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Kulturvolk Blog Nr. 322

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

6. Januar 2020

HEUTE: 1. „Extrawurst“ – Renaissance-Theater / 2. „Die Frau, die gegen Türen rannte“ – Berliner Ensemble / 3. TV-Theatertalk / 4. Gruß zum Neuen Jahr

1. Renaissance-Theater: - Gegrillte Leitkultur

 © pixabay.com
© pixabay.com

Noch nie hatte Deutschland so viele eingetragene Vereine wie jetzt: nämlich reichlich 600.000. Einer davon ist der Tennisclub Weiß-Grün Lengenfeld – und wir, das Publikum im proppenvollen Renaissance, wir gehören auch dazu. So will es das brillante Autorenduo Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob; als TV-Texter Kult mit den Formaten „Wochenshow“, „Ladykracher“, „Stromberg“ oder „Mord mit Aussicht“. So will es Guntbert Warns, Regisseur von „Extrawurst“, einem heißen Coup, den die beiden Comedy-Schreiber jetzt ins Theater schossen.

 

Auf der Bühne wird ‑ unter heftiger Anteilnahme im Parkett ‑ wie verrückt, aber mit fein frechem oder auch arg bösem Witz gestritten. Es geht – zunächst – um nichts weiter als ein Grillproblem. Genauer: Um die Neuanschaffung eines Gartengrills fürs kommende Vereinsvergnügen. Das teure Luxusgerät ist schon bestellt, da kommt die Frage auf, ob es nicht höflich sei, für den Deutschtürken Erol, dem einzigen Moslem im Club, einen Zweitgrill anzuschaffen. Denn wo Schweinefleisch grillt könne keine Türkenwurst schmoren.

 

Türkenwurst sagt man nicht. Okay, da ist man sich einig im weiß-grünen Vorstand. Doch dann geht’s los: Warum eigentlich soll die saftige Mehrheit für so eine mickrige Minderheit eine Extrawurst finanzieren? ‑ Keine ganz harmlose Frage, die uns prompt ‑ zusammen mit den Lengenfeldern ‑ in einen Diskurs katapultiert, ob mit dem Extra-Gerät die deutsche Leitkultur gegrillt werde. Und wer da wen dominiere; man wisse ja, wohin das führe: „Zu Tennis mit Kopftuch und Muezzin, der die Vereinshymne jodelt“.

 

Die Fronten der entfachten Redeschlacht zwischen Ressentiments, mühsam gedeckeltem Rassismus sowie den blitzgescheiten, Vernunft gesteuerten Retourkutschen verlaufen im Zickzack zwischen Links und Rechts durchs Quartett der Vereinsmeier (Felix von Manteufel, Hansa Czypionka, Simone Thomalla und Christoph M. Ohrt). Erol, die mickrige Minderheit (Atheer Adel), hält sich zunächst, sein dickes Ende kommt noch, als neutraler Schlachtenbummler souverän bedeckt.

 

Die zunehmend exzessiven Überkreuz-Duelle füllen neunzig hochspannende Theaterminuten. Es kommt zu Heulkrämpfen, Wutexplosionen, Handgreiflichkeiten, Brüllerei und Türenschlägen. Tolles Ensemble, präzise Regie. In der dicken Luft aus berechtigten Befürchtungen und hysterischen Wahnvorstellungen geht es schon längst nicht mehr nur um den korrekten Grill fürs Fleisch. Vielmehr wirft man sich gefühlt alles demütigend oder herrschsüchtig einander an den Kopf, was einschlägige Integrationsdebatten landläufig so hergeben. Spitze Pointen knallen wie im Dauerfeuer in eine hoch kochende Gemengelage aus Rechthaberei und Rechthaben.

 

Dabei sind das eigentlich alles furchtbar nette Leute im Tennisclub, die sich zwischendurch, erschrocken über diverse Entgleisungen, sogar gegenseitig um Verzeihung bitten. Bis sie sich wieder – nächste Runde im Match ‑ gegenseitig provozieren und raushauen, was sie sich sonst nie getraut hätten rauszuhauen. Tja, die zivilisatorische Decke der theoretisch akzeptierten Toleranz untereinander und gegenüber andersartigen Kulturen oder Lebensweisen ist dünn. Und in jedem von uns steckt ein Teufel und Engel, ein Gutmensch und Bösmensch…

 

Die Genialität der Autoren offenbart sich im Geschick, mit ätzendem Humor und abgründigem Sarkasmus komplexe gesellschaftliche Konflikte boulevardmäßig, doch beileibe nicht platt, durchzuspielen. Damit wird „Extrawurst“ zum grandiosen Aufklärungsstück – ganz ohne besserwisserische Zeigefingerei. Woran hochsubventionierte Staatsbühnen sich schweißtreibend abarbeiten, hier wird es flott serviert – zum Lachen. Auch wenn sich – bleibt zu hoffen ‑ so manch einer im Publikum dabei ertappt, genau an der falschen Stelle auf die Schenkel gekloppt zu haben. Ist doch dieser erhellende Abend auf vertrackte Art korrekt inkorrekt.

 

Und hat eine aashafte Pointe: Am Ende haut unser so sympathisch liberale Moslem Erol mit deutschnationalem Eifer auf die Kacke mit dem Bekenntnis, er sei genervt von Deutschland, das ein Paradies sei für zugewanderte Ganoven und Schmarotzer. Baff! Und erst mal Luft anhalten.

 

Wir kapieren: In solcherart Zank um einen Grill kann es keinen Sieger geben. Höchstens Nachdenkliche. Das Schlusswort im Chaos bekommt der große Vereinsvorsitzende als weisen Rat für alle Empörungshysteriker: „Leute, lasst die Kirche im Dorf und mal alle fünfe grad sein.“ ‑ Nun ja, wir alle gehen für den Moment geläutert in uns. Immerhin, das Publikum reagiert begeistert.

 

(noch bis zum 21. Februar)

 

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Berliner Ensemble - Neues Haus: - Noch’n Schluck aus der Pulle und dem Unglück getrotzt

Bettina Hoppe © Birgit Hupfeld
Bettina Hoppe © Birgit Hupfeld

Berlin hat eine Theatersensation, rief ich damals, vor gut zwei Jahren. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur schade, dass die Sensation gerade jetzt, da das BE nicht gerade mit Theaterglanz überschüttet wird, aus dem Spielplan verschwindet.

 

Deshalb letzter Aufruf an alle, die es bislang verpasst haben: Hin ins BE übern Hof (Zweitspielstätte Neues Theater) zu dem von Oliver Reese aufreizend cool inszenierten Monologstück des amerikanischen Brooker-Preisträgers Roddy Doyle „Die Frau, die gegen Türen rannte“ mit Bettina Hoppe!

 

Um was es in dieser unglaublich intensiven Theaterstunde geht, hört sich zunächst gar nicht sonderlich sexy an: Eine Frau aus der US-Unterschicht, Ende 30, gedemütigt, missbraucht womöglich schon vom Vater, dann von Liebhabern, vom Ehemann; hat vier Kinder, keinen Beruf, ist Putze, Alkoholikerin. Doch dieses ungeniert geile, aber auch erstaunlich dünnhäutige Kraftpaket mit Blondlocken-Wuschelkopp und Jeans-Minirock versucht, trotz widrigster Ausgangslage, ihr marodes Leben noch einigermaßen fest zu packen. Wacklige Aufbrüche wechseln mit Vergeblichkeiten, den Schmutz ab- und wegzuwischen. Schließlich rutscht ihr das dreckige Leben so gut wie völlig aus den eigentlich handfesten Fingern.

 

Roddy Doyles Text schießt los wie ein auf Dauerfeuer eingestelltes Maschinengewehr. Lakonie und Zynismus kompakt. Herzblut spritzt uns ins Hirn. Ein hin gespuckter Halbsatz allein schon umreißt komplexe seelische und soziale Zustände. Missstände. Was für ein dichtes dramatisches Sprachkunstwerk.

 

Was für eine Schauspielerin: Bettina Hoppe! Was für eine sensibel balancierte Raserei durchs innere und äußere Leben einer insgeheim unentwegt blutenden, wehen, wunden, verstörten Alkoholikerin mit immer wieder aufschreckend hellwachen Momenten; einer grandiosen, einer fast kaputten Frau, die – was für ein Menschenwunder ‑ vor irrer Daseinslust immer wieder wie mit letzter Puste die Backen aufbläst, die Brüste, die Herzkammer. Weil: Da glimmt, da funzelt oder lodert (ganz kurz) noch ihre Sehnsucht nach wenigstens einem Minimum oder – im Zustand der Euphorie – nach einem Riesenquantum an Daseinsschönheit und Liebesglück. Die Hoppe lässt das immer und immer wieder hinreißend aufblitzen. Diese Blitze geben eine Ahnung vom Geheimnis ihrer Figur, ihrem von Gott oder wem auch immer zugeteilten Kraftzentrum. Ob es unerschöpflich ist? Die Frage bleibt offen; gut so.

 

Ansonsten steckt dieses prollige, an schwer verkümmerten Gaben zum Glücklichsein so reiche Ungetüm mit dem (grausam) klaren Verstand ihre Not, Wut, Verzweiflung nicht verklemmt weg, sondern rotzig-trotzig aus. Und durchsetzt es zugleich wie nebenher mit Gesten der Anklage gegen den Himmel, das Publikum, gegen sich selbst. Eine Art Hiob im Plastikbeutelformat. Die Pulle fest im Griff. Gegen die Schmerzen. Man geniert sich bisschen für die Seelenstrips, die Abstürze, den Suff, den man kaltschnäuzig abstreitet wie alle Alkis. Deshalb ‑ Entspannung, Leute! – fix auf die Schnelle noch ‘ne Runde enthemmt torkeln zu Hits der Popmusik unterm Geflacker grellbunter Scheinwerfer… – Man muss es lieben, dieses Weib. Diese Figur. Diese Schauspielerin, die so nüchtern, spröde, herb und bitter sein kann. Dann wieder zart, weich, warm, innig.

 

Roddy Doyles Monolog war Reeses Mitbringsel aus seiner Frankfurter Intendanten-Zeit und rutschte einst wie nebenher in sein Berliner Programm. Es wurde ein Hauptstück! Wie die Hoppe ein Hauptstück ist – und bleiben wird.

 

(letzte Vorstellung: 16. Januar)

 

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3. TV-Rederei über Theater

 © Alex BERLIN
© Alex BERLIN

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die 59. Sendung „Montagskultur unterwegs“ aus dem Alex- Fernsehstudio in der Friedrichshainer Rudolfstraße 1-8 (nahe S- und U-Bahnhof Warschauer Straße). Mit Alice Ströver sowie den Kritikern Arno Lücker und Reinhard Wengierek. Der besondere Gast ist diesmal Holger Syrbe, Mitglied der künstlerischen Leitung, Bühnenbildner und Gründungsmitglied des Gefängnistheaters aufBruch. ‑ Kritisch betrachtet werden die Premieren „La traviata“ von Giuseppe Verdi, Komische Oper; „Legende“ von Ronald M. Schernikau, Volksbühne; „(Life on earth can be sweet) Donna“ von René Pollesch, Deutsches Theater. Später auch im Netz auf YouTube.

 

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4. Neujahrsgruß 2020


Der Kritiker hat immer Recht,

Unfehlbar wie der Kletterspecht:

Die Eiche trotzt dem stärksten Sturm,

Der Specht entdeckt in ihr den Wurm.

 

Richard Dehmel (1863-1920)

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