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Kulturvolk Blog Nr. 300

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

27. Mai 2019

HEUTE: 1. „Odyssee im Hohlraum“ – Kabarett-Theater Die Distel / 2. Gratulation ‑ Volker Braun 80

1. Kabarett-Theater Distel: - Tricky Ossis als die Sieger im Neokapitalismus

Dagmar Jaeger, Michael Nitzel © Jörg Metzner
Dagmar Jaeger, Michael Nitzel © Jörg Metzner

Dit isn Ding! Wir besichtigen ein bis zum Aberwitz ausbeuterisches Call-Center nebst seinem gefährlich dämlichen, aber bis zum Anschlag geldgierigen, neoliberal labernden, sexuell unterbelichteten Chef im eitel rosa Protz-Jackett. Dabei entdeckt der Haushandwerker – ach du Schreck! ‑ einen Fußbodendurchbruch zur illegalen Büroraumvergrößerung in einem Keller. Der ist vollgestopft mit Würzfleischkonserven und bewohnt von Josef und Maria Pachulke, die dort unentdeckt hausen. Schon seit 66 Jahren, seit sie sich dort 1953 verkrochen beim Juni-Aufstand (Steine geschmissen auf Russenpanzer) aus Angst vor Stasi und Sowjets.

 

Isn Ding, wa!

 

Ist die Situation, aus der Autor Thomas Lienelüke seine kabarettistische Komödie „Odyssee im Hohlraum“ fantasiert. Keller gleich Hohlraum, kapiert! Das mit der Odyssee bleibt eher so dahin gestellt als wortverspielte Assoziation zu „Odyssee im Weltraum“.

 

Da taucht also aus tiefstem DDR-Präteritum wie ein jahrzehntelanger Siebenschläfer ein altes Ehepärchen plötzlich auf in die deutsche Gegenwart. Alles, was bis heute passierte (von Mauerbau bis Mauerfall) – verschlafen und verpasst. Prima Gelegenheit für Dagmar Jäger, Caroline Lux, Stefan Martin Müller, Michael Nitzel und Katharina Solzbaur, verrückt ostdeutsches Deppentum auszustellen und auf den etwas neuartigen gesamtdeutschen Kapitalismus knallen zu lassen, was wiederum dessen Verrücktheiten belichtet. Da gibt’s über allerhand hinlänglich Bekanntes zu grinsen. Oder neu nachzudenken. Der rabiate Call-Center-Betrieb mit den prekär beschäftigten Ossis liefert jede Menge absurder Szenen; etwa beim Kontakt mit Sarah Wagenknecht, die hier unterwegs ist einerseits zum Studium prä-revolutionärer Situationen, anderseits zur Pflege ihres revolutionär-guten Gewissens.

 

Dabei beschleicht sich mir bis zur Pause das ungute Gefühl, die beiden niedlich netten DDR-Spießerkonserven allzu heftig dem grellen Besserwisser-Gelächter preiszugeben. Nach der Pause aber wird alles anders. Da nämlich begreifen die gar nicht so doofen Pachulkes, dass sie mit ihrem grotesken Exotentum ordentlich Kasse machen können, indem sie es medial vermarkten. Ideale Gelegenheit, den Boulevardbetrieb und noch dazu den Talkshow-Rummel samt seiner Manipulationen bloßzustellen.

 

Das verblüffende Finale schließlich stellt die ostigen Kellerasseln als die gerissenen Helden aus. Denn: Alles Fake! Die Pachulkes haben jedem eine Nase gedreht. Sie sind jene, die zuletzt das lauthalse Lachen und dabei noch das viele Geld gerafft haben. Weil: Der Haushandwerker mit dem Fußbodendurchbruch ist Pachulkes Sohn, der seine Eltern aus dem Untertage-Hohlraum an unser grellbunt-graues Tageslicht beförderte. Zuvor hatten die sich in den pittoresken Alteleute-Look geworfen, haben die Mär vom politischen Versteck erfunden und perfekt die naiven Staunemenschen gespielt, auf die prompt die sensationsgierige Öffentlichkeit hereinfiel. Motto: Wenn man die Welt schon nicht kaufen kann, muss man sie betrügen. Mit alternativen Fakten Knete machen, das sei angewandter Neokapitalismus.

 

Der freilich gibt sich kämpferisch und strengt Gerichtsprozesse wegen Betrugs an. Da erscheint als reitende Botin die Kanzlerin und wischt alle Probleme weg fürs walzernde Happy End.

 

Es ist ein ziemlich abgefahrenes (wenn auch dramaturgisch nicht ganz neues) Ding, was sich die Distel da ausgeheckt hat mit ihrem Jubiläumsprogramm zum 65. Geburtstag; immerhin steckt da eine große Komödie drin. Und ein Problem: Groß Komödie würde das Distel-Format sprengen. Wenigstens kam das Kabarettistische rüber, wenn auch – im Gegensatz zu sonst ‑ ein bisschen ausgebremst.

 

Oder so gesagt: Die titelgebende Odyssee, das Hin und Her zwischen Komödie und Kabarett, zwischen Baum und Borke brachte Reibungsverluste, lief nicht recht rund. Trotzdem liefert die Inszenierung von Dominik Paetzholdt allerhand Gewitzel, einiges Pointengefunkel sowie solide politische Unterhaltung nebst schmissiger Musik, sarkastischen Gesängen, komischen Tänzchen.

 

(wieder 2.-9. Juni)

 

***

 

2. Maximen und Moritzen: - Die 80 und die 300

Schriftsteller Volker Braun © Suhrkamp Verlag
Schriftsteller Volker Braun © Suhrkamp Verlag

Volker Braun, bekennender Sachse aus Dresden. Kindheit zwischen Trümmern, schon zeitig besorgt um seinen aufrechten Gang: „Wir stehen an der Abbruchkante der Geschichte. Unsere Erfahrung: Verwerfung.“

 

Im DDR-Sozialismus als Sozialist verteufelt, als Dichter gehätschelt und zugleich immer wieder verboten. Kein Wunder, denn ‑ „Landarbeit: Zweifel säen.“ Und: „Sei unparteiisch: halte dich nicht heraus. Durchdringe die Fronten.“

 

Seine durchdringenden Theaterstücke werden heute nur noch selten gespielt, was weniger mit ihrer Haltbarkeit zu tun hat als mit dem Zeitgeist, der in unseren Dramaturgien herrscht. Da tut man sich schwer mit Brauns geschichtsphilosophisch grundiertem Pathos, seiner an Klassikern geübten Sprache (Schiller, Hölderlin, Brecht). – Doch wie wär’s trotzdem mit dem ketzerischen Stück „Lenins Tod“ aus den 1980er Jahren, seinerzeit selbstverständlich offiziell verteufelt. Denn das war gefährliches Denken. Stellt es doch die gesamte Ostblock-Staatsdoktrin infrage, nach der die kommunistischen Parteien zu herrschen haben, ganz einfach, weil sie die selbsterklärten Sieger der Geschichte sind. Bleibt die nicht uninteressante Frage nach Siegern heutzutage…

 

Freilich, ein weiträumiger Geist wie Braun hat auch die Sprache allein als Bühne. Natürlich schreibt er weiter. Auch jetzt, abgeklärt in Abendröte: „Was den Vielen nicht gelingt, muss der Eine machen.“ – Tja! Und mit einem unerschütterlichen Quantum Mut meint der ältere Herr: „Es ist Zeit, Gedanken zu sammeln, die du dir aus dem Kopf geschlagen hast.“ Wobei er gelegentlich kautzig ist: „Maximen und Moritzen (:ich).“

 

Alle Zitate sind dem handlichen 112-Seiten Buch „Handstreiche“ entnommen (18 Euro); eine Sammlung lakonischer Notate, sarkastisch gefasster Lebensweisheiten, soeben – elegant aufgemacht ‑ bei Suhrkamp erschienen Anfang Mai zum 80. Geburtstag von Volker Braun.

 

Handstreiche – solcherart Überfälle erfolgen aus der Sicht des Schelms: Der, so sieht Braun sich mit Witz, gründe sein Denken, Grübeln, Handeln auf den plebejischen, ungehobelten, burlesken Umgang mit den Dingen. „Handstreiche“ enthält Einsprüche, Angriffe, Verteidigung, Träume, Rätsel, Scherze, Fingerzeige und Rippenstöße. Der Autor spricht ohne Vorsicht, unter der Hand erscheint so eine Autobiografie aus Steckbriefen. ‑ Was ihm bleibt: „Die Habsucht der Augen. Meine Habseligkeiten.“ – Wir gratulieren zum Reichtum.

 

Und feiern Brauns Achtzigsten. Und obendrein die 300. Ausgabe unseres Kulturvolk-Blogs.

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