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Kulturvolk Blog Nr. 356

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

17. Mai 2021

HEUTE: 1. „Hüter des Schönen“ – Auszeichnung für Peter Stein / 2. Die Neue – Herzlich willkommen Katrin Schindler / 3. Corona: Analoger Einbruch, digitaler Boom, Streaming Theatertreffen

1. Custo della Bellezza: - Italien ehrt deutsches Regie-Genie

Peter Stein, 1975 © akg-images / Gert Schütz
Peter Stein, 1975 © akg-images / Gert Schütz

Peter Stein: „Ich bin höchst besorgt; ich sehe, dass das Entscheidende, was das europäische Theater ausmacht, das ausgeglichene Verhältnis von Rationalem und Irrationalem, schwer gestört ist. Das Rationale geht allein über den Text. Das Irrationale, Wahnsinnige ist nur schwer vermittelbar. Und wenn, dann nur aufgrund von Analyse.“ So spricht Großregisseur Stein, da war er Anfang sechzig. 

Inzwischen ist er 83 und gilt, vornehmlich im Ausland, als einer der großen, stilprägenden Erneuerer des – um im 68er Jargon zu bleiben ‑ vermufften westdeutschen Nachkriegstheaters. Später gründete er die mit ihm und einem legendären All-Star-Ensemble zu Weltruhm aufsteigende Berliner Schaubühne. Nach seinem Weggang vom Kurfürstendamm inszenierte er sensationelle Großprojekte an spektakulären Orten – etwa Goethes „Faust I und II“ zur Expo 2000 in Hannover oder später Schillers „Wallenstein“ in einer ausgedienten Berliner Brauerei.


Er liest Goethe wie die Tageszeitung


Spätestens seit Steins philologischer Schwerstarbeit, sämtliche 12.110 „Faust“-Verse auf eine Bühne zu bringen („Ich lese Goethe wie andere die Tageszeitung.“), stand akribische Text-Exegese absolut im Mittelpunkt seiner Theaterarbeit. Das Szenische war ihm eher nachgeordnet, womit er sich zunehmend dem auf Bilderfluten, Action und Dekonstruktion erpichten Zeitgeist entgegenstellte. Seither gilt er mehrheitlich als textfrömmster Regisseur, was man abwertend meint. 

„Lachhaft“, so sein Kommentar. „Ich bin vielleicht bibelfest, aber kein stur Textgläubiger. Ich habe fast immer auch gestrichen, umgeschrieben, nachgedichtet; freilich mit gebotener Vorsicht.“ Das habe nichts mit der Rücksichtslosigkeit zu tun, mit der „seit den sechziger Jahren auf der Bühne von vorn und von hinten in sämtliche Löcher hinein koitiert wird. Ich dachte, mit bestimmten politischen Illusionen sei auch diese Mode passé.“

Da irrte Stein, was wiederum den Germanisten, Kunstwissenschaftler und studierten Handschriftenkundler in seinem so skrupulösen Ringen „um die Vergegenwärtigung des Vergangenen“ zunehmend deprimierte. Er zog sich – nach einem Zwischenspiel als Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele (die Kritik schmähte seine Inszenierungen antiker Klassiker als „gipsern“) – vom Betrieb zurück; von gelegentlichen Produktionen hier und da abgesehen. Und der Betrieb ließ ihn links liegen.


Ab nach Italien hin zu den Olivenbäumen


Um die Jahrtausendwende verlegte Peter Stein seinen Wohnsitz nach Italien, kaufte ein Landgut in Umbrien zwei Autostunden jenseits von Rom. Seither betreibt er dort mit seiner deutlich jüngeren Ehefrau, der Schauspielerin Maddalena Crippa, Landwirtschaft (Olivenanbau) sowie ein kleines Privattheater, in dem er mit Studenten arbeitet. Ein der grellen Mode-Bühne mit ihren irren Klassikerzertrümmerungen entrücktes Refugium des Feinen, Freien und – Stein-Schönen.

Man weiß das zu bewundern; freilich nicht hierzulande, sondern jetzt beispielsweise in Italien. Syrakus, die alte Stadt am Ionischen Meer mit dem größten antiken Amphitheater der Magna Graecia, ehrt Peter Stein mit dem heuer zum sechsten Mal vergebenen Preis „Custo della Bellezza“. Er werde, so die sizilianische Verkündung, am 5. Juni, im Griechischen Theater verliehen, wo der Maestro anno 2004 eine „Medea“ von „seltener Schönheit“ in Szene gesetzt habe.

Benannt ist die Auszeichnung für den berühmten Erforscher alter Theatertexte sinnigerweise nach dem syrischen Archäologen, diesem Hüter des Schönen, Khaled al-Assad (1932-2015), der ein halbes Jahrhundert lang die Ruinenstätte Palmyra erforschte, bis ihn die Terrormiliz Islamischer Staat entführte und ermordete.


Einer der Wichtigsten im Theater des 20. Jahrhunderts


„Custo della Bellezza“ heißt „Hüter des Schönen“. Die Preis-Jury begreift Peter Stein als einen solchen, zählt ihn „zu den wichtigsten Künstlern des europäischen Theaters der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ und würdigt sonderlich „den großen kreativen Schwung der 1970er Jahre, als er monumentale Großprojekte oft in ungewöhnlichen Räumen, realisierte“. – Peter Stein gibt sich gerührt und gesteht nüchtern: „Man möchte geliebt werden.“


*** 

2. Katrin Schindler, unsere neue Geschäftsführerin

Katrin Schindler © Tanya Dawidow
Katrin Schindler © Tanya Dawidow

Hallo und herzlich willkommen. Nach dem Adieu von Alice Ströver führt nun Katrin Schindler die Geschäfte und Geschicke unseres Vereins; eine Berlinerin, gestandene Theaterfrau und Kulturmanagerin. Sieben Jahre lang war sie zuletzt Chefin der Komödie Düsseldorf; zuvor 24 Jahre in verschiedenen leitenden Positionen an den Woelffer-Bühnen am Kurfürstendamm. Ein Zwischenspiel hatte sie in den 1990er Jahren als Pressesprecherin von Friedrich Kurz, der in der Freien Volksbühne (heute Festspielhaus) die Musicals „Marlene“ und „Shakespeare & Rock’n’Roll“ herausbrachte.

Katrin Schindler wurde in Charlottenburg geboren, wuchs aber in Prag auf – ihr tschechischer Vater war Maler und Bühnenbildner. Mit zwanzig kam sie zurück nach Berlin und studierte Kommunikations- und Theaterwissenschaften sowie Slawistik. 

Katrin Schindler ist die Enkelin des berühmten Theatermanns Fritz Wisten, dessen Karriere als Schauspieler und Regisseur die Nazis abbrachen. Er wurde Künstlerischer Leiter des Jüdischen Kulturbundes in Berlin, entging der Deportation, kam nach dem Krieg ans Deutsche Theater, übernahm 1946 das Theater am Schiffbauerdamm bis zum Einzug von Brecht-Weigel. Von 1953 bis 1961 war er (mit West-Wohnsitz in Nikolassee) Chef der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, die 1913/14 vom 1890 gegründeten Verein Freie Volksbühne erbaut wurde. ‑ „So gesehen“, sagt Katrin Schindler, „schließt sich durch meine neue Arbeit für Kulturvolk quasi ein familiärer Kreis.“ 

Dieser berufliche Neustart, freilich im vertrauten Milieu, ist allerdings geprägt von ganz besonderen Herausforderungen. Doch Katrin Schindler ist überzeugt, dass die Kultur gestärkt aus der Coronakrise hervorgeht.

„Die Menschen wissen längst, was ihnen fehlt. Sie spüren ein großes Bedürfnis, Veranstaltungen gemeinsam live zu erleben; das ist schließlich ein hohes Gut. Man wird sehr wohl das vielfältige, einzigartige Kulturangebot in der Stadt und noch dazu im Land Brandenburg wieder wie zuvor – oder aber noch viel mehr – wertschätzen. In einer modernen demokratischen Gesellschaft ist es systemrelevant. Kulturvolk wird sich maßgeblich mit viel Kraft und Energie am Gelingen eines nachhaltigen Kulturstarts nach der Pandemie beteiligen.“ ‑ Dafür ein kräftiges Toitoitoi!

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3. Schlimme Zahlen. - Schönes neues Theater digital

Eröffnung Theatertreffen 2021, Danger Dan © Berliner Festspiele / Eike Walkenhorst
Eröffnung Theatertreffen 2021, Danger Dan © Berliner Festspiele / Eike Walkenhorst

Um ganze 73 Prozent sind die Besucherzahlen allein der institutionell geförderten Berliner Theater, Opernhäuser, Orchester und Tanzgruppen anno 2020 im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Nur 900.000 statt 3.300.000 Tickets wurden verkauft. Das teilte soeben die Senatsverwaltung mit. – Aber immerhin: Trotzallem noch 900.000… 

Da haben sich nun schon mehr als ein Jahr lang die Theater – wie unser Verein auch – abgerackert; haben improvisiert, abgesagt, neugeplant, durchgelüftet, aufgerüstet, umdisponiert, ausprobiert. Einerseits. 

Anderseits: Die pandemiebedingten Schließungen lösten einen plötzlichen Streaming-Boom aus; vor allem auch zahlreiche, ganz spezifische Digital-Experimente. Und wie aufs Stichwort trompetet das Deutsche Theater eine Erfolgsmeldung: „Seit Beginn des Lockdowns hat das DT mit zahlreichen digitalen Formen das Netz erobert. Mit außergewöhnlichen (Live-)Streams, spielerischen Produktionen und einem engen Austausch mit dem Publikum in Chats und Live-Nachgesprächen ist es dem Haus gelungen, seine künstlerisches Strahlkraft auf das Internet auszuweiten.“ 

Bravo digital! Doch bei allem Enthusiasmus, ja aller fast kindlichen Euphorie: Das Netz-Theater – oder das Theater im Netz ‑ mag als innovative Spielart gelten oder schlicht nützlich sein zur Informationsvermittlung. Als Notlösung in Ausnahmezuständen hat es allemal Berechtigung. Aber es bleibt doch Ersatz, bestenfalls Ergänzung. Denn wundersamer- weise ist im Theater das Analoge das Uralte – und Brandneue zugleich. 

Trotzdem: Der Kulturvolk-Newsletter gibt regelmäßig aktuelle Tipps für den heimischen Laptop. Und der Blog annonciert hier das kostenlos digitale Berliner Theatertreffen (teils Live-Stream, teils Aufzeichnung im Stream. theatertreffen.de): 

  • „Graf Öderland“ von Max Frisch, Regie Stefan Bachmann. Theater Basel/Bayerisches Staatsschauspiel München. 17. Mai, 20 Uhr und am 22. Mai im TV auf 3sat, 20.15 Uhr. 
  • „Medea*“ von Leonie Böhm, Regie Leonie Böhm. Schauspielhaus Zürich. 20. Mai, 20 Uhr. 
  • „Reich des Todes“ von Rainald Goetz, Regie Karin Beier. Deutsches Schauspielaus in Hamburg. 21. Mai, 18.30 Uhr. 
  • „Der Zauberberg“ nach Thomas Mann, Regie Sebastian Hartmann. Deutsches Theater Berlin. 22. Mai, 20 Uhr. 
  • „NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+“ von Marie Schleef, Regie Marie Schleef. Ballhaus Ost Berlin. 23. Mai, 18 Uhr. 
  • „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ ein Projekt von und mit Lucy Wilke und Pawel Dudus mit Musik von Kim Twiddle. Projekthaus Schwere Reiter, München. 24. Mai, 19 Uhr. 
  • „Automatenbüfett“ von Anne Gmeyner, Regie Barbara Frey. Burgtheater Wien Im TV auf 3sat am 29. Mai, 20.15 Uhr.

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