0

Kulturvolk Blog Nr. 221

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

26. Juni 2017
HEUTE: 1. Und wieder ist es soweit: Unser Sommerfest ruft alles Kulturvolk / 2. Optimismus nebst Fragezeichen – kleine Statistik zum Saison-Finale / 3. Zum 95. Geburtstag des berühmten Satirikers Hansgeorg Stengel

1. Alle Jahre wieder - Sommerfest!


Seit Monaten schon rackern die phantasievollen Organisatoren der Sommerparty, damit die Chose wieder – wie immer schon – ein tolles Happening wird. Die Ruhrstraße ist gesperrt, ein großes Zelt dort aufgebaut, wo Künstlerinnen und Künstler der Theater und Opernhäuser, des Staatsballetts, des BKA oder vom Ballhaus Naunynstraße auftreten (auch Klaus Hoffmann sowie Ulli & Die Grauen Zellen sind mit von der Partie/Party). Es wird garantiert ein pralles und buntes, gelegentlich gar schrilles, zugleich aber auch informatives vielstündiges Programm, durch das der sonderlich in kulturellen Dingen bewanderte Moderator Peter Claus von Radio Berlin Brandenburg das Publikum mit flotter Lippe frohen Mutes geleitet.

 

Selbstverständlich haben die vielen-vielen Kulturvolk-Kulturpartner aus Berlin und Brandenburg wieder ihre Stände aufgebaut zur Präsentation ihrer neuen Programme; man wird dort was gewinnen oder kaufen oder gratis mitnehmen können. Die Tombola hält schöne Preise, das Glücksrad - hat man Glück! – jede Menge Freikarten parat. Für Kinder ist extra was los beim Theater aus dem Koffer, und natürlich gibt es reichlich zu Futtern und zu Naschen, Schürfen, Schlucken. -- Liebe Leute, freut Euch auf Spaß und Spiel für die ganze Familie und sorgt für prima Wetter.

Am Sonntag, den 1. Juli, ab 15.00 Uhr. Vor der Ruhrstraße 6.

 

Bei dieser Gelegenheit ein donnerndes Sommerfest-Salut ostwärts zu BE und Volksbühne. Dort wird just am kommenden Wochenende das Finale zweier bedeutender Intendanzen zünftig mit Karacho sowie reichlich Tränen in den Knopflöchern gefeiert. Peymann & Castorf, zwei Titanen der Szene, werden sich fortan als hohe Gäste an anderen hohen Häusern umtun. Im Rückblick an ihre Berliner Zeit aber bleibt, alles Ärgerliche lax beiseite geschoben: Glück und Dankbarkeit!

Und noch eins: Volker Ludwig übergibt - eventmäßig gerahmt - am Mittwoch Abend (5. Juli) im Grips-Theater den bislang von ihm streng gehüteten Hausschlüssel an seinen Nachfolger Philipp Harpain.

2. Millionen-Publikum und Mindestgage -

Die Zahl der Inszenierungen an von öffentlicher Hand finanzierten Bühnen ist mit gut 6000 heutzutage um knapp 50 Prozent höher als in der Spielzeit 1991/92. Und: Trotz Netflix und Youtube eilt man nach wie vor massenhaft in die Stadt- und Staatstheater; nicht zuletzt auch dank tatkräftiger, nimmermüder Beihilfe von Besucherorganisationen wie Kulturvolk | Freie Volksbühne Berlin. Der Zuspruch kommt nicht zuletzt auch deshalb, weil das Angebot sich immer breiter auffächert sowohl bezüglich der Inhalte als auch der Formen und Spielorte (vom Theaterkeller bis zum Theaterdachboden). Freilich geht die zunehmende Premierendichte bei meist gleich bleibender Ensemblestärke mit zunehmender Selbstausbeutung der Theaterleute einher.

 

Nebenbei bemerkt: Die Mindestgage (oder Eintrittsgage, bei der es dann gern viele Jahre lang bleibt) beträgt fürs künstlerische Personal gerade mal 1850 Euro im Monat. Damit sind beispielsweise die Schauspieler, die immerhin das Antlitz eines Theaters prägen, nicht selten das am schlechtesten bezahlte Personal – Techniker verdienen da meist deutlich mehr; sie haben in der Regel gewerkschaftlich durchgesetzte Tarife des öffentlichen Dienstes. Freilich könnten die Theater ihren Künstlern auch mehr zahlen als Mindestlohn, das steht ihnen frei. Doch dafür reicht dann gewöhnlich der Etat nicht aus. Neuerdings hat das Theater Konstanz unter Intendant Christoph Nix den Teufelskreis durchbrochen und eine Mindestgage von 2000 Euro monatlich festgelegt. Das Geld dafür nimmt Nix aus dem Geld-Topf für die künstlerische Produktion, die somit eingedampft wird. Eine fragwürdige Lösung, die allerdings diverse Existenzgrundlagen im Ensemble sichert. Eine andere Selbstverpflichtung übernahm jetzt Axel Vornam, Chef des Heilbronner Theaters. Dort gibt es jetzt 2300 Euro Mindestgage. Die Mehrausgabe wird er aber auch andernorts einsparen müssen. Vertrackte Lage!

 

Zurück zur Statistik: Die Zahl der Besucher kreist seit Jahrzehnten um die 20-Millionen-Marke pro Spielzeit; die elf Millionen Besucher privater Bühnen nicht mit gerechnet. Kein Wunder, Deutschland hat noch immer die weltweit höchste Theaterdichte: Es gibt 142 öffentlich getragene Stadttheater, Landesbühnen, Opernhäuser, 220 Privattheater, 60 Sinfonie-, Kammer- und Rundfunkorchester und etwa 70 Festspiele. Bravo!

 

Aber: Nicht wenige, sonderlich kleinere Häuser mit in der Regel starker künstlerischer Ausstrahlung in die Kommune (oft sind sie obendrein größter Arbeitgeber vor Ort) ringen nach wie vor nervenzerfetzend um ihre Finanzierung mit gern ignoranten Lokalpolitikern. Es ist zwar wirklich nicht alles schlecht; doch vieles ist längst noch nicht gut.

 

3. „Drum leg noch einen Zahn zum Leben zu!“ - befiehlt Hansgeorg Stengel. Gruß und Gedenken an den gewitzten Berliner Sprechsteller

DDR und Satire, das mögen viele sich sagen: Wie kann das zusammen gehen. Es ging eigentlich nicht; eigentlich. Und doch kam sie vor, wenn auch nicht selten dem „System“ abgerungen oder untergejubelt. Einerseits. Anderseits war der SED-Staat emsig bemüht, für ein ordentlich Maß an Frohsinn und Unterhaltung zu sorgen, um die sozialistische Menschengemeinschaft bei Laune zu halten. Obendrein war Satire geeignet als Ventil zum Ablassen von Druck, der sich immer wieder anstaute gegen obrigkeitsstaatliche Bevormundung und Manipulation.

 

Einer der berühmtesten DDR-Satiriker war Hansgeorg Stengel, geboren am 30. Juli 1922 im Residenzstädtchen Greiz. Der Mann erlaubte sich, um es etwas despektierlich zu sagen, die Pointe, am 30. Juli 2013 zu sterben. Ich kann einfach nicht anders, an diesen seinerzeit wahnsinnig berühmten tollen Hecht in tiefer Zuneigung zu erinnern. Am 30. Juli 2017 hätte er (längst ein Berliner) seinen 95. Geburtstag feiern können, wäre er nicht am 30. Juli vor vier Jahren von uns gegangen…

 

Es war Anfang der achtziger Jahre, Studentenklub Technische Hochschule Ilmenau: Auftritt von Stengel. Man schob ihm einen Stuhl hin, er lehnte ab und fragte todernst: „Welcher Satiriker sitzt schon gern?“ Krachendes Kichern. -- Sogar Goethe hatte es damals schwer und scheiterte als Junglyriker. Denn keine der SED-Gazetten wollte „Wanderers Nachtlied“ drucken; das Bald-ruhest-du-auch war viel zu pessimistisch. So weinte er denn bitterlich und versuchte es als unverbesserlicher Optimist bei der DEFA als Drehbuchautor... – So ging, hier kurz gefasst, ein Stengel-Text mit der frechen Anspielung auf das 11. SED-Plenum, das Mitte der 1960er Jahre gleich eine ganze filmische Jahresproduktion der DEFA verbot. Grinsend brachte der Autor mit wenigen Zeilen das Elend der Zensur und überhaupt den ganzen herrschenden Staatsgeist auf den bösen Punkt.

 

Hansgeorg, der lange Lulatsch aus Thüringen, war im Osten bekannt wie ein bunter, aber scharfer Hund. Nicht nur wegen seiner Satiren, auch wegen seiner Kinderbücher (er erfand einen sozialistischen Struwwelpeter) und seiner Sprachkritiken (er nannte sich „Sprechsteller“). Die Zeitschrift „Eulenspiegel“, der man vornehmlich mit Beziehungen am Kiosk habhaft wurde, war jahrzehntelang seine Hauspostille. Er schrieb dutzende Bücher („Unschuldsstengel“, „Stengelsgeduld“, „Mit Stengelszungen“), verkauft wurden einige Millionen Exemplare. Es ging ihm erstaunlicherweise stets flott vom Hirn in die Hand. Mit Tucholsky und Ringelnatz konnte er durchaus gleichziehen. Sitzen musste er – bei aller ausgetüftelt aufmüpfigen Spitzzüngigkeit – nie; höchstens zwischen allen Stühlen. Er genoss Narrenfreiheit trotz aller Wachsamkeit der Genossen. Übrigens: Wie Schopenhauer war Stengel ein begeisterter Rückwärtsleser. Seine Sammlung Palindrome „Annasusanna“ (1984) gilt als Klassiker. Kostprobe: „O du relativ vitaler Udo.“

 

Zwischen A und O

Von Hansgeorg Stengel

 

Da wird man also irgendwann geboren

und irgendwo aufs Lebensgleis gestellt

so unabweisbar, wie es den Autoren

des Kinds, das heißt dem Elternpaar gefällt.

 

Ein solcher Auftakt dünkt mich problematisch,

und es befremdet jedes Menschenkind,

dass Zeugung und Geburt nicht demokratisch

und fair mit jenem abgesprochen sind.

 

Wer räsoniert, entrüstet sich vergebens,

denn längst entschied das Oberste Gericht:

Der Mensch ist zwar Gestalter seines Lebens,

doch über Nest und Start bestimmt er nicht.

 

Und wie der Anfang, findet auch im Grunde

das Ende ohne Mitbestimmung statt.

Fatal ist, dass auf seine Sterbestunde

der Mensch verteufelt wenig Einfluss hat.

 

Dir bleibt indessen Zeit, dich zu vollenden.

Drum leg noch einen Zahn zum Leben zu.

Geburt und Tod sind schwerlich abzuwenden,

doch was dazwischen liegt, bestimmst nur du.

 

(Aus Hansgeorg Stengel „Dicht an dicht: sämtliche Gedichte“. Eulenspiegel Verlag Berlin 2002, 288 Seiten, 14,90 Euro)

 

In diesem Sinne: Einen großen Sommer, frohe Ferien. Auch ich pausiere (bis September), mach mich auf die Socken und leg – in guter Hoffnung noch einen Zahn zum Leben zu…