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Kulturvolk Blog Nr. 335

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

6. August 2020

HURRA, WIR BLOGGEN WIEDER! (In der Corona-Krise ohne feste Sendezeiten.) HEUTE: 1. „Komplexe Väter“ – Kudamm-Komödie im Schiller Theater / 2. Gruß von Jochen Busse / 3. Gedenken: Hans Moser 140 

1. Kudamm-Komödie: - Tolles Trio Balder-Busse-Heinersdorff

Anton (Jochen Busse) und Erik (Hugo Egon Balder) sind wie Feuer und Wasser © Bo Lahola
Anton (Jochen Busse) und Erik (Hugo Egon Balder) sind wie Feuer und Wasser © Bo Lahola

Komplexe Väter! ‑ Wieso komplexe Väter? Weil sie allumfassende Erziehungsarbeit leisten? Weil sie kompliziert – also komplex ‑ miteinander verbunden sind? Weil es einen Vaterkomplex gibt, entsprechend dem Mutterkomplex? Und gibt es auch – Plural! ‑ einen Väterkomplex? Geht es überhaupt nur um reine Komplexe?

 

Allein schon im hübsch kryptischen Titel „Komplexe Väter“, den der versierte Komödienschreiber René Heinersdorff seinem Opus gab, wuchern allerhand Fragen. Der Autor selbst erklärt es so schlicht wie komplex: „Es geht um nichts und gleichzeitig um alles.“ Aha, wie im wirklichen Leben draußen mit Familie; genauer: mit Patchwork-Familie!

 

Doch keine Angst vor Komplexen: Die Probleme, die unsere Theater-Sippschaft mit sich und dem Patchwork und noch dazu mit deftigen Altersunterschieden hat, die werden mit Frechheit, Charme, Chuzpe, Herz und Verstand aufgedröselt. Ein Riesenspaß wie in TV-Familienserien oder – vielleicht nicht ganz so spaßig – wie daheim bei Jedermanns. Doch ordentlich krachen tut’s in jedem Fall. Womit die Kudammbühne ihren freilich corona-sicheren Arbeitsbetrieb wieder aufnimmt nach langer Zwangspause. Hurra, sie spielen wieder im Schiller Theater!

 

Um es nun endlich genauer zu sagen: Das wirklich witzige Stück (voll untergründigem Ernst) handelt von einer „doppelten“ Vaterschaft arg grantelnder älterer Männer: Hugo Egon Balder als Kindserzeuger Erik und Jochen Busse als Anton, der Ernährer der mittlerweile dreißigjährigen Nadine (Katarina Schmidt), die wiederum den Liebhaber Björn (René Heinersdorff) hat, der altersmäßig locker als ihr Papa durchgehen könnte, derweil besagter Ziehvater Anton vom Alter her gut ihr Opa hätte sein können. Eine verzwickte, enorm komödienträchtige Situation.

 

Denn: Nadines Mama, verheiratet mit Anton, den sie einst mit Erik betrog, der sie wiederum mit Nadine schwängerte (Fremdgehen als kleine Ehe-therapeutische Auszeit), diese Frau Mama namens Ute (Maike Bollow) verfolgt das ehrenwerte Ansinnen, die bis dato verfeindeten Herren Väter (Erzeuger, Ernährer / Balder, Busse) in mütterlichem Versöhnungswahn zusammenbringen.

 

Anlass hierfür ist der Antrittsbesuch des allen noch unbekannten Björn, der Lover Nadines und möglicherweise künftige Schwiegersohn von Erik wie Anton, den die gute Ute nur allzu gern in die Patchworksippe einpassen möchte, was aber die komplexen Verhältnisse prompt zum Tanzen bringt. Will sich doch keiner der Situation wirklich stellen. Doch klappt’s nicht mit der um sich greifenden Problemverweigerung. Die Schwierigkeiten eskalieren, prallen aufeinander, vermeintliche Souveränitäten krachen zusammen. Was folgt sind Handgreiflichkeiten und Chaos unter allen Beteiligten. Dabei kriegt jeder sein Fett weg, keiner bleibt ungeschoren. Wahrheiten und Lügen spielen Pingpong, Vorurteile schwinden, Erkenntnisse schwelen.

 

Ein Happyend fällt aus, doch am Ende sind allerhand Komplexe gebannt, wenn nicht einigermaßen abgebaut. Und die zunächst heillos zerstrittene Sippschaft ist um mindestens einen Zacken klüger. Wie auch das gelegentlich verdutzte, doch letztlich schwer begeisterte Publikum. Rasender Beifall; jedenfalls war das so vor knapp zwei Jahren zur Uraufführung. Wir sind sicher, er wird auch jetzt zur Wiederaufnahme heftig schäumen wie damals. Da war’s noch im Haus am Kurfürstendamm...

 

Der Löwenanteil am Erfolg geht natürlich vornehmlich aufs – zumindest im schauspielerischen ‑ dicke Konto des Herren-Trios Balder-Busse-Heinersdorff. Die Redeschlacht ist maßgeschneidert fürs tolle Terzett der Komödianten, das genau weiß, wie man Pointen und Spitzen setzt, Ironisch-Sarkastisches eiskalt serviert und Lebensweisheiten wie nebenbei in die Luft wirft. Da läuft alles wie am Schnürchen. Da wird inne gehalten, wenn Erschreckendes auftaucht, wird Gas gegeben, wo das Groteske lauert. Perfekt das Timing für Tempi und Pausen. Das Spiel (Regie: Heinersdorff) frei von Mätzchenmacherei, Alberei, Allotria konzentriert sich aufs verrückt Komplexe wie komisch Offensichtliche des brillanten Scripts von René, an dem die beiden Metier-erfahrenen Kollegen Jochen und Hugo Egon kräftig mit geschliffen haben. ‑ Mit vielen Farben zwischen Grell und Zart souverän hin getuschte Unterhaltung vom Feinsten.

 

Übrigens: Beinahe tout Berlin wartet auf die Krimi-Premiere vom berühmten „Mord im Orientexpress“ mit Familie Thalbach und weiteren Stars, eine enorm aufwändige wie teure Großproduktion. Die aber kann erst kommen, wenn dereinst das gesamte Platzangebot im großen Schiller Theater wieder zur Verfügung stehen wird. Sonst lohnt der Aufwand nicht. Immerhin sei schon mit „Komplexe Väter“ das kommerzielle Risiko nicht eben klein, erklärt Intendant Martin Woelffer. Der dennoch mutig und optimistisch, wie er von Natur aus ist, am 12. August den Lappen wieder hoch gehen lässt. Bravo!

 

Termine: Ab dem 12. 8. bis zum 30. 8. tgl. außer montags 20 Uhr, sonntags 18 Uhr. Am 19. 8. um 16 Uhr. Karten: 030-8559 11 88. 

 

***

2. Schauspieler Jochen Busse über Corona, Glotze, Hund und Maske

Jochen Busse © Andreas Windhuis
Jochen Busse © Andreas Windhuis

„Da ich als Internatskind frühzeitig an Disziplin gewöhnt wurde, habe ich tagtäglich eine gewisse Struktur verinnerlicht, die Coronavieren nicht beeeinflussen. Ich stehe zur gewohnten Zeit auf, mache etwas länger als üblich mein Yoga-Programm, sitze etwas länger als sonst beim Frühstück, führe den Hund über eine etwas weitere Strecke aus als gewöhnlich, lese zwei Zeitungen statt einer, mache etwas intensiver Haushalt und schaue viel öfters auf die Uhr als gemeinhin. Darüber hinaus komme ich beim Schlange stehen vor den Geschäften viel mehr ins Gespräch  mit anderen Menschen, die aufgrund von Mund- und Nasenschutz sich als weitgehend anonym empfinden, so dass sie mir viel mehr erzählen als üblich. Gegen Abend werde ich immer noch kribbelig, weil (bislang) ja eigentlich Vorstellung wäre. Die kompensiere ich mit laut Lesen (Hilary Mantel, historische Romane aus Old England, sehr anstrengend). Dann Glotze, was auch nicht immer leicht ist. Im Grunde lebe ich so, wie ich’s nie wollte: nämlich als Rentner. – Was sich freilich ab jetzt ein bisschen ändern dürfte. Endlich wieder: Leben auf der Bühne vor Publikum!“

 

***

3. Blümchen: - Hans Moser 140


Er debütierte im Herbst 1897 auf dem Brettel vom mährischen Friedeck-Mistek als jugendlicher Liebhaber. Dort nämlich, weitab vom Schuss, konnte jeder mit einigermaßen Rampensau-Gelüsten loslegen. Da scherte man sich einen Dreck um das Urteil von Wiener Theaterschulen, die dem just 17 Jahre alten Johann Julier „völlige Talentlosigkeit“ attestierten. Immerhin jedoch hatte sich Hofschauspieler Josef Moser erbarmt, dem schmächtigen, obendrein arg näselnden Söhnchen eines Bildhauers und einer Milchladenbesitzerin den Herzenswunsch zu erfüllen: Er gab den Teenager wenigstens Sprechunterricht.

 

Aus Dankbarkeit nannte sich der kleine Johann Julier fortan Hans Moser.  

 

Nach jahrelanger Tingelei über Land mit Wanderbühnen fand er – ausdauernd und zäh, wie er war ‑ zurück an seinen Geburtsort Wien. Grund für das vage Fortkommen war sein Auftritt anno 1902 im böhmischen Reichenberg, wo ihn ein hellsichtiger Agent sah und ans berühmte Privattheater in der Josefstadt empfahl. Dort aber gab’s nur Nebenrollen – Pikkolos, Lehrbuben, Gymnasiasten ‑, denen er immerhin eigenständiges Profil zu geben versuchte, was den Zorn des Direktors nach sich zog. Die Folge: Rauswurf. Und wieder zurück ins Ländlich-Kleinstädtische austriakischer Provinzen als hektisch wuselnder, aber eben doch ziemlich trostloser Schmierenkomödiant.

 

Dort kam es dann zum folgenschweren Auftritt einer gewissen Blanca, der energischen Schwester eines Schauspielkollegen aus Teplitz-Schönau. Die verliebte sich in den zwar noch immer verrückt besessenen, aber doch leise mutlos werdenden Moser und schleppte ihn zurück nach Wien. Man wollte endlich sesshaft werden ‑ miteinander. Im Kabarett namens „Max und Moritz“ klappte es mit einem Engagement. Und überraschenderweise mit dem Aufstieg als begehrter Vielspieler gleich an mehreren Bühnen der großen Stadt.

 

Für ihn ein Wunder, abgesehen von Wunder Nummer eins Blanca. Schließlich habe er, so seine wackere Selbstbetrachtung, all die vielen Jahre zuvor auch nicht schlechter gespielt…

 

Prompt folgte Wunder Nummer drei: Der gierige Talentsucher Max Reinhardt erkannte mit seinem genial scharfen Blick Mosers Fähigkeiten zum Hochkomisch-Tieftragischen, die sich da offenbarten im Fuchteln und wild Trampeln am Rande eines immerzu drohenden Wahnsinnigwerdens.

 

Das war 1925, und Hans Moser war längst nicht mehr jugendlich und liebhabernd, sondern mollig und 45 Jahre alt. Aber ein plötzlich unaufhaltsam aufsteigender Star an den Reinhardt-Bühnen in Wien und Berlin und den Festspielen in Salzburg.

 

Dann kam der Tonfilm, und es begann Mosers sensationelle Filmkarriere („Maskerade“, „Dreizehn Stühle“, „Das Ekel“, „Wiener Geschichten“, „Wir bitten zum Tanz“). Moser reüssierte fortan ‑ neben Paula Wessely, Leo Slezak, Heinz Rühmann, Theo Lingen, Helmut Qualtinger, Josef Meinrad ‑ als Inkarnation des so genannten kleinen Mannes.

 

Und obwohl er keine Noten lesen konnte, sang er selige Trinklieder, sentimentale Ohrwürmer und verliebte Hymnen auf Wien. Fast alle seine näselnden Gesänge wurden Hits und letztlich Kult.

 

Hans Moser avancierte zum Volksschauspieler. Als Kammerdiener, Kellner, Gemischtwarenhändler, Hausmann oder Dienstmann war er das windschiefe, aasig knarzende und doch im Kern vertrackt herzige Wiener Faktotum, das schlitzohrig durch die Fährnisse des Alltags mit einzigartiger Präsenz und geradezu wuchtiger Glaubwürdigkeit um sein kleines bisschen Glück wuselt. Eine legendäre Identifikationsfigur für Millionen. Ein Kontrapunkt der glamourösen Ufa-Stars, ein Wahrheitssplitter in einer meist perfekt inszenierten, letztlich aber doch verlogenen Traumfabrik.

 

Übrigens, Hans Mosers geradezu gigantische Popularität bewahrte ihn vor der Verfolgung in NS-Zeiten, denn seine Ehefrau Bianca war Jüdin. Immer wieder forderte man von ganz oben, er solle sich scheiden lassen. Moser widerstand dem Terror. Und kam trotzdem als erklärter Lieblingsschauspieler Hitlers und Görings in die Reichsfilmkammer (Goebbels allerdings hasste ihn). Statt Berufsverbots gab es Sondergenehmigungen fürs Weiterarbeiten des im Grunde unpolitischen Großkomödianten.

 

Moser spielte noch bis ins hohe Alter. Mit 81 beispielsweise die so anrührende Figur des himmlischen Polizeiinspizienten in Franz Molnárs tragikomischer Vorstadtlegende „Liliom“. „Er war nicht der liebe Gott schlechthin“, schrieb ein Kritiker, „sondern dessen österreichisch-ungarische Spielart: der Himmelvater.“ Zwei Jahre später, im Sommer 1964, starb Hans Moser mit 83 Jahren. Tausende folgten seinem Sarg zum Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof. Viele weinten. Jetzt, am 6. August, gedenken wir gerührt und liebevoll seines 140. Geburtstages. 

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