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Kulturvolk Blog Nr. 223

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

11. September 2017

HEUTE: 1. „Stella“ – Neuköllner Oper / 2. „Fly, Edith, Fly – vom Ballermann zum BER“ – Berliner Kabarettanstalt / 3. Bohei um Badespass am Wannsee – Ausstellung Liebermann-Villa

1. Neuköllner Oper: Gestapo-Greiferin - – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm

 © Matthias Heyde
© Matthias Heyde

Stella ist jung, schön, blond, begabt und lebensgierig ‑ scharf auf Männer, scharf auf eine Karriere als Show-Star in Amerika. Doch sexy Stella, Künstlerkind aus Berlin, gerade 20, ist Jüdin ‑ in Hitlers Großreich. Längst rollen massenhaft Deportationen. Aber bislang ging der Kelch an ihr vorüber. Dann der Schlag: die Anordnung, Berlin „endlich judenrein“ zu machen. Also ab in den Untergrund – wie 8000 Berliner Juden auch. Für Stella Goldschlag die letzte Chance, der „Endlösung“ zu entgehen. Aber sie wird erwischt und erpresst, für die Gestapo als „Greiferin“ zu arbeiten, die versteckte Juden aufspürt und anzeigt. Das so berüchtigte wie glamouröse „blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“ enttarnte wohl mehr als 300 untergetauchte Juden – und gab sie somit frei für den Transport in den Tod. – Die Goldschlag überlebte, wurde nach dem Krieg von den Sowjets zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt, ging danach in den Westen, wurde auch dort vor Gericht gestellt, wandelt sich von einer reuigen Sünderin zur hartnäckigen Leugnerin ihrer Verbrechen, beantragt Entschädigung als NS-Opfer, konvertiert zum Christentum, heiratet in dritter Ehe einen Alt-Nazi, bekennt sich als Antisemitin. 1994 begeht sie Selbstmord; mit 72 Jahren.

 

Was für eine schockierende Geschichte aus Kraft, Glanz, Liebeslust, Rohheit, Verrat, Verkommenheit, existenzieller Angst und grausamem Kalkül. Der Librettist Peter Lund und der Komponist Wolfgang Böhmer haben aus dieser gespenstisch ambivalenten Biografie ein „deutsches Singspiel“ geformt: „Stella“. Schauerlich spannend, gefühlvoll, doch frei von falschem Sentiment; aufklärerisch, aber frei von Agitation mit dem Zeigefinger. Dennoch bohrt immerzu unausgesprochen die Frage ins Publikum: Was wir wohl hätten getan, geht es auf Leben oder Tod.

 

„Stella“, das ist souveränes Spiel mit dem poetisch-sarkastischen, pointenstarken Script, den Formen des musikalischen Entertainments der Vorkriegszeit, dem Horror des NS-Alltags. „Stella“ – ein raffiniert kalkuliertes Gemisch aus Revue, Musical, Historical, dramatischen Spielszenen, opernhaften Momenten. Ein Geniestreich des musikalischen Theaters! Alles das, das Komische, Glänzende, das Schockierende, Grausame, Elende, Tragische kommt leicht und nicht etwa angestrengt, schwerfällig, anklägerisch daher – vor allem auch aufgrund der fantasie- und temporeichen, zugleich überaus präzisen Regie von Martin Berger im ingeniösen Bühnenbild von Sarah-Katharina Karl: Ein verspiegelter Riesenkasten mit zwei Etagen, eine stets einsehbare Art Labyrinth mit Projektionsflächen für signifikante Video-Sequenzen (Roman Rehor; Choreografie: Marie-Christin Zeisset).

 

Freilich: Im Mittelpunkt steht Friederike Haas als kriminelle, überlebenstolle, verführerische Stella – monströse Täterin, glitzernde Lady, elendes Opfer, Todesengel. Ein himmlisch-höllischer Stern, umschwirrt von einem gleichermaßen hinreißenden, in vielerlei Figuren schlüpfendes Herren-Ensemble: Jörn-Felix Alt, Alen Hodzovic, Victor Petitjean, Markus Schöttl, David Schroeder, Samuel Schürmann, Dennis Weißert.

 

„Stella“ ‑ ein Maßstäbe setzendes Ereignis, mit dem sich das ideenreiche Novitäten-Labor Neuköllner Oper zum wiederholten Mal als ein Erstligist der Branche positioniert. Premiere war vor einem Jahr; jetzt glücklicherweise die aufwühlende Wiederaufnahme. Nicht verpassen!

(wieder 14.-17., 21.-24., 27./28., 30. September, 20 Uhr)

2. BKA: Die Ladies von der Nogatstraße picheln Futschi auf Malle

 © Joern Hartmann
© Joern Hartmann

Sitzt einer aufm Klo, zieht an der Kette, doch statt unten rauscht es von oben und die Sitzung endet pudelnass. Wer über solch feuchtfrohen Scherze – wie jetzt wieder via Video entsetzten Blickes vorgeführt im neuesten Neuköllnical von Berlins maskuliner Wuchtbrumme nebst Hakennase mit gefälscht feminimem Körperbau Edith Schröder –, wer da nicht wirklich lachen kann, der ist schon mal im BKA am völlig falschen Ort im völlig falschen Spaß und verfügt über den völlig falschen Humor.

 

Denn hier, im Kleinkunst-Tempel Berliner Kabarettanstalt in der Mansarde eines altberliner Geschäftshauses am Kreuzberger Mehringdamm ist nämlich alles total Camp. Oder: lebenspraller Trash. Deshalb mein mutiges Bekenntnis als unermüdlicher Konsument hochkultureller Darstellungskunst: Die Ades-Zabel-Company ist mir nicht nur sommers ein einzigartig ergötzliches, nie enttäuschendes Erfrischungstuch im zuweilen arg ermüdenden, hochsubventionierten Hauptstadt-Spielbetrieb.

 

Nun aber der Reihe nach. Wer es noch immer nicht weiß: Seit drei Jahrzehnten schon perfektioniert der Unterhaltungskünstler Ades Zabel die von ihm erfundene so plebejische wie schrille Kunstfigur Edith Schröder aus der Neuköllner Nogatstraße, mittlerweile knapp sechzig, aber noch immer prima drauf bezüglich schwuler Triebe, sozialer Kommunikation und asozialer Lebenstüchtigkeit als Hartz-VIII-Empfängerin und Alkoholkonsumentin (ihr Klassiker: der so genannte Futschi, ein Mix aus Cola und Hochprozentigem, gern im Verhältnis 20 zu 80).

 

Zum harten Kern des Zabelschen Travestie-Entertainments gehören ihre beiden Freundinnen Biggy van Blond, gertenschlanke Besitzerin einer Leggins-Boutique, sowie die tantenhaft herzensgütig Futschi spendierende Kneipenwirtin Jutta Hartmann (Bob Schneider). Das Trio infernal erfand für die krasse Darstellung berlinisch-subkultureller (aber nicht nur) Daseinswirklichkeiten das besagte Neuköllnical. Jetzt hatte die dritte Ausgabe (nach „Hostel Hermannstraße“ und „Die wilden Weiber von Neukölln“ ihre von einschlägigen Fans und Touristen umjubelte Premiere.

 

Unter dem Titel „Fly, Edith, Fly – vom Ballermann zum BER“ werden gleich drei Phänomene verwurstet: Die Gentrifizierung traditionell kleinbügerlich-proletarisch-studentischer Kieze um Hermann- und Nogatstrasse in Neukölln durch Hipster-Hüte, die Endlosbaustelle Hauptstadt-Flughafen sowie das grölende Strand- und Disco-Dasein fernab auf Malle. Klingt im ersten Moment nach Ach-du-lieber-Gott-schon wieder. Entfacht jedoch – feines Kunststück der phantasiereichen Regie und Autorenschaft Bernd Mottls ‑ zunehmend grotesken Witz und unverschämten Charme.

 

Die so extrem alberne wie vertrackt hintersinnige Show verfügt sogar über eine absurd grundierte Handlung: Kneiperin Jutta hat nach nunmehr 30 Jahren klammheimlich via Airbnb ihre Wohnung an mehr lauthals feiernde als schnarchende Touris untervermietet und sich nach Mallorca verduftet um dort – mal was Neues! ‑ in der Bockwurstallee „Jutta’s Inn“ aufzumachen, derweil ihre alte Neuköllner Futschi-Stube von einer hippen „Influencerin“ geführt wird, die Eintritt nur nach Gästeliste gewährt – auf der freilich die daheim gebliebene Edith Schröder nicht vorkommt. Die gefrustete Alki-Queen heult sich aus in Biggys Boutique, die wiederum ihrer Edith einen tröstlichen Job als Testerin für klemmende Rauchfangtüren und Gepäcklaufbänder und schließlich als Spaßmacherin einer zünftigen BER-Ruhestandsparty vermittelt. Dort lernt sie den versoffen und trotzdem virilen, obendrein frechen Piloten Heiko mit dem sexy Schmerbauch kennen (als Gast der Schauspieler und Sänger des Pop-Duos „Meystersinger“ Roman Shamov), der Edith und Biggy in ein alt-sowjetisches Schrottflugzeug packt und immer knapp am Absturz vorbei nach Malle flattert, um Jutta wieder heimzuholen ins Paradies an der Nogat, wo inzwischen – schneller Wechsel! ‑ die Hipster weiter gezogen sind in andere Hauptstadt-Quartiere und ein Umbau droht, der aus Juttas Nogat-Kneipe eine vegane Fleischerei machen will, was es zu verhindern gilt („igitt, die machen aus Altpapier Schinken“).

 

Zuvor jedoch wird noch einmal ordentlich abgefeiert auf der spanischen Insel in Juttas Sangria-Studio. Zudem haben auch dort alle vier allerhand übliche oder unübliche Abenteuer mit Tanz. Gesang, Wortwitz und netten Sauereien lustvoll zu überstehen, bevor man in der Heimat wieder in schönster Gelassenheit dem unkaputtbaren Futschi zuspricht.

 

Die wahrlich mitreißende Gaga-Revue ist natürlich immer ein deutliches bisschen mehr als bloß wüster Tuntenkrawall und irrer Travestie-Ulk, sondern treffliche Satire auf ebenso wüste wie irre Realitäten. Wobei sich die Comedy-KünstlerInnen auf ein professionell arrangiertes Zusammenspiel stützen von perfekt inszenierten Einspielfilmen (Jörn Hartmann), Halbplayback (Musik-Arrangements: Sven Ihlenfeld), von politisch herrlich unkorrekten Dialogen, schmissiger Choreographie und knalligen Spezialeffekten. Da kocht der Saal und johlt beim Mitsingen und Mitklatschen. Jedermanns (oder bittschön: jederfrau) Alltagsbetrübnis ist im Handumdrehen und einigermaßen nachhaltig wie weggewischt. Olé!

(wieder 13.-14., 16., 20.-23. September jeweils 20 Uhr)

3. Liebermann-Villa: Wem gehört der Wannsee?

Liebermann-Villa am Wannsee © Peter Groth
Liebermann-Villa am Wannsee © Peter Groth

Das Beschwerde-, Protest-, Dagegen-Unwesen grassiert nicht erst heutzutage. Vor gut einem Jahrhundert gab es einen komisch-grotesken Fall, der mich ein bisschen an das erinnert, was feine Leute gegenwärtig alles anstellen, um etwa Kindergeschrei auf Spielplätzen in der Nachbarschaft verbieten zu lassen.

 

Es ist Sommer anno 1911. Die Thermometer auf Rekordhöhe. Ende Juni gab’s hitzefrei für die Sitzung im Preußischen Abgeordnetenhaus. Im Juli 35 Grad, kaum Regen, im August gerade mal sieben Milliliter pro Quadratmeter. So zogen Heerscharen ans Ostufer vom Wannsee, wo bereits 1907 eine „Öffentliche Badestelle“ amtlich ausgewiesen worden war und Jahrzehnte später Europas größtes und modernstes Strandbad entstehen sollte. Um die „öffentliche Stelle“ etablierten geschäftstüchtige Kleinunternehmer ein Familienbad mit blickdichtem Zaun, diverse Kioske und Restaurationen mit Musik und Trallala. Es ging hoch her unter Volkes freiem Sommerhimmel – erstaunlicherweise schon ab sechs Uhr frühmorgens.

 

Doch nebenan und gegenüber prunkten die hochherrschaftlichen Villen, deren Besitzer der massenhafte Badespaß die Ruhe störte. Es hagelte Beschwerden gegen die „eingerissenen Zustände, die eine geistige Konzentration und ein Ausruhen unmöglich machten“. Auch der berühmte Maler Max Liebermann in seiner eben erst bezogenen Villa mit Garten, Strandpavillon, Bootssteg unterschrieb gemeinsam mit 27 steinreichen Grundbesitzern am 28. Januar 1912 einen Beschwerdebrief an die Königliche Regierung zu Potsdam bezüglich des „ruhestörenden Geräuschs im fiskalischen Familienbade Wannsee“. Schließlich suchte man „fern vom Getriebe der Großstadt mit ihrem lärmenden Vergnügen Muße zu künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit sowie Erholung nach den Mühen anstrengender kaufmännischer Tätigkeit“.

 

Was für eine witzige Idee, aus diesem Konflikt zwischen Elite und Menge eine zauberhafte kleine Kunstausstellung zu entwickeln. Motto: „Streit am Wannsee. Von noblen Villen und Strandbadfreuden“ in der Liebermann-Villa; mit dem Bus 114 Richtung Heckeshorn ab Bahnhof Wannsee in zehn Minuten bequem erreichbar. Oder in einer halben Stunde Fußmarsch unter alten Bäumen. Außerdem: Nach der Besichtigung locken der spätsommerliche Blumengarten, der Seeblick und Kuchen mit Kaffeeausschank auf der Terrasse vom Café Max.

 

Da hängen in den luftigen Räumen neben den gemalten Idyllen mit weißen Bänken und bunten Blumen beispielsweise von Max Liebermann die zünftigen Zeichnungen aus deftig halbnacktem Milljöh am und im Wasser beispielsweise von Heinrich Zille. Nebenbei wird ein Häppchen Kulturgeschichte gegensätzlicher Lebensstile zur Kaiserzeit lebendig; ergänzt mit Dokumenten aus dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv und unterstützt von den Berliner Bäderbetrieben, deren Pressesprecher Matthias Oloew die Petition an den Kaiser in besagtem Archiv entdeckte. – Übrigens: Im Sommer 1912, also ein reichliches halbes Jahr nach Abfassung der großbürgerlichen Meckerei gegen die Plebejer, kamen etwa eine halbe Million Bade- und Feierlustige an den Wannseestrand. Der Kaiser tat nichts dagegen; die Behörden auch nicht. Die unerhörte Beschwerde verhallte ungehört.

Museum und Galerie Liebermann-Villa Colomierstraße 3. Noch bis zum 3. Oktober täglich außer dienstags 10 bis 18 Uhr, sonntags 10 bis 19 Uhr