl sei eigens für ihn geschrieben worden. Und Caroline Beil ist weit mehr als das schöne Dummchen, sondern wechselt gekonnt zwischen gegensätzlichen Identitäten.  Das Quartett auf der Bühne harmoniert in Brabands Regie prächtig miteinander, das Tempo stimmt, die Pointen sitzen. Dafür, dass das versöhnliche Ende, das hier natürlich noch nicht verraten wird, doch ein wenig zu brav gerät, können die Darsteller nichts.

In einem seiner früheren Stücke, „Fehler im System“, setzte sich Folke Braband satirisch mit der Künstlichen Intelligenz auseinander. Bei „Rent A Friend“ geht es um den Zwang zum Perfektionismus. Unlängst belegte eine Studie zu Instagram, wie sehr vor allem Jugendliche unter den pervertierten Schönheitsidealen leiden. Die Probleme der Profilpflege in den Sozialen Netzwerken hat man während der knapp zweistündigen Komödie allenfalls im Hinterkopf. So hat das Premierenpublikum einen Riesenspaß – und das Schlosspark Theater ein neues, turbulentes Erfolgsstück.

Noch bis zum 20. Februar. Hier geht es zu den Karten.

2. Mehringhof-Theater - Spiel mir das Lied vom Altern

Komödiant FIL gibt nach wie vor den Sponti © Mehringhof-Theater
Komödiant FIL gibt nach wie vor den Sponti © Mehringhof-Theater

Viel zu lange bin ich nicht mehr im Mehringhof-Theater gewesen. Dabei war gerade zum Jahresende lange Zeit ein Besuch dieser Off-Bühne im Kreuzberger Gewerbehof für mich fast Pflicht. Denn dann gab es hier, mit riesiger Fan-Resonanz, immer den Kabarettistischen Jahresrückblick mit den großartigen Berliner Satirikern Bov Bjerg, Hannes Heesch, Horst Evers, Manfred Maurenbrecher sowie Christoph Jungmann, der als Moderatorin Angela Merkel durchs Programm führte. Ein Kultabend, den auch Corona nicht wirklich stoppen konnte. Letzten Winter nur per Video zugänglich, diesmal wieder live, aber weil viele Menschen trotz Hygienekonzept den Gang ins Theater scheuen, zur Sicherheit zusätzlich als Film. Absolut empfehlenswert, nicht zuletzt, weil es auch um Verschwörungstheorien geht. Demnach ist Fielmann der Urheber der Pandemie: Weil beim Abziehen der Maske die Brillen runterfallen und zerbrechen, verdient sich der Optiker eine goldene Nase…

Dem Ensemble folgt nun auf dem Mehringhof-Spielplan ein Alleinunterhalter. FIL, stets im Dialog mit dem Publikum, vertreibt wie seine Vorgänger wunderbar den Corona-Blues. Dabei ist das Multitalent, nicht nur was sein aufgebrauchtes Sparguthaben betrifft, ebenfalls ein Betroffener. Aber er gewinnt der Misere durchaus auch Positives ab. Wann könne man sich so sehr im Recht fühlen und wunderbar über andere lästern, wie in diesen Wochen als Geimpfter?

Für mich war der Mehringhof ein bevorzugter Einsatzort in der Frühzeit meiner Kritikerkarriere. Und FIL, bürgerlich Philip Tägert, war damals schon immer dabei, sprich eine Größe in der Berliner Off-Szene. Zuerst als Zeichner der Kult-Comic-Reihe „Didi & Stulle“ im seligen Stadtteilmagazin Zitty. Später als gefeierter Bühnenhumorist, der den Tonfall seiner berlinernden Comic-Helden aus dem Märkischen Viertel äußerst authentisch rüberbrachte, oft unterstützt von seiner Handpuppe Sharkey, dem kleinen Haifisch. Dass sich FIL dabei als Bauchredner versuchte, was er, wie so vieles, gar nicht kann, das macht den Reiz des „FILettantismus“ aus. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur Sharkey ist nicht mehr dabei.


Zwei Jahre lang ausgebremst


„SchmerzHerbst“ nennt der Anarcho-Komiker sein aktuelles Programm. Das klingt erstmal melancholisch, obwohl der Abend ausgelassen albern ist. Aber ohnehin darf man bei diesem chaotischen Sponti annehmen, dass die folgende Vorstellung wieder ganz anders abläuft. Eigentlich habe er ja auch gar nichts richtig vorbereitet, meint er. „Alle dachten, es fällt eh aus.“ Ein Verhaltensmuster, das vielen Kleinkünstlern in diesen Zeiten nicht fremd ist, womit FIL jedoch ziemlich genial umzugehen weiß.

Viele Nummern entstanden in den letzten zwei Jahren für Programme, die nicht gespielt werden konnten. So erklingt der Merkel-Abschiedssong „Geh mit Gott, Pfarrerstochter“ nun einige Wochen zu spät. Was sich in den 16 Jahren Kanzlerinnenschaft eigentlich geändert hat? Nichts! Diese Erkenntnis immerhin bleibt von der Verzögerung unberührt.

Nicht nur durch Corona wurde FIL ausgebremst, sondern auch durch eine OP, nach welcher er sich selber zu den viel zitierten Helden der Intensivstation rechnen durfte, dank eines viel zu früh entfernten Drainage-Schlauchs. Bereitwillig liefert der Komödiant medizinische Details, zeigt sogar Narben und schildert seine Erfahrungen in der Reha in Bernau. Das sei wie Elternabend, so der zweifache Vater: Man treffe Menschen aller Schichten, auch aus solchen, die man als Künstler längst überwunden glaubte.


Weniger Haare, mehr Erfahrung


Als schwarz gelockter Jüngling zählte FIL früher zu den Womanizern im komischen Fach. Jetzt, mit 55, tritt er weiter im Schlabberlook und mit Klampfe auf. Was er mittlerweile an Haaren einbüßte, hat er an Erfahrungen hinzugewonnen. Nein, er sei nicht mehr der zornige „Hater“ aus den 1980ern, heute regiere bei ihm spöttische Gelassenheit. Was so natürlich nicht stimmt.

Auch wenn er beim Erzählen und Singen vom Hundertsten ins Tausendste kommt: „SchmerzHerbst“ hat doch so etwas wie einen roten Faden. FIL wird immer älter. Und das scheint ihm, da mag er es noch so ironisch überspielen, nicht unberührt zu lassen. Das Publikum hat seine Freude daran, wenn er aus seinem „Vier-Generationen-Haushalt“ berichtet, wo er mit seiner wesentlich jüngeren Freundin und den Töchtern lebt und dabei langsam zum senilen Trottel wird. Altern kann lustig sein, für die anderen.

Umgekehrt findet es FIL überhaupt nicht uncool, über „die blöden Jugendlichen“ abzulästern. „Schließlich habe ich 45 Jahre Erfahrung als junger Mann!“ So regt er sich über juvenile Kellner in der Außengastronomie auf, über eine Jugend, die entweder feiern oder chillen will, wobei das keinen Unterschied in der Tätigkeit ausmacht. Er besingt eine „Welt von Diggas“. Wer es nicht weiß: Digga ist ein Begriff der Jugendsprache und hat „Alter“ abgelöst, nach dem Motto „Ey, Digga, was geht?“


Was wir von den Rockern lernen können


FIL führt sein Publikum immer aufs Glatteis. Emotional, ob er nun den deutschsprachigen Gangster-Rapper persifliert oder den schmachtenden Barden mimt. Aber auch gedanklich, denn die Naivität ist oft nur vorgeschoben, und hinter Kalauern und Klamauk steckt manchmal Tiefgründiges.

Der Mann, der im Märkischen Viertel aufwuchs, erzählt über Reinickendorf, eine Gegend, wo der Reiseführer schweigt und Humor ohne Fröhlichkeit (Reinickendorf liegt ja nicht am Rhein) dominiert. Von Lagerhallen für Hausrat, von der versenkten Kutsche im Schäfersee, und von Hells Angels und Bandidos, die sich erst furchtbar befehdet haben, um sich zu vertragen: Denn wer den Kopf in die Vergangenheit steckt, richtet den Hintern in die Zukunft.

Was Rocker können, das müsste doch auch nach Corona der gespaltenen Gesellschaft gelingen, so der schlaue FIL. Da nimmt man ihm das Lied „Ich will meine Freunde zurück“ durchaus als ernst gemeint ab. Denn irgendwann, da macht uns der Entertainer Mut, werde die Pandemie vorüber sein. „Wir sind viele, das Virus ist nur einer.“ Schöner könnte das Professor Drosten auch nicht formulieren!

Mehringhof-Theater, bis zum 29. Januar, Do. - Sa.  20 Uhr. Danach ufaFabrik, vom 3. bis 6. Februar. Hier geht es zu den Karten in der ufaFabrik.

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