0

Kulturvolk Blog Nr. 261

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

11. Juni 2018

HEUTE: 1. Medea“ – Kammerspiele des Deutschen Theaters / 2. „Kasimir und Kaukasus“ ‑ Schlossparktheater / 3. „Dem Himmel nahe“ ‑ Ausflug in den Sommer nach Neuzelle zur 750-Jahrfeier

1. Deutsches Theater - Die Macht siegreicher Männer

 © Arno Declair
© Arno Declair

Medea, königliche Tochter in Kolchis, türmte hochverräterisch aus ihrer Heimat nach Korinth; der Liebe wegen ‑ Jason. Sie heiratet ihn, den Staatsfeind, der Krieg führte gegen Kolchis und der mit Medeas hochverräterischer Hilfe das Goldene Vlies raubte. Sie gebar Jason zwei Kinder, wurde alsbald von ihm verlassen. Wegen Glauke, einer anderen! Wütend vor Eifersucht tötet die Verratene die beiden Kinder und stürzt die Nebenbuhlerin ins tödliche Verderben – so geht die grausame Saga bei Euripides.

 

Christa Wolf hat im kalifornischen Künstler-Asyl nach 1990 die klassische Medea-Saga überschrieben unter dem Titel Medea Stimmen. Jetzt hat den etwas wehen, etwas eifernden Roman Tilman Köhler in den Kammerspielen des Deutschen auf die Bühne gebracht.

 

Wolf deutet den uralten Text neu. Bei ihr ist Medea keine Kindsmörderin; das nämlich, so die Neusicht, haben die siegreichen Korinther dieser selbstbewusst freidenkerischen Frau denunziatorisch angehängt. Weil: Ihr rebellisches, machtkritisches Verhalten erscheint ihnen gefährlich („Nenne mir einen, der nach oben gekommen ist, ohne ein Gesetz zu brechen…“). Also wollten die Kerle von den Leichen in ihren Kellern ablenken. Wurden doch allein aus königlichem Machterhalt einst Iphione, Tochter des Korinther-Königs Kreon, sowie Medeas Bruder Absyros getötet; in Köhlers Inszenierung kommen sie als Puppen vor. ‑ So macht denn die Macht der Korinther die Fremde, den Flüchtling aus Kolchis, die sperrige Asylantin und (aus durchaus verständlichen Gründen) Integrationsverweigerin namens Medea zur Mörderin ihrer beiden Söhne, ihres Bruders und ihrer Nachfolgerin Glauke.

 

Mit dieser Sicht auf den Mythos zieht Christa Wolf kühn eine Parallele zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung – der siegreiche Westen dominiert den unterlegenen Osten. Sie meint, dass in „Wirklichkeit“ die unschuldige Medea zum Opfer einer Rufmordkampagne der Herren von Korinth wurde, die Medea diskreditieren und somit loswerden wollten. Diese Männer!

+

Wolfs 1996 erschienener Roman, in dem wechselnde Stimmen das (mythische) Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch kommentieren, wurde vom Regisseur und von der Dramaturgin Julian Köpp geschickt, also mit Sinn für die dramatischen Zuspitzungen der Auseinandersetungen, fürs Theater aufbereitet. Es ist ein Frauenstück, das gegen Herrenmacht angeht. Gegen die Allmacht von Siegern gegen Besiegte. Dazu benutzt die Autorin Mythologisches; spricht von Achronie, also von Zeiten, die nebeneinander stehen, obgleich sie durch Jahrtausende getrennt sind. Wolf spiegelt DDR-BRD-Wirklichkeiten im Medea-Mythos.

 

Solcherart zeitgenössisch-politische Anspielungen erspart sich die Regie. Sie bleibt, streng auf den Text konzentriert, bei der Wolfschen Sicht auf den Medea-Komplex. Und das Diskurs-Personal stapft in einer Wasserfläche herum – das Schwarze Meer. Die nämlich (Temperatur 32 Grad) füllt den gesamten Bühnenboden. Also Wasserspiele mit Lichtreflexionen. Macht hübsche Effekte; nervt aber auf Dauer.

 

Sei’s drum. Der ansonsten eher auf Psychologie denn auf vordergründig erregende Effekte erpichte Regisseur dirigiert feinfühlig und genau auf den Text hörend unter behutsam sich steigernder Spannung die Wolfsche Geschichte gegen die Männer, gegen ihre fatale Zuschreibungsmacht – Maren Eggert als Medea hat ausreichend Gelegenheit für rabiat emanzipatorische Verteidigungs-Auftritte. Die böse Männerwelt bleibt eher im Hintergrund, hat vergleichsweise wenig zu sagen; was anderseits wirkt, als nähmen sich die Herren in zynischer Bescheidenheit zurück und lassen die Weiber einfach lamentieren. ‑ Edgar Eckert als Jason gibt den tumb virilen Kerl mit Goldkettchen; Helmut Moshammer den skrupellos zynischen Ersten Königlichen Astronom. Thorsten Hierse glänzt als einziger mit einem schillernden Großauftritt als alert opportunistischer Zweiter Astronom des Königs.

 

Eine artistische Hochleistungsnummer bietet Kathleen Morgeneyer als Glauke, die am Geschehen irre gewordene Tochter Kreons. Vor Seelenschmerzen wahnsinnig geworden klettert sie an einem Seil in die Luft, dann suhlt sich die entsetzlich Verzweifelte am Boden im Wasser. Höchst beklemmend, diese psychopathische Fallstudie eines Männeropfers. Dennoch: Mich will das ganze gegen Männerwahn und Weiberbashing gerichtete Erinnerungs-Stück, so sauber gedacht und solide gemacht es auch ist, nicht wirklich packen. Kann sehr wohl sein: Männer sind Schweine; Politik ist verlogen. Und die Frauen? Alle immer nur Opfer, trotz mutigen, freilich vergeblichen Aufbrausens und Leidens? Die Autorin bejaht es; die Regie stellt es dahin…

(wieder 29. Juni)

2. Schlossparktheater - Ein Fisch gibt keine Widerworte

 © DERDEHMEL / Urbschat
© DERDEHMEL / Urbschat

Mein Gottchen, einen Fisch namens Kasimir mit der Stimme von Dieter Hallervorden (aus dem Off) als Paartherapeuten, das hatten wir noch nie. Doch im Theater ist ja alles möglich, und der französische Erfolgsautor Francis Veber gibt sich auch redlich Mühe, ziemlich Unmögliches auf der Bühne zusammen zu bringen in seiner sehr, sehr luftig gestrickten Komödie Kasimir und Kaukasus, die der Romanist Hallervorden ins Deutsche übersetzte.

 

Da kommen in einer schicken Charlottenburger Bürgerwohnung allerhand Unwahrscheinlichkeiten zusammen, die der schüchterne Autor leider nicht bis ins Groteske treibt. ‑ Henri (ein Politjournalist: Dieter Landuris) und Christine (eine Innenarchitektin: Ulrike Frank) haben sich nach 20 Ehejahren leicht entfremdet (doch da flackert noch was). Sie wünscht sich als Ausgleich für emotionale Defizite sehnlichst einen Yorkshire-Terrier, er aber kauft ihr einen Goldfisch, sie ist sauer, er – so sagt er ‑ verliebt sich in das Tierchen, sie später auch; weil: es ist so praktisch zum Herzausschütten, Fische geben keine Widerworte. Dann taucht da noch zur Belebung des ermüdeten Fortschreitens der Handlung der nette Tunichtgut Hans-Peter auf (Markus Majowski) samt seiner Flamme Dounia, eine ehemalige Escort-Dame aus Kaukasien (Katharina Maria Abt), die einst in der Besenkammer einen folgenreichen One-Night-Stand hatte mit Henri, dessen Söhnchen, von dem Papa jetzt erst erfährt, weit weg bei Oma lebt im Kaukasusdorf. Isn Ding, wa! Derweil hat Christine – oho! ‑ das gleiche sexuelle Erlebnis mit ihrem Auftraggeber gerade hinter sich. Es ist ein russischer Oligarch, dem sie am Kudamm just eine Luxusetage einrichtet, und der sie prompt heiraten will. Sie lehnt natürlich ab, Henri bereut natürlich, Hans Peter und Dounia zischen natürlich verliebt ab in Richtung Dorfidyll am Elbrus und alle sind selbstverständlich glücklich.

 

So verrückt das klingt, es kommt in Holger Hauers Regie dieser deutschsprachigen Erstaufführung ziemlich gemächlich daher gespielt. Braves Komödienstadel ohne Ausschläge ins Aberwitzige oder gar klamottig Durchgeknallte. Schade. Das Ganze ist eigentlich nicht mehr als ein Witz, den man mit Sinn für Jux und Tollerei frech runterhauen müsste; zumal keine der Figuren mit ihren Beziehungen auch nur ein bisschen was von Profilierung hat. So jedoch bleibt bei dieser Hin-und-Her-Petitesse mit ein paar eingebauten Aha-Oho-Überraschungseffekten alles bei wohltemperierter Spaßigkeit. Immerhin einigermaßen gut genug für sommerlich seichte Unterhaltung. Man tut gut, vorher ein bisschen was zu schlürfen. Am besten zwei bis drei Prosecco nebst einigen Aperol spritz, was nicht zu viel wäre…

(wieder 13.-17., 27.-30. Juni)

3. Ausflugs-Tipp - Nova Cella - Jubelfeier des Brandenburger Barockwunders

 © J.-H. Janßen
© J.-H. Janßen

Am 12. Oktober anno 1268 gründete Markgraf der Erlauchte aus dem sächsischen Königshaus der Wettiner in der Niederlausitz am Ufer der Oder das Zisterzienserkloster Neuzelle (Nova Cella). Knapp sechs Jahrhunderte später, anno 1817, wurde die weitläufige, mit enormem künstlerischem Aufwand gestaltete Anlage von der preußischen Regierung säkularisiert. Der Besitz ging an das staatlich verwaltete Stift Neuzelle, die DDR übernahm es 1955 und löste es auf. 1996 kam es durch die Landesregierung Brandenburgs zur Neugründung der Stiftung Stift Neuzelle; seither wurde das „Brandenburger Barockwunder“ einschließlich der Nebengebäude sowie dem herrlichen Park am Abhang zum Flussufer restauriert. Die prachtvolle Klosterkirche Mariä Himmelfahrt ist heute Wallfahrts- und Pfarrkirche und gehört zum Bistum Görlitz. Gegenwärtig leben hier vier Zisterzienser.

 

Zum 750-Jahr-Jubiläum gibt es unter dem Motto „Dem Himmel nahe“ eine Fülle von Veranstaltungen auch weltlicher Art. Beispielsweise am 30. Juni ein Open-Air-Konzert des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt/Oder, am 1. September eins des Landesjugend-Jazzorchesters Brandenburg zusammen mit den Young Voices Brandenburg oder am 8. September das Brandenburger Dorf- und Erntefest mit Festumzug.

 

Und am 19. Juli (Premiere) gibt es den (weltweit?) berühmten Klassiker der Salzburger Festspiele, den „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal. – „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, jetzt freilich in heimischer Regie und Besetzung, wurde, das nebenbei, am 1. Dezember 1911 in hiesiger Gegend uraufgeführt von Max Reinhardt. Und zwar im Zirkus Schumann gegenüber dem Theater am Schiffbauerdamm (heute: BE) am Ufer der Spree in Berlin.

(Weitere Termine „Jedermann“: 20., 21., 26.-28. Juli in Neuzelle; am 2., 3. August auch auf der Burg in Beeskow.)