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Kulturvolk Blog Nr. 368

Kulturvolk Blog | Sibylle Marx

von Sibylle Marx

4. Oktober 2021

Heute: 1. „Leonard Cohen – We Take Berlin" – Kleines Theater / 2. Ausstellung: „Die Liste der „Gottbegnadeten“ – Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik" – Deutsches Historisches Museum

 

 

1. Kleines Theater - Der Unsterbliche: „Leonard Cohen – We Take Berlin

 © Jörn Hartmann
© Jörn Hartmann

Ich bekenne: ich bin Leonard Cohen-Fan. Und so sitze ich im gemütlichen Zuschauerraum des Kleinen Theater und freue mich auf seine Songs, die ich seit meiner Jugend liebe. Ich werde sie alle hören: „Suzanne“ „Chelsea Hotel“, Hallelujah“… Auch „I want it darker“ von seinem letzen Album darf nicht fehlen und natürlich der Song, der dem Abend seinen Namen gibt: „We take Berlin“. Am liebsten würde ich den ganzen Abend mitsummen.

Die Bühne ist in warmes Licht getaucht, blaue Podeste, ein paar weiße Hänger, im Hintergrund ein Rahmen mit einer zweiflügeligen Tür, die - geöffnet - im Laufe des Abends den Blick freigibt auf Fotos und bewegte Bilder, Assoziationen. Fünf weißgekleidete Darsteller:innen, am Portal lehnend, an der Rampe oder auf den Podesten sitzend. Einer mit Gitarre schlägt ein paar Akkorde an.

„Griechenland ist ein guter Ort, um den Mond anzuschauen, nicht wahr? Du kannst auf der Terrasse lesen, du kannst ein Gesicht sehen wie du es sahst, als du jung warst. Da gab es gutes Licht, Öllampen und Kerzen, die auf Korken trieben im Olivenöl. Was ich liebte in meinem alten Leben, das habe ich nicht vergessen, es lebt in meinem Rückgrat...“

Und tatsächlich hat man das Gefühl, als säße man auf einer griechischen Insel. Auf der griechischen Insel Hydra, die Cohen 1960 für sich entdeckte und auf der er dann immer wieder für eine gewisse Zeit lebte, beginnt die Reise durch das Leben von Leonard Cohen und dort wird der Abend auch enden.

Drei Frauen und zwei Männer erzählen und spielen Episoden aus dem Leben dieses Poeten und Sängers, der von sich selbst meinte, dass er gar nicht singen kann, und es doch vermochte, sowohl durch seine Texte und Melodien als auch durch seine unverwechselbare Stimme so viele Menschen über so viele Jahre zu begeistern.

Sie singen seine Songs, musikalisch professionell begleitet durch Keyboard und Gitarre und Ukulele, aber auch mit ganz einfachen Instrumenten, solchen, die Kinder zum Musizieren verwenden: eine ramponierte Trommel, auf der mit Schlegeln getrommelt wird, eine Ratsche, eine Triola. Gerade das Unperfekte macht den Abend so reizvoll. Hier wird nicht versucht, Cohen nachzumachen, alle nähern sich diesem wunderbaren Musiker auf individuelle Weise. Und es macht gar nichts, wenn mal ein Ton nicht ganz genau getroffen wird oder ein Stück vom Liedtext fehlt.

Die Darsteller:innen schlüpfen in wechselnde Rollen. Mal wenden sie sich direkt ans Publikum, mal vermitteln kleine Spielszenen berührende Momente, in denen sich das Wesen Cohens vermittelt: Seine Suche nach dem wahren Glauben, seine Sehnsucht nach Liebe, seine Verzweiflung an der Welt, seine unersättliche Lust auf Frauen. Frauen haben im Leben von Leonard Cohen eine wichtige Rolle gespielt. Bekannt sind seine Beziehungen mit Joni Mitchell, Janis Joplin und natürlich Marianne Ihlen, mit der ihn eine lebenslange Liebe verband. „So long, Marianne“.

Unter der Regie von Mathias Schönsee, der auch das Buch zum Abend geschrieben hat, gelingt den fünf Darsteller:innen eine großartige Ensembleleistung. Es singen und spielen: Barbara Felsenstein, Noëlle Haeseling, Saskia von Winterfeld und Christian Kerepezky.
Die musikalische Leitung liegt bei Maike Rosa Vogel und Kevin Ryan, der die Schauspieler:innen mit Gitarrenspiel und auch Gesang unterstützt.

Jungen Zuschauer:innen, die den Sänger aufgrund ihres Alters nicht kennen und auch Älteren, an denen er bis jetzt vorbeigegangenen sein sollte, macht dieser Abend auf jeden Fall Lust auf mehr Leonard Cohen.

Bei uns im Angebot vom 28. Oktober bis zum 31. Oktober, sowie am 11. Und 13. November. Hier geht es zu den Karten.

2. Deutsches Historisches Museum - Ausstellung: „Die Liste der „Gottbegnadeten“ - Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik

 © DH_Foto Liselotte Orgel-Köhne
© DH_Foto Liselotte Orgel-Köhne

Die Liste der „Gottbegnadeten“ vereint 1.041 Künstler:innen, die während des Nationalsozialismus für so bedeutsam erachtet wurden, dass sie als unabkömmlich galten, und vom Front- und Arbeitseinsatz freigestellt wurden. Das Deutsche Historische Museum widmet sich in einer Ausstellung nun den 114 auf dieser Liste aufgeführten Bildhauern und Malern, unter ihnen etwa Bildhauer wie Arno Breker, Georg Kolbe, Richard Scheibe, Willy Meller und Maler wie Paul Mathias Padua, Werner Peiner, Rudolf Hermann Eisenmenger und Hermann Kasper, um nur einige zu nennen.

Anhand von Fotos, Originaldokumenten, Presseartikeln sowie Video- und Audioaufnahmen werden die Lebens- und Karrierewege der Künstler nachverfolgt und gezeigt, wie bruchlos diese nach 1945 in der Bundesrepublik weiterarbeiten konnten, was das Bild vom vermeintlichen kultur- und kunstpolitischen Neuanfang in der Bundesrepublik konterkariert.

Der Deutsche Bundestag beschloss 1950 ein Förderprogramm für Kunst am Bau, das sich am Vorbild des Kunst-am-Bau-Programmes der Nationalsozialisten aus dem Jahr 1934 orientierte. In der Ausstellung werden die Werke aus der NS-Zeit denen gegenübergestellt, die in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und in der Bundesrepublik und in Österreich im öffentlichen und halböffentlichen Raum ihren Platz fanden. Auftraggeber waren neben Privatpersonen der Staat, Städte und Kommunen, Wirtschaft und Kirche.

So steht vor dem Bendlerblock in der Stauffenbergstraße eine Skulptur von Richard Scheibe, die an das missglückte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 erinnern soll. Sie wurde 1953 feierlich eingeweiht, Auftraggeber war der Berliner Senat. Richard Scheibe war ab 1937 regelmäßig auf der Großen Deutschen Kunstausstellung München vertreten, unterrichtete an der Akademie der Künste und wurde 1945 an die Hochschule der Künste berufen. Die Skulptur vor dem Bendlerblock unterscheidet sich in ihrer Ästhetik nicht von Werken, die Scheibe zwischen 1937 und 1938 für die Nationalsozialisten geschaffen hatte.
Arno Breker gestaltete zum Beispiel in den 50er Jahren Reliefs für den monumentalen Neubau eines Versicherungskonzerns unter der Bauleitung von Karl Piepenburg, der bereits den Bau der Neuen Reichskanzlei als Bauleiter betreut hatte.

Auch der Maler Paul Mathias Padua konnte von 1938 bis 1944 auf den Großen Deutschen Kunstausstellungen seine Bilder zeigen. Besonders bekannt war sein Werk „Der Führer spricht“, auf dem eine Bauernfamilie dargestellt ist. Von der Großmutter bis zum Kleinkind lauschen unter dem Hitlerbild alle den Worten des Führers aus dem Volksempfänger. Nach dem Krieg bekam Padua keine großen öffentlichen Aufträge mehr, porträtierte aber bekannte Persönlichkeiten wie Herbert von Karajan, Otto Hahn oder Franz Josef Strauß.

Zögerlich begann Anfang der 60er Jahre eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Werken der NS-Künstler:innen. In München regte sich nach Übergabe des Gobelins "Die Frau Musica" von Hermann Kasper in der Meistersingerhalle Protest. Kaspar war unter den Nazis ein äußert angesehener Plastiker, der Mosaiken und Fresken schuf, für die er u.a. von Albert Speer beauftragt wurde. 1957 wurde er zum Professor für Malerei berufen und erhielt staatliche Aufträge, wie zum Beispiel für den Entwurf des Staatswappen-Gobelins im Senatssaal des Bayerischen Landtags. Eine Ausstellung mit dem Titel „Der Fall Hermann Kaspar“ des AStA der Akademie der Bildenden Künste München machte 1968 auf seine Karriere im Nationalsozialismus aufmerksam.

Die Ausstellung im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums erstreckt sich über zwei Etagen und vermittelt eine solche Fülle an Informationen, dass sich Besucher:innen ausreichend Zeit nehmen sollten. Neben den Schriftstücken, Fotos und Bildern sind Videoaufnahmen von Mitschnitten aus TV-Dokumentationen und Interviews besonders eindrucksvoll, in denen deutlich wird, dass jegliche Kritik– auf gar nicht selbstkritische Art und Weise – an den Künstlern abprallt.

Marianne Koch befragt 1974 bei „3nach9“ im Radio Bremen Paul Mathias Padua zu seinem Bild „Der Führer spricht“. Padua wehrt sich gegen den Vorwurf, mit diesem Bild die Propagandamaschine der Nazis bedient zu haben und weist jede Verantwortung und jeden Zusammenhang zwischen Kunst und Politik zurück. Sprachlos verfolgt man als Zuschauer:in, wie Padua sich als unbedeutenden Künstler beschreibt, wie er sich aber damit brüstet, viele Juden beschützt zu haben. Koch fragt: „Wenn Sie die Menschen beschützt haben, sind Sie sich doch der Gefahr bewusst gewesen, in der die Menschen schwebten?“ Darauf Padua: „Wenn jemand abgeholt wurde, konnte man doch nicht wissen, wo er hingebracht wurde...“

Im Hessischen Rundfunk spricht ebenfalls 1974 Peter Iden mit Arno Breker, der ausführlich darlegt, dass es aus seiner Sicht keinen Unterschied zwischen NS-Zeit und Gegenwart gäbe, und er auch keinen Unterschied im Menschenbild finden kann. „Ich verfolge heute die gleichen Arbeitsansätze wie damals und bin beruhigt, wenn ich etwas mache, was jeder auf der Straße verstehen kann.“

In Vorbereitung der Ausstellung wurde eine umfangreiche Recherche durchgeführt: 300 Werke „gottbegnadeter“ Künstler wurden von Thomas Bruns und Eric Tschernow fotografiert. Die Besucher:innen werden mit dem Hinweis entlassen, dass die Recherche noch nicht abgeschlossen sei, nach Beendigung der Ausstellung weitergeführt werde und die Ergebnisse in einer Datenbank verfügbar sein werden. Die kritische Auseinandersetzung mit den Künstler:innen und ihren Werken soll also fortgesetzt werden.

Deutsches Historisches Museum, Pei-Bau. Noch bis zum 5. Dezember.

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