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Kulturvolk Blog Nr. 228

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

16. Oktober 2017

HEUTE: 1. „Das Radiogesicht“, Folge 112 von „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ – Primetime Theater / 2. „Die Erfindung der Pressefotografie“ – Ausstellungstipp Deutsches Historisches Museum

1. Primetime Theater: - Spaß-Guerilla gegen Zeitgeistauswüchse


Mein Gott, 112 Folgen! Noch immer ist mit den Jahren dieser hochtourigen Comedy-Truppe um Oliver Tautorat die Puste nicht ausgegangen. Und schon gar nicht die Lust am Spielen. Kein Wunder, schließlich sind sie alle, die extrem wandlungsfähigen Primetimler vom Primetime-Wedding, ausgemachte Rampensäue, die ihr Publikum wie ihre so gegensätzlichen Figuren und noch dazu ihre aus dem Stand sprudelnden Improvisationen fest im Griff haben. Die Leute, die Theaterhäusern ansonsten eher fern bleiben, kommen folglich immer wieder zu „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ (GWSW) und den All-Stars ihrer Lieblings-Serie, die mittlerweile quasi schon zur Familie gehören.

 

Es hat sich ja längst in ganz Berlin sowie unter Touristen in halb Deutschland herumgesprochen: Im gemütlichen, gewöhnlich rappelvollen Gehäuse mit der winzigen Brettl-Bühne Müllerstraße 163 am U-Bahnhof Wedding geht’s herzlich, aber auch herzhaft bissig zu. Zum Brüllen komisch, zum Schreien dämlich, zum Staunen schlitzohrig und zwischendurch immer wieder lustig zum Mitsing- und Mitklatsch-Gaudi. Oder, auch das, mal kurz zum Heulen traurig. -- Also: Das pralle, auch wund gescheuerte oder bescheuerte Leben wie es halt spielt auf und jenseits der Sonnenseite des Lebens kleiner Leute – freilich drastisch zugespitzt und bis ins Groteske, ja  Aberwitzige getrieben. Dahinter steckt die geballte, schier unerschöpfliche Fantasie der Texter, die immer wieder auf originelle, auf ab- und hintergründige, doch niemals oberlehrerhafte Art die Wirklichkeit zur überscharfen Kenntlichkeit entstellen.

 

Als unermüdlicher Inspizient des Hauptstadt-Theaters kann ich sagen: Noch immer kam ich aus jeder GWSW-Show super gut gelaunt. Das Primetime als prima Entspannungs-Therapie gegen Alltagsstress. Der Ärger über die zahlreichen, hier frech aufgespießten Zumutungen unsäglicher Zeitgeist-Auswüchse ‑ einfach mal weggelacht in der Müllerstraße. Wo sonst klappt das derart bombensicher!

 

Also klappt‘s auch mit der GWSW-Folge 112 „Das Radiogesicht“. Dahinter steckt eine zünftige Parodie auf den Medienbetrieb samt ihrer Macher. Oder auf den Youtube-Selbstvermarktungsirrsinn lächerlich durchgeknallt postpubertärer IT-Gören. Zwischen Schweinemast und Bushaltestelle gibt es höchst bedenkliche Einblicke in Alltags-Abstrusiäten der uckermärkischen Provinz. Und natürlich jede Menge Liebeshändel, verkorksten Sex, verkackte Rendezvous beim Schnitzel-König nebenan oder im Hertha-Fußballstadion. Und ein ziemlich untänzerischer Kampf-Kurs im angesagten Salsa-Tanz-Studio. Das mit Sarkasmus durchsetzte, mit Wortwitz prunkende Script für diese rasende, mit pointierten Video-Schnipseln von Marc Poritz verkettete Szenenfolge stammt von dem ansonsten auch als Schauspieler unvergleichlichen Daniel Zimmermann. Als Schreiber eine Entdeckung und ein würdiger Nachfolger der leider inzwischen abgängigen Constanze Behrend. Die Regie führt kollektiv (und mithin kostensparend) das Ensemble selbst: Oliver Tautorat, Noemi Dabrowski, Julia Franzke, Robert F. Martin und Alexandra Marinescu. – Jubel im Saal. Und immer wieder: Das lachende Einverständnis mit all unseren Lachhaftigkeiten und Entgleisungen im Denken wie im Tun. Auch noch hinterher in der lauschigen Foyer-Bar mit angenehm günstiger Getränke-Preisliste.

(Folge 112 noch bis zum 29. Oktober, Folge 113 ab dem 10. November, immer um 20.15 Uhr)

2. DHM / Sammlung Ullstein: - Ohne Rasterdruck keine Paparazzis oder Mit Ullstein in den Weltruhm


Anno 1883 geschah die Sensation: Das erste gedruckte Foto. Was bis dato nur als Zeichnung oder Holzschnitt ging, machte die „Leipziger Illustrierte Zeitung“ mit einem Foto. Das Motiv – die Ablichtung eines Gralsbechers aus einer „Parsifal“-Inszenierung – war zwar auch damals nicht sonderlich aufregend, doch die technische Innovation war epochal. Ein globaler Aufreger!

 

Möglich wurde das optische Wunder durch Autotypie, die Erfindung des Rasterdrucks von Fotos. Damit war die Foto-Illustration geboren, das Genre der Fotoreportage kam auf ‑ mithin das Fotomagazin. Eine mediale Revolution, der die Sachsen leider nicht gewachsen waren, weshalb sie ihr Blatt ein Jahr später (1884) an den Berliner Ullstein-Verlag mit seiner „Berliner Illustrierten Zeitung“ (BIZ) verkauften. Der investierte sofort in eine eigene Bildätzerei sowie in Rotationsdruckmaschinen. Die BIZ-Auflage stieg von 23.000 zur Jahrhundertwende auf 52.000. 1915 überstieg sie die Millionengrenze, 1931 waren es dann sagenhafte zwei Millionen, womit die BIZ zur reichweitenstärksten und einträglichsten deutschen Zeitschrift avancierte. Sie machte Ullstein zu einem Großkonzern und die Fotografie zur eigenständigen Kunstform. Im Schoß der in jeder Hinsicht scharfsichtigen BIZ-Redaktion mit ihren kühnen Layoutern sowie ihren inzwischen berühmt gewordenen, bestbezahlten und experimentierfreudigen Fotografen entwickelte sich die Fotoästhetik immer weiter, immer wirkmächtigerer. – Hier nur drei Namen aus der Bestenliste: die Brüder Otto und Georg Haeckel mit ihren Berlin- und Afrika-Fotos, Erich Salomon mit seinen Promi-Fotos, Martin Muskacsi mit seinen großen Fotoreportagen aus aller Welt.

 

Diesen grandios technisch-künstlerischen Prozess dokumentiert erstmals in dieser Fülle eine Ausstellung im Berliner Deutschen Historischen Museum (Pei-Bau) in Zusammenarbeit mit der Axel Springer Syndication; Titel: „Die Erfindung der Pressefotografie. Aus der Sammlung Ullstein 1894 – 1945“.

 

Die profunde Darstellung des Fotojournalismus in Deutschland von der Pionierzeit bis 1945, dem Ende des Verlags ‑ 1934 wurde Ullstein arisiert und bis zuletzt in den Dienst der NS-Propaganda gestellt ‑, diese einzigartig fulminante Schau wurde dadurch möglich, dass per Zufall das nach 1943 ausgelagerte Ullstein-Bildarchiv mit fünf Millionen Fotos – was für ein kunst- und kulturgeschichtlicher Schatz! ‑ den Zweiten Weltkrieg überlebte. Die dazugehörige papierne Ausschnittsammlung hingegen verbrannte.

 

Der legendäre Chefredakteur der BIZ von 1905 bis 1933, Kurt Korff, über die Leitidee seiner Arbeit: „Die Zeitschriften der früheren Jahrzehnte brachten im Wesentlichen mehr oder minder ausführliche Texte, die durch Bilder illustriert wurden. Aber erst zu einer Zeit, in der das Leben ‚durch das Auge‘ eine stärkere Rolle zu spielen anfing, war das Bedürfnis nach visueller Anschauung so stark geworden, dass man dazu übergehen konnte, das Bild selbst als Nachricht zu verwenden.“ – Übrigens, der große Korff emigrierte nach seinem Rausschmiss in die USA, wo er später die Arbeit des „Life“-Magazins mit prägte. Die zahlreichen, gleichfalls nicht mehr „tragbaren“ jüdischen Mitarbeiter, meist Stars ihrer Branche, flohen ins Ausland oder wurden ermordet. Die „arische“ Belegschaft schaute weg, passte sich mehr oder weniger schamlos an.

 

Natürlich war es Korff, der maßgeblich das BIZ-Themenspektrum beeinflusste und somit Sorge trug, dass es – als ein Garant für hohe Auflagen ‑ voll auf die Interessen eines Massenpublikums einging. Kurt Korffs Erfolgsrezept: Die permanente Suche nach dem überwältigend originellen Blick auf die Realität. Ein geschickter, den Aktualitäten entsprechender Mix aus eigentlich allem; aus Politik, Weltgeschehen, Wissenschaft, Sozialem, Sport, Mode, Kunst (auch sonderlich der Avantgarde), Abenteuer, Reise, Klatsch, Preisausschreiben, Rätsel, Fortsetzungsromanen wie überhaupt Literatur und – mit Aufkommen des Kinos – Film; Filmkunst und BIZ-Fotokunst wurden quasi wie Zwillinge parallel erwachsen.

 

Grob gesagt gliederten die Kuratorinnen Carola Jüllig (DHM) und Katrin Bomhoff (Ullstein/Springer) die Schau in drei Kapitel. Erstens: Kaiserreich (Porträts der so genannten feinen Gesellschaft mit den ersten Paparazzi-Bilden etwa von der Abdankung des Kaisers, der Fotograf hatte sich in einem Heuwagen versteckt), Erster Weltkrieg mit dem Einzug des Politischen und grausam Dramatischen in die BIZ. Dann zweitens: Die Weimarer Republik mit dem programmatischen und höchst umstrittenen (weil als Skandal empfundenen) Titelbild Reichspräsident Ebert und Reichswehrminister Noske in sackartiger Badehose gemeinsam in der Ostsee bei Travemünde im August 1919. Und schließlich drittens: Die NS-Ära mit formal perfekten Fotos, freilich manipulativ aufgeladen mit nationalsozialistischer Propaganda – signifikantes Beispiel für Größe wie Hybris der Fotografie bzw. des Bild-Journalismus. Der grandiose Parcours durch historische, technische, künstlerische Epochen ist ungemein lehrreich und obendrein höchst amüsant. Ein Bildungs- und Kunstereignis ohnegleichen.

(Noch bis zum 31. Oktober. Der einer Art Kulturgeschichte gleichende, nicht nur für Journalisten höchst lesenswerte Katalog kostet 19,80 Euro.)