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Kulturvolk Blog Nr. 194

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

19. Dezember 2016
HEUTE: 1. „Fatrasien“ – Das Helmi im Ballhaus Ost / 2. „Love it or leave it“ Gorki Theater / 3. Hermann Beils Weihnachtsspaziergang mit Robert Walser – Berliner Ensemble / 4. O du fröhliche…

1. Das Helmi - Kindsköpfige Traumreise von Schaumstoff-Gelichter durch Zeiten, Welten, Tief- und Flachsinn


Es gibt in der Pappelallee noch einige vom Häuser-Herausputz ausgelassene Ecken; beispielsweise die Nummer 15. Dort, im Hinterhof, existierte um 1900 ein zünftiges Musike-Etablissement für die umliegend schwofende Arbeiterschaft. Jetzt residiert hier das Ballhaus Ost, ein zünftig versiffter Off-Schuppen mit dem abenteuerlichen Charme des unfein Altfränkischen. Eine Art Wunderkammer. Ziemlich spucky. Wie geschaffen für die neue Produktion des Helmi „Fatrasien. Ein Unsinnswelttheater in sieben Akten“.

 

Was der Bandwurm-Titel meint bleibt letztlich so unerklärlich wie die ganze kleine kryptische Seltsamkeits-Show. Aber: Diese philosophisch getönte Mischung aus Märchen, kicherndem Nonsens, vagem Hintersinn und absurder Spielerei ist prallvoll mit optischen Sensationen. Da nämlich irrlichtern durch die 80-Minuten-Träumerei toll verpuppter Menschenfiguren unentwegt ganze Horden noch toller verpuppten Getiers. Es wird getanzt und gesungen und ein bisschen gequatscht und gereimt. Zwischendurch erahnen wir halbwegs Konkretes: Es geht da um den Filmemacher Wim Wenders und einen (seinen?) Fotografen, die in entlegene Ecken der Erde und um die ganze Welt streunen, die Picasso treffen und seinen Pinsel führen und sich über dessen Frauenverbrauch ereifern und obendrein existenzialistisch labern, Größenwahn beschwören, Maßlosigkeit bewundern.

 

Wie Kunst und Leben, wie Wahn und Wirklichkeit zart oder drastisch sich vernebeln, wird in diesem grotesken Reigen durch Zeiten und Räume nur vorsichtig angedeutet. Wird hingehaucht unter gelegentlich rockiger Begleitung durch Drums, Gitarre, Keyboard. Es gibt keinen Plot zum surrealen Fatrasien-Trip des imaginären Wim Wenders (warum just der?). Dafür gibt es diese pittoresk pantomimischen, kindisch choreographierten Massenauftritte hinreißender, allein aus Schaumstoff geborenen Wesen, die wie provisorisch zusammen gepappt und gerade deshalb so ausdrucksmächtig wirken. Himmlische Schönheiten, irdisch wahrhaftig. Großartig!

 

Eine ominöse Großartigkeit, eine wundersame und zugleich kindergeburtstagsartige Seltsamkeit, die verrückterweise aus lässigster Kunstlosigkeit, aus (scheinbar?) schamlos naivem Dilettantismus erwächst. Alles taumelt wie ungeprobt, wie soeben lax aus dem Ärmel geschüttelt, ins Verstiegene. Wird gar für kurz ins Bedeutende geschmissen, um sogleich wieder sarkastisch grinsend oder selbstironisch lästernd zurück zu stürzen ins Banale. Ins als-sei-nichts-weiter-gewesen. Kurios. Kunstlos. Kunstvoll. Das witzige, das komische Helmi-Theater: Ein poetisches Paradoxon – also doch: Kunst! Aber man muss sich drauf einlassen wollen. Muss dafür einen sechsten Sinn haben. Muss es lieben können... Wie das traurig-wilde „Fatrasien“-Finale mit Wim W. Der röhrt da als rockender Rausschmeißer sein (Künstler-)Menschenelend ins Mikro: „Je mehr Menschen um mich, desto verlorener bin ich. Grüß dich Peter, alter Kumpel!“ – Welcher Peter?

 

Wer es noch nicht weiß: „Das Helmi“ wurde von Florian Loycke, Brian Morrow, Emir Tebatebai 2002 in einer ehemaligen öffentlichen Toilette auf dem Helmholtzplatz gegründet als ein mit allereinfachsten Mitteln arbeitender Spielbetrieb vornehmlich für Kinder. Daraus entstand ein erstaunlich langlebiges Projekt längst nicht mehr nur für Kinder, das Puppen und Verpupptes (ingeniös selbst gebastelt aus Industrie-Abfällen), das Schauspiel, Pantomime, Musik, Tanz in eins performt und längst seinen Weg gefunden hat auch in die Staatstheater und zu internationalen Festivals (selbst der „New Yorker“ jubelte). Und doch bleibt es noch immer das verwunschene Kleinod für Melancholiker im Prenzlauer Berg. Für Kindsköpfe. Für Kenner und Freaks. Ach ja, und wer war doch mal dieser Peter? – Peter Handke! Natürlich, man muss nur nachfragen…

(„Fatrasien“ im Ballhaus Ost, Pappelallee, am 21., 22. Dezember sowie am 3., 4., 15. Februar)

2. Maxim-Gorki-Theater - Im trauten Heim Unglück allein

Was für ein türkisch trautes Heim auf der Bühne: Lampenschirmchen an den Wänden, Nippes-Regal, Schreibtisch, Riesenfernseher, schwere Sessel, Kleiderschrank und im Hintergrund prunkt das protzige Ehebett mit Seidendecke. Eigentlich alles wie auch bei uns hierzulande (Ausstattung: Alissa Kohlbusch).

 

Hausregisseur Nurkan Erpulat demonstriert (zusammen mit dem Dramaturgen Tuncay Kulaoglu) in dem Projekt unter dem Allerwelts-Motto (warum auf Englisch?) „Love it or leave it“ quasi als Vorspiel eine halbe Stunde (über)lang und ohne Worte das Allerwelts-Sprichwort „Trautes Heim, Glück allein“. Doch die hübsche Hülle fürs Wohlsein einer türkischen Durchschnittsfamilie bekommt im Lauf der bis auf bisschen Liedgesang stummen Performance alsbald gespenstische Risse: Unterm Fußbodenbelag gähnen Löcher, in dem einzelne versinken, oder sie verschwinden im Schrank, hechten fluchtartig durchs Fenster ins Nichts oder versuchen sich zu strangulieren mit einem Seil, das aus einem – wie das? Loch in der Zimmerdecke baumelt.

 

Wir begreifen: Kein Heim, schon gar nicht ein trautes. Diese türkisch-familiäre Heimstatt ist nicht zum Wohlfühlen, sondern eine Familienhölle. Voll von Angst, subtilem Terror und brutaler Gewalt. In übertrieben allmählicher Zuspitzung wird klar: Hier geht es nicht allein um eine geistig wie mental zerrüttete Sippe; hier wird vielmehr das Panorama einer ganzen Gesellschaft gezeichnet, die all ihre politischen, kulturellen, religiösen Konflikte, Tabus und Frustrationen verbissen unter den dicken Orient-Teppich kehrt. Darunter gärt es gefährlich.

 

Das Gefährliche offenbart sich in den erschütternden, wie ein Puzzle aneinander gesetzten Klartexten von Emre Akal, die keine Story ergeben, sondern ein Assoziationsgeflecht aus journalistisch recherchierten Monologen, die dann im Laufe des Zwei-Stunden-Abends von den einzelnen Familienmitgliedern hergesagt, gemurmelt, gestottert, geächzt, geschrien werden. Es geht um Emanzipation (nicht nur von Frauen), um freies Denken, Minderheitsrechte, religiöse Allmacht – um die Sehnsucht nach einem ach so verwehrten selbstbestimmten Lebens. Was da gesagt wird, dürfte in der gegenwärtigen Erdogan-Türkei zur Verhaftung führen. Die reine Ketzerei. Der freiheitliche Gegenentwurf zum diktatorisch herrschenden Gesellschaftsmodell. Diese Texte sind teils bislang hierzulande (aus falsch verstandener Rücksicht) unerhört. Und also hochpolitisch und mutig.

 

Und gerade hinter dem Hochpolitischen steckt das mir nur allzu verständliche Problem dieses Projekts einer nationalen türkischen Seelenschau: nämlich die Angst der Regie, rein propagandistisch zu sein. Also nicht zumutbar für eine ästhetisch-poetische Anstalt wie das Theater. Deshalb verkunstet Erpulat dieses treffliche Abbild einer sich rabiat ab-wie weg-schließenden Gesellschaft aufwändig und ausufernd, indem er ziemlich raffiniert und sehr, sehr elegisch eine Albtraum-Fantasie im Breitwandformat arrangiert. Eine böse Seance zur netten Teezeit, die hingebungsvoll poetisch überformt ein Schreckenspanorama aufblättert. Das ist durchaus spannend – und wahrlich entsetzlich. Aber: schlecht getimt, allzu stimmungsmalerisch und vom Performativen geradezu überkrustet. So verliert sich das Sozial-Politische im sarkastischen Traumspiel. In den Tiefen und Weiten des performativ Surrealen. Drastische Reduktionen – nur Mut! würden diesem bedeutenden Theaterabend problemlos zur entsprechenden Wirkung verhelfen.

(wieder am 23., 28. Dezember, 20., 27. Januar)

 

P.S.: Der Journalist Can Dündar, Ex-Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung „Cumhuriyet“, die kürzlich mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, lebt seit einiger Zeit als Exilant in Deutschland lebt und ist neuerdings Kolumnist am Gorki. Er wird jeden ersten Montag im Monat auf www.gorki.de und im Gorki-Newsletter „Can Dündars Theater-Kolumne“ schreiben.

3. BE - Weihnachtliche Weltverbesserung

„Wenn solche Dichter wie Robert Walser zu den ‚führenden Geistern gehören würden, so gäbe es keinen Krieg. Wenn er hunderttausend Leser hätte, wäre die Welt besser.“ Das schrieb Hermann Hesse über den doch leider ziemlich vergessenen Schweizer Dichter, dessen reiches, wundersames Werk eine immerhin 12-bändige Gesamtausgabe füllt. Am 25. Dezember vor sechs Jahrzehnten starb Robert mit 78 Jahren draußen an der frischen Winterluft bei einem Spaziergang im Örtchen Herisau. Jetzt gibt es im Berliner Ensemble Gelegenheit, dem Wunsch Hermann Hesses nachzukommen und ein kleines bisschen beizutragen an der Weltverbesserung; dabei muss man Walser nicht lesen, sondern darf ihm lauschen. Denn der wunderbare Hermann Beil liest aus Anlass des 60. Todestages am ersten Weihnachtsfeiertag aus Robert Walsers Text „Der Spaziergang“ . Beils Weihnachtsgeschenk an sein Publikum; deshalb: freier Eintritt.

(BE-Probebühne, 25. Dezember, 19 Uhr)

4. O du fröhliche… Allen Freunden und Kollegen, verehrten Lesern und Kritikern - Frohe Weihnachten!

„Vom Himmel in die tiefsten Klüfte ein milder Stern hernieder lacht; vom Tannenwalde steigen Düfte und hauchen durch die Winterlüfte, und kerzenhelle wird die Nacht“, so träumte einst frohen Muts im hohen deutschen Norden Theodor Storm. Wir träumen mit.