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Kulturvolk Blog Nr. 212

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

24. April 2017
HEUTE: 1. „Aufguss“ – Theater am Kurfürstendamm / 2. „Life is a bitch oder Wie ich gestern meine Zukunft fand“ – Vaganten Bühne / 3. Geschichte entschlüsseln: Was alte Schriften in Stasi-Akten offenbaren – Stasi-Zentrale Ruschestraße

1. Kudammtheater - Geld und Sex in der Sauna

 © Robert Jentzsch

Erstaunlich, was für ein irres Verwirrspiel der erfahrene Lustspielautor René Heinersdorff aus dem Hauptwort „Spende“ heraus entfesselt, das er mit zwei anderen Hauptwörtern zusammensetzt. Nämlich „Geld“ und „Samen“. Die beiden Begriffe „Samenspende“ und „Geldspende“ ergeben denn auch gleich sozusagen das Thema seiner Farce „Aufguss“ : nämlich die Kette unglaublicher Missverständnisse unter fünf Leuten in der Sauna eines Wellnesshotels. Ein ältlicher Frauenheld (Hugo Egon Balder) will seiner etwas jüngeren aktuellen Freundin (Madeleine Nische) nicht selbst zu einem Kind verhelfen und engagiert den Muskel-Schönling Alain (Max Claus) als Samenspender nach dem letzten Sauna-Aufguss in besagter Absteige. Zugleich treffen die drei dort auf den Chef einer Kinderklinik und seine Sekretärin (René Heinersdorff, Jeanette Biedermann), die den stinkreichen Waschmittelfabrikanten Dieter alias Balder in gelöster Dampfbadstimmung zu einer satten Geldspende für ihren medizinischen Betrieb animieren wollen. Die kreuz und quer rasenden Missverständnisse der zuweilen schlüpfrigsten Art ums "Spenden" kochen heiß und hoch und über und lassen bescheidene Fragen nach der Logik (oder womöglich moralischen Implikationen) dieser kreischlustigen Bademantel-Veranstaltung flugs verdampfen.


Die Produktion des Düsseldorfer „Theaters an der Kö“ funktioniert auch am Ku(damm). Das Publikum schlägt sich die Schenkel wund vor Juchz und Lach. Was an dem schier unerschöpflichen Vorrat an Kalauern liegt, die der Autor loslässt, der zugleich Regie führt. Wofür ihm ein exquisites Ensemble zur Verfügung steht: Jeder brillante oder - meistens noch so dämliche Wortwitz zündet auf den Punkt. Muss man können! Tempo, Tempo und eine potente Schote auf die andere (impotente). Das geile Ding könnte auch unversehens total peinlich in die Hose (hier: ins Frotteetuch) gehen. Doch alle Spieler bewahren - bei all den publikumswirksam unter die Bademantelgürtellinie gehenden Rhetorik-Schlägen - eine gewisse Eleganz, versprühen einen ziemlich lässigen Charme. So erscheint all das in der Hitze der Gefechte grob und banal Aufgeladene letztlich noch irgendwie cool. Und also erträglich auch für eher zartbesaitete Gemüter.

(bis zum 14. Mai)

2. Vaganten Bühne - Verkacktes Leben in einem verkorksten Stück

 © Marcel Weisheit

Ein seit alters her bewährter Trick der Dramatiker ist, eine Figur aufzuspalten in zwei Ichs und dann die beiden diskursiv gegeneinander antreten zu lassen. Der vom (Kurz-)Film kommende, bereits mehrfach ausgezeichnete Autor und Regisseur Jan Bolender hat in seinem Stück mit dem so peinlich überambitioniert klingenden Titel „Life is a bitch oder Wie ich gestern meine Zukunft fand“ einer vereinsamten, verkrachten, verbitterten, unentwegt mit sich selbst hadernden, hochmütigen, dann wieder depressiven und suizidgefährdeten Künstlerin (Kunstlehrerin) namens Marlene (Mitte 40) als Gegenspielerin die Figur der Lene gegeben – Lene ist Marlene vor reichlich zwei Jahrzehnten; das junge Ding, das noch glaubte, all ihre immergrünen Bäume würden bis in den Himmel wachsen. Lene stellte die Weichen der Lebensbahn so, dass aus ihr das wurde, was Marlene jetzt mit ihrem total „verkackten“ Dasein ist.


Ist eigentlich eine spannende Draufsicht auf ein verkorkstes Leben oder, genauer, auf die Knackpunkte, an denen immer wieder falsche Entscheidungen getroffen wurden. Das ganze wäre eigentlich die Anatomie eines immerwährenden Scheiterns. – War es aber nicht! Und es war auch kein spannender Diskurs zwischen Alt-Marlene und Jung-Lene um die falsche Weg-Wahl an den Kreuzungen des Lebens; war keine Analyse der Fehlentscheidungen, war keine Frage danach, warum es kein Umwerfen des Ruders gab, um aus dem falschen Leben in ein womöglich richtiges Fahrwasser zu kommen. Der Autor entwickelt aus seinem Setting kein Drama, schreibt Plapper-Dialoge, langweilt mit allerhand Küchenpsychologie, mit angestrengt aufgesetzten Poetereien. Die gängigen, vorhersehbaren Daseinskonflikte sind flink aufgespießt von der Konfektions-Stange und werden im Handumdrehen mit allerhand Gelaber, cool sein sollendem Getue und Gemache abgebügelt. Das Stück ist kein Stück, sondern, wie sein Titel, nur nerviges Wortgeklingel. Ein Dramaturg hätte hier Schwerstarbeit leisten müssen. Stattdessen steht auf dem Besetzungszettel, das Stück sei improvisierend entwickelt worden mit den beiden (im Spiel der Banalitäten immerhin stark präsenten) Hauptdarstellerinnen Nicole Marischka (Marlene) und Sarah Alles (Lene). Man darf sagen: Zu sehen war allerhöchstens die Rohfassung einer Stückentwicklung. Hochtrabende Ambitionen (darin der Figur der Marlene nicht unähnlich) machen eben noch lange kein gutes Script (wie aus Marlenes hohen Ansprüchen kein gutes Leben wird). Da oben das Wolkenkuckucksheim, da unten das „verkackte“ Leben, das verkorkste Theaterstück.


Zu allem Unglück musste es Jan Bolender auch noch inszenieren; herausgekommen sind alberne Exerzitien für ordentliche Schauspieler, die einem ein bisschen leid taten für den Unsinn, den sie abzusondern, abzuwinseln, abzuhaspeln, abzukreischen hatten, ergänzt von zwei männlichen Kollegen, die inhaltlich nichts wesentliches zu tun hatten als Schweinemasken, Gummianzüge, Donald-Duck-Puschen oder Tanga-Slip zu tragen. Noch so ein Blödsinn. – Gut, die Chose ging komplett in die Hose, und die ansonsten durchweg ruhmreichen Vaganten haben eine Novität ausprobiert; muss sein, da darf man auch mal tüchtig scheitern. Die Vaganten können das locker wegstecken.

(wieder vom 17.-20. Mai)

3. Stasi-Zentrale „Haus 22“ - Mit Paläografie kriegt man raus, was sonst keiner mehr lesen kann

Schwer zu entziffernde Briefe, hingekritzelte Notizen, verblichene Protokolle der Stasi – sind diese unter Umständen brisanten Dokumente etwa verloren wegen Unlesbarkeit? Immerhin existieren im Stasi-Unterlagen-Archiv zahlreiche handschriftliche Akten aus der Anfangszeit der Geheiolizei; teils sind sie noch in deutscher Kurrentschrift verfasst. Glücklicherweise hat Archivar Haiko Hoffmann Lesekompetenz in alten, längst unlesbaren Schriften und entschlüsselt solcherart Quellen. Die Ergebnisse stehen dann auch den Antragstellern bei ihrer Akteneinsicht zur Verfügung.


Haiko Hoffmann gibt an diesem Abend in der Ruschestraße einen Einblick in ein spannendes, doch allgemein kaum bekanntes Spezialgebiet: das der Paläografie, die als historische Hilfswissenschaft gilt. Unter Paläographie (zusammengesetzt aus griechisch palaios = „alt, ur-“ und graphein = „schreiben“) versteht man die Lehre von der Entwicklung und den Formen der Schrift. Die Beschäftigung des Fachs reicht dabei von der Geschichte der Schrift im römischen Altertum über das abendländische Mittelalter bis hin in die Neuzeit.


An Beispielen erklärt der erfahrene Spezialist Merkmale deutscher Handschriften und dekodiert Texte aus den Akten. Im Anschluss an seinen Vortrag öffnet das Stasi-Unterlagen-Archiv seine Türen und Mitarbeiter werden praxisnah demonstrieren, wie die Erschließung und Bewahrung der Unterlagen sowie die einschlägige Recherche-Arbeit funktionieren.


Die Veranstaltung „Geschichte entschlüsseln“ am 25. April (18 Uhr, freier Eintritt) im „Haus 22“ der Stasi-Zentrale Ruschestraße 103 (U-Bahn Magdalenenstraße) ist Teil der Reihe „Quelle: Stasi-Unterlagen-Archiv“. In ihr erläutern Archivare, Rechercheure und Forscher ihre meist hoch komplizierte Arbeit mit dem Archivgut der DDR-Geheimpolizei.


Bei dieser Gelegenheit gleich ein Hinweis auf zwei weitere Termine (jeweils 18 Uhr, Eintritt frei) der vielseitigen Veranstaltungstätigkeit des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen:

30. Mai: Zwischen Abschottung und Funktionalität. Die Architektur der Stasi.

27. Juni: Klassenkampf im Trainingsanzug. DDR-Spitzensport im Visier der Stasi.