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Kulturvolk Blog Nr. 372

Kulturvolk Blog | Sibylle Marx

von Sibylle Marx

1. November 2021

Der Unbeirrbare oder die Klugheit der Frauen

HEUTE: „Michael Kohlhaas“ derzeit gleich zweimal in Berlin – In der Schaubühne am Lehniner Platz und im Deutschen Theater

1. Schaubühne: Michael Kohlhaas - Lesung mit verteilten Rollen, die so an Fahrt aufnimmt, dass sie gespielt werden muss!

 © Gianmarco Bresadola
© Gianmarco Bresadola

Zwei große Berliner Bühnen haben sich in diesem Jahr der Erzählung von Heinrich von Kleist gewidmet.

Während die Inszenierung in der Schaubühne ganz dem Original vertraut, hat sich das Deutsche Theater für eine Fassung entschieden, die der Erzählung eigene Texte hinzufügt und eigene Fokussierungen vornimmt.


Aber im Einzelnen:


In der Schaubühne blicken wir in einen schwarzen Raum, an der Rampe sechs Notenständer, Stühle mit Kleidungsstücken, rechts und links zwei Tische mit Requisiten, zwei durchsichtige bewegliche Projektionswände, zwei Kameras auf rollbaren Stativen, außerdem eine, die das Bühnengeschehen von oben aufnehmen kann.

Nach hinten wird die Bühne begrenzt durch eine, die gesamte Breite einnehmende, ca. vier Meter hohe Wand. Sie besteht aus viereckigen, in sich silbrig schimmernden Platten, die sich an den Rändern überlappen. Die Bilder, die im Laufe des Abends auf diese Fläche projiziert werden, sind mal gestochen scharf, mal verzerrt und in sich gebrochen.

In sich gebrochen, wie der Autor der Erzählung vom „Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, Heinrich von Kleist. Dieser ruhelose, gejagte Geist. Das bekannte Porträt, von ihm als jungem Mann, ist zu Beginn auf einer der durchsichtigen Wände zu sehen (Bühne: Magda Willi).

Die Darsteller:innen sind bereits alle auf der Bühne, bereiten sich auf ihr Spiel vor, begegnen einander und trennen sich wieder, komplettieren ihre Kostüme - schwarze klassische Anzüge, die später reduziert oder mit Accessoires wie Perücke oder Hipster- Sonnenbrille verändert werden. (Kostüme: Moritz Junge). Sie treten dann nach und nach an die Notenständer heran. Und bevor wir die Kohlhaas-Geschichte verfolgen werden, tauchen wir kurz ein in das Leben von Heinrich von Kleist – von dem es keine späteren Bilder gibt, weil er mit nur 34 Jahren seinem Leben ein Ende setzte, seine Freundin Henriette Vogel und sich selbst erschoss, am 21. November 1811, am Kleinen Wannsee in Berlin.

Der Abend beginnt als Lesung mit verteilten Rollen. Und in gewisser Weise bleibt es auch eine Lesung. Eine Lesung, allerdings, die so an Fahrt aufnimmt, dass es beim Lesen einfach nicht bleiben kann, es muss gespielt werden! Auch im Spiel bleibt diese Verteilung erhalten, die sechs Darsteller schlüpfen mal in die eine, mal in die andere Rolle. Kohlhaas als zentrale Figur wird von Renato Schuch gespielt.

Ein erfundener Passierschein, den Kohlhaas nicht vorweisen kann, hindert ihn und seine Pferde, ins benachbarte Sachsen zum Pferdemarkt zu gelangen. Zwei Pferde müssen als Pfand zurückgelassen werden. Als er sie wieder abholen will, sind sie ausgemergelt und halbverhungert, sein Knecht fast totgeschlagen. Im Kampf um sein Recht wird Kohlhaas alles verlieren: seinen Besitz, seine Frau und seine Kinder und schließlich sein Leben.

Schnauben und Füßegetrappel, das weitergegeben wird, und angewinkelte Arme: da reitet Kohlhaas mit seinen Knechten. Verkürzte Armkrücken, auf denen sich zwei Männer wie im Liegestütz bewegen: die zwei schwarzen Rappen, um die sich die ganze Geschichte dreht. Zwei Kissen, in die Bühnenmitte geworfen: das Ehebett von Kohlhaas und Lisbeth ist fertig und die Kamera von oben lässt uns an einer Liebesszene teilhaben, nicht voyeuristisch, sondern voller Nähe und Intimität.

Projektionen geben dem Abend einen besonderen Reiz. Da wird mit den verschiedenen Kameras gefilmt, aber auch die Schauspieler:innen filmen mit Handys, die Perspektiven und Bilder wechseln schnell, eine durchsichtige Videoleinwand wird durch eine andere Beleuchtung zur Projektionsfläche für ein klassisches Schattenspiel. Das schöne Gesicht einer alten Frau, mit Falten und Runzeln durchzogen, schiebt sich über die Szene, in der die Wahrsagerin Kohlhaas im Gefängnis aufsucht.

Und immer wieder die trabenden Pferde, ihr Galoppieren gibt den Rhythmus vor, atemlos jagt Kohlhaas durch die Geschichte, seinem tragischen Ende entgegen.

Regie hat Simon McBurney geführt, der Schaubühnengänger:innen durch „Ungeduld des Herzens“ und „Lenin“ bekannt ist. Im Interview, das auf der Website der Schaubühne nachzulesen ist, weist er nachdrücklich darauf hin, dass es sich bei Kohlhaas nicht um ein Stück, sondern um eine Erzählung handelt. Es ist ihm und Annabel Arden als Co-Regisseurin gemeinsam mit dem großartigen Ensemble gelungen, durch die Bühnenfassung, das reduzierte und zugleich atemberaubende Spiel und die klug platzierten, nicht vordergründig eingesetzten Projektionen den an sich nüchternen Text gestisch werden zu lassen, ohne ihn platt zu illustrieren.

Neben Renato Schuch spielen Robert Beyer, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg, David Ruland und Genija Rykova.

Bei uns im Angebot am Dienstag, 21. Dezember. Hier geht es zu den Karten.

2. Deutsches Theater Berlin: Michael Kohlhaas - In der Schumannstraße wird Theater gespielt, und was für welches!

 © Arno Declair
© Arno Declair

Andreas Kriegenburg erzählt nicht chronologisch, seine Fassung teilt den Abend in sieben Blöcke, aus denen sich die Geschichte nach und nach herausschält.

Wer den kleistschen Text nicht ganz präsent hat, wird manchmal verwirrt sein, aber was auf der Bühne geschieht, nimmt in jeder Minute gefangen. Wo sind wir gerade? Egal, weiter, immer weiter.

Die Bühne ist ein überdimensionierter abgewrackter Pferdestall, düster, Licht fällt von drei Seiten spärlich durch die Ritzen der Planken. Bodenbretter, teils lose, die hochgerissen, herumgeschleudert, auf den Boden geknallt werden können (Bühne: Harald Thor). Kein Ausgang, nur wenn die Rückwand nach oben fährt und den Blick auf einen weißen Rundhorizont freigibt.

Düster auch die Kostüme, alle tragen schlabberige Unterhemden, darüber Anzüge und Mäntel, verdreckt, ausgebeult, abgerissen, in grau-kackbraun (Kostüme: Andrea Schraad). Schön ist die Welt nicht.

Die Geschichte beginnt mittendrin: Michael Kohlhaas hat Luther aufgesucht, um sich von ihm Unterstützung zu erbitten. Da hat er mit seinem Haufen von wilden Kerlen – man denkt an die Räuberbande von Schiller – bereits die Tronkenburg abgefackelt, Wittenberg und Leipzig angezündet, gemordet. Kohlhaas ist ausgebrannt, müde. Der Rachefeldzug, den er führt, fordert seinen Tribut. Und die Frage, ob es gerechtfertigt ist, ob es lohnt, sein Recht auf diese Weise durchzusetzen, stellt sich bereits in der ersten Szene.

Max Simonischek bleibt als einziger in der Figur des Michael Kohlhaas, während alle anderen zwischen den Rollen wechseln, mal den einen, mal den anderen Part übernehmen (müssen). Dabei sorgen kurze Ausstiege aus der Rolle für Lacher und damit Entspannung im Publikum: „Mach du doch jetzt mal den Kurfürst!“

Paul Grill, Peter René Lüdicke, Bernd Moss, Markwart Müller-Elmau, Caner Sunar, Max Thommes und Niklas Wetzel galoppieren stampfend, mit Mänteln, deren Schöße klatschend übereinandergeschlagen werden, toben über die Bühne, übergrölen sich gegenseitig im Saufgelage, in dem schmutzige Politik praktiziert wird. Sie formieren sich aber auch als disziplinierter Block und treiben die Geschichte mit chorischem Sprechen voran.

Lorena Handschin (Wahrsagerin) und Brigitte Urhausen (Elisabeth) übernehmen den Part der Erzählerinnen und agieren zum Beispiel in der Verhörszene eindrücklich als Ermittlerinnen, die unnachgiebig nachfragen.

Damit bereichern die weiblichen Stimmen diese Männer-Geschichte um einen Aspekt, der direkt ins Heute weist. Kriegenburg stellt die Geschlechterfrage: Wie verhalten sich Männer, wie handeln Frauen? Hätte Elisabeth im Streit um die Pferde nicht schon längst einen Kompromiss gesucht?  Bereits frühzeitig ahnt sie, dass Kohlhaas Kampf aussichtslos ist, dass der Preis zu hoch ist und versucht, ihn zu beeinflussen. Durchsetzen kann sie sich nicht. Aber während sie bei Kleist ihre Bedenken hinunterschluckt, besteht sie bei Kriegenburg in einem klassischen Ehekrach, in dem die Fetzen fliegen, auf ihrem Standpunkt und schleudert Kohlhaas ihre Meinung entgegen.

Max Simonischek im Zentrum berührt in seiner Klarheit, man kann es auch Sturheit nennen. Seiner Einsamkeit, seiner Unbeirrbarkeit. Ein einstmals aufrechter stolzer Mann, der um die Fragwürdigkeit seines Tuns weiß, der aber nicht aufhören kann, und im Nicht-Aufhören-Können verzweifelt. Und der - wiederum von den Frauen - keinerlei Rechtfertigung erfährt.

Am Ende konfrontiert die Erzählerin Kohlhaas noch einmal mit seinen Taten und lässt ihn mit den Worten zurück: „Die Bühne gehört noch einmal dir, alles danach gehört deinen Kindern. Ich hoffe, sie vergessen dich.“

Und so findet sich Kohlhaas auf der Bühne, die noch einmal ganz ihm gehört, wieder. Ein Standmikro wird an die Rampe getragen. Viel zu sagen bleibt allerdings nicht mehr.

Bei uns im Angebot am 28.11., 16 Uhr. Hier geht es zu den Karten.

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