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Kulturvolk Blog Nr. 233

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

20. November 2017

HEUTE: 1. „Vater“ – Box im Deutschen Theater / 2. „Clärchens Ballhaus“ – Fernsehfilm von Maria Wischnewski für die Serie „Geheime Orte“ im rbb

1. Deutsches Theater-Box: - Kein Glück mit der Liebe

 © Arno Declair
© Arno Declair

Da vertrödelt man seine ganzen zwanziger Jahre damit, sagenhaften Supergirls hinterher zu jagen. Nur, weil einem da immerzu Träume vom Optimum durchs Hirn jagen: tollste Schönheit, tollste Klugheit, tollster Sex, tollstes Glücklichsein. Schnell sind die knackigsten Jahre vorbei und man ist noch immer allein. Und nimmt schließlich prompt panikartig die zweite oder dritte Wahl. ‑ Dabei sieht Michael prima aus! Ist feinfühlig, frauenversteherisch, intelligent, sexy. Ein prima Bursche. Schwiegermutter-Typ. Mit den Frauen will es trotzdem auf Dauer nicht klappen. Und bald ist er schon gut Mitte Dreißig. Schiet!

 

Dem Filmregisseur, Drehbuchautor und Musiker Dietrich Brüggemann, mit Anfang vierzig im Kunstbetrieb höchst erfolgreich, trägt das so fundamentale wie schwierige Thema Frauen, Liebe, Ehe, Familiengründung – nach eigener Aussage ‑ viele Jahren schon mit sich unterm Herzen und wo sonst noch herum. Ein schweres Paket. Voll mit Erfahrungen und Beobachtungen. Jetzt endlich hat er es abgeworfen. Im Theater. Als scheinbar mit ganz leicht-lockerer Hand geschriebenen Text voller Anekdoten und Geschichten, die von Michaels einschlägig komisch-traurigen Vergeblichkeiten erzählen. Die verwoben sind mit ähnlich unerquicklichen Bemühungen seines Vaters, an dessen Sterbebett – überrumpelnd gerufen – der Sohn ziemlich hilflos ausharrt. In dieser stillen Stunde eines unsentimentalen, ja abgeklärten und stummen Abschieds kocht bei ihm die Vergangenheit hoch. Und - als bedrückender Ballast -  die seines Vaters, seiner Familie.

 

Aber alles kein spektakuläres Unglück. Kein hochdramatischer Rückblick. Keine verbitterte Abrechnung. Michaels Bilanz eines bislang nicht wirklich erfüllten Lebens (passiert ja vielen) unter dem (nicht recht passenden) Titel „Vater“ ist ein ironisch gelassener Monolog voller Charme, voller eingestreuter Sarkasmen und freilich humorvoll weggesteckter Trauer. Ein locker-luftiges, wehes Nachdenken über Verflossenes. Verpasstes.

 

Brüggemann dichtete einen cool zu Herzen gehenden Text für sich und fürs Theater. Bekommt man so oft nicht zu hören auf unseren Bühnen. „Vater“ ist sein Debüt als Bühnenautor. Und als Theaterregisseur, der souverän mit sparsamen Mitteln inszeniert. Dem freilich ein exzellenter, ein erfahrener Schauspieler hilfreich zur Verfügung steht, der seine reichen Mittel optimal einzusetzen weiß: Alexander Khuon.

 

Khuon brilliert mit Virtuosentum, ohne es prononciert auszustellen. Es steht ihm anstrengungslos zur Verfügung. Er schüttelt sein Können quasi wie selbstverständlich nebenher aus dem Handgelenk. Und gibt sich ein klein bisschen abgeklärter als es die eher jungenhafte Brüggemann-Figur eigentlich vorgibt. Mit dem fixen schnellen Wechsel von einer eigentlich alltäglichen Geste zur anderen imaginiert Khuon verschiedene Figuren: seine vielen Freund- oder Liebschaften, seinen (leise karikiert) machohaften Draufgänger-Kumpel Sven. Oder den Papa, die Mama, die Stiefmutter, die Tante.

 

In gut 70 spannend-amüsanten, durchweg geistreichen Minuten wird da in der intimen DT-Box ein Familienpanorama aufschlussreich aufgeblättert; eingeschlossen die gut zwei Jahrzehnte Innenleben von Söhnchen Michael. Feines Erzähltheater. Sensibles Schauspielertheater, das sich nie in Einfühlerei verliert. Das, aus dem Normalo-Leben gegriffen und griffig zugespitzt, jedermann-frau begeistert. ‑ Man möchte dem so sympathisch schüchtern-schaumgebremsten (Bühnen-)Menschen Michael am Ende zurufen: Entspanne dich! Schäum doch mal mit Mut und Kraft die Welt auf. Gib Gas! Bist doch ein prima Kerl!

(wieder 25. November, 6., 16., 28. Dezember; exklusive Veranstaltung für Kulturvolk-Mitglieder am 2. Februar 2018)

2. TV-Tipp: Bis früh um fünfe kleine Maus. - Ein Jahrhundert Berlin-Geschichte mit Clara Bühler-Habermanns weltberühmtem Ballhaus, Auguststraße 24

 © Wikimedia commons, Jörg Zägel
© Wikimedia commons, Jörg Zägel

Anno 45 quartierten die Russen sich ein, setzten aus Trümmerziegeln einen Ofen in den Saal, verfeuerten Parkett und kochten Kascha-Suppe. Doch nur kurz. Denn alsbald machte Clara Bühler-Habermann, Klassikerin einer mit allen Wassern und Beziehungen gewaschenen urberliner Geschäftsfrau, den Laden wieder flott, der immerhin schon seit 1913 – und das bis heute! ‑ als „Clärchens Ballhaus“ ein Magnet ist für Tanz- und Feierwütige, für einsame Herzen wie gierige Jäger, lüsterne Voyeure, Suffköppe, Verlorene, Romantiker oder Alltagsflüchtlinge aller, aber auch aller Klassen.

 

Jetzt hat die TV-Journalistin Maria Wischnewski mit sensiblem Blick fürs Poetisch-Pittoreske wie Historisch-Soziale ein hinreißendes Feuilleton gedreht ‑ der Begriff Report greift da zu kurz (Kamera: Felix Leiberg). ‑ In vierzig Minuten verdichtet Wischnewski, aufwändig recherchiert, ein Jahrhundert Deutschland- und Berlin-Geschichte, verbunden  mit der des Alltagslebens im proletarisch-jüdisch geprägten Scheunen(armen)viertel.

 

Das „Clärchen“  überlebte als einziges der einst etwa 900 Berliner Ballhäuser immerhin fünf Gesellschaftssysteme sowie zwei Weltkriege, die Hyper-Inflation in den 1920er Jahren, als Clara ihr Etablissement vor dem Konkurs rettete, indem sie mit Schubkarren voller Papiergeld nach einem Fass Bier jagte. Dann die Nazi-Zeit (Schieber- und Engtanz waren verboten, völkisches Gehopse war angesagt); dann die DDR (als „Tanzgaststätte“ mit 1,50 Eintritt), den Mauerbau und -fall.

 

2004 verkauften die Erben an die jetzigen Betreiber, die Münchner Theaterleute Christian Schulz und David Regehr, die so klüglich wie feinfühlig nichts am nostalgischen Ambiente änderten: Im Erdgeschoss des 1895 errichteten Hinterhof-Gebäudes der Saal fürs Volk. Mit Bar im rötlichen Schummerlicht, mit Glitzerlametta an den Wänden, den langen und (für Verliebte) kurzen Tischen und der riesigen, einst von den Sowjets geschändeten Parkett-Freifläche für den Massenschwof ‑ die Kellner wie schon immer korrekt im weißen Hemd mit Fliege.

 

Im Obergeschoss der von den Münchnern wieder entdeckte, lange DDR-Jahre als Lagerhalle missbrauchte Spiegelsaal voll verwittertem Rokoko-Stuck; einst gedacht für Festivitäten der etwas besseren Gesellschaft (Stehkragenproletariat). Heute ist es offen für einen guten Mittagstisch  (Tagessuppe sechs Euro). Am Abend darf man das Luxus-Segment mieten für Events bei Kerzenschein.

 

Der freie Platz vom weggebombten Vorderhaus ist heute idyllischer Biergarten unter Bäumen. Früher war da der Delikatessenladen von Samuel Haasz, den die taffe Clara vor NS-Verfolgung rettete (wie andere Juden auch). Durch Fluchthilfe ins Versteck des mutigen Dr. Lux im benachbarten katholischen Krankenhaus Sankt Hedwig.

 

Das „Clärchen“ zog immer auch Berühmtheiten an, was seit jeher dessen apart wilde Mischung macht aus Milljöh und Boheme – einst etwa Grosz, Döblin, Dix, die Dietrich oder Klaus und Erika Mann. So mischt denn Wischnewski in ihrem TV-Historical (zugleich eine anrührende Hommage auf Clara) mit Charme und Geschick das Anekdotisch-Atmosphärische mit Erinnerungen von unbekannten Zeitzeugen (Stammkunde, Garderobiere) – und Berühmtheiten von heute: Katharina Thalbach, als Ruinenkind im Kiez aufgewachsen, denkt an den klammheimlich erkundeten, noch schlafenden Spiegelsaal als „Zauberschloss“ und an die „sensationellen Öffnungszeiten bis früh um fünfe kleine Maus“. Max Raabe an die „dicke Luft“. Wim Wenders an eine „Zeitkapsel", wo man immerzu wie gefangen auf die Uhr schaute, um den ernüchternden Ausbruch und die pünktliche Rückkehr zum Vopo-Ausreiseschalter im Tränenpalast Friedrichstraße nicht zu verpassen. Clärchens Enkel Hans-Jürgen Meyer grüßt ergriffen mit einer Träne im Knopfloch seine über alles geliebte Großmama. Regisseur Andreas Kleinert, der schon zu Ostzeiten einen feinen Ballhaus-Film drehte, erinnert Claras Schwof-Schuppen als trotzig-fantastische DDR-Gegenwelt. Und als Ort erotischer Begierden und Geschäfte. Nach etlichen Gläsern „Nante-Knaller“ (Whisky, Curacao, Sekt) konnte da gleich draußen vor der Tür in der Nacht die Post abgehen. Im Dunkeln ließ sich auf die schnelle gut munkeln im ruinösen Viertel an der Auguststraße. Nach 1990 erklärte man es zum ersten Ostberliner Sanierungsgebiet. Nun ist es hier hell, hip, schick, teuer. Im Spiegelsaal speisten Royals aus London; Hollywood drehte „Stauffenberg“ und „Inglourious Bastards“.

 

Zu Wischnewskis Film-Preview am letzten Wochenende gab‘s bei freiem Eintritt eine Vorführung für alle: Unten im proppenvollen Lametta-Gehege. – Oben im Spiegelsaal wurde bei Kerzenschein unter gedimmten Lüstern dem gelisteten Publikum ein Essen spendiert. Begeistert beklatschte Kellner-Kompanien servierten gebratene Forelle, Blut-, Knack- und Leberwurst. Anschließend Königsberger Klops plus Rote Grütze. Aber keinen Prosecco. Sondern Wodka; freilich ohne Kascha-Suppe. Berliner Futter, was sonst.

 

Mittlerweile steht „CB“ in jedem Touristen-Guide weltweit. Und macht trotzdem weiter wie eh und je. Im Parterre Schwof aller Arten für alle; daneben Tanzkurse für Bewegungsidioten. Also allabendlich Remmidemmi bis in die Puppen. In der Beletage die verfeinerte Lebensart vor halbblinden Spiegeln. Traumhaft.

„Clärchens Ballhaus“ in der Reihe „Geheimnisvolle Orte“, Dienstag, 21. November, Primetime 20.15 Uhr im rbb. Dazu passend: Das amüsant-informative Buch von Marianne Kiesow „Zu Gast bei Clärchen“ (Nikolai).