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Kulturvolk Blog Nr. 292

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

1. April 2019

HEUTE: 1. „Status quo“ – Schaubühne / 2. „Weltretten für Anfänger“ – Kabarett-Theater Distel / 3. TV-Theater-Talk / 4. Tipp: „Dabbadabbadu-Festival“ – ATZE-Kindermusiktheater

1. Schaubühne: - Männchenmachen in der Frauendiktatur

Jule Böwe, Moritz Gottwald, Jenny König © Arno Declair
Jule Böwe, Moritz Gottwald, Jenny König © Arno Declair

Es ist der Trick aller Komödianten seit jeher: Um unliebsame Verhältnisse kritisch bloßzustellen, werden sie auf den Kopf gestellt. Oder umgepolt, wie man sagen möchte, wenn alles das, was breitbeinig gespreizte Männer meinen tun zu dürfen im beruflichen wie privaten Alltag, neuerdings die Frauen tun und denken, gleichfalls ungeniert übergriffig sowie eindeutig gespreizt.

 

So nämlich geht es zu in der bissig-schmissigen Komödie „status quo“ von Maja Zade. ‑ Die jetzt endlich herrlich zur Blüte gebrachte Autorin kommt aus dem hauseigenen Dramaturgenlabor, wo sie seit Jahren schon fremde Texte übersetzt oder überhaupt erst spielbar macht. Eine beispielhafte Art Autorenförderung!

 

Jetzt also erstmals ein eigenes Stück und gleich auf großem Podium, wo es hingehört. Trifft es doch genau ins Schwarze jenseits der Bühne, wo Männer das Sagen haben und nach Frauen gieren mit einer gehörigen Portion Lust auf Diskriminierung. Für die sarkastische Demonstration der Mechanismen von Ungleichheit, Benachteiligung und Herabwürdigung bis hin zur Unterdrückung eben durch die frappant durchexerzierte Umkehrung der real üblichen Verhältnisse draußen im mehr oder weniger subtil organisierten Patriarchat –dafür holte sich Maja Zade drei mehrheitlich bekannte Örtlichkeiten auf die Bühne: Nämlich ein Maklerbüro (die knallharte Nadelstreifenwelt), einen Drogeriemarkt (der Niedriglohnsektor) sowie ein Theater (Intendantenterror).

 

Dort toben sich machtbesessene Führungsfrauen unter rüder Berücksichtigung der geschlechtsunspezifisch üblichen Hackordung aus an dem knackigen Jungmann namens Florian, der ihnen als Jobsuchender, als Mitarbeiter-Frischling oder Debütant von Kopf bis Unterleib gnadenlos ausgeliefert ist – bis am krachenden Ende von ihm nur noch das „Flo“ bleibt. Aber dafür eine Hauptrolle in „Emil Galotti“; denn auch im klassischen Bühnenbetrieb ist längst alles komplett gegendert.

 

Regisseur Marius von Mayenburg (auch eine kluge Langzeitpflege der Schaubühne) hat schon mehrfach beglückend gezeigt, dass er ein sicheres Händchen hat fürs flirrend Absurde und brutal Komische, für präzise Pointenkracher und schamlose Frechheiten. Der Text, eine tolle Ladung der einschlägig gängigen Klischees, liefert fürs Spiel jede Menge Material. Das Ensemble der klasse Komödianten in den sehr gegensätzlichen und unterhaltsam schnell wechselnden Milieus fährt denn auch voll ab in Richtung Farce: Das Damentrio infernal Jule Böwe, Marie Burchard und Jenny König wedelt beständig mit scheinliberalem Getue, ein bisschen geheucheltem Verständnis für den armen Flo oder mit sadistischer Lust auf dessen Demütigung und Ausbeutung. Hinzu kommen noch heimtückische Schläge untereinander ins Kreuz.

 

Es ist Moritz Gottwald, der als gebeutelter König Flo der Farce durch die männermörderische Frauen-Diktatur hetzt. Er macht den beflissenen Praktikanten, artigen Pennäler, das flinke Mäuschen, die blöde Heulsuse, den verbitterten Trauerkloß mit gebrochenem Rückgrat oder den gehetzten Schlacks, der höchstens mal die Faust ballt in den hautengen Jeans. Aber in Momenten tiefster Depression oder verzweifelter Selbstbefreiung von allen Zwängen, da greift unser Flo beherzt zum Mikro, performt live den Rockstar und bringt Männlein und Weiblein im Saal allesamt zum Kochen. Wow!

 

Da murmelt denn auch der immer allen zu Diensten stehende Lukas Turtur ein verdruckstes „Wahnsinn!“. Er gibt als weiche Beigabe im knallharten Weiber-Regime das hündische Untertanen-Kerlchen in hübsch kurzen Hosen, den klassischen Permanent-Assistenten im Dauereinsatz am stets „befraut“ sein müssenden Bürotelefon. Zum Schluss ist er baff erstaunt: Denn Flo, der beim Casting für „Galotti“ alles mit sich machen lässt, was der diktatorischen Intendantin so einfällt an Erpressung, Erniedrigung oder Nu-mach-mal (etwa eine Fast-Nackt-Nummer im Stringtanga vorm kritisch beäugten Gemächt), denn dieser so entsetzlich biegsame Flo kriegt am Ende doch das, was er wollte: Er darf den Emil machen; gnädigerweise. Den Emil Galotti…

 

(wieder 15., 16. April)

 

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2. Distel: - Endspiel einer Kanzlerin mit Schuss in den Ofen

DISTEL Ensemble © Chris Gonz
DISTEL Ensemble © Chris Gonz

Göttindämmerung, die Uhr tickt in Richtung Rente. Und die Göttin der Raute liegt auf der Freudschen Couch beim Psychiater. Es ist, natürlich, unsere Noch-Kanzlerin, die da seelischen Beistand nutzt bei der Vorbereitung ihres Abschieds vom Amt. Noch einmal werden rückblickend diverse Fehlleistungen durchgehechelt. Und zugleich wird am Bild gebastelt, das künftig von ihr bleiben und in die Geschichte eingehen soll.

 

Doch wir sind im Kabarett, und die „Distel“ sieht sich als Stachel im Fleisch der Regierung. Folglich rattert hier keine Maschine, die den Mächtigen Goldrahmen bastelt oder an deren Nachruhm werkelt. Also geht es auf der Retro-Couch ausschließlich um die nicht so guten Merkel-Taten – und um deren manipulative Verklärung. Starautor Thomas Lienenlüke (u.a. der „Distel“-Knaller „Zwei Zimmer, Küche: Staat!“ – s. Blog Nr. 219) hatte den witzigen Einfall: Die Präsentation der Liste des Kritikwürdigen in Form eines Kompendiums aberwitziger Schönfärberei.

 

Doch weil nicht alles schlecht sein kann, gönnt man der gelernten Physikerin am Ende ihrer fantastisch steilen Politik-Laufbahn einen tollen Fantasy-Coup: Sie lässt eine Zeitmaschine bauen, um ihr Volk in eine sorgenfreie Zukunft zu kapitulieren – und sich selbst in die Unsterblichkeit.

 

Also die schöne neue Wohlstandswelt für alle! Ob’s auch klappt, muss freilich ausprobiert werden. Ein prekär dahin dümpelndes Berliner Ehepaar ‑ sie eine überforderte Neuköllner Grundschullehrerin, er ein arbeitsloser Akademiker mit gleich drei Jobs im Niedriglohnsektor ‑; die beiden kommen als Tester in den Beamer und düsen ab in Richtung unbegrenztes Shoppen per Körper-Chip, kostenlose Lufttaxis, Butterfahrten zum Mond und digitale Assistenten, die sämtliche Alltagsarbeiten bewältigen. Prima Sorglosleben.

 

Doch alsbald keimen doch die Sorgen: Absolute Computerüberwachung, Schauspieler als gefakte Politiker, Unangepasste oder Meckerer verschwinden und werden durch Avatare ersetzt. Alles mäßig lustig vorgeführt. Aber: Steht so ähnlich schon bei Georges Orwell.

 

Der Schuss ins Paradies also als einer in den Ofen. Tja, die echte Kanzlerin hätte es wohl gleich gewusst, immerhin ist sie literaturhistorisch nicht ungebildet und als bekennende Christin auch nicht auf Unsterblichkeit erpicht; das nebenbei.

 

Doch ohne das satirische Orwell-Plagiat wäre der ohnehin unverständliche Titel des neuen „Distel“-Programms im Eimer: Weltretten für Anfänger. – Wieso Welt? Wieso Retten? Wieso Anfänger? Im Job des Weltrettens gab es bislang immer nur Anfänger, und keiner hat‘s geschafft. Immerhin ein Trost für Merkel, die in ihrer Zeit doch einiges geschafft hat, sogar unterm ätzend scharfen Spott der „Distel“. Diesmal blieb es jedoch beim bloß ziemlich verkrampften Sticheln mit nassforsch abschließendem Pauschalurteil: Wenig gewesen außer Spesen. ‑ Wie die Schlussrechnung wirklich ausfällt, überlassen wir alle natürlich der Geschichtsschreibung.

 

(wieder 4.-6., 8. April; „Zwei Zimmer, Küche: Staat!“ wieder 9.-13. April)

 

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3. TV-Rederei über Theater

Martin Woelffer © Michael Petersohn www.polarized.de
Martin Woelffer © Michael Petersohn www.polarized.de

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die 53. Sendung „Montagskultur unterwegs“ aus dem Studio in der Friedrichshainer Rudolfstraße 1-8 (nahe S- und U-Bahnhof Warschauer Straße). Mit Alice Ströver sowie den Kritikern Arno Lücker und Reinhard Wengierek. Der besondere Gast ist diesmal Martin Woelffer, Direktor der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater. ‑ Kritisch betrachtet werden die Premieren „La Sylphide“, Romantisches Ballett von August von Bournonville, Staatsballett in der Deutschen Oper; „Der letzte Gast“ von Arpad Schilling, Berliner Ensemble; „Der Zwerg“ von Alexander von Zemlinsky, Deutsche Oper Berlin. Alles live und öffentlich. Später auch im Netz auf YouTube.

 

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4. Familientipp: - Dabba-Dabba-Du-Happening


Das verdienstvolle ATZE Musiktheater veranstaltet gemeinsam mit FEZ-Berlin und dem netzwerk kindermusik.de ein grandioses Kindermusikfestival; immerhin das größte seiner Art im deutschen Sprachraum. Von dort kommen vierzig Musiker/innen und präsentieren eine einmalige, erstaunliche Fülle von Bühnenprogrammen ‑ also eine geballte musikalische Kreativität mit enormer Bandbreite und großem Spaßfaktor. Es geht um Diversität, Supergirls, tolle Jungs sowie Klänge der Heimat und Klänge der Welt. – Überraschung: Sogar ein „Elektromärchen“ ist dabei; was auch immer das sein mag.

 

Spektakulärer Festival-Abschluss im ATZE ist das „Supergirl-Konzert (4+)“ am 6. April um 16 Uhr im Großen Saal (Luxemburger Straße 20, U-Bahn Amrumer Straße). Unter Leitung der just mit dem Deutschen Musikautorenpreis ausgezeichneten Dirigentin Suli Puschban zeigt die kindermusik.de-Gemeinde, was sie an Liedern, Stimmen, Performance drauf hat. Neun Künstlerinnen spielen auf Gitarren, Ukulelen, Akkordeon, E-Gitarren und Bass ihre Songs; da ist alles drin von Folk über Rock bis Rap, von leise bis laut, zum Zuhören oder Mitsingen. Mit Suli Puschban, Burgfräulein Bö, Kiri Rakete, Lieselotte Quetschkommode, Liederliesel, Faryna, Birte Reuver aka Hoppla! Dazu die Superpower-Band. Wird echt ein Happening, das den Saal zum Wackeln bringt. Eltern, Freunde, Großeltern: Funkt es euerm Nachwuchs!

 

Das komplette Programm vom „Dabba Dabba Du-Festival“ (bis 6. April!) unter www.dabbadabbadu.de. Telefon ATZE: 030-81799188. Kooperationspartner: Berliner Bibliotheken (VÖBB) und der Berliner KinderMusikTheater e.V.

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