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Kulturvolk Blog Nr. 288

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

4. März 2019

HEUTE: 1. „Black Maria“ – Kammerspiele des Deutschen Theaters / 2. Lorenzo da Ponte zum 270. Geburtstag / 3. TV-Theatertalk

1. Deutsches Theater Kammerspiele: - Sprechapparate toben im Dachpappenstudio

"Black Maria" © Arno Declair

Das erste in der Welt gebaute Filmstudio stand in New Jersey und wurde 1893 zusammengebastelt aus schwarzer Teerpappe, beweglich mit abhebbarem Dach, um es nach der Sonne hin als Beleuchtungskörper drehen zu können. Man nannte es ausgerechnet nach dem damals berühmtesten Rennpferd „Black Maria“.

 

Der monomanische Vielschreiber René Pollesch wurde berühmt durch seine himmelwärts aufgetürmten Gebirge hoch komplizierter Theorie-Texte philosophisch-sozialer, kulturwissenschaftlicher, ästhetik- oder kunstwissenschaftlicher Art. Mittlerweile ist René, Dauer-Darling der Szene, zwar in die Jahre gekommen, sein postdramatisches Strickmuster wird jedoch nach wie vor überall geradezu hysterisch beklatscht. So auch jetzt wieder ‑ nach „Cry Baby“ ‑ die DT-Pollesch-Show „Black Maria“.

 

Dafür hat sich der rege Kopf mit den glühenden Laptop-Tasten unter den Fingern ein bewegliches Dachpappen-Filmstudio auf der Kammerspiel-Drehbühne von Ausstatterin Nina von Mechow nachbauen lassen (tolle Werkstatt). Die Hülle für sein auf alte Art neuestes Wortgewitter der Abstraktion, das der Einfachheit halber eben gleich „Black Maria“ heißt.

 

Durch dieses Kintopp-Pappdings hindurch oder um es herum toben unaufhörlich plappernd die tollen Sprechautomaten Franz Beil, Benjamin Lillie, Astrid Meyerfeld, Jeremy Mockridge, Katrin Wichmann und gelegentlich auch die Souffleuse Marion Rommel; hässlich schlabbernd kostümiert, gern aber auch im geilen Glitzer-Look (die Modemacherin Nina). Dazu gelegentlich Nebel aus der  Nebelmaschine, ein bisschen Video und süffiger Italo-Pop.

 

Aber um was geht es? Kaum jemand im wie üblich heftig grölenden Premierenpublikum könnte es wohl sagen. ‑ Ums Kino freilich eher nicht; auch nicht ums Pferderennen.  Was man mit viel gutem Willen diversen Stichworten entnehmen könnte: Es geht gegen das Repräsentationstheater, gegen Erzählung, Drama (also gegen eher leichter Verständliches). Für das alles wird eine „neue optische Politik“ gefordert. Doch was könnte das sein? Verrückterweise (Dialektik?) das Nicht-Transparente, das Undeutliche, Verwischte, das Übermalte, Überschriebene, wie es ‑ da liegt Pollesch ganz auf Linie – unsere aktuellen Hochmeister der Bühnenästhetik (Theatertreffen-Juroren und Innen) energisch einfordern als das neu Poetische.

 

„In einem Regime der Überdeutlichkeit, der Erhellung, des Realismus also, ist der weiße Mann ja unsichtbar. Es gibt einen Blick, der bestrebt ist, zu repräsentieren und zugleich der Repräsentation zu entgehen, und der will auch die vollkommen transparente Vermittlung der Welt. Aber gegen die Gefräßigkeit des Auges ginge es ja gerade darum, ‚nicht sichtbar‘ zu sein…“

 

Alles klar?

 

Der böse weiße Mann, der sich versteckt, aber Realismus will, ohne dass man merkt, dass er es will. Diese unsichtbaren weißen Typen! Männer! – Dazu die kritische Frau: „Ja, natürlich versteh ich auch, dass ‚Sichtbarkeit‘ sein muss, dass eine Haltung zugunsten des Sichtbarmachens in kritischer Absicht erfolgen muss, um für Gleichheit einzutreten, aber die dem Ganzen zu Grunde liegende Asymmetrie bleibt leider erhalten…“ Die wie das Rennpferd Black Maria dahin rasenden Sätze streifen also auch Klassenbewusstsein und Identitätspolitik. Oder etwas ganz anderes. Oder ist etwa alles ganz und gar anders?

 

Fragen werden in diesem Theater natürlich nicht beantwortet. Keine Deutlichkeit, keine Erkenntnis. Fragen werden allerhöchstens irgendwie angerissen, wenn man sie denn überhaupt wahrnimmt in dieser Textraserei (nach Endlos-Proben der Spieler bis deren Stimmbänder und Gehirne wund sind). Immerhin liefert der Programmzettel Literaturhinweise: Gilles Deleuze, Donna Haraway, Brigitta Kuster. Klaro, hat jeder im Bücherspind.

 

Ach ja, dann gibt es immerzu Verweise auf einen ominösen „Knacks“. Man darf ahnen, es geht dabei – inmitten des Theoriegedöns ‑ um etwas strikt Individuelles. Knacks, klingt lustig. Dabei ist „Knacks“, wer denn gebildet genug ist, es zu wissen, ein Buch von F. Scott Fitzgerald, in dem es um elend geisteskrankes Verdämmern geht. Ein bitterer Text. Gar nicht lustig.

 

Ansonsten wird fleißig gealbert in diesem knapp 90 Minuten sich hinziehenden Pollesch-Hahaha. Oder ist alles todernst? Merkt aber keiner. Zum Witz taugt es aber auch nicht. ‑ Was für eine mit gigantischem Aufwand betriebene Mund-auf-Mund-zu-Veranstaltung, die am heiß erwarteten Ende bloß eiskalt weggegrinst wird. Dazu wohlig herzwarmes Bella-Schnulz-Italia. Wenigstens das.

 

(wieder 4., 15., 23., 24. März)

 

***

2. Abgebrüht, kriminell, genial: - 270 Jahre Lorenzo da Ponte

Lorenzo Da Ponte, frühes 19. Jahrhundert, Punktstich von Michele Pekenino
Lorenzo Da Ponte, frühes 19. Jahrhundert, Punktstich von Michele Pekenino

Seltsam, über die wohl genialste künstlerische Kooperation der westlichen Kunst- und Kulturgeschichte ist so gut wie nichts überliefert, was auch nur einigermaßen aussagekräftig sein könnte: Die Rede ist von den drei „Da-Ponte-Opern“ Mozarts, womit der Librettist Lorenzo da Ponte und der Komponist Wolfgang Amadeus Mozart nicht nur drei Wunderwerke an Schmerz und Schönheit schufen, sondern noch den Grundstein legten für die Entwicklung der modernen psychologischen Oper; oder auch: für das Musiktheater überhaupt. Im Individuellen Allgemeinmenschliches auf ewig gültig zu komprimieren; die Welt in der Nussschale, in einer Story die ganze Welt – das gelang beiden Autoren mit „Die Hochzeit des Figaro“, „Don Giovanni“ und „Cosi fan tutte“ beispiellos. Die Figuren dieser archetypischen Werke sind durch Vieldeutigkeit, ihre geradezu unauslotbare Tiefe wie auch ihre Abgründigkeit bis heute und gewiss für alle Zeiten eine grenzenlose Herausforderung für Interpreten.

 

Was für ein einzigartiger Glücksfall: drei Meisterwerke der Weltkunst von einem Autoren-Doppel quasi auf einen Schlag. Dabei bleibt im Dunkel, wie es dazu kam. Was Mozart so dahin geplaudert hat, sagt kaum Triftiges über seinen Librettisten, höchstens, dass er den nicht schlecht fand, also ziemlich gut. Als Kaiser Josef II. sich skeptisch über „Giovanni“ äußerte, das sei „kein Bissen für meine Wiener“, entgegnete Mozart kühl: „Lasst ihnen nur Zeit, ihn zu kosten. Die große Kunst ist im allgemeinen zu hoch für die Menge, sie bedarf zuweilen eines oder zweier Jahrhunderte, um jene Jury des Geistes zu bilden, welche endlich mit Kenntnis der Sache ohne Appellation an die Nachwelt entscheidet.“

 

Es dauerte keine Jahrhunderte. Jene elitäre Jury aber auch das Publikum hatte alsbald begriffen. Und Mozarts selbstbewusstes Statement als Komponist schloss immerhin sehr viel mehr ein als die bloß gönnerhafte Verehrung Lorenzo da Pontes.

 

Erstaunlich bleibt, dass der hoch gebildete und vieles schreibende da Ponte es beim Verfassen von Operntexten (auch für andere Komponisten) beließ, sich aber nicht als Dramatiker fürs Schauspiel versuchte. Es hatte seinen Grund: „Sie wissen doch, bis zu welcher Stufe der Erniedrigung die dramatische Kunst in unserm Vaterlande ist und welcher Mut gehört, sich ihr vollständig zu widmen.“ – Da fehlte ihm also der Mumm. Dass ihm allein sein Mozart-Dreier weltweit singulären Nachruhm für immer einbringen würde, konnte er nicht wissen, auch kaum ahnen. Somit ist sein Verzicht aufs Sprechtheater allein der Verzweiflung über diese Branche geschuldet und nicht der eitlen Meinung, seine drei genialen Libretti seien genug der Göttergeschenke an die Welt.

 

Geboren wurde Emanuele Conegliano am 10. März 1749 in der norditalienischen Kleinstadt Vittorio Vineto als Sohn eines jüdischen Lederhändlers, der, um als Witwer eine zweite Frau zu heiraten, katholisch wurde. Emanuele nahm später den Namen Lorenzo da Ponte an; so hieß das Kloster, wo er getauft wurde. Er machte Karriere im Priesterseminar, wurde geweiht und kam alsbald zu der ketzerischen Meinung, „dass die Zivilisation weder durch die Kirche noch den Staat vorangebracht werden könne“. Er türmte, wurde in Treviso Professor für Literatur und alsbald politisch unliebsam, floh nach Venedig, wo er sich sexuell austobte, sich dabei in ein Mordkomplott verwickelte und vor dem Urteil (15 Jahre Verbannung) via Dresden nach Wien flüchtete – in die dortige Opernszene. Der eine Kaiser protegierte ihn, sein Nachfolger, besagter Joseph II., hasste ihn. Er ging nach Triest, heiratete, bekam Kinder, wurde in London Impressario vom King’s Theatre, veruntreute Gelder, floh nach Amerika, wo er sich als Geschäftlhuber unglücklich durchschlug.

 

1811 in New York schreibt er seine später als unseriös und aufschneiderisch geltenden Memoiren, förderte die Oper, sorgte für die erste dortige Opernaufführung anno 1825. Das Operngeschäft ging pleite, sein daraufhin betriebener Buchladen ebenfalls. 1838 stirbt er in New York verarmt und zurückgezogen, doch die öffentliche Teilnahme wiederum war groß und der Trauerzug hinterm Sarg erstaunlich lang, aber das aufwändig geplante Denkmal überm Grab kam nicht. Es bleibt ‑ wie das von Mozart ‑ unauffindbar und soll irgendwo unter der 11. Street liegen, wo sich einst ein katholischer Friedhof befand.

 

Was für ein Lebenslauf! Ein 89 Jahre währendes Auf und Ab. Was für ein aufregendes Abenteuer rund um die halbe Welt auf großen Höhen und in elenden Tiefen. Die Nachwelt nimmt es, wie immer in solchen Fällen, höchst irritiert zur Kenntnis. Diversen Biographen, die sich an diesem Lebensroman versuchten, gilt er als skrupelloses Charakterschwein und abgebrühter Opportunist, als Krimineller und Frauenverbraucher – und zugleich als bewundernswürdige Geistesgröße und ingeniös egomanischer Malocher. Was kein Urteilender ihm nimmt, bringt Wolfgang Hildesheimer nüchtern auf den Punkt: „Er war Mozarts bester, oder besser gesagt, Mozarts einzig guter Textdichter.“

 

Spielen wir nun, zur Feier seines 270. Geburtstags am 10. März, die gleich einem nervösen Glücksjäger dahin rauschende „Figaro“-Ouvertüre oder die verführerische Champagner-Arie des Giovanni, dem trotzig frechen Chef aller Lebemänner?

 

(Am 10. März steht in Berlin mit seinen drei Opernhäusern allein Unter den Linden die „Zauberflöte“ im Spielplan; Libretto von Schikaneder, nicht von da Ponte.)

3. TV-Rederei über Theater

Matthias Mohr © André Wunstorf
Matthias Mohr © André Wunstorf

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die 52. Sendung „Montagskultur unterwegs“ aus dem Studio in der Friedrichshainer Rudolfstraße 1-8 (nahe S- und U-Bahnhof Warschauer Straße). Mit Alice Ströver sowie den Kritikern Arno Lücker und Reinhard Wengierek. Der besondere Gast ist diesmal Matthias Moor, künstlerischer Leiter im Radialsystem. ‑ Kritisch betrachtet werden die Premieren „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart (Staatsoper Unter den Linden), „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller (Hans-Otto-Theater Potsdam) und „Zeiten des Aufruhrs“ nach dem Roman von Richard Yates (Deutsches Theater). Später auch im Netz auf YouTube.

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