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Kulturvolk Blog Nr. 185

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

17. Oktober 2016
HEUTE: 1. „Der Mensch erscheint im Holozän“ – Deutsches Theater / 2. „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ – Volksbühne / 3. „Holzfällen“ – Berliner Ensemble

1. Deutsches Theater - Stochern im Nebel bei Klaviergeklimper


Ein alter Herr hockt in seiner Eremitage, ein hübsches Häuslein mit alpinem Bergblick. Dort, in seiner Einsamkeit, hört er selbstverloren zu, wie der Regen rinnt. Und denkt ein bisschen darüber nach, wie das verronnene Leben so war; aber: das Denken ist mürbe, das Gedächtnis längst brüchig. Es geht ihm alles ziemlich durcheinander. Dabei blättert er gern in seinem zwölfbändigen Lexikon sowie in alten Zeitungen. Was ihm da querbeet so unter die trüben Augen kommt, ist ein Salat aus Zitatenschnipseln. Max Frisch gibt in seiner sehr intimen, feinsinnigen und anrührenden Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“ (so steht es im Brockhaus) das Bild einer voranschreitenden Altersdemenz. Die Wirklichkeit wie auch die Erinnerungen an sie kommen jenem depressiven ältlichen Herrn Geiser im Schweizer Tessin so allmählich durcheinander und vor allem: abhanden.

 

Der junge Schweizer Regisseur Thom Luz inszenierte vor zwei Jahren eine fein versponnene handlungslose, traurig-komische Schauspieler-Performance einer kleinen Schar bindungsarmer, sehnsuchtsvoller Menschenkinder unter dem poetischen Titel „Atlas der abgelegenen Inseln“ - wurde gleich zum Theatertreffen eingeladen. Seither gilt der Mann (jetzt Hausregisseur am Schauspiel Basel) als Jungstar und Spezialist fürs Poetisch-Romantische, musikalisch grundiert; fürs Fantastisch-Verträumte, Verstiegene und Entrückte. Als einer, der ohne viele Worte und ohne Story gewisse Gestimmtheiten menschlicher Beziehungen (oder Nicht-Beziehungen) über suggestiv hingezauberte Atmosphären erzählt ein ganz klein bisschen so wie Christoph Marthaler. Seine vorletzte Arbeit „LSD“ erzählt mit enormem bühnentechnischen Aufwand, allerhand Singsang und Klaviergeklimper im Basler Studio-Theater, wie einst ein örtlicher Pharma-Chemiker die LSD-Droge zufällig erfand. Die etwas exaltiert angestrengte Show war zu den diesjährigen DT-Autorentheatertagen als Gastspiel zu sehen.

 

Nun holte die DT-Intendanz den allseits gehypten 34-Jährigen flugs in ihr großes Haus zur Spielzeit-Eröffnung. Für die Max-Frisch-Beschreibung einer Altersdemenz – oder Alzheimerei.

 

Es geht wie gesagt um die elende Vernebelung von Herrn Geisers Hirn. Klarer Fall: Luz lässt da unentwegt die Nebelmaschine arbeiten und viele schöne schneeweiße Gazetücher auf und nieder sinken in dieser wieder (wie bei „LSD“) mit zartem Klaviergeklöppel umwehten 80-Minuten-Seance einer anschwellenden Verdämmerung, die sparsam durchsetzt ist mit vagen Assoziatiönchen über Weltall, Erde, Mensch. Dazu wallt unentwegt Nebel, schimmern Lichteffekte und rotiert schleichend die Drehbühne. Der große Ulrich Matthes, als alter Opa Geiser fehlbesetzt, hat ein bisschen Text artig abzulassen (ein Könner wie Matthes hat in einer solchen Plattheit nichts zu suchen). Gelegentlich wird er umwuselt von einer Gruppe brabbelnder Schweiz-Touristen (Leonhard Dering, Judith Hofmann, Franziska Machens, Wolfgang Menardi, Daniele Pintaudi); auch hier mit Hofmann Starverwurstung wie bei Matthes. Ansonsten: Alles auf Nebel; das billige Symbol für Demenz. Max Frisch als nebulöser Autor, das würde der sich freilich nicht bieten lassen, kann sich aber nicht mehr wehren.

 

Was ist das für ein unverschämt trübes theatralisches Lüftchen mit höchstens einer entfernten Ahnung von Etwas! Eigentlich: Ein Nichts. Mit einem solchen darf man nirgendwo eine Spielzeit eröffnen. Schon gar nicht an einem führenden Staatstheater.

(wieder am 22. Oktober, am 1. und 11. November)

2. Volksbühne - Irrlichterndes Mischmasch aus Glück und Unglück. Tapferes Verwehen im Weh des Daseins

Er ist unser Großmeister in Sachen musikalisch verwobener Melancholie, vertrackter Entrücktheit, absurdem Scherz: Christoph Marthaler (65), Schweizer, von Haus aus Musiker (studierte Oboe), dann Regisseur, zeitweilig Theaterintendant (Schauspielhaus Zürich), danach freier Künstler. Ein sanguinisch lustig-lustvoller Familienvater mit Bart, Brille, Schlitzohrigkeit nebst abgründigem, die Menschen skeptisch liebendem Humor.

 

Sein Wechsel vom sagenhaften Geheimtipp zum richtig großen Ruhm als Theatermacher begann 1993 in Berlin. Frank Castorf holte ihn an seine Volksbühne für eine damals ziemlich neuartigen Musik-Gesang-Theater-Performance mit dem kryptisch anmutenden Titel „Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!“. Es war ein zarter, befremdlich zirpender Abgesang auf den Krach des 20. Jahrhunderts mit seinen gigantischen Weltverbesserungs- und Weltumbau-Entwürfen, seinen Euphorien, seinen Schlachten und monströsen Verbrechen. Die triste Bühne von Anna Viebrock, der Meisterin (und Marthaler-Partnerin) im Bau kunstvoll verschlissener, mit absurden Einbauten versehenen Räume, war bevölkert von lauter Verlorenen, die ratlos aber tapfer ausharrten oder grotesk verstört um sich selbst kreiselten und alte klassische, alte volkstümliche, alte revolutionäre oder neue Lieder summten. Zugleich war dieser Abgesang ein rührender, mitleidvoller Grabgesang auf die von der Geschichte abgeschaffte DDR. Eine Inszenierung, die 13 Jahre lang im Spielplan der Volksbühne stand. Womöglich eine Jahrhundertinszenierung.

 

Jetzt also zum Abschied noch einmal ein Marthaler mit Viebrock an diesem so besonderen Theater. „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ versteht sich auch als Echo auf deren Volksbühnen-Anfang mit „Murx!“ vor 23 Jahren zum Teil sind wieder dieselben Mitspieler dabei.

 

Wieder ist es ein Wehgesang mit 13 hinreißenden Leuten, die alles in einem sind: Schauspieler, Sänger, Musiker, Tänzer, Artisten (Hildegard Alex, Tora Augestad, Marc Bodnar, Magne Havard Brekke, Raphael Clamer, Bedix Dethleffsen, Altea Garrido, Olivia Grogolli, Irm Hermann, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Sophie Rois, Ulrich Voß).

 

Wieder geht es ums unaufhaltsame Vergehen, um den nur scheinbaren Stillstand der Zeit, um ratlose Schicksalsergebenheit und verzweifelte Trotzgebärden im hohen, mal warm hellichten, dann wieder kalt-trüben, düsteren Warteraum des Daseins. Da flackern Irrsinn, absurdes Lachen, sarkastischer Witz, Daseinslust und Lebensgier. Dann wieder wuchern Vergeblichkeit und Bitternis. Ein nahezu wortloser Reigen aus Kreuz und Quer, Raus und Rein, Einpacken, Auswickeln, Aufbrechen und Stillstehen, Laut und Leise, Schnelle und Langsamkeit ein Reigen, der sich fast immer zu eindringlichen, zaghaft entsetzlichen Bildern der Ausweglosigkeit formt. Eine virtuos artifizielle Revue aus lauter wunderlichen Lebens-Seltsamkeiten, die aber auf den zweiten Blick überhaupt nicht wunderlich und seltsam, sondern wesentlich sind. Poesie also.

 

Und immer wieder werden durch die geheimnisvoll (von göttlicher Hand?) sich öffnende und wieder schließende, palastartige Tür Sperrholzkisten herein- und wieder hinaus gekarrt. Drin hocken Menschen-Figuren - als Ausstellungsobjekte. Als Verschiebemasse der dirigierte, (selbst?)inszenierte Mensch. Doch einmal ruft da eine, es ist Irm Hermann, den wütenden Satz: „Ich hasse Wanderausstellungen!“. - Das geht gegen die künftige Volksbühnen-Intendanz unter Chris Dercon. Ansonsten geht es gelöst und gelassen (zuweilen freilich auch allzu gelassen) und mit viel Gesang von leise frohgemut bis ersterbend depressiv ums Ewigmenschlich-Allzumenschliche.

 

Schon der Titel deutet es an. „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ ist die Variation eines Stück-Titels von Botho Strauß‘ „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“. Da hängen Figuren mit durcheinander verrutschten Seelenzuständen, deren Gesichter wir nur allzu gut kennen aus eigenen Erfahrungen, hängen ab in einer maroden Hotelhalle zu Königswinter. Man lebt halt so und weiß nicht recht wie; man wird irgendwie gelebt und weiß nicht recht warum. Man kloppt sich und wirft sich in die Arme. Küsst sich, beißt sich. Ein scharfes Bild unbestimmbaren Lebensmischmaschs. Ein bisschen Glück, manch höhnisches Gelächter und allerhand ratlose Traurigkeit. Ähnlich wie jetzt bei Marthaler und Viebrock; deshalb deren verehrende Gruß an den alten Dichter in der Uckermark. Zum Schluss ruft das Ensemble schlicht: „Danke!“ – Wir rufen gerührt das gleiche zurück.

(wieder am 6. und 27. November)

3. Berliner Ensemble - Wald, Hochwald, Holzfällen. Eine theatralische Erregung im Lesesessel

Claus Peymann ist nicht nur ein schlimmer Schreihals und giftiger Polemiker (aber er kann auch charming!), sondern auch noch ein begnadeter Selbstdarsteller, scharfer Denker, dilettierender Schauspieler und Vorleser, gerade letzteres ist eher wenig bekannt. Das sollte sich endlich ändern, denn es ist ein Riesenvergnügen, dem alten und immerhin (obgleich es nicht immer so ausschaut) weisen Herrn zuzuhören, wenn er beispielsweise Texte von seinem sprachmächtig polternden Bruder im Geiste Thomas Bernhard (1931-1989) zu Gehör bringt. Dafür gibt es jetzt mal wieder die so erbauliche wie erfrischende Gelegenheit: Mit dem Bernhard-Roman „Holzfällen“ (wichtiger Untertitel: „Eine Erregung“), der gleich nach seinem Erscheinen 1984 einen Skandal auslöste in Österreich. Bernhard damals (und Peymann heute) ohne Skandal, das geht eben gar nicht.

 

Das Damals war eine berühmte lebende Person im musikalischen Gewerbe, die sich unliebsam erkannt fühlte in Bernhards Text. Der nun ist eine wahrlich ätzende Suada gegen das gutbürgerliche Kunstgetue, die da ein alter schlauer Zausel ablässt im Ohrensessel bei einer „künstlerischen Abendgesellschaft“ im Salon. Ein großer Text, so bissig wie trefflich und einfühlsam den Wahn und das Weh im Kultur-, sonderlich im Burgtheaterkulturbetrieb bloßstellend. TB wusste nur zu genau, worüber er da schrieb, und CP weiß natürlich genauso gut aus eigener erregender Erfahrung, was er da liest. Ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

(22. Oktober um 18 Uhr im BE-Foyer)