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Kulturvolk Blog Nr. 333

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

23. März 2020

HEUTE TIPPS FÜR ZUHAUSE GEGEN DEN CORONA-BLUES: 1. Zum Hören – Shakespeare-Dramen mit Katharina Thalbach / 2. Zum Gucken ‑ „Emilia Galotti“, Deutsches Theater online/ YouTube / 3. Zum Hören und Gucken – Berliner Opernproduktionen aus dem Repertoire

1. Hörbuch: - Mach’s gut, mein Monster

Katharina Thalbach © Jim Rakete
Katharina Thalbach © Jim Rakete

Shakespeare verarbeitet die Welt; was es dort gibt, kommt auch in seinen Stücken vor; in der Fülle seiner Figuren, in der auch alles vorkommt was Menschen ausmacht – im schönen wie im schrecklichen. Die Vielfalt der Rollen wie Themen, die in ihnen und also in den Stücken stecken: Das große Futter für Schauspieler. Nicht wenige haben sich dabei überfuttert…

 

Auch Katharina Thalbach gehört zu jenen, die nicht genug Shakespeare kriegen können; freilich ohne auch nur für einen Moment überfuttert zu wirken. Sie kann es einfach! Gehört sie doch zu den tollsten Schauspielerinnen, die wir haben und die wir nicht müde werden zu bewundern.

 

So auch jetzt und an dieser Stelle: Wagt sie es doch, alle Rollen von fünf Shakespeare-Stücken ungekürzt in vierzehn Stunden zu lesen: „Was ihr wollt“, „Wie es euch gefällt“, „Romeo und Julia“, „Richard III.“ und „Macbeth“. Mit dieser sexy aufgerauten, zart grummelnden, aber auch scharf schneidenden Stimme, mit dieser virtuosen Sprechkunst werden aus den fünf Sprachkunstwerken für die Bühne packende Lesedramen für Zuhause.

 

Die wortgewaltige Übersetzung der teils äußerst gegensätzlichen Fünf stammt von Thomas Brasch, Thalbachs einstigem Lebensabschnittsgefährten, dem sie bis zu dessen frühen Tod auf ihre innige Art die Treue bewahrte.

 

Mit den beiden Komödien allerdings ist es so eine Sache. Die klassischen Schlegel-Tieck-Nachdichtungen zünden nicht wirklich, beflügeln jedoch besonders Braschs Fantasie. Die macht aus einem „Stille, Schelm!“ ein „Halts Maul, du Hund!“ oder aus „Gehab dich wohl, du schöne Grausamkeit“ ein „Mach’s gut, mein Monster“. Und ein „bestallter Narr“ wird zum „festangestellten Blödel“. In diesem Ton, den Thalbach genüsslich ausspielt.

 

Der dann auch wieder fein konterkariert wird wie beispielsweise mit dieser Shakespeare-Brasch-Sentenz, die das Zeug zum geflügelten Wort hat: „Kluge Blödelei ist niemals öde / doch öder Tiefsinn immer blöde.“ Begnadete Reimerei.

 

Übrigens, der Thalbach einmalig große, schier umwerfende Stärke ist ja eben das pralle, durchaus aber auch feinsinnig-ironische Komödiantentum, das ihr zumindest ein bisschen im Wege steht beim Umgang mit den schweren Jungs, den bösen Buben vom Dienst (Lieblingssport Mord) aus den Tragödien. Doch es gibt ja noch die vielen Nebenrollen. Bei „Richard“ etwa die beiden Mörder, gedungen vom blutigen König, deren zaghaft aufflackernde Skrupel Brasch ins Plebejisch-Berlinerische übersetzt, was sehr zur Thalbach passt: „Nee, wart mal, gleich kippt mir mein Humanismus wieder weg, hoff ich.“

 

Das 840-Minuten-Hörbuch mit William Shakespeare, Thomas Brasch und Katharina Thalbach mag als prachtvoll kontrastreicher „Ersatz“ dienen für Kathis großangelegte Krimi-Show mit Agatha Christie’s „Mord im Orient-Express“ in der Kudamm-Komödie im Schiller Theater. Deren deutsche Erstaufführung in glanzvoller Besetzung (K.T. als Regisseurin und Superdetektiv Poirot zugleich) wartet nunmehr infolge von Corona auf dem Abstellgleis.

 

2 mp3-CDs im Verlag Tacheles/Roof Music, Bochum. Bei Amazon ab 9,99 Euro.

 

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2. Schauspiel gucken auf YouTube: - Lessing und Thalheimer

Szene aus
Szene aus "Emilia Galotti" von Lessing, Regine Zimmermann in der Titelrolle © YouTube

Das rührige Theaterportal „Nachtkritik“ verweist dankenswerterweise auf ständig verfügbare Aufzeichnungen, darunter auf Michael Thalheimers seinerzeit sensationelle Inszenierung von Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“ anno 2001 im Deutschen Theater, die der damals neu angetretenen Intendanz Bernd Willms nach anfänglichen Schwierigkeiten zu erstem durchschlagenden Erfolg verhalf und den Regisseur an die Spitze der Branche schob, an der er seither steht. ‑ Ich blättere zurück in meinen damaligen Aufzeichnungen:

 

 

Den Stahl ins Herze senken

 

Lange Sprachlosigkeit und kurze Sprachlawinen. Erstarrung und körperliche Zusammenbrüche. Blicke. Blicke. Blicke. Ein für Violine herzzerreißend adaptiertes Musikmotiv aus dem Film „In the Mood für Love“ (Bert Wrede). Und eine in sich entrückte, traumwandlerische Titelheldin. Das sind die wesentlichen Bestandteile dieser Inszenierung.

 

Morgens um zehn zur Messe trifft Emilia (Regine Zimmermann) den Prinzen (Sven Lehmann – hier ist der so früh Verstorbene noch einmal zu sehen); Mittags wird sie – Intrigant Marinelli (Ingo Hülsmann) managte die Schurkerei – mit ihrer Familie überfallen. Ihr Bräutigam (Henning Vogt) wird ermordet, sie entführt und vom Prinzen verführt, derweil dessen Braut (Nina Hoss) vor dem Boudoir steht und von Emilias Vater (Peter Pagel) fordert, den Untreuen zu töten. Abends bittet Emilia den Vater, sie „von der Schande zu retten“ und ihr „den ersten besten Stahl ins Herz zu senken“.

 

So geht es in Lessings „großem Exempel der dramatischen Algebra“, diesem „Meisterstück reinen Verstandes, das ins Gemüt nicht dringt und nicht dringen kann, weil es nicht aus dem Gemüt gekommen“ (Kritiker Friedrich Schlegel). Thalheimer reduziert die törichte Bitte auf einen Schrei: „Ich bin aus Fleisch und Blut!“. Für ihn ist brillant getüftelte Dramenmathematik entbehrliche Technik, um kühlen Kopfes zu demonstrieren, was so folgenschwer kopflos machen kann: Etwa das ewig Weibliche, die Macht des Eros, des Unbekannten, der schier überirdischen Erscheinung, des absolut Schönen, sentimental Vergötterten. Da stören raffinierte Rhetorik, abenteuerliche Action. Da versteinert man, bricht zusammen, blickt auf, dann nieder. Will ins Glück oder ins Grab. Lässt eine Geige schluchzen und jubeln. Und auf Emilia ein Sternschnuppenfeuerwerk prasseln – unvergesslich, dieser Schock der Regie mit einer pyrotechnischen Kaskade.

 

Theater ist für Thalheimer zuallererst Herz. Inszenierungen müssten sein „wie gute Songs“; kurz, intensiv, ein Lebensgefühl, eine Idee auf den Punkt bringend. Lessings fünfaktige Algebra schrumpft da (Kürzung, Dialoge im Schnellsprech) zur einstündigen Kurzformel: Die fatale Macht einer tiefen Ohnmacht. Thalheimers Fähigkeit fürs kühn Beiseitelassen entspricht seinem Können, die Essenz frappierend eindringlich auf die Bühne zu schütten, zu tröpfeln, zu sprühen. Und: Durch die radikale Reduktion potenziert sich schauspielerische Kraft. Lessings Trauerspiel als Albtraumspiel. Am Ende wischen walzernde Schatten Emilia hinweg. – Die Aufführung wurde Kult.

 

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3. Berliner Opernproduktionen auf Video-on-demand

Rienzi (Inszenierung: Philipp Stölzl) © Bettina Stöß
Rienzi (Inszenierung: Philipp Stölzl) © Bettina Stöß

Die Deutsche Oper hat im Angebot jeweils für 48 Stunden via Deutsche-Oper-Website am 23. März „Rienzi“, das monumentale Frühwerk Richard Wagners vom Volkstribun, dessen Größenwahn ihn zum Diktator macht, heftig umstritten inszeniert von Philipp Stölzl 2010, Dirigent Rafael Frühbeck de Burgos.

 

 

Die Staatsoper Unter den Linden veröffentlicht einen online-Spielplan. Täglich ab 12 Uhr stehen jeweils 24 Stunden zur Verfügung:

 

24. März: Staatsballett Berlin „Schwanensee“ (Dirigent: Daniel Barenboim).

25. März: Verdi „Falstaff“ (Regie: Mario Martone; Dirigent: Barenboim).

26. März: Rameau „Hippolyte et Aricie“ (Aletta Collins; Simon Rattle).

27. März: Bizet „Carmen“ (Martin Kusej; Barenboim).

28. März: Verdi „Macbeth“ (Harry Kupfer; Barenboim mit Anna Netrebko, Placido Domingo).

29. März: Massenet „Manon“ (Vincent Paterson; Barenboim).

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