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Kulturvolk Blog Nr. 363

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

5. Juli 2021

HEUTE: 1. Leselust: Drei Jahrhundertkünstler im Briefwechsel – Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Roller / 2. Ansage von Wilhelm Busch: Nun aber raus in den Sommer! – Und zuletzt: Bemerkungen in eigener Sache vor der Sommerpause

1. Leselust: - Kampf gegen trottelhafte Provinzschlamperei

Bühnenbild-Skizze aus dem Regiebuch von Alfred Roller: „Der Rosenkavalier“, 1. Akt, Dresden 1911 © KHM-Museumsverband
Bühnenbild-Skizze aus dem Regiebuch von Alfred Roller: „Der Rosenkavalier“, 1. Akt, Dresden 1911 © KHM-Museumsverband

Opernfreunde kommen doch immer zu kurz im Blog. Deshalb an dieser Stelle die Feier eines einzigartigen Buchs, das uns erzählt, wie aufregendes, großes Musiktheater entsteht. 


Um 1900 war es soweit in der abendländischen Welt des Theaterbühnenbilds: „Entrümpelung“ hieß der Schlachtruf; weg mit dem beliebig netten Deko-Zeugs. Das Bühnen-Bild soll symbolhaft den „inneren Gehalt“ eines Werks ausdrücken. Das war revolutionär, und gilt bis heute. Doch das wollten damals schon Avantgardisten der Zunft wie ‑ beispielsweise ‑ der Engländer Edward Gordon Craig, der Schweizer Adolphe Appia sowie, mit etwas vornehm moderaterem Avantgardismus, der Wiener Alfred Roller (1864-1935).

Also Schluss mit flink hingestellten historisch-realistischen Fundus-Dekorationen, statischen Rampenbeleuchtungen, hübsch illusionistischen Kulissenbühnen – und noch dazu mit herumsteherischen Personenarrangements und purem Schöngesang. Die Bühne sollte zum Ort einer intensiven neuen Wahrnehmung werden – auch unter Nutzung technischer Erfindungen (Elektrizität, Licht, Drehbühne). Und mit psychologisch schlüssiger Figurenführung.


Schöpfer des unvergesslich Schönen 


Alfred Roller, Professor der Wiener Kunstgewerbeschule und Sezessionist, wurde mit seinen Innovationen früh schon entdeckt und als „Bühnengenie“ gerühmt, weshalb Gustav Mahler ihn an die Hofoper holte. Nach dessen Abgang 1907 an die New Yorker Met ergab sich fortan die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Richard Strauss und dem Dramatiker Hugo von Hofmannsthal. – Übrigens, beiden stach das Bühnengenie sonderlich ins Auge, als Roller 1906 bei Max Reinhardt (der ihn überhaupt zum Schauspiel brachte) im Deutschen Theater Berlin das Hofmannsthal-Drama „Ödipus und die Sphinx“ ausstattete. Hofmannsthal, das „unvergesslich Schöne“ von Rollers Arbeiten euphorisch feiernd, schrieb über dessen „Elektra“-Ausstattung: „Ich habe das Werk bisher nur gehört, nicht gesehen.“

Roller, Hofmannsthal und Strauss wurden bis zu Hofmannsthals frühem Tod 1929 mit 55 Jahren zu einem kongenialen Dreamteam des europäischen Theaters, in dem gelegentlich auch Reinhardt eine bedeutende Rolle einnahm.

In einer seiner leider nur wenigen theoretischen Reflexionen schrieb Roller: „Für Wort und Gebärde von Dichter und Darsteller den willig mitschwingenden Luftraum herzustellen ist Aufgabe der äußeren Bühnengestaltung. Der Sinn meiner Arbeit enthüllt sich in der Aufführung, sonst nirgendwo.“

Roller setzte „gegen die Impotenz der Tradition“ durch, „dass das Bühnenbild für das dramatisch-musikalische Bühnengeschehen nicht nur einen Rahmen, sondern Atmosphäre und Empfindungsgehalt“ zu schaffen habe. Das Bühnenbild einschließlich Kostüm und Maske also als „Bedeutungsraum“.

Damit lag Roller ganz auf Linie mit Strauss und Hofmannsthal und Reinhardt. Der Ausstatter hat, so das Epoche machende Diktum, gleichberechtigter Mitschöpfer zu sein; was gegen den bloß dekorativ routinierten Repertoirebetrieb geht. Roller lakonisch: „Theater ist eben Zusammenarbeit.“


Zwei Jahrzehnte Dreifach-Briefwechsel 


Von den Widerständen gegen das Althergebracht-Ausgelaugte und den Kämpfen ums Gesamtkunstwerk Theater/Oper ist die Rede in dem von Christiane Mühlegger-Henhapel und Ursula Renner herausgebrachten, zwei Jahrzehnte währenden Dreifach-Briefwechsel zwischen Roller, Hofmannsthal und Strauss. Darin pflegen die drei stets formvollendete Höflichkeit. Also niemals ein Befehlston untereinander. Meinungsverschiedenheiten immer im Modus vornehmen Bittens und Wünschens. Man stritt ungeniert gegen den üblich üblen Opernbetrieb. Persönliche Animositäten hingegen oder gar Privates blieben außen vor; allerdings klären gelegentliche Anmerkungen der Herausgeberinnen Hintergründe hilfreich auf.

Übrigens, Strauss schimpfte, wir sind bei der Uraufführung des „Rosenkavaliers“ anno 1911 in der sächsischen Residenz, ziemlich harsch über das „schrundige Dresden“ mit seinen musikalisch zwar glanzvollen (die Hofkapelle unter Schuch, die tollen Solisten), inszenatorisch jedoch überwiegend banalen Aufführungen. Obendrein ging sein Ärger gegen die bockige Intendanz, die sich schon allein aus Geldgeiz gegen neuartige Anforderungen des Spielbetriebs sperrte. Wie auch die in ihrer Zeit hochleistungsfähigen Werkstätten durchaus eitel am Gewohnten klebten und Pfründe verteidigten.

Die kompakten Querelen ums interpretatorisch Neuartige werden signifikant deutlich gerade an dieser zwar teuren, dann jedoch als Sensation in aller Welt gefeierten „Rosenkavalier“-Uraufführung. Allein die Ausstattungskosten wucherten auf happige 40.000 Mark durch das bis dato unbekannt aufwändige Bühnen- und Kostümbild von Alfred Roller sowie durch den vom Komponisten Strauss und Librettisten Hofmannsthal nach allerhand Ärger mit örtlichen Regiekräften hinzugezogenen, extra aus Berlin geholten Co-Regisseur Max Reinhardt mit seinen unerhört ausführlichen Sonder-Proben für die psychologisch-realistische Feinarbeit.


Nach Endlosquerelen der ganz große Coup in Dresden 


Dieser „Rosenkavalier“ – das Publikum kam mit Sonderzügen aus der Reichshauptstadt – war sozusagen der Startschuss der legendären Zusammenarbeit des Dreier-Teams Strauss-Hofmannsthal-Roller. – Roller brieflich an seine Ehefrau Mileva: „Die Künstler sind ganz perplex über die ihnen offenbar sehr fremde Intensität der Arbeit. Strauss ist rücksichtslos streng.“ Doch die beiden anderen Gesamtkunstwerker ahndeten ebenso, doch vielleicht einen Tick umgänglicher, selbst kleinste Unstimmigkeiten.

Roller bekam 5000 Mark Honorar für seine Arbeit einschließlich des akribisch bis in winzigste Details erarbeiteten, kunstvoll illustrierten Regiebuchs nebst Figurinen. Dafür vermochte Strauss, der ansonsten ein hartes Händchen hatte fürs Geschäftliche wie übrigens auch fürs Managen der Arbeitsprozesse, erstaunlicherweise kein Sonderhonorar herausschlagen.


Rollers Regiebücher als Vorläufer von Brechts Modellbüchern 


Die Regiebücher, die Roller stets, also auch bei den folgenden Großprojekten mit Strauss und Hofmannsthal herstellte, sind natürlich Anlass unendlicher, auch höchst lehrreicher Hin- und Her-Korrespondenzen und betreffen sehr oft gerade kleinstes Klein-Klein. In diesem Brief- und Theatergeschichts-Geschichtenbuch ist das alles erstmals dokumentiert.

Nebenbei bemerkt, diese bildreichen Doku-Hefte, Strauss und Hofmannsthal feiern sie unentwegt, sind ein frühes Vorbild etwa der Modellbücher von Bertolt Brecht. Wie Brecht war sowohl dem Komponisten als auch dem Librettisten höchst gelegen an einer kanonisierten Aufführungspraxis. Um Schlimmstes zu verhüten, was womöglich, so Hofmannsthal sarkastisch, von „trottelhaften Provinzregisseuren“ künftig veranstaltet wird „mit unseren Schöpfungen“.

Erstaunlich, dass in diesem kompakten Buch erstmals die zentrale Rolle Rollers als Ko-Autor umfassend sichtbar wird. Seine Briefe wurden bislang bei all den vielen Veröffentlichungen über Strauss-Hofmannsthal weitgehend und unverständlicher weise beiseitegelassen. Jetzt kann man Produktions-Interna inspizieren beispielsweise zu „Arabella“, „Frau ohne Schatten“, „Ägyptische Helena“, zur Neufassung des Beethoven-Festspiels „Die Ruinen von Athen“ oder zu „Parsifal“ 1934 in Bayreuth, den Strauss dirigierte. Oder die zur Arbeit an der von Hofmannsthal initiierten, theatergeschichtlich hochbedeutenden Ausgrabung von Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ 1913, bei der Roller als Dramaturg und als Ausstatter wirkte.

Faszinierend ist nicht nur das opulente Register und Literaturverzeichnis. Bestechend ist vor allem die unglaublich ausführlichen, auch entlegenen Dokumente sowie Briefe von Dritten und Vierten hinzuziehende Kommentierung (Extra-Bravo!) dieser übersichtlich gestalteten, prachtvoll ausgestatteten Edition der 173 Künstler- und auch Lebensbriefe dreier Jahrhundertfiguren des Operntheaters. Gerade diese profunden Kommentare beleben auf indirekte Art die Briefe und illustrieren direkt und sehr weitgehend die biografischen, politisch-historischen, sozialen und natürlich theater-, musik- und kunstgeschichtlichen Hintergründe. So entsteht eine große, beinahe epochale Erzählung. Spannend nicht nur für Fachleute, sondern sehr anschaulich gerade auch für Opern- und Theaterfreunde. Was für eine Fundgrube.

Für Statistik-Liebhaber sei gelistet: Von Hofmannsthal gingen 64 Briefe an Roller, auf die 45 Antworten enthalten sind; Strauss hinterließ nur 36 Schreiben an Roller, auf die 28 Antworten vorliegen.


Verehrungsvollste Dankbarkeit  


Dafür erhielt Alfred Roller am Dienstag, 24. Januar 1911, zwei Tage vor besagter „Rosenkavalier“-Premiere, einen Klavierauszug vom ersten Akt zum Geschenk. Was für eine großartige Geste der Wertschätzung; ziemlich einzigartig. ‑ Strauss‘ Widmung: „Dem genialen Mitschöpfer, dem getreuen Helfer und Freunde in verehrungsvollster Dankbarkeit und Bewunderung.“ Dazu das abgewandelte Zitat einer Textzeile der Figur des Ochs von Lerchenau „Mit dir keine Oper zu lang…“ – die nun den Buchtitel hergibt.

Zugleich steckt in diesem Spruch eine selbstironische Anspielung des Komponisten auf die Opulenz seiner Arbeiten; der „Rosenkavalier“ hat immerhin reichlich drei Stunden Musik. Roller gab daraufhin knapp zurück: „Ein jedes Kunstwerk trägt sein Gesetz in sich.“

Der bescheidene, eher kühle Roller schrieb amüsiert doch nüchtern am 26. Januar 1911 nach üppiger Premierenfeier im Dresdner Bellevue-Hotel an der Elbe, wo der Dirigenten-Komponist ansonsten nach den Proben gern Skat spielte, an Gattin Mileva: „Keine Oper ohne Sie, beteuerte Strauss, klopfte mich auf Schultern und Knie – es hätte nur noch die Umarmung gefehlt. Intendant Graf Seebach, anfangs gegen mich, kegelte sich aus vor Herzlichkeit. Sogar einen Orden wollten sie mir geben trotz meines Abwinkens...“

Hugo von Hofmannsthal, Alfred Roller und Richard Strauss: „Mit dir keine Oper zu lang…“, Briefwechsel. Hrsg. Von Christiane Mühlegger-Henhapel und Ursula Renner. Benevento Verlag, München/Salzburg 2021, 464 S., Abb., 58 Euro 

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2. Nun gut. Du musst ja doch verreisen. – Vielleicht vernimmst du neue Weisen…

 © M.T./privat
© M.T./privat

Was für ein hochsommerliches Szenenbild. Aber auch das ist Theater: Der Fluss, das Tier, die Stille. Ein Elb-Idyll mit Kühen. Unweit von Brandenburg…

Schön, wieder unterwegs zu sein. Und beinahe überall singt‘s, fidelt’s, klimmpert‘s, rauscht, raunt und spricht es; werden Podien aufgeschlagen, werden Ausstellungen (wieder)eröffnet. Auch in Berlin, auch im hübschen Kulturvolk-Sommergarten in der Ruhrstraße ist unentwegt allerhand los. Das feine Programm in seiner ganzen Vielfalt steht online in den jeweils aktuellen Kulturvolk-Service-Infos. Man braucht also gar nicht weit zu fahren, sondern bloß vor der Haustür sich umzusehen.

Zum Beispiel auch im Strandbad Plötzensee. Dort tobt auf der Parkbühne mein Lieblings-Off aus dem Wedding, das „Prime Time Theater“ mit „Robin Honk – Eine heldenhafte Sommerkomödie“. Bis zum 28. August (übrigens Goethes Geburtstag) jeweils donnerstags bis samstags, 20.15 Uhr. Das Tolle nebenbei: Das Ticket gilt nicht nur für die verrückte Show, sondern obendrein fürs Planschen im Wasser. Natürlich vorher oder nachher…

Und so wünschen wir denn allen einen großen frischen Sommer. Mit weiten oder kurzen, oder auch vielen ganz kurzen Reisen ins immer wieder überraschend Schöne. Und grüßen allseits mit Wilhelm Busch:

Mach dich auf und sieh dich um, 
Reise mal’n bissel rum. 
Sieh mal dies und sieh mal das, 
Und pass auf, du findest was. 


Neun Jahre, 363 Blogs: Bemerkung in eigener Sache 

Für die Spielzeit 2020/2021 ist das hier mein letzter Text. Dann folgt die große Sommerpause, die für mich diesmal etwas länger ausfällt als sonst. Erst im Herbst, Mitte Oktober, bin ich wieder online für Sie da an dieser Stelle. Dann jedoch nicht mehr, wie üblich, jeden Montag neu (so unser bewährtes Motto), sondern alle zwei oder sogar nur drei Wochen. Der schlichte Grund: Ich möchte ein bisschen kürzertreten. Immerhin sind seit meiner Mitarbeit bei der Freien Volksbühne 2012, also in neun Jahren Bloggerei, sage und schreibe 363 Ausgaben entstanden. In der Zusammenschau bilden sie ein pralles, weit gespanntes Berliner Theater- und Kulturbetriebs-Feuilleton. – Blättern Sie doch gelegentlich bisschen zurück!

Fortan also mit mir nicht mehr allwöchentlich. Aber: Wir wollen, dass neue Blogger hinzukommen; auch, um sämtliche kulturellen Themenbereiche kritisch zu beobachten. Womöglich kommt ein ganzes Blogger-Kollektiv zustande. Also: Wer sich berufen fühlt, Lust, Kraft, Können sowie Ausdauer hat, bitte melden.

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