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Kulturvolk Blog Nr. 203

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

20. Februar 2017
HEUTE: 1. „Emil und die Detektive“ – Atze-Musiktheater / 2. „Krankheit der Jugend“ – Berliner Ensemble /Studio Pavillon

1. Atze-Musiktheater - Wer Berlin-Emil-Atze nicht kennt, hat die Welt verpennt

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„Knorke ist doppelt so schnafte wie dufte“, das hat Emil Tischbein (Ilja Pletner) auch erst lernen müssen, nachdem er zu Hause in Neustadt von Muttern in den Zug gesetzt wurde, um bei Oma und Cousine Pony Hütchen im fernen Berlin Ferien zu machen. Doch unterwegs in der Eisenbahn klaut ihm Grundeis (Folke Paulsen), der fiese Mann mit dem Hut, die Reisekasse und obendrein die Extra-Knete, die Mama ihm als Zuschuss für Großmamas Rente mitgegeben hat. Zum Glück trifft Emil am Hauptbahnhof auf Gustavs Kinderbande (Gustav: Aciel Martinez Pól). Nachdem das mit „knorke“ geklärt ist, geht’s kollektiv auf abenteuerliche Diebeshatz quer durch Berlin. Einer für alle, alle für einen. Kinder an die Macht.

 

Erich Kästners berühmter Kinderbuch-Klassiker von 1930 „Emil und die Detektive“ – die wohl erfolgreichste Krimigeschichte aller Zeiten für Kinder hat jetzt das beispiellos kreative Atze-Musiktheater im prachtvollen ehemaligen Beckmann-Saal der Weddinger Beuth Hochschule zum hinreißenden Singspiel umgemodelt (musikalische Leitung: Sinem Altan). Der wahrlich wunderbare Thomas Sutter textete und komponierte höchst einfallsreich. Und inszenierte auch die wilde verwegene Jagd der dufte-schnaften Pfiffikusse nach dem geldgierigen Ganoven. Mit schönen Momenten kontemplativen Innehaltens aber auch - geschickt eingestreut mit lehrreichen Details aus unserer mehr oder weniger rauen politisch-sozialen Gegenwart.

 

Wie sich’s gehört gibt es natürlich auch Ohrwürmer zum Mitklatschen: „Wer Berlin nicht kennt, hat die Welt verpennt“ – eine neue Berlin-Hymne! Und natürlich „Parole Emil!“. Musiker und Ensemble mischen das Publikum auf. Auch die Hortgruppe der Havelland-Grundschule half mit (nächstens kommen andere Kids an die Reihe), den Bösewicht zu fassen. Action! Der Saal kocht – oder schreckt zusammen, wenn die Ermittlungen stocken oder das Böse zurück schlägt aufs Gute. Am glücklichen Ende massenhaft solidarisches Triumph-Geheul; klingt machtvoll im proppenvollen Gehäuse. Total toll! Wird jenseits der häuslichen Spielkonsolen absolut Kult. Nicht verpennen. Nix wie hin!

(27., 28. Februar, 1. März, 2.-5. April)

 

Hinweis für große Kinder

Der Schauspieler Hans-Jürgen Schatz liest seine Lieblingslektüre: Erich Kästner; ein Querschnitt durch die „Gebrauchslyrik“ für Erwachsene. Am Samstag, 25. Februar, 16 Uhr, im Bruckner-Foyer vom Renaissance-Theater.

2. Berliner Ensemble-Pavillon - Neurotische Akrobatik, angeschaffte Ekstase

„Entweder man verbürgerlicht mit vollem Bewusstsein, oder man erschießt sich mit Vollendung des 17. Lebensjahres.“ Das sagt Ferdinand Bruckner, gerade mal Anfang 20, in seinem Initiationsdrama „Krankheit der Jugend“ , das „unter sehr jungen“ Mädels und „etwas älteren“ Jungs im studentischen Milieu spielt.

 

Schrei und Klage, Lamento und Lebensgier einschließlich der Sucht auf des Lebens Delirium oder gar nach provokantem (politischen) Aufbruch – das alles packt der Autor in sein expressives Gruppenbild „Wiener Medizinstudenten“, das seinerzeit sensationelle Erkenntnisse der Psychoanalyse grob illustriert sowie ein gewisses antibürgerliches, sozialwissenschaftliches Theoriegut diffus mitschwingen lässt. Vor allem aber ging es dem aufgeregten Bruckner um ein zünftiges Bürgerschreck-Stück. Alles, was den Spießer (von damals) zu schocken vermochte, kommt denn auch vor: Drogen, gleichgeschlechtliche Liebe, sexuelle Freibeuterei, Prostitution, Vergewaltigung und philosophischer Zynismus oder überhaupt Nihilismus.

 

Doch so heftig Ferdinand Bruckner (1891-1958) den Zeitgeist einer Jungintellektuellen-Szene modisch beschwor, so gut gelangen dem poetischen Talent jenseits aller Moden sprachgewaltige Töne über Unordnung und frühes Menschenkinderleid. Dennoch fehlt es diesem kühnen schrillen Opus an dramatischer Spannung; es tritt vehement auf der Stelle, ist eher eine Redeschlacht. Bruckner verlangte, sie „absolut realistisch auszuspielen“.

 

Also bitte: All die postpubertären Wirren und Schmerzen ganz, ganz ernst nehmen. Besonders die Bemerkung: Entweder Verbürgerlichen und alt werden oder vorher Selbstmord. Dann nämlich vermag der theatralische Aufreißer aus dem Wien von 1926 noch genauso krass im Berlin von heute zu wirken.

 

Im düster illuminierten, mit Ledersofa und Kühlschrank als Schampus-Depot dekorierten sowie effektvoll abgeschrägten Spielkasten nimmt jetzt im BE-Studio „Pavillon“ die Regisseurin Catharina May die „Krankheit“ sowie Bruckners Regieanweisung nicht sonderlich ernst.

 

Bei May ist die desparate Clique nicht etwa bedroht von herannahender Verbürgerlichung – sie ist schon total verbürgerlicht. Und ihre Ekstasen und Nervenkrämpfe, all das Zittern, Kreischen, Lästern und Heulen klingt wie angeschafft. Man macht auf Krankheit; ist aber nicht krank, sondern posiert bloß ein bisschen verrückt – sozusagen als fein prickelndes Gesellschaftsspielchen. Und ist längst gemütlich eingewickelt vom elterlich subventionierten gut kleinbürgerlichen Mittelstands-Wohlstand.

 

Das mag ein ziemlich pässlicher Blick aufs gegenwärtige Clubbing und stylisch Rumgemache der etwas besser gestellten jugendlichen Herrschaften sein, degradiert jedoch Bruckner zum Stichwortgeber für einschlägige Eskapaden. Das erschöpft sich rasch. Die Schein-Kranken langweilen alsbald als freilich hübsch überhitzte Hampelmännchen und ebensolche Frauchen. Schade um das jugendfrische, sichtlich potente Ensemble, das redlich sich abarbeitet an angestrengt neurotischer Akrobatik.

 

Immerhin: Die talentierte Catharina May glänzte letztlich erst im BE mit einer spannenden Inszenierung von Fassbinders Trauerstück „Bremer Freiheit“. Diesmal, mit Bruckner, griff sie energisch ins Leere. Kann passieren. Aber möglichst nur einmal.

(wieder am 21. Februar, am 9., 23., 30. März)

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