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Kulturvolk Blog Nr. 277

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

3. Dezember 2018

HEUTE: 1. „Mit Udo in Ostberlin. Der Fotograf Herbert Schulze stellt aus – Kulturvolk-Haus / 2. „Just Thirteen“ – Platypus-Theater / 3. Kulturvolk-TV-Theatertalk / 4. Weihnachtsgeschenk: „Über die Berliner Luft“ – Feuilletons von Friedrich Luft

1. Damals in Ostberlin: - Herbert Schulze über seine Erlebnisse mit Udo und seine Fotos von Lindenberg

Udo Lindenberg vor dem Brandenburger Tor (September 1989) © Herbert Schulze
Udo Lindenberg vor dem Brandenburger Tor (September 1989) © Herbert Schulze

Fast ein Halbjahrhundert Udo Lindenberg ‑ was für eine Karriere! „Ich erinnere mich noch gut an einen seiner ersten Auftritte im Fernsehen Anfang der siebziger Jahre war das, im Beat-Club. Oder schon im Musikladen? Und dazu der Kampf mit den lieben Eltern: Hottentottenmusik!“ So wurde über Udos Musik geredet, erinnert sich Alice Ströver, Kulturvolk-Geschäftsführerin in ihrer launigen Rede zur Eröffnung einer sehr besonderen Ausstellung. Sie zeigt – erstmals ‑ im Kulturvolk-Haus in der Wilmersdorfer Ruhrstraße Fotos von Udo Lindenberg vor allem aus der Zeit vor aber auch nach 1990.

 

Vor 90 da stand, wir erinnern uns, noch die Mauer. Und Udo durfte mit allerhöchster Genehmigung, was für eine Sensation, in Ostberlin auftreten. Im inzwischen abgerissenen Palast der Republik. Der DDR-Fotograf Herbert Schulze, auch für ihn eine Sensation („ausgerechnet ich“), bekam die Akkreditierung zum Bilder schießen. Für das Jugendmagazin „Neues Leben“.

 

Herbert Schulze, Jahrgang 1950, lernte zunächst Großdampferzeugerbauer (was es für Berufe gab), war aber nicht glücklich damit, kämpfte sozusagen als Laienknipser um eine Stelle als Kamera-Assistent beim DDR-TV, war immerhin schon so gut, dass man ihn nahm. Er lernte professionell das Fotografen-Handwerk, machte sich – ziemlich gewagt seinerzeit – selbstständig und avancierte in den 1980er Jahren zu einem der profiliertesten Rock- und Pop-Fotografen der DDR, arbeitete für Fernsehen, Zeitschriften, Verlage.

 

Lindenberg hatte Zeit seines Lebens Neugier auf diesen seltsamen Drei-Buchstaben-Staat, der doch auch ein deutscher war. Wo, trotz aller Abschottung, die Begeisterung für den nordwestdeutschen Deutsch-Rocker quasi von Anfang an in ungeahnter Heftigkeit hinüber schwappte: „Mädchen aus Ostberlin“ – das war 1973. Eine traurige Ballade von der Liebe unter geteiltem Himmel; ein bitteres, gefühlvolles Lied über das ach so Herrliche, das ach so streng verboten war: eine Ost-West-Lovestory. Und nebenher besang Udo auch die schlimmen Folgen – eine Unerhörtheit. Aber eine realistische Zustandsbeschreibung. Eine poetische deutsch-deutsche Hymne ‑ wie Biermann-Songs, nur rockig.

 

Dem folgte 1976 „Rock’n’Roll-Arena in Jena“, das freche Bekenntnis, wie scharf „der kleine Udo“ auf eine Panik-Tour durch die DDR wäre. Dann 1983 „Sonderzug nach Pankow“ zum Oberindianer Honecker. Fast schon ein Volkslied. Kam sofort auf den Index.

 

„Doch o Wunder, die DDR-Kulturpolitik in ihrer ganzen Unbegreiflichkeit machte es trotzdem noch im selben Jahr möglich: Den besagten Lindenberg-Auftritt im Palast der Republik“, rekapituliert Alice Ströver in ihrer schönen Rückblick-Rede zur Ausstellungseröffnung. „Doch die Fans mussten draußen bleiben, im Saal saßen handverlesen die Blauhemden der FDJ.“ Es war eine Politshow, ein vom Zentralrat der FDJ organisiertes „Konzert für den Frieden“; Udo machte gute Miene zum abgekarteten Spiel, trat auf als einer unter anderen mit vier Liedern. Doch sein Mädchen-Lied durfte nicht kommen, was ihm noch heute verübelt wird. Beispielsweise von René Pollesch im Deutschen Theater in dessen somnambuler Revue „Cry Baby!“. Dann doch noch eine „unabgestimmte Aktion“. Udos Abgang von der Bühne mit dem außerprotokollarischen Schlachtruf: „Weg mit dem Raketenschrott in Ost und West!“ Eine Provokation. Trotzdem wurde die Staatsveranstaltung vom Fernsehen übertragen. Und für 1984 eine große Open-Air-Tour vereinbart.

 

Für Herbert Schulze war dieses FDJ-Konzert die erste Begegnung mit dem Star aus dem Westen. Und Anlass seiner ersten Lindenberg-Bilder; ganz dicht dran, ganz unmittelbar. Vor dem Konzert auf der Pressekonferenz, dann bei den Proben mit der Ostband NO 55 („Enno 55“). Dabei büxte der Panikrocker plötzlich aus vor die Tür des abgeriegelten Palastes hin zu seinen Fans draußen. Schulze hinterher. Pech für ihn, davon keine Bilder. Schulze kam nicht vorbei an der Mauer von Sicherheit in Uniform und Zivil. Inzwischen weiß man: es waren 650 Mann und es gab 44 Verhaftungen.

 

Schade, die Staatsmacht war stärker, Schulze ärgert sich heute noch über die dadurch „fehlenden“ Bilder. Aber er hatte seinen Triumph: Die so außerordentlich lebendigen, auch spannungsgeladenen Konzert-Aufnahmen samt dem Davor ‑ die Proben, die Pressekonferenz. Dafür hatte sich Schulz für Westgeld extra Kodak-Filme beschafft. Befreundete Musiker, die reisen durften, haben sie ihm von Drüben mitgebracht. Etwas später wollte der DDR-Musikverlag „Lied der Zeit“ auf dem Deckblatt seines Jahreskalenders eins der vielen tollen Schulze-Colorfotos haben. Doch alle Negative wurden im einzigen Ostberliner Speziallabor für Kodak durch einen technischen Fehler zerstört – vom Propeller im Trockenschrank. In seiner Verzweiflung ließ der Fotograf eins seiner Schwarz-Weiß-Motive handkolorieren für ein Lindenberg-Poster, das der Musikverlag ebenfalls drucken wollte, wofür er extra einen Wettbewerb ausrief. Schulze gewann mit der immerhin kunstvollen Handverfärbung. Doch dann fand die avisierte Lindenberg-DDR-Tour nicht statt. Kein Kalender, kein Poster. Dafür sein bleibender Kontakt zu Udo Lindenberg! Was für eine Geschichte.

 

1989 schließlich ein neues Verlagsvorhaben: Eine Lindenberg-Biografie. Und Schulze durfte (als Wettbewerbssieger!) zusammen mit dem Autor, dem Rundfunk-Moderator Lutz Bertram, nach Hamburg zu Udo. Schulze bekam erstmals im Leben einen Reisepass mit „BRD-Visum“ und trat im Sommer 89 seine erste Westreise an. Fast ohne DM in der Tasche, aber mit seinen Fotos. Die Hamburger Ausbeute war reich und sein Verhältnis zum Star ziemlich persönlich.

 

Nach dem Mauerfall war es selbstverständlich, ihn bei mehreren seiner Berlin-Besuche zu begleiten. So entstand das sehr persönliche Bilder-Konvolut „Exkursionen mit Udo“. Eine Auswahl davon hat Schulze extra für die immerhin ein Stück Zeit- und Popgeschichte beleuchtende Kulturvolk-Ausstellung neu abgezogen. Die Bilder sind teils unveröffentlicht, authentisch, analog, unbearbeitet, also ohne Mitwirkung eines Photoshops von heute.

 

Es ist eine einzigartige Ausstellung, die Alice Ströver organisiert hat. Noch dazu mit einem bewegenden menschlichen, obendrein aufregenden gesellschaftlichen Hintergrund. Ist so leicht nicht wieder zu finden in der Stadt. Und passt auf ganz besondere Weise in den Herbst des Gedenkens, als Grenzen fielen.

 

Über seine ziemlich aufregenden Erlebnisse mit Udo im Vor- und Nachwende-Berlin und in Hamburg, aber auch über seinen Beruf einst und jetzt unterhält sich Herbert Schulze mit der Journalistin Birgit Walter (Berliner Zeitung) und Alice Ströver am 6. Dezember um 19.30 Uhr im Kulturvolk-Haus.

 

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(Die Ausstellung läuft bis zum 10. Januar 2019; montags bis freitags im Kulturvolk-Haus, Ruhrstraße 6, 10709 Berlin.)

2. Platypus: - Geheimsache Händchenhalten

"Just Thirteen" © Jörg Metzner

Zu den gewiss unterhaltsamsten Nachhilfestunden im Schulfach Englisch gehören die Produktionen von Peter Scollins Platypus Theater. Diesmal gibt es eine Comedy über eine Zeit im Leben, an die viele sich mit eher gemischten Gefühlen erinnern (Autorin: Lidy Annis). Ihr Titel „Just Thirteen“ sagt schon alles: Pubertätswahnsinn.

 

Das Zwillingspaar Katy (Charmaine Gorman) und Tyler (Benjamin Bishop) feierten just ihren 13., und allein die elterlichen Geschenke sprechen Bände: Ein Rasierer, ein BH – schon mal der Anlass für eine herrlich alberne Pantomime mit den bedeutungsvollen Utensilien. Dann Auftritt von Katys bester Freundin Maggie (Olivia Dean), die schon einige Runden weiter ist im Entwickeln und Make up macht, Lipgloss pinselt, Bauchnabel zeigt und – huch! ‑ mit Jungs Händchen hält, was Katy auf den Keks geht, die ihren Plüschhasen liebt. Aber auch Tyler ist genervt, weil sein bester Freund neuerdings ganz andere Interessen hat als mit ihm die Spielkonsole zu traktieren. Und auch im Facebook tobt Ungemach, weil Maggie – nur so aus Jux – twittert, Katy habe was mit Bobby, was nur ein kitzekleines bisschen wahr ist, doch nunmehr jede Entwicklung kaputt haut. So zoffen sich die Zwillinge hinein in den Alltag des an Irritationen und Neuentdeckungen so reichen 14. Lebensjahrs, wobei zuweilen die Verzweiflung schon mal heftig zuschlägt. Das alles geht nicht ganz ohne Ernst aber immer ohne moralisch versteifte Zeigefingerei und mit Witz, Grips, Tempo und präzis gekonnter Spiellust über die Bretter (Regie: Anja Scollin), auf denen drei lustig zeltartige Gehäuse als Kinderzimmer dienen (Bühne: Kerstin Junge), in denen ja nun neuerdings Teenager residieren.

 

Als Rausschmeißer nach einer flotten Stunde werden die Soundregler kräftig hoch gefahren für eine kleine Dancing-Party, bei der die Mutigen im Publikum (6.-8. Klasse) zeigen können, was sie drauf haben. Großes Hallo. Und bei den Pubertierenden im Parkett künftig sicher ein Schuss mehr Lust auf den Englischunterricht.

 

(Wieder am 10. Dezember und 23. Januar im BKA, U-Bahnhof Mehringdamm. Und am 24. Januar 2019 im HdJ Charlottenburg, Zillestraße 54, U-Bahn Bismarckstraße oder Deutsche Oper. Beginn jeweils 11 Uhr.)

3. TV-Rederei über Theater

 © Marcus Ebener
© Marcus Ebener

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die „Montagskultur unterwegs“ aus dem Studio in der Friedrichshainer Rudolfstraße 1-8 (nahe S- und U-Bahnhof Warschauer Straße). Mit Alice Ströver sowie den Kritikern Arno Lücker und Reinhard Wengierek. Der besondere Gast ist diesmal Matthias Schulz, Intendant der Staatsoper Unter den Linden. ‑ Kritisch betrachtet werden die Premieren „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow (Deutsches Theater), „Candide“ von Leonard Bernstein (Komische Oper) und „Der Diktator“ von Ernst Krenek (Neuköllner Oper). Später auch im Netz auf YouTube.

4. Geschenkbuch-Tipp: - „Ich soll mich für Sie plagen“

Friedlich Luft mit seiner Schreibmaschine auf dem Schoß in seiner Wohnung am Nollendorfplatz © Wikipedia
Friedlich Luft mit seiner Schreibmaschine auf dem Schoß in seiner Wohnung am Nollendorfplatz © Wikipedia

„Bitte, Herr Luft…“ sagte der RIAS-Radiosprecher, und dann legte sie atemlos los, „die Stimme der Kritik“. Sonntag für Sonntag am späten Vormittag. Eine pointierte Plauderei über das Bühnengeschehen im Berlin der Sektoren bis hin zu dem des Mauerfalls. Stets im schnellen scharfen Tempo, zwar gewichtig, doch immer leichthin. Verständlich für jedermann. Trotz der spektakulären Häufung von Adjektiven, der atemberaubenden rhythmischen Analogien – Lufts Telegrammstil war der Witz dieses „besoldeten Rampenschreibers“: anschaulich, aufklärerisch, offensiv und klar machend, gerichtet gegen die „Pest der Langeweile“ auf den Bühnen wie in den Redaktionsstuben. Sein Credo: Unbestechlich Urteilen nach persönlichen Maßstäben und mit Liebe zur Sache. Pünktlich 12 Uhr war Schluss. Der „Bühnenrichter“ räumte seinen „herrlichen Platz des Für und Wider“. – „Nächsten Sonntag gleiche Zeit, gleiche Welle, gleiche Stelle“ ‑ und die Freiheitsglocke vom Schöneberger Rathaus schlug bedeutungsvoll High Noon zum Abgang Friedrich Lufts (an den Mittagstisch daheim in der Maienstraße). So ging das im Radio. Jahrzehntelang. Eine Hörerzuschrift, die Luft sich an die Bürowand pinnte, brachte die allgemeine Begeisterung auf den Punkt: „Es ist schön zu leben, weil Friedrich Luft lebt.“

 

„Luft ist mein Name. Friedrich Luft. Ich bin 1,86 groß, dunkelblond, wiege 122 Pfund, habe Deutsch, Englisch, Geschichte und Kunst studiert, bin geboren im Jahre 1911, bin theaterbesessen und kinofreudig… Wozu bin ich da? Ich soll mich für Sie plagen.“ So sein Stenogramm. Doch der sportlich hagere Herr aus Schöneberg, wo er auch starb am Heiligabend 1990, war nicht nur Berlins Kritikerpapst, sondern zugleich ein begnadeter Feuilletonist, Glossen- und sogar Reiseberichtschreiber. Seine Zeitungstexte sind vielgestaltig, die Sujets breit gefächert, gespickt mit Bonmots, zuweilen durchweht von Melancholie. Eine Auswahl des Besten aus der Fülle des Guten aus fünf Jahrzehnten liegt jetzt gedruckt vor im 405. Band der Anderen Bibliothek unter dem sinnigen Titel „Über die Berliner Luft“ (432 Seiten, 42 Euro), über die speziell – neben anderweitigen Berliner oder allgemeinmenschlichen Spezialitäten ‑ Luft amüsant sinnierte.

 

Der Herausgeber Wilfried F. Schoeller hätte für diese Sammlung feiner Miniaturen auch einen ganz anderen trefflichen Titel als den mit dem „Luft“-Spiel finden können. Etwa „Nur wer sich wundert, lebt“. So nämlich endet eine kleine philosophisch menschelnde Alltagsbetrachtung über allgemeines Kopfschütteln gegenüber Selbstverständlichem.

 

P.S.: Wer mehr über F.L. erfahren will, dem sei bei dieser Gelegenheit die umfassende, dabei flott zu lesende Biografie von Petra Kohse „Gleiche Stelle, gleiche Welle: Friedrich Luft und seine Zeit“ empfohlen (Aufbau Verlag 1996, jetzt sehr günstig bei Amazon).

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