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Kulturvolk Blog Nr. 232

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

13. November 2017

HEUTE: 1. „Hühneroper“ – Atze Musiktheater / 2. „Brecht und Benjamin. Denken in Extremen“ – Ausstellung Akademie der Künste

1. Atze Musiktheater: - Hühner zur Sonne zur Freiheit

 © Joerg Metzner
© Joerg Metzner

Noch bevor es überhaupt los geht tobt schon der Saal. Denn auf der Leinwand im Bühnenhimmel flimmern zu Herzen gehende Szenen hingebungsvoll „freundschaftlicher“ Beziehungen zwischen Mensch und Tier. Knuddeln und Spielen mit Bär, Hund, Affe oder Löwe, ja sogar mit Gans und Geier. Passt zum Thema, das flapsig gesagt lautet: Tiere sind auch Menschen. Seriös gesagt heißt es im Atze-Singspiel „Hühneroper“ von Thomas Sutter (mit Gacker-Arien als irren Einlagen): „Auch Tiere haben das Recht auf ein schönes Leben.“

 

Die Szene ist eine Eier-Lege-Batterie. Genau 3.333 Hennen hocken halbkrank in Käfighaltung. Dort müssen sie hart arbeiten: Jeden Tag ein Ei und manchmal sogar zwei. Acht der fleißigen Hennen erzählen stellverstretend für ihre 3.325 Kolleginnen teils singend im Chor oder als Solistinnen von der tagtäglichen Fron, nur, damit alle Kinder (und die Erwachsenen auch) ihr billig im Supermarkt zu kaufendes Frühstücksei haben. Und für die Familienküche genug Rohstoff für Eierkuchen im Kühlschrank. Mehr Platz als ein ausgebreitetes Taschentuch einnimmt haben die Vögel für ihre marode machende Plackerei in der Enge bei schlechter Luft und synthetischer Kost nicht – Husten, Federn fallen aus, Haut reibt sich wund. Schlimme Sache; die Kinder packt das Entsetzen.

 

Doch da gibt es noch ein aufmüpfiges Hühnchen. Das junge Ding träumt – hahaha gackert lästernd die komplette Batterie – vom Fliegen und goldene Eier legen. Und schafft es mit einer allgemein überraschenden Kraftanstrengung, ein Loch in die Stallwand zu hacken. Toll! Das Acht-Hennen-Kollektiv treibt die Neugier ins Freie – obwohl doch die Hühner von Menschen allgemein für dumm gehalten werden. Blauer Himmel, Sonnenschein, Gras zum Scharren und Picken, köstliche Regenwürmer. Der Saal jubelt mit dem befreiten Geflügel. Doch dann sinkt die Sonne, Angst macht sich breit: vor dem Dunkel, der Kälte, vor dem Fuchs. So kehren alle brav hinter die Gitter unter die Fuchtel des brutal ausbeuterischen Stalldirektors zurück. Doch wer einmal frei an der frischen Luft war, vergisst das nicht. Revolutionäre Stimmung macht sich breit: Nieder mit den schlimmen Verhältnissen. Man singt „Hühner zur Sonne zur Freiheit…“ Mit einem freilich märchentauglich moderaten Kraftakt gelingt es der maßvoll emanzipierten Hühnerschaft mit dem phantasievoll-anarchischen Hühnchen als Anführer  (die Kraft der Kleinen), dem Stall-Chef moderne Freitierhaltung abzupressen. Der verkauft nun die Eier etwas teurer unter dem Label „Bio“, und dem Hennenvolk geht’s endlich gut. So haben alle ihren Fortschritt: das liebe Vieh und der Bauer auch. Friede, Freude, Eierkuchen – ein Finale wie sich’s ziemt für ein Märchen, das man sich pfiffiger  kaum denken kann.

 

Ein poesievolles Märchen. Zugleich ein das Gemüt und Verstand gleichermaßen bewegendes Lehrstückchen in Sachen Emanzipation mit Musik und Gesang – drei der fleißig mitspielenden Hennen sind Instrumentalisten mit Fidel, Mandola, Gitarre, indischem Harmonium und Kontrabass (musikalische Leitung: Sinem Altan). Autor und Liedtexter Thomas Sutter und Regisseurin Göksen Güntel nutzen ihre fantasievolle Geschichte nicht nur für moralische Erziehung, sondern nebenher noch für biologische Aufklärung. Beispielsweise wie das funktioniert mit dem Eierlegen oder dem Kückenausbrüten, wozu man zuvor einen Hahn zur Samenspende braucht. Die Sechsjährigen mag das kalt lassen; doch Zehnjährige interessieren derartige Details schon eher.

 

Übrigens, wer von den Erziehungsberechtigten und Pädagogen auf spezielle Nachhaltigkeit aus ist, denen sei das Kinderbuch „Hühneroper“ von Hanna Johansen empfohlen, die Atze-Vorlage. Das schöne Buch erschien 2004 bei Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag; leider nur noch archivalisch erhältlich. Am Atze-Büchertisch für jeden sofort zu haben ist das reich illustrierte Sachbuch für Familien und Schulklassen mit Kindern ab neun Jahren „Iss was?! Tiere, Fleisch & Ich“. Gegen eine Schutzgebühr von drei Euro auch zu beziehen über die Homepage der Heinrich-Böll-Stiftung, die für Schulen ganze Klassensätze zur Verfügung stellt.

(wieder ab dem 26. November vormittags und nachmittags bis Ende März 2018)

2. Akademie der Künste: - Zwei Dauerschachspieler im Kampf ums Affentheater

Bertolt Brecht und Walter Benjamin spielen Schach, 1934, Skovsbostrand/Dänemark © Akademie der Künste Berlin, Bertolt-Brecht-Archiv
Bertolt Brecht und Walter Benjamin spielen Schach, 1934, Skovsbostrand/Dänemark © Akademie der Künste Berlin, Bertolt-Brecht-Archiv

Zunächst wollte Brecht mit Benjamin nichts zu tun haben, der ihn anschwärmte und über Dritte heftig um Kontakt bat. Schließlich kam es im November 1924 durch Vermittlung einer Freundin doch zur Begegnung in Berlin. Im Salon der Pension Voß in der Wilmersdorfer Meierottostraße trafen Brecht und Benjamin erstmals aufeinander. Doch das Gespräch stockte. Man hatte sich erstaunlicherweise nicht wirklich etwas zu sagen. Trotzdem, beide beobachten sich; jahrelang. Vor allem Benjamin beäugt Brecht. Erst 1929 kommen sie wieder zusammen. Da muss der Knoten gerissen sein. Benjamin spricht von „sehr freundschaftlichen Beziehungen“. Und Brecht spürte das „begründete Interesse“, dass der Kollege an seinen Plänen hat. Es keimte eine Männerfreundschaft (Ruth Berlau: „Brecht hatte ihn ungeheuer gern, sie spielten ja immer Schach.“). Es wuchs eine einzigartige intellektuelle Partnerschaft mit gemeinsamen Projekten – etwa eine „Typologie des Wohnens“ und sogar eine leider nie veröffentlichte Krimireihe „Mord im Fahrstuhlschacht“. Benjamin sagte: „Kritik ist die richtige Haltung der Intelligenz.“ Und Brecht: „Ich bin für die ledigliche Produktion von Intellekt.“

 

Das war in etwa die gemeinsame Linie der allein schon äußerlich ziemlich gegensätzlichen Köpfe: der eher sanguinische Wuschelkopf Benjamin; der asketische Brecht mit dem kahlen Schädel. Schon Zeitgenossen nannten das Diskurs-Duo produktiv, asymmetrisch, katastrophal. Walter Benjamin (1892-1940) und Bertolt Brecht (1898-1956) – was für eine außergewöhnliche, konfliktgeladene Konstellation, was in der Natur der Sache liegt: der Kritiker und der Dichter, Theoretiker und Künstler, Metaphysiker und Rationalist.

 

„Unter Brechts Einfluss treibt Benjamin nur dumme Dinge“, lästerte Adorno. Siegfried Kracauer gesteht: „Über Benjamins sklavisch-masochistische Haltung Brecht gegenüber“ habe er sich mit Benjamin sehr gefetzt. Elisabeth Hauptmann im Rückblick: „Die gegenseitige Einwirkung, sonderlich auf Brechts Theorie, die war enorm. Benjamin als Partner für Brecht war mit das Beste, was es gab.“

 

Erstaunlicherweise  widmet sich erstmals erst jetzt eine Ausstellung dem Thema B.& B. Die zur Akademie gehörenden, übrigens meistbesuchten Archive Brecht und Benjamin gestalteten unter Leitung ihres Direktors Erdmut Wizisla die sensationelle Schau „Brecht und Benjamin. Denken in Extremen“. Sie spiegelt einen geistigen Kosmos im Jahrhundert der Extreme, dokumentiert das Echo von Freunden und Feinden dieser Beziehung, deren Widersprüche die beiden aushielten weil sie genau wussten, was sie aneinander haben. Der eine hielt sich, so Hannah Arendt, für den größten lebenden deutschen Dichter, der andere für den bedeutendsten Kritiker seiner Zeit.

 

Die Ausstellung am Hanseatenweg illustriert auf teils amüsante, aber auch oft anrührende Art die menschliche Nähe der beiden großen Dauerschachspieler, die, wie Benjamin schrieb, in Extremen dachten, was ihnen eine Weite und Freiheit im Denken ermöglichte. Weil man „Dinge, die als unvereinbar gelten, nebeneinander bewegen kann“. Längst sind die Namen B. und B. zu Chiffren geworden, stehen für Modelle für die Kunst und für die Betrachtung der Welt – die Stereo-Schau macht es auf kluge Art anschaulich: Ein dialogisch gesetzter Zitaten-Wald auf Texttafeln, Tonaufnahmen, Memorabilien, Fotos, Theaterdokumente, Reflexionen gegenwärtiger Künstler wie die Fortschreibung vom „Mord im Fahrstuhl“ als düstere Graphic Novel durch den Holzschnitt-Artisten Steffen Thiemann.

 

Eine spezielle Preziose ist der ungedruckte Artikel „Was ist das epische Theater?“ fürs Feuilleton der Frankfurter Zeitung. Benjamin schrieb ihn quasi als Rezension über Brechts „Mann ist Mann“ im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt; Regie: Autor, Premiere: 6. Februar 1931. Die Inszenierung entfachte eine Debatte übers Brecht-Theater (statt Einfühlung Verfremdung durch theatrale Versuchsanordnung). Benjamin feierte in seinem Text die neue Theorie vom epischen Theater. Doch Bernhard Diebold, der Frankfurter Theaterredakteur, hielt alles für „Affentheater“. Und schmiss kurz vor Drucklegung den bereits ins Layout gespiegelten Essay von der Seite. Erhalten geblieben ist der so genannte Bürstenabzug, versehen mit Benjamins spitzen Randbemerkungen. Eine Schlacht der Ansichten; jetzt gerahmt unter Glas. ‑ Und doch, bei all den nervenzerfetzenden Kontroversen um selige Übereinstimmung über unseligen Abgründen: Künstler Brecht blieb stets der irritierende Ironiker; Motto: „Ganz ernst ist es mir nicht.“

(Bis zum 28. Januar 2018. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm; das exquisite Begleitbuch erschien bei Suhrkamp, herausgegeben von Erdmut Wizisla.)