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Kulturvolk Blog Nr. 348

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

17. März 2021

HEUTE: 1. Bitte anklicken! Wir bloggen wieder / 2. Gratulation – Jutta Hoffmann zum achtzigsten / 3. Ein Ei für Osterhasen – Burgtheater Kochbuch 

1. Schluss mit der Corona-Pause

Shakespeare Company im Naturpark Schöneberger Südgelände © René Loeffler
Shakespeare Company im Naturpark Schöneberger Südgelände © René Loeffler

„Über kurz oder lang kann das nimmer so weiter gehen, außer es dauert noch länger, denn dann kann man nur sagen, es braucht halt alles seine Zeit, und Zeit wär’s, dass es bald anders wird.“ – Wir halten es mit Karl Valentin, warten nicht, bis das letzte Corönchen tot ist. Und fangen wieder mit unsrer allwöchentlichen Bloggerei an. Das verführerische Foto aus ferner Vergangenheit soll eine Art Leitbild sein für die Zukunft. Es steht für Sonne, Sehnsucht, Unterwegssein, Kontakte. Und natürlich ‑ für Theater.

 

*** 

2. Unbedingte Augen

Jutta Hoffmann in DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE (R: Frank Vogel, 1965) © DEFA Stiftung, Jörg Erkens
Jutta Hoffmann in DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE (R: Frank Vogel, 1965) © DEFA Stiftung, Jörg Erkens

Beginnen wir also frohgemut mit dem für Kulturvolk ohnehin Wichtigsten: Mit den Spielenden. Dazu passt, glückliches Spiel des Zufalls, dass die große Schauspielerin Jutta Hoffmann vor einigen Tagen in Potsdam in ihrem historischen Haus am berühmten Park, wo sie seit gut einem Jahrzehnt mit Ehemann lebt, ihren 80. Geburtstag feierte. So winden wir an dieser Stelle eilends unseren Lorbeerkranz. 

 

„Sie hat ein ovales Mädchengesicht, unbedingte Augen, ist 1,64 groß, nicht eben prächtig einherwandelnd im Fleische“, schrieb Filmregisseur Egon Günther („Lotte in Weimar“) über Jutta Hoffmann. Das war 1971, da war sie, „das kleine Mädchen aus Halle-Nietleben“, gerade dreißig. Aber doch schon eine Größe am Theater ‑ am Gorki, am DT bei Benno Besson, später am BE bei Ruth Berghaus. Auch im Film gab es schnell Hauptrollen, etwa in „Karla“ mit Jürgen Hentsch (Regie: Herrmann Zschoche), einer schwierigen Liebesgeschichte, eingebunden in harsche Kritik an den ideologischen Zurichtungen im sozialistischen Schulalltag – sehr mutig angesichts der zunehmend einfrierenden DDR-Verhältnisse. 

 

Dann „Das Versteck“, die lakonische Defa-Antwort (Buch: Jurek Becker, Regie: Frank Beyer) auf Bergmanns als larmoyant selbstquälerisch empfundenen „Szenen einer Ehe“ mit Manfred Krug. Ein auch erotisch aufregendes Paar, das sich versteht. Und das sich nicht versteht. – Übrigens, dem rbb gelang das Kunststück, die lustvoll komische, aber auch zart bis gallig bittere Romanze mit Hauptsendezeit-Tauglichkeit als Geburtstagspräsent erst spät nach Mitternacht zu senden. 

 

„Das Versteck“ verschwand alsbald aus den Kinos, weil Krug auch wegen Biermann aus der DDR verschwand; wie so viele seiner Kollegen, auch die Hoffmann. ‑ Doch zuvor ereignete sich mit ihr noch viel bei der Defa. In Egon Günther fand Jutta „ihren“ Regisseur. Mit der „starken Zarten, nicht Unterdrückbaren“, wollte er einen ganz eigenen, „subjektiven“ Realismus entwickeln („Junge Frau von 1914“, „Die Schlüssel“, „Der Dritte“ ‑ Silberner Löwe für die „Beste Darstellerin“ von den Filmfestspielen Venedig 1972). 

 

Hoffmann: „Egon hat mich bestärkt, mich auf eine Rolle einzulassen und zugleich aus ihr herauszutreten.“ ‑ Partielle Identifikation, partielles Bei-sich-, also Privat-Bleiben. Diese Spannung erzeugt die Suggestion. Zeugt das so sehr Besondere ihres Spiels; sei es Strenge oder Zartheit, vehement Verführerisches oder staunend Mädchenhaftes. 

 

Dem Publikum verborgen bleibt freilich, dass dem stets akribische Analyse vorausging. Klares Vordenken gehört für Hoffmann zum Handwerk wie genaues Sprechen. Mit Holtz habe sie als Fräulein Julie damals am BE tagelang an bloß einem Strindberg-Satz herum probiert. Ohne genaues Arbeiten kein freies Spielen, keine wahrhaft packende Figuren, so ihr Credo. 

Dann, Anfang der 1980er Jahre, fort nach drüben. An die Schaubühne zu Luc Bondy, dann zu Dieter Dorn nach München und schließlich zu Peter Zadek ans Hamburger Schauspielhaus. Es gab große Rollen, auch im TV: Etwa in Wolfgang Menges ätzender Satire-Serie „Ein Herz und eine Seele“ (mit Jürgen Holtz). Oder, nach 1990, als spröde, vom Menschenelend mitgenommene, schwer skrupulöse „Polizeiruf“-Kommissarin Wanda Rosenbaum. Von 1992 bis 2006 lehrte sie als Professorin an der Hamburger Theaterhochschule. Es heißt, der postdramatische Dramatiker und Regisseur Falk Richter war ihr bester Assistent. Und seine Lehrerin dürfte einen scharfen Blick gehabt haben auf die damals sehr neuartigen Formen. Das Riskante, Andere, Fremde interessierte Hoffmann immer schon. 

 

Vielleicht ist es ihr oft an sture Kompromisslosigkeit gebundener Anspruch, dass sie in letzter Zeit kaum noch spielte; selbst das Theater vor der Haustür in Potsdam lässt sie unbegreiflicherweise links liegen. – Wäre da nicht das Fernsehen mit Irene, der elenden Trinkerin in der Familiensaga „Ein Teil von uns“ (Regie: Nicole Weegmann). Für diese vielleicht letzte, grandiose Charakterstudie gab es gleich drei große Auszeichnungen. 

 

Noch immer hält sich die Hoffmann unentwegt fit und nimmt Sprechunterricht. Gehört halt zum Handwerk. Das heutzutage so arg vernachlässigte „richtige Sprechen“ habe einst schon die Weigel am BE genervt. 

 

Mit den Jahren hat Jutta Hoffmann immerhin rund siebzig Hörspiele und Features für Funk und CD aufgenommen. Darunter die Lesung der Tagebücher von Brigitte Reimann (1933-1973), dieser mit sich, dem Schreiben, den Männern, der DDR so leidenschaftlich ringenden, so lebenshungrigen, von schweren Schicksalsschlägen gezeichneten Autorin. Marcel Reich-Ranicki Jahrzehnte später hingerissen lyrisch im Literarischen Quartett: „Ein Parlando, in dem der Odem großer Literatur weht. Sensationell.“ – Eine kleine, eigentlich intime Sensation: Brigitte und Jutta; die Worte der einen, die Stimme der anderen... 

 

Um es leicht zu machen ein Link. 

https://audiothek.ardmediathek.de/items/86802618

 

Brigitte Reimann: Tagebücher 1955 bis 1970. Mit Jutta Hoffmann. MDR 4 CD. Der Audio Verlag 

 

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3. Tipp fürs Osternest: - Das Burgtheater-Kochbuch

Burgtheater © studio VIE
Burgtheater © studio VIE

<p>Die Theater sind dicht, also wird daheim viel gekocht, dachte sich die <strong>Wiener Theaterärztin Lilli Nagy</strong> und fragte mal nach bei ihrer speziellen Kundschaft. – Man kann ja nicht unentwegt an Displays kleben, in Gedrucktem schmökern oder auf der Ottomane dösen. </p> <p> </p> <p>Und siehe da, Frau Doktor Nagys Nase schnupperte in die richtige Richtung: Eben zu den offensichtlich heftig dampfenden und verführerisch duftenden Töpfen, Tiegel, Pfannen und Backröhren der <strong>Wiener Schauspielszene</strong>. Von den ganz großen Stars bis hin zu den etwas kleineren, von Putzteufeln, Pförtnern, Dramaturgen, Musikern, Ankleidern bis zu Intendanten. Immerhin ein halbes Hundert der fleißig Befragten vermachte der so bekannten wie beliebten Ärztin ein erprobtes, oft von Vorfahren ererbtes Lieblingsrezept. </p> <p> </p> <p>Doch das wurde ihr nicht simpel und schnell per Email gesendet, sondern meist handschriftlich verschickt und noch dazu liebevoll dekoriert mit witzigen Zeichenkünsten. So ist – die Zwangspause der ansonsten Vielbeschäftigten macht‘s möglich ‑ ein auf edlem Papier farbig gedrucktes, großformatiges Koch- und Back- und Kunstbuch entstanden; Motto: <strong>„My stage is my kitchen“.</strong> Bleibt nebenbei die Frage: Warum den Titel auf Englisch ausgerechnet in der Hochburg deutschsprachigen Theaters? </p> <p> </p> <p>Nun gut, „Meine Bühne ist die Küche“ begeistert und entzückt; selbst nur so zum Blättern, weil: gewürzt mit diversen Privatismen. Hat aber leider das Format eines respektablen Schneidebretts: 32 x 24 Zentimeter. Für den kleineren Küchenspind eher schwierig… </p> <p> </p> <p>Auch das Köcheln nach Vorlage dürfte nicht immer einfach sein, denn die technischen Angaben überstrahlen gelegentlich poetische Apercus. ‑ „Der Vorgang hat ein natürliches Ende“, heißt es da lakonisch beim Schauspieler Christoph Franz Krutzler, der charmant über Grammelpogatscherln plaudert. Und auch manch genialische Klaue ist korrekt kaum lesbar. Doch der individuell-originelle Eindruck macht ja das Vergnügen und – und das vor allem – er kitzelt die Fantasie des Nachschaffenden. </p> <p> </p> <p>Die Mischung der Kulinaria ist bunt und eher südöstlich geprägt; die Ansprüche an ihre Herstellung reicht von fix und fertig bis ziemlich aufwändig. Es gibt schlicht Essiggurken, Sauerkrautsuppe oder, schon weniger schlicht, Chili sin carne para saxophonistas und schließlich kompliziert zugerichtete Gänse, Enten, Fische, Hasenöhrli. Für jeden Geschmack ist was dabei, für Anfänger wie Fortgeschrittene und Experimentierfreudige. Etwa Kümmelbraten a la Dragi, Nockerln, Laibchen, Häckerli oder der Quarantäneauflauf der Burg-Doyenne Elisabeth Orth (mutig zusammenrühren was alles gerade greifbar). Und natürlich die weltberühmte Poetische Torte des Ex-Burg-BE-Dramaturgen Hermann Beil, vielfach erprobt zur Eindämmung, wenn nicht gar Beseitigung schwerer Theaterkrisen. Soll auch jenseits der Spielbuden erfolgreich wirken. ‑ Küss die Hand und guten Appetit! </p> <p> </p> <p><em>Lilly Nagy „My stage is my kitchen“, 35,90 Euro, 138 S., Wolfgang-Pfeifenberger-Verlag, Tamsweg 2020. – Der Preis ist zugegeben happig. Doch als gewissermaßen exzentrisches Osterei für den Osterhasen könnte man es durchwinken. </em></p>

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