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Kulturvolk Blog Nr. 342

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

25. September 2020

HEUTE: 1. „Iphigenie. Traurig und geil im Taurerland“ – Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz / 2. Drei Jahrzehnte Freie Volksbühne Schaperstraße ‑ Theaterplakate / 3. „Gustaf Gründgens und Klaus Mann“ ‑ Kulturvolk-Montagskultur mit Monika Bienert 

1. Volksbühne: - Lob des Furzes

 © Foto Katrin Ribbe
© Foto Katrin Ribbe

Es ist ein Elend mit den Iphigenien von Aischylos bis Goethe: sind sie doch untertänig, opferbereit, duldsam und noch dazu jungfräulich und literarisch hochtrabend. Schwer anschlussfähig heutzutage, diese männlichen Kopfgeburten. Umso erstaunlicher, dass gerade die Volksbühne sich ihrer annimmt, vornehmlich der von Euripides: „Iphigenie in Aulis“.

 

Ihre Story in groben Zügen geht so: Das Kriegsheer der Griechen, unterwegs nach Troja, sitzt durch Windstille in der Bucht von Aulis fest. Die Göttin Artemis jedoch lässt erst dann wieder blasen, wenn Feldherr Agamemnon (Susanne Wolff) seine Tochter Iphigenie (Vanessa Loibl) als Opfergabe schlachten lässt. Mutter Klytaimnestra schimpft zwar (Paulina Alpen), doch das Mädel fügt sich brav. Und stilisiert sich dazu als stramme Heldin: Ohne tödlichen Heroismus kein Sieg der Griechen; so viel Opfer müsse sein.

 

Die Location der familiären Auseinandersetzung zu Aulis ist ein luftiger, blumengeschmückter Tempel. Ein Idyll (Bühne: Jana Wassong), getaucht in bonbonfarbenes Licht, umspült von einem Planschbecken, versorgt mit Telefon und dekoriert mit einem entzückend unterhaltsamen Drei-Damen-Orchester (Bassklarinette, Posaune, Drums). Damit ist klar: So ganz ernst nimmt die Regisseurin Lucia Bihler die hochmögende Geschichte von klein-mädchenhafter Sterbelust und Selbstverleugnung schon mal nicht. Von ein paar scharfen O-Tönen des Euripides abgesehen, kaspert man sich fern jeglicher Ideologiekritik mit Trallala, Telefonieren, Slapstick und Witzeleien durch den Plot.

 

Doch das ist ja bloß das Vorspiel der ganzen Veranstaltung, die da heißt „Iphigenie. Traurig und geil im Taurerland“. Oder anders gesagt: Es ist der erste Teil eines „neomythologischen Diptychons“, das Lucia Bihler, Teresa Schergaut und Dramaturgin Hannah Schünemann sich zusammen mit der im Netz gerade wahnsinnig erfolgreichen Wiener Wahnsinnsautorin Stefanie Sargnagel ausgedacht haben – manche sagen auch: Dichterin der Wiener-Kaffehauskloake.

 

Denn jetzt erst, im zweiten Teil, geht’s richtig zur Sache: Mit Sargnagels nicht ganz unintelligentem, dafür rabiatem, heftig aus Heutigem kommenden Schlag gegen den Mythos. „Nach Aischylos, Euripides, Racine, Schiller und Goethe ist es Zeit für eine Kette rauchende, ungewaschene Weltikone, deren Schritt nach Brie riecht.“

 

Das Tempelchen ist nun nicht mehr pastellfarben, sondern wird von Neonlichtern grell umblitzt. Wenn es zuvor beim halbwegs gepflegten Griechen-Trash noch entfernt nach Moschus duftete, dann stinkt es jetzt ordentlich nach Käse. Und die zuvor himmlisch säuselnde Damenband dreht nun furios kratzend auf.

 

War man vorher, im Euripides-Mythos, zumindest ein ganz kleines bisschen hingegeben traurig, so ist man jetzt, unserer Zeit entsprechend, widerständig geil – leider nicht soo geil wie vermutet.

 

Immerhin, Iphigenie hat sich nunmehr verfünffacht (Vanessa Loibl, Susanne Wolff, Paulina Alpen, Emma Rönnebeck, Teresa Schergaut) für den revuehaften Auftritt als Atriden-Girlies im aufbauschenden Hochzeitstüll. So tobt denn eine weiße Wolke an der Rampe und schüttet kübelweise Fäkal-Sprech gegen jedwedes Patriarchale („Scheiße, Scheiße, Scheiße!) ins Publikum. Und dazu passend ein Lob des Furzes. Das denn die zynisch zotigen Emanzipations-Enthusiastinnen gleich mal ordentlich der Reihe nach akustisch durchexerzieren.

 

Zur Untermalung der gesammelten Wiener Sargnagel-Posts aus dem Netz, die sarkastisch oder lustvoll ekelerregend Weibchenbilder zerkloppen, wie sie beispielsweise lüsterne Kerle im Call-Center ablassen oder forsche Livestyle-Feministinnen plakatierten („Ist Abnehmen feministisch? Mein Körper ist wie ein köstlicher Wackelpudding!“).

 

Also jede Menge Normen, kreischend zu Stinkekäse gemacht, der dann kreischend breitgetreten wird. Macht mal Spaß, riecht aber in der Häufung. Natürlich, die Regie meint, das alles sei gellend parodistisch, furchtbar provokant, schrecklich aggressiv. Ist es bloß stellenweise. Und bleibt ansonsten – um im Jargon zu pupen – ein laues Fürzchen.

 

Wieder 29., 30., 31. Oktober. Am 1. November machen Stefanie Sargnagel, Christiane Rösinger und Denice Bourbon zweimal Konzert: „Legends of Entertainment“; 18 und 20.30 Uhr.

 

***

 

2. Kulturvolk: - Zeitzeuge Theaterplakat

 © Foto © Christian Graf, Plakat von Barbara Quandt zu
© Foto © Christian Graf, Plakat von Barbara Quandt zu "Charleys Tante" 1983 Ausschnitt

Vorbei die Zeiten, da geradezu jedes große Haus für beinahe jede seiner Inszenierungen künstlerisch höchst anspruchsvolle Plakate in hoher Auflage drucken ließ, entworfen von meist prominenten Künstlern. Ein neugierig machender Schmuck fürs Theater und für die ganze Stadt dazu. Schade, heutzutage (und gegenwärtig erst recht) fehlt das Geld dazu. Dabei brachten doch die besten Entwürfe auf originelle Weise das  zu inszenierende Stück auf den springenden Punkt.

 

Mit einer exquisiten Ausstellung im Rahmen der 130-Jahrfeierlichkeiten seines Vereins Freie Volksbühne Berlin zeigt Kulturvolk Theaterplakate aus der drei Jahrzehnte währenden Spielzeit (1963-1992) der Freien Volksbühne in der Schaperstraße (jetzt Festspielhaus, betrieben vom Bund).

 

Das großzügige, hochmoderne und zugleich sehr schöne, von Stararchitekt Fritz Bornemann entworfene Haus ist der zweite, aufgrund der deutschen Teilung entstandene Theaterbau des Vereins. Der erste, 1914 eröffnete (Architekt Oskar Kaufmann), war teilzerstört und wurde Ende der 1940er Jahre wieder aufgebaut; er steht in Ostberlin am Rosa-Luxemburg-Platz. 1992 musste das Haus in Wilmersdorf seinen Spielbetrieb einstellen, das Ensemble abwickeln. Die Ära Schaperstraße begann programmatisch 1963 mit der Inszenierung des Revolutionsdramas „Robespierre“  von Romain Rollandin der Inszenierung von Erwin Piscator.

 

Die sehr informative Ausstellung mit ausgewählten Plakaten aus dieser Zeit illustriert auf ihre Art einen bedeutenden Abschnitt Berliner, aber auch deutscher Theatergeschichte. Kuratoren der erstaunlichen Schau sind Frank-Rüdiger Berger und Christian Graf. Bravo!

 

(Bis Januar 2021 in den kulturvolk-Räumen Ruhrstraße 6, 10709 Berlin. Eintritt frei, Montag bis Freitag 10-15 Uhr)

 

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3. Montagskultur: - War es Freundschaft oder war es Liebe?

Szenenbilder aus dem Stück
Szenenbilder aus dem Stück "Der Snob" von Carl Sternheim am © Foto Abraham Pisarek

In ihrem Vortrag über Künstlerpaare in Berlin zwischen 1900 und 1940 widmet sich die Schauspielerin Monika Bienert dem in jungen Jahren kapriziösen Verhältnis von Klaus Mann, dem Sohn von Thomas Mann, und Gustaf Gründgens, dem späteren (kurzzeitigen) Schwager von Klaus. Beide sahen sich ehrgeizig als künftige Stars, feierten exzentrisch das Leben und verwischten die Grenzen zwischen Freundschaft, Sex, Liebe.

 

Später dann schuf Klaus Mann einigermaßen wütend auf Gründgens‘ Engagement im Nazi-Reich in seinem Roman „Mephisto“ (ruhmreich verfilmt mit Klaus Maria Brandauer) ein Porträt Gründgens als opportunistischer Superstar im NS-Hochkulturbetrieb. Es erschien 1936 im Exil. Gründgens prozessierte gegen die Veröffentlichung des Buches in der Bundesrepublik, und so kam es 1956 im DDR-Berliner Aufbau-Verlag heraus.

 

Monika Bienert: „Gustaf Gründgens und Klaus Mann“. Montag, 28. September, 19.30 Uhr. Kulturvolk-Veranstaltungsraum Ruhrstraße 6, 10709 Berlin. Gäste 13 Euro, Mitglieder 10 Euro. 

 

 

An dieser Stelle einige Hintergrundinformationen über Gründgens zum Vortrag von Monika Bienert: 

 

Locker gescheitelt, kleine kesse Tolle, ein hübsches Jungensgesicht im Profil auf Postkarte. Der 18jährige verschenkte sie mit Widmung „Zum Aufbewahren, bis ich berühmt bin“. Ein Witz, natürlich total ernst gemeint. Immerhin attestierte ihm kurz darauf die Schauspielschule seiner Geburtsstadt Düsseldorf „ungewöhnliches Talent für die sinnfällige Ausformung der seelischen Struktur problematischer Naturen“.

 

Tatsächlich, Gustaf Gründgens schien wie gemacht für die Zeit der Roaring Twenties, als es (auch damals) schick war, Drogen zu nehmen, schrill und melancholisch, homosexuell, hypochondrisch und kommunistisch zu sein. Er landete denn auch, nach seinem ersten Mephisto (Goethe) 1921 in Kiel, inmitten der deutschen Prominenten-Boheme, wurde eine kleine Zeit lang Thomas Manns Schwiegersohn (T.M. hielt mit Blick auf den Bodensee eine charmant süffisante Rede zum Festessen im Strandhotel zu Friedrichshafen). Gustaf hatte Manns Tochter Erika geheiratet; mit Schwager Klaus hatte er zuvor (oder gleichzeitig?) ein Verhältnis. In den Hamburger Kammerspielen wie anderen Orts inszenierten alle zusammen mit Pamela Wedekind, die mit Erika liiert war, deftig verstiegenes Bürgerschreck-Theater. Dennoch holte Max Reinhardt den so lasziven wie disziplinierten, so nervös intelligenten, dandyhaft gelassenen jungen Herrn G. mit den aufreizenden wie einschmeichelnden, aber auch hellen, klaren Ton 1928 an sein Deutsches Theater nach Berlin.

 

 

Männerschwarm, Teufelsbraten, Superstar 

 

 

Gründgens galt als grandioser Verführer, so traumverloren wie tatenstark, so eiskalt wie heiß. Er betörte, bezauberte, erschütterte alle. Sei es mit Bühnenklassikern, Boulevardschlagern, Operetten, Revuen, Filmen. Er war ein toller Hecht. Straff, sportiv, kühl. Umweht von einem Hauch Skandal. Sexy. Männerschwarm, ein Superstar: Perfekt in allen Medien.

 

Gründgens war der Starke und Mächtige, so Besondere, Andersartige – das Genie, ein Teufelsbraten. Er empfand sich als „herrliche Unnatur“, die mit allem spielt. Mit Natur, mit dem Leben, mit der Wirklichkeit, den Realitäten. Und mit sich selbst zuerst Das Dasein als todernstes Spiel wie der Beruf, die Berufung, ohne die ihm kein Leben wär‘.

 

Die Doppelbödigkeit aus Kopf und Gefühl, Präzision und Intuition – ein Fundament jeder Kunst – kennzeichnete ganz besonders Gründgens‘ vehement schillernde Theatralität. Er war der Kühnste und Geordnetste, Trunkenste und Nüchternste.

 

Die Wirkung des gewieften Kalkulators könnte nicht weiter gespannt sein. Sie reicht bis ins Heute. Als Antithese. Das hat mit seinem bedingungslosen Pochen auf Sprache und Stil zu tun. Mit seinen gewollten und von allen Mitarbeitern geradezu militant geforderten „Triumph des Willens“. „Ich werde es und will es nie mehr lernen“, sagte er als älterer Herr 1946, „die Realität, das Greifbare, als das Wesentliche anzusehen.“

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