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Kulturvolk Blog Nr. 264

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

3. Juli 2018

HEUTE: 1. „Zirkus Angela“ – Kabarett-Theater Distel / 2. „Berliner Bilder“ – Museum Ephraim-Palais / 3. Ziemliches Desaster – Resümee Wiener Festwochen 2018

1. Die Distel: - „Hab bald echt keinen Bock mehr!!!“

 © Marcus Lieberenz
© Marcus Lieberenz

Was für ein aberwitzig seherischer Programm-Titel aus heutiger Sicht, dabei ist es schon einige Tage her, als er ausgeheckt wurde. Doch das „Hereinspaziert zu Merkel, Tiere, Koalitionen“ im Zirkus Angela, das hat inzwischen einen geradezu abgründigen Geschmack bekommen aus Wahn und Zynismus. Man darf gespannt sein, wie die jeweils aktuell satirische Pointe ausfällt auf die Luft- und Katastrophennummern der aberwitzig verfeindeten Unionisten; unsereins bleibt da ja schon längst die Spucke weg.

 

Also Manege frei im Berliner Kabarett-Theater „Die Distel“ für die tobenden Horror-Clowns, die erst mal unter die kalte Dusche müssen; die eiskalte, entsprechend der akuten Wetterlage, die zunehmend unheimlich einen Hurrikan aufbaut. So braust im starken Strahl die geballte Ladung Parteien-Politiker-Bashing hernieder: Wahlkampf der CSU wie Kreuzzug, die SPD als politische Hospizbewegung, die Grünen als Jobbörse für Altachtundsechziger, die Regierung als alte, im Kreis trottende Gäule, die Kanzlerin im wahnwitzigen Clinch mit Seehofer. Und beide auf heimlicher Suche nach einem Endlager für sich. So geht es weiter witzelnd, bis einem das Grinsen in den Mundwinkeln vereist. Dazu Schlagzeilengewitter, garniert mit Musik und bösem Gesang.

 

Gerade letzteres machen ja viele so im einschlägigen Gewerbe. Obwohl, Stärke und Dichte der Schläge wie des Donnerns sind hier überdurchschnittlich. Und das steigert sich noch deutlich bei den Sketch-Texten (Buch: Jens Neutag unter Verwendung von Beiträgen einer Handvoll glänzender Schreiber). Denn jetzt folgt das dem Zirkus eigene Nummernprogramm, die Kunststückchenparade, die Sketchrevue. Da laufen die drei bravourösen Schauspieler Dagmar Jaeger, Rüdiger Rudolph, Sebastian Wirnitzer zur großen Form auf – auf dem klassisch kleinen Brettel.

 

Man muss süffisant grinsend oder lauthals lachend gestehen: Da ist die „Distel“ Spitze! Und kratzig spitz, wie Disteln eben sind. Die Folge der artistisch perfekt performten Nummern ist lang. Es geht, immer schön ins Groteske gedreht (manchmal sogar ins Melancholische, auch Makabre), beispielsweise um die Lobbyrepublik Deutschland (Dieselgate), um Obszönitäten der Marktwirtschaft, um Krankenhausnotstände und Krankenhauskeime, um veganen Extremismus und Enteignung durch Niedrigzinspolitik (Pittiplatsch und Schnatterinchen beim Bankberater).

 

Aber auch um Fußball-Ballermann, die bestechliche Fifa, den germanischen Absturz, den Größenwahn in Katar (die für uns weihnachtliche WM mit Katarrh). Und mit ordentlich schwarzem Humor um den Pflegenotstand als Schwarzmarkt für Betrüger und Menschenhändler. Geradezu anrührend die Nummer vom liebenswürdig altmodischen Klammern am Analogen („alles, was die Digitalen nicht in 280 Zeichen unterbringen, ist Größenwahn“). Dazu der romantische Aufruf: Schreibt mal wieder Liebesbriefe mit Hand; falls man mit Hand überhaupt noch schreiben kann.

 

Zum Finale dann der komödiantisch-politisch-textlich-musikalische Kracher: Barack Obama und Donald Trump im Duell-Duett. Wahnsinn! Furioser Politzirkus! Große Klasse! Muss man erst mal drauf kommen – und es können.

 

Das Publikum ist aus dem Häuschen! Weil alles in allem nebst Musik (Matthias Felix Lauschus, Fred Symann) und Trallala ein Hit ist (tolle Regie: Dominik Paetzholdt mit einer bei allem gebotenen Minimalismus großartigen Ausstattung von Hannah Hamburger).

 

Dann, nach dieser musikalisch wie optisch grandios gestützten Fülle von Sarkasmus, Zynismus, Spaßbomben und Gehirnschmalzaufläufen, dann kommt der Rausschmeißer mit einem – oho! ‑ sentimentalen Augenaufschlag: Eine ruppig sentimentale Huldigung (auch das bringt man hier zustande) der Frau Kanzlerin als „Mutti für Millionen“, die alsbald wohl „echt keinen Bock mehr“ hat, wie sie am Ende frech dahin nuschelt im nachgestellten O-Ton. Wenn das Ende womöglich ganz schnell kommen und schrecklich werden sollte – auch das werden die Disteln auf ihre Art zu würdigen wissen. Womöglich muss dann der Titel ihrer Show ein bisschen anders klingen...

 

Werbliche Ansage: „Zirkus Angela“ ist die erste Premiere im Jubiläumsjahr: Am 2. Oktober 2018 feiert das berühmte Institut am Bahnhof Friedrichstraße – übrigens das kapazitätsmäßig größte Ensemble-Kabarett Deutschlands ‑ seinen 65. Geburtstag. Man darf sich auf Premieren, Gastspiele und ein Happening am 13. Oktober freuen. Schon jetzt kann man eine Tragetasche aus schwarzem Stoff für drei Euro kaufen. Aufschrift in unschuldigem Weiß: „Wir tragen es mit Humor“.

(wieder 23.-28. Juli, 30., 31. Juli und weiterhin im August etc.)

2. Ephraim-Palais: - Berlin-Bilder von Kiez bis Boulevard

„Brücke – Stadt“, Gemälde von Moriz Melzer, 1921 © Renate Kneifel © Hans-Joachim Bartsch
„Brücke – Stadt“, Gemälde von Moriz Melzer, 1921 © Renate Kneifel © Hans-Joachim Bartsch

„Berlin, du kannst so hässlich sein“, grummelte vor einem Jahrzehnt der Berliner Hip-Hopper, unser poppig-surrealer „Stadtaffe“ Peter Fox. Der Philosoph, Architekt und Berlin-Enthusiast August Endell schrieb hundert Jahre zuvor in seinem Büchlein „Die Schönheit der großen Stadt“ (Verlag Strecker & Schröder, Stuttgart 1908): „Wer sehen will, sieht Wunder und Schönheit“.

 

Fox mag Endell nicht gekannt haben, doch irgendwie hat sein bissiger Song auch mit Heimatliebe zu tun – wie bei vielen von uns heutzutage. Wir hassen Berlin (für seinen Dreck, seine misslichen Regierungen, seine breite Fresse, seinen BER). Und wir lieben es (für seine Wurschtigkeit, seine Kultur-Kostbarkeiten, seinen Sound and Underground, seine Kieze).

 

Tja, dieses unergründliche Berlin: Sündenbabel, Metropole, Kaiserstadt, Reichshauptstadt, Theaterhauptstadt, Museumshauptstadt, Nazi-Hauptstadt, Mauerstadt, Bundeshauptstadt, Spree-Athen und Zille-Hinterhof (neuerdings top saniert). Vollgestopft mit Größenwahn und Kleinkariertem, Herrlichkeiten und Spießigkeiten, Idyll (Gartenkolonien) und Weltbewegendem (Schinkel, Messel, van der Rohe, Scharoun). Und natürlich mit extrem Schönem, extrem Hässlichem. Det is Balin…!

 

Die Stiftung Stadtmuseum Berlin zeigt in seiner Dependance Ephraim-Palais fein sortierte Berlin-Bilder von Gaertner (dem berühmten klassizistischen Vedutenmaler) bis Rainer Fetting (dem berühmten Modernisten von heute). Unter dem Motto nach August Endell: „Die Schönheit der großen Stadt“.

 

Eine Veranstaltung zum Staunen über die Kontraste seit jeher. Eine Entdeckungsreise durch die Bilderfülle; gezählt: 117 wuchtige wie intime Werke aus unterschiedlichen Epochen ‑ vom 19. Jahrhundert bis heute in drei Stockwerken bei Ephraims im Nikolaiviertel. Man wird zum Flaneur durch die jüngere und jüngste Geschichte der Stadt, auf die immerhin noch immer so ziemlich alle Welt schaut.

 

Es geht dabei nicht chronologisch zu. Vielmehr gliedert sich die großartige Sonderschau in Themenräume: „Großstadtnacht“ (etwa mit Lesser Urys Nollendorfplatz), „Großstadtimpressionen“ (Paul Hoenigers Spittelmarkt), „Spree-Athen (natürlich die Panoramen Eduard Gaertners), „Die Zerrissene Stadt“ (Fetting, Vostell) oder „Blick von oben“ mit Harald Metzkes Fernsehturm-Blick gen Westen (1981) und Oskar Kokoschkas Blick vom Springer-Hochhaus über den Todesstreifen in Richtung Osten (1966). – Alles sehr persönliche, teils beunruhigende, teils aufregend herrliche, prunk- oder gemütvolle Künstler-Blicke aufs irritierende Berlin – seine Prachtfassaden wie Elendswinkel. Ambivalenzen immerzu. Was für Erlebnisse! Wer da glaubt, seine Stadt zu kennen, der irrt. – Hingehen und Gucken.

(noch bis zum 26. August)

3. Wiener Festwochen 2018: - Evangelium der Kunst?

Tomas Zierhofer-Kin © Markus Morianz
Tomas Zierhofer-Kin © Markus Morianz

Bereits zu Beginn der Ersten Republik, nach dem Zerfall der Habsburg-Monarchie, veranstaltete Wien in den 1920er Jahren musikalisch dominierte Festwochen. Bis anno 1930 der Stadt das Geld ausging. Erst nach dem Krieg gab es wieder alljährlich Mai-Juni „Wiener Festwochen“, erstmals 1951. Es war ein grandioses Fest der Hochkultur unter Einschluss volksfesthafter Veranstaltungen in den Wiener Stadtbezirken. Internationale Stars und Spitzenensembles der Musikszene gaben Gastspiele neben den Auftritten der hauseigenen Koryphäen Philharmoniker, Staatsoper, Burgtheater. Man wollte aller Welt beweisen, dass die „Hauptstadt der Musik“ trotz „Zerstörung und Besatzung“ ihre Identität wiedergefunden hatte; das erhabene Motto: „Unsterbliches Wien“. Die Presse schwärmte von einem „Evangelium der Kultur“.

 

Das hat sich mit den Festwochen-Jahrzehnten sehr geändert. Seit vielen Jahren schon wurden die musikalischen Kult-Events von Weltniveau zurück gedrängt zugunsten großer Schauspielproduktionen. Zuletzt jedoch dominierte nicht mehr das hochkarätig klassische Sprechtheater mit den Regiestars des deutschsprachigen und auch internationalen Betriebs, sondern weltweit gecastete, eher kleinformatige „Projekte“. Man wollte „modern“ sein, gern auch ein bisschen anti-bürgerlich, dazu natürlich prononciert global und politisch. Das war teils „interessant“, in Einzelfällen auch stark, doch insgesamt längst nicht mehr so populär und strahlkräftig wie einst. Die „Festwochen“ verkleinerten sich zunehmend zu einem Spartenprogramm für eher an besonderen Formen und Inhalten speziell Interessierte.

 

Im Jahrgang 2017 führte das unter der für Aufschwung sorgen sollenden neuen Leitung von Tomas Zierhofer-Kin erst recht zum Desaster hinsichtlich der künstlerischen Qualität sowie des Kartenverkaufs. Der 49 Jahre alte umtriebige Kulturmanager und bisherige Chef eines regionalen Kunstfestivals mit offen eingestanden wenig Lust auf so genannte repräsentative Hochkultur sowie „keinem Interesse“ selbst an „halbwegs klassischem Sprechtheater“. Die Kulturpolitik hätte also wissen können, wie dieser Mann tickt; ignorierte es aber, wohl aufgrund eines oberflächlich verstandenen Avantgarde-Begriffs.

 

Die Kritik sprach dann auch anno 2017 von sektiererischen, postkolonialistischen und gendertheoretischen Diskursdemonstrationen. Daraufhin tauschte Direktor Zierhofer-Kin zwei Kuratoren aus und versprach vollmundig Besserung. Demnächst also keine programmatischen Ankündigungen wie die „Heterotopie postidentitärer Wirklichkeiten“ oder „ontologischer Terrorismus kontra Heteroterrorismus verbunden mit queerer ekstatischer Widerstandspraxis“. Vielmehr erklärte er vielversprechend: „Die Festwochen 2018 wollen sich weder anmaßen, die Welt zu verstehen, noch, sie zu erklären; wir vertrauen auf die Kraft der Kunst.“

 

Doch dieses Vertrauen wurde arg enttäuscht, so das abschließende Urteil des überwiegenden Teils der professionellen Kritik, aber auch des Publikums, abgesehen von kleinen Lichtblicken in der schier überwältigenden Fülle des performativ-diskursiven Angebots aus aller Welt. Also doch wieder auch in diesem Jahrgang das gut gemeinte, zwar diversen Moden wie dem Zeitgeist entsprechende, doch halt nicht festivaltaugliche, massenhafte Klein-Klein. Das offensichtlich engagiert wurde nach womöglich auffälligen thematischen und formalen Zugängen dieser – so die Medien – modischen Produktionen. Deren Botschaft wurde von den Programmmachern hochmütig und womöglich gar weltfremd als unmittelbar relevant erachtet. Was für ein fataler Irrtum!

 

Der Großteil der interessierten Öffentlichkeit empfand die einst so ruhmreichen Festwochen nunmehr nur noch als „Abwurfstelle“ für längst nicht mehr neue Arbeiten von politisch und sozial korrekt engagierten Kunstgewerblern. Also propagandistisch getönte oder spektakulär zugespitze Posen statt kraftvoll packende Kunst.

 

So zog denn jetzt die verantwortliche Kulturpolitik endlich die Reißleine und kündigte Tomas Zierhofer-Kin „konsensual“ mit sofortiger Wirkung den Vertrag, der eigentlich noch für drei weitere Saisons gelten sollte. Er habe zwar in einzelnen Fällen Gutes geleistet, ansonsten aber allgemein danebengegriffen. Der Geschasste gab sich einigermaßen einsichtig und gestand, das Publikum verprellt zu haben; zumindest die schlagende Mehrheit, die immerhin ein Programm auf internationalem Festspielniveau erwartete. Nun beginnt die schwierige Suche nach einer neuen Direktion, die – ohne die Zeitgenossenschaft zu vernachlässigen ‑ das traditionsreiche Wiener Vielsparten-Kunstfest mit vergleichsweise extrem üppigen 12,5-Millionen-Etat wieder in die internationale A-Liga spielt und dabei auch seine gloriose Vergangenheit nicht gänzlich ausblendet. Also wenigstens ein bisschen so was wie „Evangelium der Kunst“ dürfte schon sein…

 

Doch damit wird’s wohl nichts; zumindest nicht im kommenden Jahr. Soeben hat nämlich – letzte Meldung – die Wiener Kulturpolitik den 51jährigen Belgier Christoph Slagmuylder als temporären Ersatz für Zierhofer-Kin engagiert als Chef der Festwochen 2019. Für die Jahre danach ab 2020 sucht gegenwärtig eine Findungskommission; man darf sich bewerben…

 

Slagmuylder leitet bereits seit 2007 das Brüsseler „Kunstenfestivaldesarts“, bei dem die Bühnenkunst die Grenzen zwischen Sprechtheater, Tanz und bildender Kunst aufhebt. Der Mann, ein weltläufiger Kurator, gilt als „Spezialist für Gegenwartstheater, zeitgenössische Kunst sowie visuelle Theorie“ und erinnert uns Berliner ein bisschen an den gescheiterten Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon. Man darf annehmen, dass auch Slagmuylder wenig Sinn hat etwa für nostalgisch-romantische Sehnsüchte nach Festwochen mit einem Hauch von Evangelium der Kunst. Mit ihm kommt das Wiener Großfestival womöglich vom Regen in die Traufe.