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Kulturvolk Blog Nr. 183

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

4. Oktober 2016
HEUTE: 1. „Das Dschungelbuch“ – Theaterkompanie Drehscheibe im Botanischen Garten / 2. „BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida)“ Kammerspiele des Deutsches Theaters / 3. „Schatten (Eurydike sagt)“ – Schaubühne

1. Tropenhäuser im Botanischen Garten - Moglis Abenteuer mit den Wölfen im Dschungel


Ein großartig phantastischer Text in großartiger Umgebung: Kiplings „Dschungelbuch“ in den herrlichen Gewächshäusern vom Botanischen Garten. Mit der Theaterkompanie Drehbühne geht es auf Dschungelsafari durch die gläsernen Tropenhallen in Dahlem. Rudyard Kiplings immergrüne Geschichte vom kleinen indischen Dorfkind Mogli, das durch den Angriff eines Tigers von den Eltern getrennt wird und zu den Wölfen flüchtet, die es „adoptieren“ und „aufziehen“, ist verwegener Abenteuer- und aufklärerischer Erziehungsroman in einem – der Autor (1865-1936) erhielt dafür 1907 den Literatur-Nobelpreis.

 

Das Findel-Kind wächst heran zum selbstbewussten Herrscher des Waldes; bleibt aber dennoch hin- und hergerissen zwischen den Verlockungen der Zivilisation und dem verführerischen, zugleich gefahrvollen Rufen der Wildnis. In ausgewählten Episoden an den verschiedensten Orten im wuchernden Tropenhausgrün, das wir im Geschrei exotischer Vögel bei musikalischer Untermalung durchstreifen (Konzept, Regie: Nanda Ben Chaaban und Lorenz Christian Köhler), wird diese wundersame Geschichte erzählt – mittels Film, Gliederpuppen und pittoresken Tierplastiken (der Panther Baghira, die Phyton-Schlange Kaa, der Bär Palu, die Wolfsjungen, der fliegende Papagei). Ein Märchen – und mehr als das. Und ein Ausflugs-Tipp für die ganze Familie; auch draußen im Garten gibt es allerhand Paradiesisches zu entdecken – falls es nicht gerade regnet.

(Bis zum 25. Oktober. Das Ticket berechtigt zum Besuch des Botanischen Gartens am Veranstaltungstag.)

2. Deutsches Theater-Kammerspiele - Wenn frühe Luftschlösser des Lebens sich auflösen im späteren Daseinsdunst

Frage an den Leser: Welche sind die fünf (wichtigsten) Zutaten im Leben? Der Autor Fritz Kater (als Regisseur bekannt unter dem Namen Armin Petras) nennt Utopie, Instinkt, Sorge, Liebe, Tod. Um diese Stichworte kreist seine lose, teils kryptisch verkopfte Szenenfolge „BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida)“, die über die Zeiten hinweg (1960er Jahre bis heute) vom Verhältnis von Traum und Wirklichkeit erzählt, das sich im Lauf des fortschreitenden Lebens von der Euphorie weg in Richtung Ernüchterung so schmerzlich arg verschiebt.

 

Sechs Schauspieler treten in den verschiedensten Figuren und Situationen an. Da sind eine Schar verlassener Kinder, ein Vater als alternder Rocker mit seinem anarchistisch bewegten Sohn, Tierschützer in Afrika oder ein zerstrittenes Künstler-Ehepaar mit einem todkranken Kind. Bunte Mischung, sozusagen. Lebensgier, Sentimentalitäten (teils am Rande zum Kitsch), Verrücktheiten, Verletzungen und Enttäuschungen, arg durcheinander und in der Erinnerung vage abgerufen. Im Zentrum aber stehen die Grundfragen der vagen Redereien, die von Regisseur Tilmann Köhler komödiantisch und mit viel Musik aufgemöbelt werden: „Wo war der, der ich hatte werden wollen? Und wer war das? Ich hatte ihn lange nicht gesehen.“

 

Natürlich gibt es keine Antworten, dafür eine wehleidige Melancholie, die aber wiederum kaum ans Herz greift oder irgendeine Art Dringlichkeit vermittelt. Der hoch gestochene Titel löst nicht ein, was da womöglich hätte kommen können. Die Zutaten ergeben kein starkes Ganzes, trotz spielerischer Intensität von Christoph Franken, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Jörg Pose, Matthias Reichwald, Linn Reusse. Flaue Sache ins Längliche getrieben; noch dazu mit einer Pause zwischendurch.

(wieder am 6., 12. Oktober)

3. Schaubühne - Mythenbekränzt schmollende Frustbeule mit Schreibblockade und Männerüberdruss

Da hat ein sensibles Mädel die Faxen dicke mit ihrem Kerl – kaum kommt er, schon ist er gekommen und wieder weg. Also immerzu bloß das gleiche fixe Hin und Her. Blindlings. Da kann man verstehen: Sie will endlich ihre Ruhe! Aber: Es gibt noch einen zweiten Störfaktor neben der anstrengenden Sexerei; sie ist Schriftstellerin, und es klappt nicht mit dem Schreiben. Beruflich und privat geht ihr halt alles daneben. Elfriede Jelinek hat, wie sich’s für eine Literatur-Nobelpreisträgerin gehört, diese Geschichte vom doppelten Scheitern einer Frau mit einem Halbhundert Textseiten verwickelt in einen antiken Mythos. Nämlich den von der Nymphe Eurydike, die von Orpheus eben nur als Nymphchen wahrgenommen wird und ansonsten gar nicht. Die pessimistische Konsequenz in diesem feministisch bewegten Script: Eurydike will nicht länger der Schatten sein von Orpheus, sondern nur noch Schatten, also nichts, also ausgelöscht. Deshalb der Titel „Schatten (Eurydike sagt)“ , hinter dem eine teils wehleidige, teils bissig sarkastische Absage ans weibliche Dasein steckt. Und natürlich eine Männerbeschimpfung.

 

Die britische Regisseurin Katie Mitchell gilt als Multi-Media-Queen der Branche. Ist sie doch bekannt, berühmt, berüchtigt, dass sie Theatertexte auf der Bühne verfilmt – die Bühne ist das Set. Das Publikum darf nun staunend zuschauen, wie das mit allerhöchstem, allerteuerstem technischen Aufwand geschieht; da wuseln deutlich mehr Techniker durch die Kulissen als Schauspieler, hier: Jule Böwe und Renato Schuch. Den arg abgespeckten, schamlos aufs Wehleidige und Larmoyante reduzierten Jelinek-Text (genauer: eine monologische „Textfläche“) haucht Stephanie Eidt auf einem Hocker hockend aus einer Art Telefonzelle ins Mikro. Zeitgleich flimmert das mit massenhaft Kameras, Scheinwerfern, Video-Schleifen und Geräusche-Bändern in naturalistischen Kulissen Produzierte über eine am Bühnenhimmel aufgehängte Leinwand.

 

Natürlich spielt da nichts im sonnigen Uralt-Süden, sondern im düster kalten Norden von heute, vornehmlich in einem alten VW in einem Autobahntunnel sowie in einem grauen Fahrstuhl; im 99. Untergeschoss befindet sich das Schatten- oder Totenreich. Orpheus ist jetzt ein viriler Popstar, und die immer wieder entnervt den leeren Laptop zuklappende Schreiberin Eurydike im kleinen Schwarzen oder nackt ist die zum obersten Groupie Degradierte. Die 75-Minuten-Filmerei erinnert in ihrer Grusel-Optik entfernt an David Lynch. Und das unentwegte, via Telefonzelle eingespeiste Lamento von Eurydike als diensthabende Heulsuse mochte selbst einen abgeklärten Tiefenpsychologen wie Siegmund Freud genervt haben – bei allem Verständnis für ihre missliche Lage einerseits als Liebesdürstige, die auf dem Trocknen hockt, und andererseits als Dichterin ohne Saft und Kraft schade um Jule Böwe, die immerhin brav und hingebungsvoll einen ausdrucksvollen Schmollmund herzeigt. Spätestens nach einer halben Stunde ist alles restlos klar in dieser simplen Versuchsanordnung einer Dauerdepression mit Opferlamm in der Hauptrolle. Trotzdem wird noch eine reichliche halbe Stunde lang eintönig weiter auf der Stelle getreten, gefilmt, geflimmert, gejammert und gekitscht.

(wieder am 9.,10.,11. November)