0

Kulturvolk Blog Nr. 344

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

12. Oktober 2020

HEUTE: 1. „Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“ – Kammerspiele des Deutschen Theaters / „Die Orestie“ – Volksbühne / „Peer“ – Wiederaufnahme Schaubühne

1. Deutsches Theater-Kammerspiele: - Fritz vögelt Adolf

Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs © Arno Declair
Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs © Arno Declair

Erst nach einer Stunde tritt Friedrich der Große auf. In Unterhosen und mit der Flöte fuchtelnd als fidel tänzelnde Schwuchtel. Um in der kommenden finalen Viertelstunde verzückt seine Angriffskriege aufzulisten sowie deren Nebenkosten: zehntausende Soldaten.

 

Doch damit kann er bei Hitler nicht punkten, der mehrere Millionen Menschen ermorden ließ. Dafür haut Fritze mit der Peitsche lustvoll auf Hitlers Hintern. Und schlägt ihn um astronomische Längen beim massenhaft sexuellen Männerverbrauch. Diesbezüglich nämlich ist der große Massenmörder Adolf ein klein bisschen genierlich…

 

Tja, munter geht’s zu in der Musical-Farce „Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“ von Rosa von Praunheim. Da werden detailreich die fatalen Folgen von Adolfs Genitalverstümmelung durch dessen Lieblingsziege Erika erörtert samt seines Mamakomplexes sowie – trotz Erika – seine geradezu unheimliche Ausstrahlung auf Frauen und auf alle, die das Stramme bejubeln und versessen darauf sind, jeden Nicht-Jubler und Nicht-Heil-Brüller zu beseitigen. Parole „Alle erschießen!“ ‑ Und da ist Klaus Vogelschiss von der AfD („Arschloch für Deutschland“) zur Stelle, der „auf alles scheißt“ (bevor er schießt?).

 

Außerdem geht es noch um Adolfs Verdauungsprobleme, ums Künstlertum (das er mit Friedrich teilt) von Malerei bis Komposition (ein grummelnder Wagner-Verschnitt wird eingespielt). Überwiegend aber geht es an diesem kruden Abend um den variantenreichen Gebrauch der Geschlechtsteile, um gut hörbar rumorendes Gedärm und um geile Kerle in Uniform oder ohne wie Klaus Vogelschiss, der unentwegt grölt „Wir machen Deutschland stark und groß“. Zwischendurch werden kabarettistisches Liedgut und Blasmusik gereicht und der beiden Herrscher kleinere bis ganz große Verbrechen spaßig aufgelistet.

 

Rosa von Praunheim, ein verdienter Aktivist der Schwulenbewegung, Autor zahlreicher, oft gewitzter Sachbücher zur Emanzipation nicht nur Homosexueller, kommt nach sage und schreibe 150 teils mutiger, oft enorm provokativer Filme nun ans Theater. Vor zwei Jahren feierte er – gleichfalls als Autor und als Regisseur ‑ einen tollen Erfolg am Deutschen Theater mit einer schillernd grotesken Revue über sein Leben („Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ – Blog 243 vom 4.2.2018).

 

Nun will er mit seiner Politfarce „Hitlers Ziege“ ‑ ein gut gemeinter Aufschrei gegen den fatalen Rechtsruck nicht nur im Land der Nazitäter ‑ deutsche Gewaltgeschichte als Kontinuum von Friedrich dem Großen bis hin zu Adolf Hitler assoziieren, will mit schmissiger Musik (Heiner Bomhard) garnierte Aktualitäten satirisch aufspießen und die allgemeine Angst demonstrieren, „dass Menschen sich so schnell wieder starken Männern zuwenden“. Und dazu der Frage nachgehen, warum ausgerechnet Schwule dem (absolut) Bösen anheimfallen. „Es war lange nicht statthaft, negativ über Schwule zu sprechen. Heute haben wir einen Zeitpunkt erreicht, wo man auch böse Schwule zeigen kann.“

 

Gut gebrüllt Löwe! So gut, dass „Hitlers Ziege“ von der Jury der diesjährigen DT-Autorentheatertage aus immerhin 212 Einsendungen als eins der drei Gewinnerstücke erwählt wurde. Doch wie soll bei all den zotigen Eiertänzen um Arsch, Penis, Pupse und Peitsche das uns Angst machende monströse Böse durchkommen?

 

Die beiden großartigen Sing-Schauspieler Heiner Bomhard und Bozidar Kocevski animieren zwar ein auf Amüsement gebürstetes Publikum mit grotesk-komödiantischen, kabarettistisch-musikalischen Bravourstückchen und mit ekligen Anstößigkeiten, doch der Autor-Regisseur lässt keine Denkanstöße zu. So bleibt niemandem das Kichern im Halse stecken. Vergeht keinem das Grinsen. Gibt’s kein Erschrecken. Dafür Schenkelklopfen beim Ballaballa zweier Deppen, beim großen Verzwergen des Unheils.

(wieder 17., 18., 31. Oktober) 

 

*** 

2. Volksbühne: - Dampf, Dunst und Donner 

Die Orestie © Vincenzo Laera
Die Orestie © Vincenzo Laera

„Ein gottverhasstes, götterhassendes Haus. / Ja! Mitwisser von vielerlei / Verwandtenmord, durchschnittene Kehlen ‑ / ein Menschenschlachthaus, / und sein Boden schwimmt in Blut…“

 

Das gottverhasste, götterhassende Haus gehört den Atriden, einem blutbeflecktem mythischen Geschlecht. Das Zitat gehört Aischylos, dem griechischen Autor der „Orestie“, die zu den fundamentalen abendländischen Großdichtungen zählt. An deren Ende hat Göttin Pallas Athene ihren die (antike) Welt erschütternden Auftritt: Sie beendet den archaisch-anarchischen Kreislauf von Gewalt, Schuld und Rache, in dem die Atriden-Sippe fest steckt durch Einführung demokratischer Gerichtsbarkeit. Der menschenfressende Fluch der Furien ist aufgelöst.

 

Was für eine grandiose Vorlage für Thorleifur Örn Arnarsson, dem Chefregisseur der Volksbühne, der sich bereits zwei anderen Sagen-Stoffen zuwandte: der „Edda“ und „Odyssee“. ‑ Weltliteratur für ein großes Welttheater am Rosa-Luxemburg-Platz, das ist ‑ zumindest ‑ gut und richtig gedacht. Dumm nur, dass es (wie zuletzt bei „Iphigenie“ ‑ Blog 342 vom 28. 9. 2020) nur wenig beglückend ausging. Doch darf man den Mut nicht sinken lassen. Erst recht nicht an diesem traditionsbeschwerten Monumental-Theater.

 

Nun denn, Arnarsson packt postdramatisch erregt den Stier bei den Hörnern und überschreibt „zeitgenössisch“ den tradierten Durch-Nacht-zum-Licht-Text in der Übersetzung von Peter Stein, dem unvergesslichen Großmeister des deutschen Theaters. Arnarsson inszeniert also mutig „nach Aischylos“, bleibt aber beim Wettlauf mit den Altvorderen hoffnungslos auf der Strecke. Anders gesagt: Er stürzt tief in die Falle eitler Besserwisserei. Dabei hätte er doch ganz einfach „von Aischylos/Stein“ inszenieren sollen, was zugegeben auch nicht ganz einfach ist.

 

An dieser Stelle sei an die epochale, genialisch aufs Essentielle reduzierte „Orestie“-Inszenierung von Michael Thalheimer am Deutschen Theater (noch unter Bernd Wilms) erinnert, die unsereins selbst nach so vielen Jahren noch aufwühlend im Herzen und fest im Hirn steckt. Was für eine Wucht und Klarheit. Doch wer jetzt nach langer Zeit die neue Berliner „Orestie“ sieht (viele junge Leute sind dabei), der bekommt weder Wucht noch Klarheit, sondern Unverständliches.

 

Also ein neues Blut-Rache-und-Vergebung-Drama. Und das geht so: Thorleifur Örn lässt erst mal viel weg vom Originaltext und sattdessen ausführlich plaudern über die schwierigen Produktionsbedingungen in Corona-Zeiten sowie theaterästhetisch meditieren über angesagte Theoriediskurse bezüglich Repräsentation und Abstraktion auf der Bühne. Das alles auch noch verquickt er mit Albees Ehedrama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, mit einer verschwitzt bluttriefenden Gewaltszene, die permanent via Video präsent ist. Und das nur um des Gags willen, dass Gatte George am Ende der elend länglichen 150-Minuten-Veranstaltung als Orest an die Rampe treten kann, um eine imaginäre Athene um Ent-Schuldung zu bitten. Bisschen billig, dieses Finale.

 

Ansonsten wird ein ermüdetes Publikum immer wieder aus dem Schlummer gerissen durch musikalische Einlagen von Pop bis Klassik, von Queen über Lohengrins Gralserzählung bis hin zu Elektras ekstatisch verzweifelten Rufen nach Agamemnon aus dem Operneinakter von Richard Strauss. Dazu das beständige Flackern von Zeichen aus dem überquellenden Fundus aktueller gesellschaftlicher Moden sowie politischer Betriebsamkeiten. Doch wer hat da noch Kraft zur Deutungssuche. Die „Handlung“ hat sich längst witzelnd aufgelöst in Dampf, Dunst und Donner.

 

Aufregend archaische Wucht, Erkenntnis, Schrecken und Schönheit – nix davon in diesem Rummel aus viel Gelaber und bisschen Leid. Was für eine Regression. Was für ein technisch hochgerüsteter Aufwand für ein Breitwandbühnen-Brimborium mit einem 12-köpfigen, bewundernswert hart arbeitenden Ensemble. Wüstes Karacho, ziemlich selbstgerecht.

(wieder 24., 25. Oktober) 

 

*** 

3. Schaubühne: - Peer Eidingers radikales Selbstbekenntnis 

Peer Gynt © Benjakon
Peer Gynt © Benjakon

Damals im März, kurz bevor hierzulande Corona ausbrach, trat die Dramaturgin vors Premieren-Volk um mitzuteilen, dass Lars Eidinger sich auf der Probe einen Finger schwer geschnitten (gar abgeschnitten?); dass er den Vormittag in der Charité verbracht habe, aber trotz allem spielen werde. Konsternierte Stille, dann Raunen im Saal. Tja, unser Lars! Der ist hart im Nehmen, dachten damals alle. Hamlet im Schlamm, Richard III. am Vertikalseil. Aber Peer Gynt mit geflicktem Finger… Muss das sein?

 

Natürlich, es musste. Und alsbald kapierten wir: Keine Bandage, keine kaputte Hand, alles Lüge. Passte aber zu Peer Gynt, den auch Henrik Ibsen in seinem gleichnamigen dramatischen Gedicht als notorischen Lügner hinstellt, als Fantasten, der um die ganze Welt jagt. Immer auf der Flucht vor sich selbst und zugleich egomanisch wie kein anderer auf der Suche nach sich selbst.

 

Wie Doktor Faust verzweifelt nach Sinn und rücksichtslos nach Identität suchend durch Traum- und Wirklichkeitswelten rast, so tut das auch der arme Bauernlümmel Peer Gynt; ein Draufgänger, Verführer, Brauträuber, Zaubermeister, Menschenschinder, Prophet in der Wüste und Kaiser im Irrenhaus. Und was von Peers monströsen Erlebnissen nun wahr ist und was bloß ausgedacht bleibt im Namen des Autors dahin gestellt.

 

Dieser verwegene, verrückte, durchtrieben schlaue, zuweilen hoffnungslos unglückliche Peer passt natürlich perfekt zu Lars Eidinger, der Ibsens gigantischen „Peer Gynt“ als Material nimmt für eine performative Großaktion, die er ganz alleine stemmt. Natürlich kommen da nur Bruchstücke zum Einsatz. Um viel Luft zu haben für persönliche oder auch private Auslassungen, filmische Zwischenspiele, Clownerien, Slapstickiaden und reichlich Gesang wie Eidinger-Kenner ihn kennen aus dessen kultiger Autistic-Disko.

 

Man darf getrost und erstaunt sagen: Sie ist ein popkünstlerischer Knaller, diese das Ibsen-Original ziemlich weiträumig umwedelnde kindergeburtstagsbunte Revue eines charismatischen Groß-Schauspielers. Lars Ego-Shooter tobt in tausend Verkleidungen (gern mit Strapsen), tausend Perücken und tausend verschiedenen, gern in exhibitionistischen Posen gewechselten Unterhöschen (eins ist dem Programmzettel beigelegt) durchs „Taten-Drang-Drama“. Als das nämlich haben sich Eitel-Eidinger sowie der Aktionskünstler, Bühnenbildner, Filmemacher und Autor John Bock den Ibsen zurecht gepoppt ‑ nach was auch immer dabei drängend mit lustvollem Tun.

 

Das Ergebnis: Ein spektakuläres, selbstverliebtes Solo aus Jux und Tollerei (die Ibsen-Saga hat ja gleichfalls opernhafte Breite). – Freilich, im Gegensatz zu Ibsen, mit peinlichen Längen und lästigen Leerstellen. Jedoch immer wieder überraschend ermunternd im Wechsel von albern und ernst, witzig und blöd.

 

Ehrlich gesagt, da stört es kaum, dass Ibsens schwelender Pessimismus, seine Vergeblichkeits- und Endzeitstimmung eher beiseitegeschoben sind. Doch das Nichts, auf das man stößt wie beim Schälen einer Zwiebel, die keinen Kern hat, das erkennt auch Peer am bitteren Ende, von dem Eidinger beeindruckend und schön erzählt (wie meist, wenn er dicht bei Ibsen ist). Auch Peer hat keinen Kern und Sinn, keine Mitte und Identität. Alles bleibt Einbildung, Spiel, Lüge. Wie die vom schlimmen Finger. – Lars, der Lügner; so gesehen: Ein radikales Selbstbekenntnis von Peer Eidinger.

(Wieder 17. –21., 23.-26., 30., 31. Oktober. Achtung, unterschiedliche Anfangszeiten beachten.) 

Verwendung von Cookies

Zur Bereitstellung des Internetangebots verwenden wir Cookies.

Bitte legen Sie fest, welche Cookies Sie zulassen möchten.

Diese Cookies sind für das Ausführen der spezifischen Funktionen der Webseite notwendig und können nicht abgewählt werden. Diese Cookies dienen nicht zum Tracking.

Funktionale Cookies dienen dazu, Ihnen externe Inhalte anzuzeigen.

Diese Cookies helfen uns zu verstehen wie unsere Webseite genutzt wird. Dadurch können wir unsere Leistung für Sie verbessern. Zudem werden externe Anwendungen (z.B. Google Maps) mit Ihrem Standort zur einfachen Navigation beliefert.

  • Bitte anklicken!