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Kulturvolk Blog Nr. 377

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

6. Dezember 2021

HEUTE: 1. „Das Wunder vom Späti“ – Primetime Theater / 2. „Schöne Bescherungen“ – Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater / 3. „Hasta la Westler, Baby!“ – DT-Kammerspiele / 4. „jedermann (stirbt)“ – DT-Kammerspiele 

1. Primetime - Zwei Engel als Bengel


Zugegeben, das kleine Stadtteil-Welt- und Volkstheater liefert mir seit vielen Jahren immer wieder eine zünftige Dosis Lieblings-Show. Oder anders gesagt: Einen Mix aus grotesker Komödiantik, saftigem Mutterwitz, inkorrekter Politsatire, Fantasy, Klamotte, Blödelei, Kitsch und rüde herzig Berliner Schnauze. Noch dazu Musik plus krachend ironische Video-Einspieler.

Da wird mit tollen Kumpel-Typen, Chaoten, Exoten und irren Normalos dem Volk aufs Maul geschaut. Und das geradezu familiäre Volk im 230-Seelen-Saal mit derartigen Figuren zum Mitsingen, Klatschen, Dreinreden animiert. Schon seit fast zwei Jahrzehnten und über alle im Gewerbe üblichen Krisen hinweg (Vermieter, Bürokraten, Sponsoren, die Kunstschaffenden untereinander). Die Fantasie der Autoren, Regisseure, Selbstausbeuter, Überlebenskünstler scheint unerschöpflich – und deren gute Laune offensichtlich auch. Dafür sorgt schon unermüdlich die paternalistische Energiemaschine Oliver Tautorat, Chef und Impresario der inzwischen frisch, schick und Corona-like („Frischluftzufuhranlage“) aufgemotzten Hütte einschließlich Kneipe.

Also rein in U 6 oder S Bahn und raus am Bahnhof Wedding. Zum „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“-Weihnachtsspecial. Ein schöner Spaß für die ganze Familie; Titel: „Das Wunder vom Späti“. Und um es gleich zu sagen: Ein Chistkindl wird geboren – nach allerhand biblischen Schwierigkeiten im „Halbmond“, dem fest in türkischer Hand befindlichen Spätkauf. Sozusagen eine kleine, nicht ganz unbedeutende interreligiöse Angelegenheit.

Die Glocken hängen also tief und klingen süß und schräg durchs liebenswürdig raue, längst kultige GWSW-Milieu zwischen Dönerbude und Poststation (Buch: Cynthia Buchheim). Beziehungskräche, Kinderknatsch, Liebeslust und Liebesfrust, Unglück und Glückseligkeit im fliegenden Wechsel; inszeniert von Ryan Wichert, der sich zugleich – dies sei ausdrücklich vermerkt – als sonderlich begnadeter Kabarettist outet. Ach ja, auch zwei Engel flattern durch die Gegend, ortstypisch verkleidet als rotzfreche Bengel. O du fröhliche…

Bis zum 23. Dezember und noch vom 5. – 9. Januar zur Primetime 20.15 Uhr (sonntags 19 Uhr). 

2. Kudamm-Komödie - Familienbande im Festtags-Stress

 © Franziska Strauss
© Franziska Strauss

Mit den Alle-Jahre-wieder-Klassikern ist es alle Jahre wieder so eine vertrackte Sache: Die einen sind ganz scharf auf „Dinner for one“ und können daheim vorm Fernseher schon mitspielen, die anderen stöhnen auf. So ähnlich ergeht es Alan Ayckbourns Christmas-Schwank „Schöne Bescherungen“ – auch diesmal auf dem Gabentisch der Kudammkomödie.

Zwar lauern schon längst keine Überraschungen mehr in diesem routiniert gestrickten Festtags-Chaos einer sich gegenseitig auf den Keks gehenden englischen Kleinbürgersippe von vor gut vier Jahrzehnten. Doch mit einem prima aufgelegten, von Regisseur Folke Braband perfekt auf Irrwitz eingespielten Ensemble schaut man gerne zu, wie sich gängige Lebenslügen und familienüblichen Entfremdungen flott ausbreiten. Die beiden Höhepunkte: Die mitternächtliche, tolle Slapstickiade eines albernen sexuellen Unfalls unterm prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum sowie das wirklich hinreißende, anrührend komisch missratene Puppenspiel mit Fuchs und Förster und den drei süßen kleinen rosa Schweinchen.

Noch bis zum 28. Dezember. Hier geht es zu den Karten.

Hinweis: „Dinner for one“ live performt vom Hexenberg-Ensemble im Pfefferberg-Theater an Silvester 16.30, 18.00, 19.30, 23.00 Uhr. 

3. DT-Kammer - The Winner Takes It All

Maren Eggert © Arno Declair
Maren Eggert © Arno Declair

Die Deutsche Bank feiert 1990 das beste Gewinnjahr ihrer Geschichte; im Osten springt die Arbeitslosenzahl von Null auf mehr als vier Millionen; die Gehaltsdivergenz zwischen Ost und West beträgt gegenwärtig bis zu 1000 Euro; 80 Prozent der Ost-Führungsposten besetzen bis heute Westler... So (und so weiter) steht es geschrieben auf dem eisernen Vorhang, der sich hebt zum „postzirzensischen Kessel Buntes, einem deutschen Theater im Deutschen Theater“. Soviel zu Vorwort und Untertitel der vor Corona verfassten, aktuell, tagesaktuell (Silvesterknallfrosch?!) aufgepeppten deutsch-deutschen Befindlichkeits-Show von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel mit dem schelmisch machohaften Titel „Hasta la Westler, Baby!“.

Klaro Baby, dass bei dieser nunmehr etwas verspäteten Jubiläumsfeier zur Wiedervereinigung die coolen Westler die Cowboys sind und die Ostler die armen Indianer. So stand es ja quasi schon auf dem Eisernen gepinselt. Und so geht es weiter hin und her zwischen – so Kuttner selbstironisch – Quatsch und Reflexion, wobei deren Rezeption wiederum einigermaßen abhängt vom Kenntnisstand und Standpunkt des Betrachtenden.

„Hat sich viel verändert in gut 30 Jahren Einheit?“, fragt eingangs hämisch Jürgen Kuttner im feinen Entertainer-Frack und zieht bei der Antwort diabolisch die Augenbrauen hoch: „Ein bisschen schon!“ Doch niemand wolle heutzutage behaupten, alles habe hundertprozentig geklappt. Womit – erst mal – sämtliche Kenntnisstände und Standpunkte vereinigt wären.


Schmerzliche Tatsachen, Phantomschmerzen, Vorurteile


Aber das ändert sich schnell, was Absicht ist. Und Widerspruch, Nachdenklichkeit, Wut oder Häme wird in allen Lagern provoziert. Sowie reichlich Gelächter, was wiederum das Beste ist an diesem grellen Mix aus schmerzlichen Tatsachen und Phantomschmerzen, aus betonierten Vorurteilen und kalten Tatsachen, aus unverschämten Halbwahrheiten, peinlichen Blödeleien und frechen Scherzen, die alle sehr direkt oder bloß irgendwie mit deutsch-deutschen Befindlichkeiten zu tun haben.

Überhaupt, ohne nachhaltiges Kopf- und Bauchweh genießbar wird diese nostalgisch gefärbte, doch immerhin schmissige Melange zum einen durch die zirzensische Begabung des Ensembles, zum anderen durch den teils subtilen, teils brachialen Kühnel-Kuttner-Humor, dem Zynismus so wenig fremd ist wie Selbstironie.

Wird doch der Riss, der durchs Deutsche geht, schon geographisch vorgeführt. Mittels einer Landkarte „Das ostelbische Deutschland im 18. Jahrhundert“ sowie dem Kommentar des englischen Historikers James Hawes (Jahrgang 1960; gespielt von Peter René Lüdicke): „Man hätte die Elbe nie überqueren sollen. Ostdeutschland war von Anfang an ein Fehler.“ Soviel zur Wurzel allen Übels…

Dann gibt es eine historische Hütchenspiel-Nummer namens „Einigungsvertrag“ als postdramatisch-zirzensisches Reenactment mit Katrin Klein und Božidar Kocevski, der einem Springteufel gleich aus der Schachtel springt und goldene, goldige, eherne Worte der Vertragsverhandelnden ausstößt. Eine brisante Collage. Die Herren Krause & Schäuble dürften den Kopf schütteln. Oder? Eine andere Nummer: das Speed-Dating mit Maren Eggert als neunmalklug Verständnis heuchelnde Westzicke und Lüdicke als tumber Ossi-Bär. Am Ende verkrampfte Umarmung nahe dem Erstickungstod.


Einwürfe eines Graukopf-Dramaturgen


Und zwischendurch die immer wieder eingeschaltete Tonspur mit eingesprochenen Bruchstücken aus Michael Eberths Erinnerungsbuch „Einheit“ (im Alexander Verlag Berlin). Eberth war der West-Dramaturg, der nach 1990 vom Intendanten Thomas Langhoff engagiert wurde, um das Ost-DT auf zeitgenössisch-westlich-gesamtdeutsche Diskurshöhe zu bringen. Eberth fremdelte notorisch, fand weder den rechten Ton zum erfolgsverwöhnten Ensemble noch die rechten Stücke der Stunde, scheiterte auf ganzer Linie und verschwand alsbald. Ein auch für Eberth eher peinlicher Versuch, Momente der ziemlich komplexen DT-Wendegeschichte mit einigen Erinnerungsfetzen eines kurzzeitig Betroffenen zu illustrieren. Doch was ist schon komplex in einer Remmidemmi-Revue. Da bestechen ein paar Spotlights, ansonsten unterhält Kunterbuntes, was freilich Geschmackssache ist. Doch wer Lust auf Trash hat…

Deshalb flugs weiter mit poppigen Nummern voll Schlagergesangs aus Bonner und DDR-Berliner Zeiten (Live-Musik: Matthias Trippner), dazwischen Politsong-Geschunkel mit Becher-Eislers Lenin-Lied „Er rührte an dem Schlaf der Welt“ und Funny von Dannens „Bundesadler“-Song. Ein Kessel Buntes eben. Mit Indianern und Cowboys im diversen Waschsalon. Und natürlich mit Abba „The Winner Takes It All“.

Wieder an Silvester, 31. Dezember, 20 – 21.50 Uhr. Und am 4. Januar, 20 Uhr. Hier geht es zu den Karten.

4. DT-Kammer - Zwischen Gott und Teufel

vorne: Natali Seelig, Jörg Pose, hinten: Niklas Wetzel, Gerhard Gschlößl (Posaune), Lukas Growe (Kontrabass), Lorena Handschin © Arno Declair
vorne: Natali Seelig, Jörg Pose, hinten: Niklas Wetzel, Gerhard Gschlößl (Posaune), Lukas Growe (Kontrabass), Lorena Handschin © Arno Declair

Er gilt als einer der schnellsten und erfolgreichsten Aufsteiger im – immer wieder erstaunlich! – so konkurrenzreichen Gewerbe der Stückeschreiberei. Ferdinand Schmalz. Gerade mal dreißig, da hatte er vier unverständlich, dafür kurios betitelte Stücke – „am beispiel der butter“, „dosenfleisch“, „die herzelfresser“, „Der thermale Widerstand“ – in die deutschsprachige Bühnenwelt geschleudert. Und wurde sofort überall gespielt.

„Es war eine große Umstellung, als plötzlich alle mit mir wollten“, erinnert sich der studierte Theaterwissenschaftler. Denn es sei schon ein Problem, nicht nur für Kunstschaffende, wenn der Erfolg schneller wachse als die Seele mithält. Dennoch ist offensichtlich: Den knuffigen Burschen aus der Steiermark mit Schnauzer und feschem Hütchen stützten ein starkes Gemüt sowie ein originelles Talent. Man könnte sagen: Es ist der seltsam heftige Schmalz-Sound, ein raffinierter Schreibstil aus Dialekt und Kunstsprache – Vorbild Nestroy, der österreichische Volkstheater-Klassiker, der „selbst in sehr einfach gestrickte Witze sehr subtile Stiche setzt“.


Herr Schmalz ist eigentlich Herr Schweiger


Das Stichwort ist gefallen: Stiche. Dass dieser Kerl Humor hat, ist klar. Schon Schmalz, sein Pseudonym, steht dafür; er wurde 1985 als Matthias Schweiger in Graz geboren. Doch kunstfertige Gewitztheit allein macht noch keinen inzwischen vielfach preisgekrönten Dramatiker. Den macht vielmehr seine genaue Beobachtungsgabe, sein scharf analytischer Blick auf Menschen, die zu signifikanten Figuren werden, gezeichnet mit ätzender Ironie und scharfem Sarkasmus. Satire, Groteske, Farce sind mithin die Spielwiesen seiner phantastischen Menschenkomödien.

Übrigens, soeben erschien sein Debüt-Roman „Mein Lieblingstier heißt Winter“. Ein morbider, aufregender, verrückter Text, krächzend und ächzend vom Töten und Sterben – prompt nominiert für den diesjährigen Deutschen Buchpreis. Und im Büro der Wormser Nibelungenspiele liegt sein Königinnendrama „hildensaga“ (wie immer kleingeschrieben) zur Festival-Uraufführung 2022 parat; Regie: Roger Vontobel. Es geht um den Kampf der hohen Damen Krimi und Bruni gegen kriegerischen Männerwahn. (Das attraktive Festival am Dom läuft vom 15. bis zum 31. Juli 2022. Ein Ausflug lohnt sich!)


Am Anfang war das Burgtheater Wien


Bereits 2018 bekam Ferdinand Schmalz, Bachmann-Literaturpreisträger 2017, vom Wiener Burgtheater den Auftrag zur „Überschreibung“ des, wie er sagt, „Salzburger Heiligtums“: nämlich Hugo von Hofmannsthals Festspiel-Erbauungsstück „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“. Schmalzens logischerweise überhaupt nicht schmalzige, sondern bissig-böse, packend sprachspielerische Neu-Schreibe des Klassikers – pfiffig-lakonischer Neu-Titel „jedermann (stirbt)“ – wurde von Stefan Bachmann als zynisch glitzernde Show der Menschendeformationen uraufgeführt. Deftig und giftig. Ein Mix, der begeisterte.

Noch kurz vor Corona-Ausbruch inszenierte der Georgier Data Tavadze das Spektakel am DT. Gleich nach der Premiere war Schluss mit lustig. Seither ruhte das Stück im Spind wie andere Schmalz-Stücke auch, die Rede ist von 50 Aufführungen im deutschsprachigen Raum. Erst seit kurzem schmalzt es wieder los.


Ein Georgier aus Tiflis verirrt sich nach Berlin


Die Regie wurde dem Chef des Royal District Theatre Tiflis eigens vom DT vorgeschlagen. So ruhmreich der Regisseur in seiner Heimat auch sein mag, diesen „jedermann“ hat er offensichtlich missverstanden. Freilich, es geht ums Große und Ganze: Um das Verhältnis von Mensch und Geld und Welt und Tod. Und auch noch, und vor allem, um Moral. Doch Tavadze versetzt das „Spiel“ auf leerer Bühne von vornherein ins Trübe und Graue, in eine Art Agonie kurz vorm Tod. Eine muffig-kühle Abstraktion, die sowohl der prallen Sinnlichkeit als auch dem spitzen, überspitzten Ton des Textes entgegensteht. Jörg Pose als jedermann hockt meist apathisch auf einem Stuhl oder liegt gleich am Boden. Einzig Paul Grill und Niklas Wetzel dürfen in wortlosen Vor- und Nachspielen für etwas Bühnensport sorgen, indem sie sich – wir ahnen: als Gott & Teufel – wie junge Hunde hübsch miteinander balgen. Ansonsten wird in hingebungsvoller Müdigkeit in steifer oder verrenkter Körperhaltung an verschiedenen Mikrophonen rezitiert, teils atonal begleitet von Gefiedel und Gebläse (Kontrabass, Posaune, Klarinette). Beliebig aufgezogene Sprechmaschinchen labern also den starken Text schwach. So langweilt ein ausgelutschter Performancebetrieb.

Dabei geht es eigentlich hoch her, bevor der Tod unbarmherzig zuschlägt: Jedermann feiert – ganz Schmalz-Art – in seinem üppigen Garten, diesem „ungequälten ort“, ein rauschendes Fest. Aber da drängen durch den Sicherheitszaun ungebetene Gäste mit schrillen Forderungen: „gib uns genug, damit auf Dauer sich was ändert…“ Der – tolle Volte – so moralisch wie komisch aufgedonnerte Konflikt zwischen reichem Mann und armem Nachbar, der wäre doch prima für ordentlich bösen Komödienkrach. – Denkste! Alles matt und mau. Bis auf die beiden balgenden Kerlchen, die trotz aller Drolligkeit aber auch kaum aufmuntern.

Wieder am 8. Dezember. 

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