0

Kulturvolk Blog Nr. 182

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

26. September 2016
HEUTE: 1.”Denial“ – Gorki-Theater / 2. „Aus die Maus“ – Grips-Theater / 3. Tipp: „Hackserei. Ein Wochenende mit Peter Hacks“ – Theater im Palais

1. Gorki-Theater - Heilt Lügen die Seele oder machen Lüge und Selbstbetrug alles nur schlimmer? Eine Gruppentherapie

Foto
Foto

Shermin Langhoff (die soeben den Berliner East-End-Theaterpreis bekam – Gratulation! ; das Gorki als „Theater des Jahres“ räumt demnächst wohl noch alle restlichen Preise ab), also Frau Langhoff, mit Jens Hillje konzeptionell prägend an der Seite, gelang ein super Coup, indem sie Yael Ronen fest ans Haus band. Inzwischen ist die israelische Autorin und Regisseurin bekannt und berühmt für ihren Mut, in ihren „Projekten“ an allen Arten von Tabus energisch zu rütteln wie kaum jemand anderes. Ronens unter Migranten recherchierte, hoch spannende sozialpsychologische Semidoku „The Situation“ wurde 2016 zum „Stück des Jahres“.

 

Jetzt hat sie mit „Denial“ ähnliches geliefert. Ihre Methode: Das Mixen von Fiktivem und Authentischem. Aus ihren eigenen Erfahrungen sowie denen ihres jeweils speziell zusammengesetzten Ensembles und noch dazu dem Wissen von Experten (hier: Psychiater, Historiker, Jurist, eine Energie-Therapeutin, ein Hypnotiseur), aus zugespitzt problematischen, widerspruchsprallen Realitäten keltert Ronen aufwühlende Geschichten, die sie Nummern gleich wie eine Sketchparade aneinander reiht. So entsteht ein Amalgam aus psychotherapeutischer Gruppensitzung und sozialpsychologischem Exkurs. Obendrein ist die Regisseurin bemüht, mithilfe ihrer Bühnenbildner, Licht- und Videokünstler oder mittels Popmusik und Tanz das Ganze theatralisch aufzuhübschen, was effektvoll, doch letztlich überflüssig ist. Die Inhalte wirken allein für sich intensiv, zuweilen schockierend und polarisierend.

 

Das Thema setzt schon der Titel „Denial“ ; zu Deutsch Verleugnung, Verdrängung, Annahmeverweigerung. Es geht also ums Unter-den-Teppich-Kehren von schwer erträglichen Realitäten. Die Gründe dafür sind komplex: Traumata, Scham, Angst, Überlebenswille so manche Wahrheit kann tödlich sein. So manche Verdrängung kann aber auch (zunächst) erleichtern, so manche Lüge vermag (zunächst) Wunden zu heilen; kann aber auch zu seelischen Deformationen, zu Aggression und Depression führen, schlimmstenfalls zu Paranoia – spätestens dann muss die bittere Wahrheit unbedingt ans Licht.

 

Ronens „Denial“-Stories werden von einer Handvoll Schauspieler vornehmlich monologisch von der Rampe weg hörspielartig erzählt oder auch, was problematisch ist, comedyhaft performt (lästig dabei trotz Übersetzung via Videoband: die hin und her wechselnde Mehrsprachigkeit). Es geht alles in allem um menschliche Katastrophen, die ihren Ursprung haben in gewissen Lebensumständen, im Kulturellen oder Religiösen, Familiären, Politischen, Sexuellen, in Geschlechterbeziehungen oder körperlichen und seelischen Konstitutionen. Manche der Berichte streifen in ihrer Dramatik und Tragik Sujets von Ibsen oder Strindberg. Manche sind aber auch einigermaßen platt. – Am Schluss steht die große Frage (in einem starken Monolog über Kindsmissbrauch): „Darüber reden transportiert womöglich den Horror aus dem Kopf in die Welt; aber wer will in einer solchen Welt leben?“

(wieder am 1. Oktober)

2. Grips Theater - Zaubermaus im Clinch mit Schnapsdrossel

Kaum zu glauben, aber wahr: Im Podewil in der Klosterstraße in Mitte, der schönen Nebenspielstätte vom „Grips“, campierte unlängst klammheimlich eine Obdachlose. Der Autor und Psychotherapeut Georg Piller und die Regisseurin Nadja Sieger machten aus dieser seltsamen Begebenheit unter dem lustigen Titel „Aus die Maus“ eine kleine spielerische Fantasie für Kinder ab acht Jahren – ein Tipp für Eltern und Großeltern, mit den lieben Kleinen gelegentlich ins Podewil zu eilen.

 

Da treibt zunächst eine von Gabriele Kortmann herrlich kostümierte Hausmaus (pelzbesetzter Frack, Zylinder, Riesenohren) ihr witziges Wesen, indem sie Kunststückchen aus dem Ärmel, den Ohren, dem Zylinder zaubert (Frederic Phung). Schöner Spaß, Jubel bei den staunenden Zuschauern. Doch dann stürzt da plötzlich eine elende, kränkliche, übel riechende Obdachlose (Regine Seidler) ins bunte Kinder-Varieté. Eine fulminante Störung, in der Hand die Schnapspulle, mit der die irritierte Zaubermaus zurechtkommen muss. Der glitzernde Schein und das ruppige Elend, die Fassade und das Dahinter. Oder grob gesagt: die beiden Seiten der einen Lebensmedaille – da gibt’s für alle im Saal, auf und vor der Bühne, was zu wundern und zu begreifen und auszuhalten. Ganz im Ernst, aber auch zum Lachen trotz allem. Und zum Schluss kommt kein Happyend, aber eine Überraschung, ein herrlicher Witz, eine feine Pointe – wird hier freilich nicht verraten…

3. Großer Tipp - Hacks-Festival im TiP. Glamouröser Grips, philosophischer Witz, Filme, Talkshow, Kinderspaß. Und im Überraschungsei

Nassforsche Ansage: Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gehören Thomas Mann für Prosa und Brecht für Lyrik und Dramatik, die zweite Hälfte Arno Schmidt für Prosa und Peter Hacks für Lyrik und Dramatik. Damit wäre das vergangene Säkulum literarisch ohne viel Federlesen aufgeteilt. Natürlich von Peter Hacks himself.

 

Hacks (1928-2003) galt als eine der schillerndsten Figuren (obgleich Goethe sein Gott war) im seinerzeit noch deutsch-deutschen Literaturbetrieb. Er siedelte, vor allem Brechts wegen, in den 1950er Jahren aus München fort nach Ostberlin (wovon ihm Brecht freilich abriet). Hacks, hochgebildet, dandyhaft hochmütig, politisch umstritten und unumstritten genial, saß lebenslang als sozusagen kommunistischer Fürst zwischen allen Stühlen. Er hielt nicht viel vom wankelmütig einfältigen Plebs und begeisterte sich deshalb für eine stramme (sozialistische) Erziehungsdiktatur, mit Goethe als Oberlehrer und Ulbricht als Anstaltsdirektor.

 

Trotzdem bekam er reichlich Ärger mit den Ulbrichtschen Kleingeistern und deren Nachfolgern unter Honecker, „dem Renegaten“. Seine Theaterstücke, die sozialistische Realitäten ungeniert bissig aufs Korn nahmen, kamen auf den Index („Verbote bewahren vor dem Missverständnis, verstanden zu werden.“). Fortan stieg Hacks poetisch um und bearbeitete antike Komödien zu gesellschaftlichen Fortschrittsstücken, dichtete Barock-Texte und Operetten neu – und wurde weltberühmt mit diesen artifiziellen Adaptionen aller Arten von Mythen, die hinterrücks – aber hochgestochen und feinstsinnig alles gegenwärtig bis ewig Blöde bloß stellen. Dazu passend die Fülle seiner Essays, die für eine sozialistische Klassik plädieren, die das Erreichte feiern soll – natürlich im Blankvers und mit archaisch großen Themen. Ein geistreich funkelnder, luxuriös mit Marmor gepflasterter, elitär erbaulicher Mythen-Boulevard, das war Hacksens tolle Spielwiese.

 

Ihm, dem grandiosen Spielmeister, widmet sich unter Schirmherrschaft des Komponisten Siegfried Matthus ein Hacks-Fest (der Peter-Hacks-Gesellschaft) vom 30. September bis zum 2. Oktober im Theater im Palais Unter den Linden am Kastanienwäldchen.

 

Auftakt am Freitagabend (30.9.): Die essayistische Produktion von Cox Habbema im DDR-TV von 1981 „Musen I-III“; der vierte Teil „Musen“ wird szenisch gelesen von Nadja Engel, Wolfgang Hosfeld und Michael Kind. Thema ist die schwierig schöne Rolle des Künstlers in seiner (DDR-)Zeit.

 

Der folgende Samstag-Nachmittag (1.10., ab 15 Uhr) ist für Kinder; immerhin gilt P.H. als einer der beliebtesten deutschsprachigen Kinderbuchautoren. Jennipher und Carmen Maja Antoni lesen „Geschichten von Henriette und Onkel Titus“, anschließend wird das Märchen „Armer Ritter“ gezeigt, ein TV-Mitschnitt aus dem Theater Karl-Marx-Stadt von 1980. Und am Samstagabend (19.30 Uhr) gibt es die Berlin-Premiere von „Der Maler des Königs“ mit Annekathrin Bürger, Axel Werner, Hendrik Arnst (Wiederholung: 2. 10., 16 Uhr). Hacks porträtiert den Rokoko-Maler Francois Boucher, dessen erotische Bilder einst die königliche Gunst genossen. Doch nun aber, Zeitsprung ins Jahr 1991, sind ganz andere Zeiten angebrochen… Es geht um die alte Frage: Was soll die Kunst und wie viel davon wird gebraucht? – Dazu Hacks in seinem Voltaire-Essay: Der Dichter macht gute Mine beim Zugrundegehn, er schreibt seine Tagalpträume mit großem Abstand nieder. Der Umgang mit dem Grässlichen ist so gepflegt, dass Fühllose die Romane für Humoresken halten und Rohheit sie zur Unterhaltung liest… Man liebt heute doch nichts so sehr wie heulendes Elend. Voltaires Elend wird für kein Elend genommen, weil er unterlässt zu heulen.

 

Am Sonntagvormittag eine 11-Uhr-Matinée: Dr. Seltsams 300. Wochenschau: „Wann ist die Zeit, wenn Hacks verstanden wird?“ . Mit Gisela Steineckert, Wiglaf Droste, Tom Kühnel & Jürgen Kuttner. – Dazu noch einmal der Voltaire-Essay: Genie ist die Fähigkeit, die Dinge zu betrachten, wie sie sind, und nicht, wie gesagt wird, dass sie seien. Genie ist die Neigung zu der Annahme, dass der Weg, den die Allgemeinheit einschlägt, wahrscheinlich der falsche ist…. Voltaire dachte keinen Augenblick daran, die Wende als Bestätigung der jugendlichen Auflehnung, in der er sich gefiel, zu nehmen. Er empfand, was alle als Eintreten der Freiheit sahen, als Beginn der Sklaverei, er durchschaute den Scheinfortschritt als Verrat.

 

Zum Schluss mit Kuss der heitere Hacks, der liebende Dichter:

 

Aus „Saturno“:

Coriandoli und Nüsse, Fackelschein und Lieder.

Empfangt meine Küsse, gebt sie auch mal wieder.

Empfanget meine Liebe, bin da selbst empfänglich.

Was immer von uns bliebe, Liebe ist nicht unvergänglich.