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Kulturvolk Blog Nr. 295

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

23. April 2019

HEUTE: 1. „Third Generation – Next Generation“ – Gorki Theater / 2. Fünfzig Jahre GRIPS-Theater – Akademie der Künste / 3. „Hotel Strindberg“ ‑ Festspielhaus. 56. Theatertreffen

1. Gorki: - Der gordische Knoten bleibt fest

Dimitrij Schaad, Ayelet Robinson, Nils Bohrmann, Abak Safaei-Rad & Knut Berger © Ute Langkafel
Dimitrij Schaad, Ayelet Robinson, Nils Bohrmann, Abak Safaei-Rad & Knut Berger © Ute Langkafel

Ein paar Juden und Palästinenser zusammengerührt und abgeschmeckt mit einer Prise Deutscher und ihren Schuldgefühlen, das lässt krachen, das gibt Riesenaufriss“, sagte Orit fast auf den Tag genau vor zehn Jahren in der Schaubühne. Zur Uraufführung von Yael Ronens Politspektakel „Third Generation“.

 

Und jetzt noch einmal, bei dessen Remake. ‑ Natürlich, Orit, die Palästinenserfrau, hatte und hat Recht mit ihrer Prophezeihung, für die es freilich keiner prophetischen Gabe bedarf. Überhaupt, ihr ätzender Sarkasmus war typisch für diese Koproduktion des Habimah Theaters Tel Aviv und der Bühne am Lehniner Platz. Denn Yael Ronen, ein Kind israelischer Theatermacher, und, wenn man Shoa-Überlebende als erste Generation bezeichnet, nunmehr der dritten, der Enkel-Generation zugehörig, diese Regisseurin und zugleich Autorin verknüpfte in „Dritte Generation“ Geschichten ihrer eigenen Verwandtschaft und Bekanntschaft mit denen ihrer Ensemblemitglieder sowie jenen, die sie vom Hörensagen kannte. Das alles legte sie ihrer Truppe in den Mund – Juden, Palästinensern mit oder ohne Israel-Pass sowie Deutschen, also den Nachkommen derer, die den Nationalsozialismus, die Gründung des Staates Israel, die Besetzung Palästinas miterlebt haben. Und dieser Zusammenschnitt extrem unterschiedlicher Erfahrungs- und Bildungshintergründe musste zu ziemlichem Krach führen. So war es damals vor zehn Jahren. So ist es heute beim Neuaufguss mit ergänztem Titel: „Third Generation – Next Generation“.

 

DIE ALTEN KONFLIKTLAGEN SIND DIE NEUEN

 

Da hat sich also Yael Ronen den Krach von einst jetzt noch einmal durch den Kopf gehen lassen. „Wir alle hatten damals das Gefühl, dass wir gemeinsam durch eine sehr bedeutsame Erfahrung hindurchgegangen sind“, erinnert sie sich. Sie dachte gar, der Gordische Knoten mit Palästinensern und Israeli könnte noch zu ihren Lebzeiten durchhauen werden. „Irrtum!“, sagt sie heute. Auch deshalb sei es naheliegend, die alten Konfliktlagen aufs neue zu untersuchen (Dramaturgie: Irina Szodruch).

 

Fazit: Alles, was damals thematisiert wurde, sei viel extremer geworden: Der wachsende Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, die immer schamloser werdende Leugnung der deutschen Geschichte, die Verdüsterung der politischen Weltlage, ihr deutlicher Ruck nach rechts. Das westliche Selbstverständnis des „Nie wieder!“ erscheine gebrochen. Dazu die Migration – viele Israelis seien inzwischen nach Berlin gekommen, aber auch sehr viele Menschen aus den arabischen Ländern; das Verhältnis zwischen den Neu-Berlinern untereinander sei gespannt wie auch das zwischen Zugezogenen und Alteingesessenen. ‑ Deshalb noch einmal „Dritte Generation“, nunmehr im Gorki-Theater, wo Yael Ronen seit einigen Jahren als Autorin und Regisseurin engagiert ist; vor einigen Jahren emigrierte sie nach Deutschland.

 

Eine Handvoll Darsteller von damals ist auch jetzt wieder dabei. Daneben sechs Neue als „Stimmen der Migration“  sowie der, wie gesagt, erweiterter Titel: „Third Generation – Next Generation“. Alle elf Spieler reflektieren jetzt im Gorki auf den alten Text, der sei sozusagen der „Referenzpunkt“, das fast schon „historische Dokument“. Es geht also um den Kommentar von heute, die gegenwärtige Sicht aufs Damals, was wiederum, so Ronen, die inzwischen eingetretene „historische Kluft“ verdeutlicht.

 

Einige der starken, die Gemüter heftig erhitzenden Szenen sind freilich unverändert geblieben und haben nichts von ihrer provokativen Wirkung verloren. Beispielsweise der Monolog „Don’t compare“, der den Vergleich zwischen Holocaust und Nikba, der Vertreibung der Palästinenser 1948 zur Diskussion stellt.

 

TABUS BRECHEN, KLISCHEES ZERHACKEN

 

In ihrem kabarettistisch-slapstickhaft aufgemischten, journalistisch geprägten, weil aus „authentischem Material“ entwickeltem Polittheater spielt Yael Ronen nach wie vor mit schmerzlichst Erlebtem, grotesk Vorgestelltem und irrwitzig Vorbeurteiltem und führt uns dabei immer wieder aufs Glatteis des ganz real Absurden, so dass man nur noch schreien oder sich totlachen mag. Werden doch sämtliche Tabus und Klischees zu Kleinholz gehackt, die das Verhältnis prägen zwischen Juden, Palästinensern, Arabern, Deutschen, zwischen denen, die aufs Alte oder Neue Testament oder auf den Koran schwören.

 

Da wird ausgepackt, was jenseits von Entsetzensstarre, von gewalttätiger Rechthaberei, Gerechtigkeitsdogmatik sowie dem Gebot „Nicht vergleichen!“ alles gedacht, gemeint, verglichen, gleichgesetzt wird, was wiederum die Klischees beliebter Opfer- und verordneter Täterrollen aberwitzig über den Haufen wirft. Doch: Nicht die Leiden, Ängste, Traumata und Verunsicherungen, nicht die inneren Wunden werden satirisch zugespitzt oder mit unverschämt schwarzem Humor lächerlich gemacht, sondern das, was die schwer verletzten Seelenwelten schützen soll: eben die auf allen Seiten manipulativ ritualisierten Verdrängungsmechanismen; die so vernebelt, so unfrei machenden, die so verdammt versimpelnden Weltsichten.

 

RÜCKSICHTSLOS TACHELES REDEN

 

Diese verwirrend aufklärerische Politperformance wirkte schon 2009 in seiner Erstfassung wie die Anleitung zu einer Gruppentherapie: Erst mal alles rauslassen, um Fronten aufzuweichen, um (selbst-)kritisch zu werden. Um Erinnerungen zu teilen und nicht zuzulassen, dass sie instrumentalisiert werden. Also wird auch jetzt wieder mit spitzer Zunge Tacheles geredet, um den Stau aus Angst, Unwissen, Wut und Wahn aufzulösen. Um wirklich verstehen und differenziert von Schuld reden zu können, auf die Vergebung und Versöhnung folgen mögen. Doch eine Dekade später, da ist der vage optimistische Impetus sehr viel leiser, ja kaum noch hörbar geworden. Die alten Wunden bluten weiter, neue sind hinzu gekommen, wovon besonders beklemmend aber eben auch erhellend die Rede ist, um demagogische Verkrustungen wenigstens aufzuweichen.

 

Und auch im Gorki bekommen sich wie einst in der Schaubühne all die starken Spieler am Ende gehörig in die Wolle. Ein wüstes Chaos, ein groteskes Wirrwarr, ein so simples wie schlüssiges Schlussbild als Gleichnis für den Zustand hier auf Erden – und womöglich selbst im Himmel.

 

(wieder am 28., 29., 30. April und am 1. Mai)

 

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Akademie der Künste: - GRIPS 50 Jahre Zukunft

GRIPS Theater © Jan Schenk
GRIPS Theater © Jan Schenk

Die Akademie der Künste hat das Archiv des GRIPS-Theaters übernommen und feiert das seit 1969 bestehende Kinder- und Jugendtheater, das jetzt von Philipp Harpain geleitet wird. 1972 bekam es seinen inzwischen berühmten (und programmatischen) Namen und sein Logo, den GRIPS, den wachsamen, frechen Kopf, der auf oder aus der mit lebensprallen Geschichten rappelvollen GRIPS-Kiste lugt. Volker Ludwig, Gründer und langjähriger Chef des GRIPS, sagt, was offensichtlich ist: Dieses Logo (entworfen vom Kinderbuchautor und -illustrator Jürgen Spohn) soll den Begriff „Spaß am Denken“ symbolisieren.

 

Seit 1974 hat das GRIPS seinen Standort im Hansaviertel am U-Bahnhof. Und dort lagerte bislang auch sein Gedächtnis: 230 Aktenordner, 25 Umzugskartons mit Fotos der einzelnen Produktionen, Plakate, pädagogische Materialien, Programmhefte, Rezensionen, Preise, Urkunden. Vor einem Jahr schon kam die Sammlung ins Akademie-Archiv: 30 Regalmeter Theatergeschichte, die nun wissenschaftlich erschlossen und öffentlicher Nutzung zugänglich gemacht werden.

 

Die offizielle festliche Archiv-Übergabe an den Direktor der AdK-Archivs Werner Heegewaldt sowie die Präsentation des von Philipp Harpain im Berliner Alexander Verlag herausgegebenen Jubiläumsbuchs „Für die Zukunft – 50 Jahre GRIPS-Theater“ (mit Fotos von David Baltzer) findet am 28. April um 11 Uhr im Plenarsaal der Akademie am Pariser Platz statt. Es gibt ein gewiss launiges Gespräch über GRIPS-Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft mit prominenten GRIPS-lern sowie Überraschungsgästen (Moderation: Rüdiger Schaper, Theaterkritiker). Dazu Ausschnitte der aktuellen Produktion „NASSER #7 Leben“ mit David Brizzi. Und die GRIPS-Band „Die fabelhaften Millibillies“ rockt, was das Zeug hält.

 

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3. Theatertreffen: - Wahn und Verzweiflung im Puppenhaus

Hotel Strindberg © Sandra Then
Hotel Strindberg © Sandra Then

Erst im Akademietheater der Wiener Burg, dann in Basel und jetzt im Festspielhaus zum 56. Theatertreffen: Simon Stones üppig wuchernde Drei-Stunden-Paraphrase auf Motive aus Strindberg-Stücken „Hotel Strindberg“. Es ist Stones nunmehr dritte und nicht sonderlich originelle Einladung als gefeierter „Meister der Überschreibung“ („Drei Schwestern“ von Tschechow); im BE läuft Stones „Griechische Trilogie“(s. Blog Nr. 272).

 

Die Bewohner vom Stone-Hotel („Strindberg“ steht für die Reklame) sind selbstredend, aber mit Witz und mit Schärfe, aus dem Alltag von heutzutage gegriffen. Ein Ensemble erstklassiger Spieler; allen voran Caroline Peters (gerade im Kino als sarkastische, genervt liebende Familienmutter in „Womit haben wir das verdient“), ihr dicht auf den Fersen in den Hochhackigen Martin Wuttke, höchstgradig psychogestört, immer mit irgendwas auf Droge, dazu Roland Koch, Michael Wächter, Aenne Schwarz. Die Bühne (Alice Babidge) besteht aus gestapelten Zimmern gleich einem Puppenhaus, seine höchst neurotische Belegschaft lauter Püppchen im großen allgemeinen Psychokrieg. Zwar fließt kein Blut, aber jede Menge Schweiß und Tränen im verzweifelten Ringen um ein bisschen Glück im kurzen Leben. Beglückende Kunstfertigkeit voller Verzweiflung, Wahn, Unglück.

 

(Festspielhaus am 3 Mai 18-22.15 Uhr, Festival-Eröffnung; Folgevorstellung am 5. Mai, 18-21.50 Uhr. Die TT-Einladungen „Persona“ und „Unendlicher Spaß“ befinden sich im Repertoire des Deutschen Theaters bzw. der Volksbühne.)

 

 

Weitere TT-Termine: Im Sony-Center gibt es bei freiem Eintritt jeweils 18 Uhr in der Glashalle drei Theatertreffen-Gastspiele als 3sat-Aufzeichnungen im Kino-Format: „Erniedrigte und Beleidigte“ aus Dresden am 10. Mai; „Tartuffe“ aus Basel am 11. Mai; „Persona“ am 12. Mai.

 

 

Folgende Veranstaltungen im Festspielhaus gibt es bei freiem Eintritt:

 

Eröffnung des Stückemarktes am 4. Mai um 16.30 Uhr; Verleihung des Theaterpreises der Stiftung Preußische Seehandlung an die Performer „She She Pop“ am 5. Mai um 11.30 Uhr; Diskussion Zukunft Stadttheater „Welche Politik braucht das Theater“ am 5. Mai um 14.30 Uhr; Gespräch mit der TT-Jury am 19. Mai um 12 Uhr; Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises am 19. Mai um 14.30 Uhr; 3sat-Filmveranstaltung „Wahnsinns Werke – Medea, Nora, Drei Schwestern“ am 18. Mai um 19.30 Uhr auch im Festspielhaus.

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