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Kulturvolk Blog Nr. 251

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

3. April 2018

HEUTE: 1. „Kinder des Olymp“ – Berliner Ensemble / 2. „Die Krone von Kertsch. Schätze aus Europas Frühzeit“ – Sonderausstellung Neues Museum / 3. „Ottilie Müntzer – der Regenbogen endet nicht“ – Theater im Palais

1. BE: - Zirkusgewimmel überm Abgrund des Grauens

"Die Kinder des Paradieses" © Matthias Horn

Der französische Film „Les Enfants du Paradis“ von Jacques Prévert und Marcel Carné gilt als Klassiker des poetischen Realismus – für viele Cineasten bis heute der erklärte Lieblingsfilm; sein deutscher Titel: „Kinder des Olymp“. ‑ Zur Erklärung: „Olymp“ meint jene Kunstbegeisterten, die, finanziell meist minderbemittelt, die billigen Plätze in den oberen Rängen des Theaters begeistert bevölkern; mit „Kinder“ sind die gefeierten Künstler unten auf der Bühne gemeint. Der Titel umschreibt eine schöne symbiotische Beziehung zwischen einer Künstlerschaft und besonderen Publikumsschicht.

 

„Kinder des Olymp“ entstand 1943/44 während der deutschen Okkupation Frankreichs, also unter sehr besonderen, schwierigen, gefährlichen Bedingungen eines Besatzerregimes. Die Premiere war März 1945 im befreiten Paris und wurde gefeiert als „Monument der geistigen Überlegenheit Frankreichs über Deutschland“.

 

Zur Handlung: Paris, Mitte des 19. Jahrhunderts. Im frivol-freiheitlichen Milieu der Gaukler und Komödianten ist die stolze Künstlerin Garance (Kathrin Wehlisch). Eine geheimnisvolle, erregend vamphafte Schönheit, der die Kerle, die Herren, die Männer, die Jungs zu Füßen liegen (Peter Moltzen, Felix Rech, Tilo Nest, Martin Rentzsch). Doch wirklich liebt Königin Garance nur einen, freilich ohne sich fest binden zu wollen/können ‑ ihr mentaler Widerspruch und verführerischer Zauber. In die zauberisch-melancholische, zirzensisch burleske Atmosphäre eingebettet gibt es eine tragische Lovestory, gibt es Sex und Crime, doch auch ein Fanal des Widerständig-Freiheitlichen gegenüber Konventionen und Zwängen. Doch die aus Syrien stammende, in Bremen aufgewachsene, jetzt in Gent ein Theater leitende Regisseurin Ola Mafaalani will freilich, zusammen mit ihrem Musiker Eef van Breen, nicht allein diese fantastisch menschelnde Geschichte nacherzählen ‑ obgleich sie zunächst das gesamte BE in einen wundersamen Zirkus verwandelt: Studierende der Kreuzberger Schule für darstellende und bildende Künste „Die Etage“ (Abteilung Akrobatik/Artistik) sind allgegenwärtig auf der Bühne sowie auch schon vor Beginn der Vorstellung sowie in der Pause in den Foyers und im Saal. Das gesamte BE als Zirkuszelt.

 

Und in dieses bezaubernde Stimmungsgemälde mit viel Musik und dazu später viel Schneegestöber aus dem Schnürboden (Bühne: André Joosten) soll, so die Inszenierungsidee, das Politische so auf- wie verstörend einbrechen, indem die aufregende Lovestory der Garance verquickt wird mit der Entstehungsgeschichte des Films 1943/44. Deshalb wird die Figur der Arletty (Ilse Ritter) ins Spiel gebracht. Arletty (eigentlich Léonie Bathiat, 1898-1992) ist in Carnés Film die Schauspielerin der Garance, eine reale Person der Zeitgeschichte, die damals eine große Affäre mit einem Wehrmachtsoffizier hatte und deshalb bereits zur Filmpremiere im Frühjahr 45 wegen Kollaboration mit dem Feind im Gefängnis saß und schließlich in Paris an den Pranger gestellt wurde als Verräterin.

 

Der Historiker Klaus Harpprecht beschreibt das Leben dieser faszinierenden Frau, die mit 94 Jahren verarmt und einsam starb, in der Biographie „Arletty und ihr deutscher Offizier. Eine Liebe in Zeiten des Krieges“. Der Nazi-Offizier übrigens trat später ein in den diplomatischen Dienst der Bundesrepublik.

 

Als Quelle der Fakten zur Beschreibung der schrecklichen historischen Umstände der Filmproduktion von „Les Enfants du Paradis“ dienten der Regie Recherchen in Archiven, diverse Erinnerungen der Beteiligten und nicht zuletzt Harpprechts lesenswertes Arletty-Buch (S. Fischer Verlag). Doch leider, diese Fakten bleiben rhetorisch aufgelistet, werden theatralisch nicht imaginiert. Die große Schauspielerin Ilse Ritter als Arletty ist zwar ständig anwesend auf der Bühne, doch vornehmlich als Zuschauerin. Sie kommt nicht wirklich ins Spiel, bleibt minimalistische Kommentatorin des historischen Kontextes. So wie auch andere Filmfiguren, die nur für wenige Momente auf der Bühne aus ihren Rollen steigen und von den Schrecken der Besatzungszeit ein bisschen was erzählen. Das Bedrohliche, gar das Grausame dieser für Frankreich, für Paris so schweren Zeit bleibt nur so dahin gesagt. Geht letztlich unter im Schauwert der pittoresken Wimmelbilder des traumhaften Zirkus-Betriebs aus der Vergangenheit eines fernen Jahrhunderts, den Prévert/Carné meisterlich beschworen, um gerade im Fernen indirekt Nächstes zu spiegeln; nämlich das Elend der Nazi-Diktatur.

 

Regisseurin Mafaalani und Dramaturgin Alexandra Althoff wollten eine große Erzählung über Kunst und Leben in schlimmen Zeiten. Und blieben stecken weit unter ihrem hohen Anspruch, inmitten des Poetischen (im schönen Zirkus) das hässlich Politische (einer konkreten historischen Situation) detonieren zu lassen. So wird gekonnt hingebungsvoll erzählt vornehmlich von der aufregenden Schönheit eines Films, der doch so sehr viel mehr ist als bloß „schön“.

(wieder 6. April)

2. Museumsinsel: - Noch ein Osterei ganz aus Gold

Die „Krone von Kertsch“, Diadem mit roten Einlagen aus Granat besetzt, spätes 4. / 1. Hälfte 5. Jahrhundert n. Chr. © Römisch-Germanisches Museum/Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Anja Wegner
Die „Krone von Kertsch“, Diadem mit roten Einlagen aus Granat besetzt, spätes 4. / 1. Hälfte 5. Jahrhundert n. Chr. © Römisch-Germanisches Museum/Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Anja Wegner

Im Mittelalter-Saal des Neuen Museums steht auf rotierendem Drehpodest ein leerer Sessel aus edlem Holz. Er ist bestimmt für Johannes Freiherr von Diergardt. Der rheinländische Aristokrat aus steinreichem Hause war Weltenbummler, Schöngeist, Kunstsammler (seine Sippe machte Geld im Samt- und Seidenhandel). Inzwischen ist er seit 83 Jahren tot. Doch seine mit dickem Scheckbuch und profunder Kenntnis um 1900 zusammengetragene Kollektion kostbarster Preziosen, vor allem Goldschmuck aus der Völkerwanderungszeit, gehört heute noch zur weltweit wichtigsten ihrer Art. Sie war seinerzeit als großzügige Leihgabe Zierde des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte. Und wenn der Freiherr in der Reichshauptstadt weilte, nahm er sich – außerhalb der Öffnungszeiten – einen Stuhl, um in aller Ruhe seine Kostbarkeiten zu besichtigen.

 

Deshalb jetzt das leere Sitzmöbel quasi zum Andenken an Diergardt (1859-1934) inmitten der kleinen großartigen Schau „Die Krone von Kertsch. Schätze aus Europas Frühzeit“. Sie zeigt von der weltberühmten, 6600 Artefakte umfassenden Diergardt-Sammlung 600 illustre Exponate – alles tolle Hingucker: Im Mittelpunkt der einzigartige, total modern anmutende Kopfschmuck aus Gold und Edelsteinen aus einem Grabungsfund auf der Halbinsel Kertsch am Schwarzen Meer.

 

Leider ging den Berlinern im Herbst anno 1934 die freiherrschaftliche Sammlung verloren. Weil die Diergardt-Erben aufgrund des unbegreiflicherweise zögerlichen Interesses der Museumspolitiker ihren Schatz ans Kölner Wallraf-Richartz-Museum verkauften. Dort bildete er den Grundstock des heutigen Römisch-Germanischen Museums. In seiner grandiosen Dauerpräsentation ist er bis heute zu bewundern. Doch die gegenwärtig anstehende Generalsanierung des RGM bietet jetzt – nach acht Jahrzehnten – glückliche Gelegenheit, die kleinteiligen Wunderwerke uralter Handwerkskunst wieder am Ufer der Spree zu bestaunen.

 

Nebenbei bemerkt: Die Übersiedlung der Diergardtschen Sammlung einst nach Köln hatte ihr Gutes. Wäre sie in Berlin verblieben, hätte sie 1945 die sowjetische Kriegstrophäen-Kommission wie Schliemanns Schatz von Troja in ihre Beutekunstsammlung vereinnahmt. So aber verblieb alles in Deutschland, in Köln – und ist als Sonder-Schau für zwei Jahre, dank der rheinischen Kooperation, in Berlin. – Mein Tipp: Die Besichtigung jetzt als ein schönes Finale der Osterferien!

(Mitglieder von Kulturvolk | Verein Freie Volksbühne Berlin können die Jahreskarte der Staatlichen Museen zu Berlin einmalig zum Vorzugspreis erwerben. Weitere Informationen finden Sie hier.)

3. TiP: - Mutig hat sie an der Fahne mit dem Regenbogen genäht

„Deshalb meine freundliche Bitte an Euch, Ihr wollet meinem Weibe die Güter, die ich gehabt, folgen lassen; nämlich Bücher und Kleider, was noch daselbst ist – und sie nichts um Gottes Willen entgelten lassen“, schrieb Thomas Müntzer an die Stadt Mühlhausen aus der Gefangenschaft im thüringischen Heldrungen am 17. Mai 1525. Da dampfte noch das Blutfeld bei Frankenhausen, auf dem die übermächtigen fürstlichen Heere tausende der aufständischen Bauern und Handwerker dahin schlachteten, und zehn Tage später war der Pastor Müntzer tot. Hingerichtet nach grausamer Folter als Landesverräter, Umstürzler, Gottloser. Als „Erzteufel“, wie Luther wütend ihn schimpfte, dem Müntzer zunächst folgte als Reformator, sich später von ihm absetzte als Radikaler, der mehr wollte: nämlich den totalen Umsturz, die klassenlose Gesellschaft. „Satanisch“, kanzelte Luther. Einvernehmlich mit der Obrigkeit, die der Utopist Müntzer als Feldherr der entsetzlich geknechteten Stände mit Gewalt abschaffen wollte. Seine Antwort auf die Gerechtigkeitsfrage.

 

Eine Frage, die in Zeiten, da das Unrecht gegenüber den Unteren zum Himmel schrie, auch eine gewisse Ottilie von Gersen umtrieb in ihrem Nonnenkloster. Das Leben dort hinter den Mauern hielt sie nicht mehr aus, brach auf in die aus den Fugen geratene, im Umbruch befindliche Welt, traf auf Müntzer, heiratete ihn, wurde Mutter und erlebt die extrem spannungsgeladenen Jahre vor den großen kriegerischen Ausbrüchen 1525, dem massenhaften Gemetzel bei Frankenhausen, hautnah an der Seite Müntzers, des charismatischen Anführers der Aufständischen. Nach dessen grauenvoller Hinrichtung verschwindet Ottilie Müntzer aus den Dokumenten der Geschichte.

 

Wer Ottilie war und wie sie die Frau an Müntzers Seite wurde, diese Fragen erörtert auf packende, bis ins Heutige greifende Art die Autorin Vicki Spindler in ihrem fiktiven Dialogstück „Ottilie Müntzer – der Regenbogen endet nicht“. Vor dem Hintergrund eines Ausschnitts aus dem grandiosen Bildpanorama „Frühbürgerliche Revolution“ von Werner Tübke spricht die Autorin den Part der starken, wagemutigen, zugleich aber auch zerrissenen, verzweifelten Ottilie; ihr Kollege Daniel Minetti gibt Müntzer, dessen Text komplett aus Müntzer-Zitaten besteht. – Das Interessante an diesem Schlaglicht auf eine spektakuläre Epoche des Umsturzes bzw. Beharrens ist, den Blick von den berühmten Männern weg und hin auf die Frauen zu lenken; hier die Ottilie Müntzer (im TiP gab es bereits ein „Historical“ über Katharina Luther). – „Mein Name ist Ottilie Müntzer. Ich habe mit den Frauen die Regenbogenfahne genäht und ich habe geholfen, die Zeit zu verändern. Und jetzt erzähle ich meine Geschichte…“

(Gastspiel Spindler & Minetti im Theater im Palais am 4. April, 19.30 Uhr)