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Kulturvolk Blog Nr. 272

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

29. Oktober 2018

HEUTE: 1. „Eine Griechische Trilogie“ – Berliner Ensemble / 2. „Champignol wider Willen“ – Schaubühne

1. Berliner Ensemble: - Rache ist Blutwurst

v.l. Andreas Döhler, Martin Wuttke, Peter Luppa, Aljoscha Stadelmann © Thomas Aurin
v.l. Andreas Döhler, Martin Wuttke, Peter Luppa, Aljoscha Stadelmann © Thomas Aurin

Warum eigentlich schnappt dieser virtuose Stückeschreiber immer wieder nach prominenten Titeln klassischer Autoren wie Strindberg, Tschechow, Ibsen oder jetzt im BE Aristophanes und Euripides, um dann doch einen ganz eigenständigen, starken Text zu liefern? Der Werbewirksamkeit wegen? Hat er überhaupt nicht nötig. Gibt es doch weit und breit kaum einen Autor, der wie Simon Stone (auch als Regisseur gefeiert in halb Europa) scharfe Dialoge hinkriegt, raffinierte Figuren-Konstellationen konstruiert und in wenigen trefflichen Sätzen feine Charakterskizzen aufreißt. Unerheblich bleibt, dass er dabei kaum merklich auf ein paar Eckpunkte der Vorlagen schielt. Wobei „Vorlage“ schon übertrieben ist; auch Begriffe wie „Überschreiben“ oder „Adaptieren“ sind unzutreffend. Stone bleibt als Autor wie als Regisseur stets bei sich. Ein Originalgenie (in Basel geboren, in Melbourne aufgewachsen), das sehr direkt und drastisch von der Dramatik im Hier und Heute erzählt.

 

Jetzt also eine „Eine Griechische Trilogie von Simon Stone“, nicht nach „Lysistrata“ (Aristophanes), nicht nach „Die Troerinnen“ (Euripides), nicht nach „Die Bakchen“ (auch Euripides) – so die Ankündigung. In allen drei Stücken geht es, kurz gesagt, um von Männermacht ausgelöstes Frauenleid sowie eine gewisse grotesk-komische oder tragische weibliche Widerständigkeit. Und eben diese Widerständigkeit sei die Grundlage, auf der die antiken Autoren „komplexe, autonome, befreite“ Frauenfiguren gebaut hätten, die dann allen späteren Autoren abhanden gekommen wären. Das meint in kolossaler Übertreibung Stone und übersieht, dass (auch) bei Euripides & Aristophanes vor allem das Trachten und Treiben der Kerle der dramatische Dreh- und Angelpunkt ist. Es sind im Wesen Männerstücke. Stones Bezug auf die alten Griechen läuft eigentlich ins Leere; klingt aber ganz gut. Dementsprechend hat er mit seinem neuen Text auch keine – wie annonciert – „komplexe, autonome, befreite“ Frauenfiguren geschaffen. Sondern ganz einfach einen rabiaten Geschlechterclinch. Am Ende sind zwar alle Männer hingemeuchelt von den Frauen, doch geht es denen danach auch nicht besser – von Befreiung, Autonomie, Komplexität ist da eher nix.

 

So gekonnt der Gender-Zusammenprall auch kracht und soziale wie psychologische Hintergründe immer wieder aufblitzen, der Abend versackt allmählich im diffusen Mix aus blutrünstiger Rache-Soap, groteskem Geschlechterkampf und tragikomischen Charakterstudien. Man könnte die schaurige Show für eine Netflix-Serie zerschnippeln.

 

Gelangen in Wien und Basel hinreißend spielerische Abende mit prallen Figuren, gespannt in wuchtige oder subtile Dramatik, Stones Berlin-Debüt zerbröselte im Verlauf der Stunden und verflachte. Aber ein Schauspielerfest mit beträchtlichem Unterhaltungswert blieb es allemal, auch wenn der Erkenntnisgewinn auf der Stelle trat. Zwar steigerten sich die Aggressionen des Traumatisierten-Kollektivs, doch blieb es immer beim gleichen Traumatisierten-Elend, ob nun im bürgerlichen oder prekären Milieu.

 

Doch das Bühnenbild von Bob Cousins verzichtet auf jegliche Milieubilder und fasziniert durch sensationelle Abstraktion: Eine in allen Weiß-Grautönen schimmernde, heiß-kalt temperierte ansonsten leere Nebelbox hinter Plexiglas an der Rampe lässt das Dutzend Schauspieler wie aus dem Nichts nach von kommen und wieder nach hinten verschwinden, was blitzartige Szenenwechsel ermöglicht sowie die absolute Konzentration auf die so nur selten zu erlebende Allstar-Truppe.

 

Gleich zu Anfang Caroline Peters mit Stefanie Reinsperger im atemberaubenden Mutter-Tochter-Zoff. Dann Martin Wuttke als gespenstisch durchgeknallter Ex-Chef einer Fertilitätsklinik, einst Samenspender für alle Welt und jetzt untergegangen im Regress-Furor seiner Ex-Klienten. Oder Andreas Döhler als weinerlicher Brutalo-Proll, den seine versteinerte Frau Constanze Becker mit dem Hammer letzter Verzweiflung in den Rollstuhl prügelt, derweil sein Kumpel Peter Luppa den hilflosen Trostspender mimt. Oder der sexbesessene Polizist Tilo Nest in der versifften Unterhose, Samuel Schneider als deppert braver Ex-Mann der Reinsperger, die sich in den verhungerten, einst im Reagenzglas besagter Klink gezeugten Junkie Carina Zichner verknallt. Oder die Polizisten-Gattin Judith Engel, eine Anwältin, die jedes Mannsbild-Monster trickreich rauszuhauen versteht und Aljoscha Stadelmann als verfickter Sex-Shop-Besitzer. Und immer wieder geistert wie ein stumpf gewordener Cherub Kathrin Wehlisch mit der Knarre durch die Szene, um einen Hasen zu schießen als Futter für die absurde Landkommune, in die sich am Ende die seelisch und sozial runierten Damen zurückziehen auf der Flucht vor ihren verblödeten Testosteronbolzen, um schließlich dort, wie gesagt, die nämlichen zu massakrieren.

 

Was für eine brüllende, freilich atemberaubend arrangierte Klischee-Revue, ziemlich genau dem Alltag (oder der Boulevard-Berichterstattung) abgelauscht. Letztlich steckt Simon Stone die an sich, am Leben und Zusammenleben irre gewordene Mischpoke in einen imaginären Sack und haut wie wild drauf in der Absicht, immer die oder den richtige(n) zu treffen. Das klappt zwar, ist aber natürlich nicht aktuell gender-korrekt. Und als Rummelplatz ähnliche Tretmühle menschlichen Irrsinns nicht wirklich abendfüllend.

 

(wieder 8., 9., 18., 19., 20. November)

2. Schaubühne: - Zappeln und Hampeln

Fine Sendel, Damir Avdic, Axel Wandtke, Werner Eng, Iris Becher, Ursina Lardi © Thomas Aurin
Fine Sendel, Damir Avdic, Axel Wandtke, Werner Eng, Iris Becher, Ursina Lardi © Thomas Aurin

Zweieinhalb Stunden unentwegt keuchendes Zappeln, Gestikulieren, Grimassieren, Hin- und Herstürzen, Aufspringen, Hinfallen, Arschwackeln. Das perfekt dressierte Hochleistungsensemble der Schaubühne als lächerliche Idiotentruppe im epileptisch grundierten Dauerhysterie-Modus. Doch geht so eine federleicht konstruierte Verwechslungskomödie, eine Gesellschaftsfarce mit ihrem Gespinst aus Verlogenheit, gutbürgerlichem Feingetue und selbstsüchtiger Rohheit?

 

Das alles zusammen nämlich ist Georges Feydeaus Vaudeville-Show „Champignol wider Willen“ von 1892 um eine außereheliche Affaire im Hause Champignol, die noch nicht einmal ordentlich zum „Vollzug“ kommt, doch durch eine Ballung diverser Zufälle zu den vielfältigsten Verstellungen und Verwechslungen führt (und noch dazu bis hin ins für Verwitzung so dankbare Metier des Militärs); weshalb auch der gesamte Bühnenkasten vom Bühnenbildner Herbert Fritsch mit Camouflagemuster-Stoff ausgeschlagen ist.

 

Die verrückten Einzelheiten der Handlung, aber auch jede Art von Figurenzeichnung interessieren den Regisseur Herbert Fritsch überhaupt nicht. Er stellt vielmehr sein hinlänglich und höchst erfolgreich probiertes Repertoire an exzessiver Körper- und Gesichtsartistik aus. Wie im Zirkus. Prima, immer wieder erstaunlich ein solcher Hochleistungssport. Man schaut amüsiert zu, auch wegen der prachtvollen Kostüme, pompösen Frisuren und gelegentlich frappierenden Slapstickiaden.

 

Doch nach geraumer Zeit fragt man sich in der kunterbunten Revue gängiger Fritsch-Eskapaden und Typen-Klischees, ob denn Boulevard, Vaudeville, Schwank, Klamotte, Komödie durchweg derart platt ablaufen muss. Denn das hat man doch schon ganz anders erlebt: Mit Ab- und Hintergründigkeit vollgestopft, mit subversiver Stimmung, mit der Komik von Verzweifelten, dem untröstlichen Elend der Geschlagenen, der blinden oder hellen Wut der Zukurzgekommenen.

 

Es genügt eben nicht, sich stundenlang allein auf ein freilich opulentes Repertoire an Techniken der Hanswurstiade zu verlassen. Oder Taiko Saito als Geisha zu verkleiden und virtuos auf dem Vibraphon klimpern zu lassen. Komödie ist – ein jeder weiß es! ‑ sehr viel mehr als Kreischalarm; denn um die Ecke lauert da schon immer die Tragödie. Auch bei Feydeau. Schade um ihn. Um all den Aufwand an Ausstattung und Menschkraft ‑ die entzückende Carol Schuler oder Ursina Lardi oder der Dauerdepp Axel Wandke und all die anderen prima Deppinnen und Deppen.

 

(wieder 29., 30., 31. Oktober)

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