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Kulturvolk Blog Nr. 371

Kulturvolk Blog | Ralf Stabel

von Ralf Stabel

25. Oktober 2021

Vor Gericht und auf hoher See...

Heute: 1. „Der Kaufmann von Venedig“ – Hans-Otto-Theater Potsdam / 2. „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ – Komische Oper Berlin

1. Hans-Otto-Theater Potsdam: - Ein rotes Herz schwebend auf leerer Bühne. Wie schön, denkt man – nichts ahnend.

Der Kaufmann von Venedig © Thomas M. Jauk
Der Kaufmann von Venedig © Thomas M. Jauk

Wer hätte das gedacht: Der Kaufmann von Venedig ist eine Komödie, eine heitere sogar. Und sie hat auch das Zeug dazu: Ein Liebespaar, das eigentlich nicht zueinander finden sollte und es doch tut, danebengreifende Freier in einer absonderlichen Heiratslotterie, eine Freundschaft, in der Geld in Massen den Besitzer wechselt. Und dann gibt es da noch diesen völlig absurden Handel, dass der Gläubiger dem Schuldner ein Pfund Fleisch herausschneiden darf, wenn der nicht zahlen kann. Vorhang auf! Es dürfte gelacht werden… Nur tut dies niemand in Potsdam.

Shylock, der Geldgeber, ist Jude. Er handelt nicht aus Boshaftigkeit oder Habgier. Ob er überhaupt bei der Aufsetzung des Vertrages an die Realisierung seiner sonderbaren Forderung glaubt, ist nicht klar. Doch wird durch das Spiel von Joachim Berger in der Rolle des Shylocks aufs Feinste deutlich und verständlich, dass er – persönlich und als Vertreter einer geächteten Gruppe – so viele Schmähungen und Verletzungen hat einstecken müssen, dass allein die Möglichkeit eines solchen Handels und Handelns ihm Genugtuung verschafft.

Doch der Reihe nach. Bei Shakespeare ist die Handlung, wie immer, aufs Beste verwickelt. Malte Kreutzfeldt, der auch die Bühne und die Musik (zusammen mit Marc Eisenschink) verantwortet, legt seine großartige Inszenierung im Irgendwo und Irgendwann an, das durchaus ein Hier und Heute sein könnte. Die Textfassung von Werner Buhss ermöglicht genau dieses auf kongeniale Weise.

Bassanio (Bert Tischendorf) ist verliebt in Portia (Katja Zinsmeister). Um ihr den Hof machen zu können, möchte er sich etwas Geld bei seinem Freund Antonio (Andreas Spaniol) leihen. Der ist gerade nicht flüssig, weil sein Hab und Gut auf hoher See schippert. Die beiden, so spielen sie es überzeugend, verbindet eine „Affenliebe“. Antonio schlägt vor, sich das Geld bei Shylock zu besorgen, Bassanio ist dagegen. Doch Antonio will unbedingt helfen und wird diesen merkwürdigen Handel eingehen. Im Verlauf jener Abmachung wird deutlich, dass Shylock tiefste Verachtung entgegenschlägt, er aber aus seinem Abscheu gegenüber dem zinslosen Verleiher Antonio auch keinen Hehl macht.

Im Prinzip würde alles gut ausgehen, wenn die Gewinne kämen. Doch genau so kommt es eben nicht, Antonio ist zahlungsunfähig und die drängende Frage steht im Raum: Wird Shylock oder wird er nicht?

Damit die Geschichte nicht zu schnell an diesem Punkt ankommt, gibt es noch anderes Aufregendes zu verhandeln. Da ist das Techtelmechtel zwischen Lorenzo (Henning Strübbe) und Shylocks Tochter Jessica (Charlott Lehmann), das mehr im Geheimen stattfinden muss, weil Jessica weiß, dass ihr Vater diese Liebe zu einem Christen nicht gutheißen wird. Und dann gibt es als weitere Parallelhandlung die seltsame Verheiratung der Portia als Spiel. Wie in einer TV-Show auftretend, wählen die Freier nicht eigentlich den Menschen, sondern die Ware Frau, indem sie sich für eines der – mit Eigenschaften unterlegten – Metalle Gold, Silber oder Blei entscheiden müssen. Die Habgierigen fallen natürlich, sehr vorhersehbar, auf die Edelmetalle herein. Allein Antonio trifft die von ihm erhoffte richtige Wahl und bekommt so die Braut – und damit vor allem ihren Reichtum.

Womit die Handlung wieder am entscheidenden Punkt ist, denn mit Portias Geld möchte er den Freund bei Shylock doch noch auslösen. Das jedoch gelingt nicht und so kommt es zum Tribunal. Einem Deus ex machina gleich, erscheint in dieser offenbar ausweglosen Situation – Antonio liegt schon mit freiem Oberkörper auf dem Tisch und Shylock setzt das Messer an – die verkleidete Portia als Richter und legt den Vertrag so geschickt aus, dass am Ende Shylock der Verurteilte ist. Er muss seine Tochter und damit als Erbe sein Vermögen dem Lorenzo geben und selbst zum Christentum konvertieren. Seine umgehend vollzogene Zwangs-Taufe erinnert an waterboarding. Shylock hat alles verloren. Schluss?

Ein Wort noch zu Saleria und Solania (Kristin Muthwill und Janine Kreß). Die beiden Figuren bringen die Handlung nicht voran, werden daher oft übersehen, sind aber doch da. Warum? Sie laufen doch nur so mit… Eben deshalb! Keine Geschichte ohne Mitläufer. Erschreckend – und geschickt naiv gespielt –, wie sie überall dabei sind und nirgendwo eingreifen.

In Potsdam werden viele der Vorstellungen durch anschließende Gesprächsangebote mit Mitgliedern des Ensembles und anderen Fachleuten zu Themenbereichen wie Antisemitismus, Ausgrenzung etc. ergänzt. Das ist vorbildlich! Theater kann in die Gesellschaft hineinwirken und so Diskussionen und Veränderungen anregen. Wer das nicht glaubt, sei herzlich eingeladen, im Potsdamer Hans-Otto-Theater einen Selbstversuch zu starten.

2. Komische Oper Berlin: - Eine Moritat von Jim und Jenny

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny © Jan Windszus Photography
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny © Jan Windszus Photography

Ein Gericht bestimmt auch dieses Werk, ein Gericht, von dem man für schwerste Vergehen lächerliche Strafen erhält, und für lächerliche Vergehen die schwerste überhaupt: die Todesstrafe. Bei Bertolt Brecht steht die Rechtsprechung auf dem Kopf.

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ ist ein eher selten gespieltes Stück. Das wird Gründe haben. Wie es der Name bereits sagt, geht es in ihm sowohl bergauf als auch steil bergab. In genau dieser Reihenfolge. Barrie Kosky, Meister des Heiteren, hat sich in dessen Düsternis vorgewagt.

Am Rande einer Wüste wird die Stadt „Mahagonny“ aus dem Boden gestampft. In ihr soll es Gin und Whisky, Mädchen und Knaben geben – ein Eldorado für jeden Geschmack also! Ein solch magischer Ort zieht Abenteuerlustige und Dienstleisterinnen jeglicher Couleur an. Der aus Alaska stammende Holzfäller Jim und die aus Havanna kommende Hure Jenny lernen sich unter diesen Umständen kennen und lieben. Die Geschäfte mit Suff und Sex florieren, bis ein sich ankündigender Hurrikan dem wüsten Treiben ein Ende bereiten könnte. In dieser apokalyptischen Situation wird als Ultima Ratio das Gesetz der menschlichen Glückseligkeit ge- und erfunden. Es heißt „Du darfst!“ Alles ist erlaubt, nur eines nicht, kein Geld zu haben. Das könnte man als „Tod-Sünde“ bezeichnen – und wird eben so bestraft. Auch wenn der Sturm schließlich doch einen Bogen um die Stadt macht, sind Entgrenzung und Exzess – einmal begonnen – nicht mehr aufzuhalten. Man frisst sich tot, weil man genug zum Sich-Über-Fressen hat – und weil man es darf. Man boxt sich gegenseitig tot, weil das Wetten darum Freude bereitet und Geld einbringt – und weil man es darf. Jenny schuftet im Akkord, weil alle mal wollen – und weil man es darf. Jim schaut all dem zu. Ein Show-Down kündigt sich an in dieser aufgepeitschten Situation: Jim gibt einen aus. Und kann genau das nicht bezahlen! Mit grausamer Folgerichtigkeit wird er dafür zum Tod verurteilt.

Barrie Kosky lässt dann jede und jeden der Stadtbewohner (nur die Jenny macht nicht mit) auf Jim einstechen. Das Töten will schier kein Ende nehmen, die Zeit scheint sich nicht mehr zu bewegen in dieser qualvollen Szene.

An dieser Stelle platzt in der Premiere jemandem im Publikum der Kragen: „Scheiße! Totale Scheiße!“ ruft er, wird aber mit „Schnauze!“ von einem anderen Zuschauer wieder zu Ruhe gerufen. So exemplarisch unterschiedlich dürften die Sichten sein: den einen geht der erhobene antikapitalistische Zeigefinger Brechts möglicherweise auf die Nerven, den anderen bestätigt er die Unmenschlichkeit dieses Systems.

Ist auch die Handlung des Werkes heute möglicherweise im Detail nicht mehr allgemein bekannt, so sind es doch seine Songs. Der berühmteste ist fraglos der Alabama-Song. „Oh, show us the way to the next whisky-bar! Oh, don't ask why, oh, don't ask why!“ Wer hat ihn noch nicht gesungen? Kurt Weill hatte mit der Stimme und Gestaltungskraft seiner Frau Lotte Lenya als Jenny eine Darstellerin, die sowohl Nostalgie und Traurigkeit i m Ausdruck als auch Singen und Sprechen fließend ineinander übergehen lassen konnte. Hier wird der Song von Jenny (Nadja Mchantaf) und ihren Kolleginnen sehr „schön“ gesungen. Zu schön? Und im „Havanna-Lied“ mahnt eben jene Hure, deren Mutter ihrer Aussage nach eine Weiße gewesen sei, eindringlich den Herrn Jakob Schmidt, mal zu bedenken, was man für ihr Salär, für dreißig Dollar, kriegt. Auch ein Klagelied über die Entwertung des Geldes, also hochaktuell und immer gültig.

Und so sind fraglos Jenny und Jim (Allan Clayton) mit ihrem Gesang und ihrer Darstellung die traurigen Heros dieser schrecklichen Geschichte und damit der Inszenierung.

Der Chor, wie gewohnt, aktiv und präsent, mit bewegter Spielfreude, agiert, wie alle anderen Darsteller auch, in der sehr schlichten Ausstattung eines Spiegelkabinetts von Klaus Grünberg.

Das Orchester der Komischen Oper wechselt unter der Leitung von Generalsmusikdirektor Ainārs Rubiķis sicher und leicht zwischen „Hollywood-Sound“ und Agit-Prop in Weills Klang-Universum. Grandios!

„Mahagonny“ ist auch ein Werk „in between“. Ursprünglich 1927 als Songspiel ohne Handlung in Baden-Baden uraufgeführt, wurde es dann von Brecht und Weill zu einer selbstständigen Oper „entwickelt“ und 1930 in Leipzig uraufgeführt. Die Uraufführung in Berlin hatte Otto Klemperer abgelehnt. Während dieser Erweiterung des Songspiels gelingt ihnen 1928 in Berlin der Jahrhundert-Coup mit der „Dreigroschenoper“, und von Weitem meint man mitunter diese durchklingen zu hören. Aber auch die Ansiedlung der Handlung in einem Raubtier-Kapitalismus-Amerika verweist bereits auf „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“, dieses Ballett mit Gesang, das 1933 in Paris uraufgeführt wird und in dem es auch darum geht, in den Weiten dieses Landes Amerika Glück und Auskommen zu suchen und daran schließlich zu scheitern.

Genau das wird in „Mahagonny“ thematisiert: „Denn wie man sich bettet, so liegt man!“ Wiederkehrend und mahnend heißt es in diesem Song: „Ein Mensch ist kein Tier!“ Wirklich? Diese bewegende Inszenierung belehrt uns eines Besseren.

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