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Kulturvolk Blog Nr. 181

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

19. September 2016
HEUTE: 1."Apokalypse“ - Volksbühne / 2. "Hanussen“ - Kleines Theater am Südwestkorso / 3. „Die Griechen“ - Berliner Ensemble

1. Volksbühne - Apokalyptische Bibelei mit Wolfram Koch als Untergangsunterhalter im gelben PVC-Dress


22 Kapitel in der Lutherbibel voll metaphysischen Horrors: Der blutig sich austobende Mensch, unfähig zu Einsicht, Buße, Gottesfurcht, müsse unterm Triumph-Täteretää der Engelstrompeten in der Hölle verfeuert werden. Die bedingungslose Zurücknahme des verpfuschten Menschengeschlechts, Vernichtung, Weltuntergang - das verlange der Zorn Gottes. So steht es, mit starken Worten verlautbart, in der Offenbarung des Johannes. Die „Apokalypse“, ein grauenvoller Warn-, Einschüchterungs- und Angstmachetext.

 

Man muss dieses infernalisch dröhnende „Wehe, wehe!“ nicht aufsagen lassen als zweistündigen Monolog für einen wortgewaltigen, akrobatisch versierten Schauspieler, selbst wenn man über einen so grandiosen wie Wolfram Koch verfügt, der da in der Volksbühne Berlin den sarkastisch-ironischen Clown gibt, dann wieder den gruseligen Donnerwetter-Gott. Die Hass- und Schimpforgie wird auch dadurch nicht spannender, wenn Koch im gelb glänzenden Latex-Anzug oder buntkarierten Komikerdress (gut gesichert) im leeren, mal rot, mal blau illuminierten, viele Meter hohen Bühnenhimmel rauf und runter schwebt, über die Stufen einer riesigen Revuetreppe rast oder auf der Vorbühne hin und her tobt. Lauter Mätzchen, die alsbald langweilen, weil die ganze hysterische Turbo-Veranstaltung unter der einfallsarmen Regie von Herbert Fritsch, dem neu ausgerufenen Superstar der Branche, fleißig auf der Stelle trampelt.

 

Doch weil der mediale Hype mit der letzten Spielzeit des Intendanten Frank Castorf und dem bevorstehenden Antritt seines Nachfolgers Chris Dercon nichts weniger als die Apokalypse der Volksbühne einläutet, soll man, so wehklagt viel Feuilleton, die apokalyptische Bibelei zumindest als Ansage eines bevorstehenden partiellen Weltuntergangs deuten. – Für jene, die noch nicht kapiert haben, was da fast tout Theater-Berlin in Untergangsstimmung versetzt: Es ist der aus konservativer Sicht apokalyptische Reiter Dercon (z.Zt. Chefkurator der Londoner Tate Modern) mit seinem Vorhaben, die nach allgemeiner Ansicht weltberühmte Volksbühne ab dem 21. August 2017 umzumodeln in einen Tummelplatz für Tanz, Performance, Film, Musiktheater, Bildende Kunst nebst den Kulturen des Digitalen sowie obendrein noch Sprechtheater, was man mehrheitlich und letztlich nicht ganz zu Unrecht für den ruhmlosen Abstieg in globale Beliebigkeit hält. – Wir Minderheiten warten mal ab und trinken Tee…

 

Immerhin, einen prima Gag hat die Regie ausgeheckt: Die Souffleuse Elisabeth Zumpe bleibt dem hibbeligen Bibelaufsager Koch unentwegt mit dem Textbuch in der Hand auf den Fersen, immerzu einen Halbsatz voraus den Text raunend. Und der Musiker Ingo Günther mit einem etwa bibelgroßen Mini-Synthesizer am Leib tippt beständig einen erschreckend faden Grummel-Sound ins hübsch handliche Gerät. Trotzdem löst die apokalyptische Bibelei ziemliche Ermüdung aus beim freilich tapfer ausharrenden Publikum. Das lässt trotzdem sich nicht lumpen und schreit am Ende erlöst: Bravo!

(wieder am 23. September)

2. Kleines Theater - Hübsche Hellseherei garniert mit Musik

Es ist ein bisschen wie Musical. Und das ist das Problem; nicht das mit dem Musical, sondern das mit dem "bisschen". Denn: „Hanussen. Biographisches Stück mit magischen Momenten über den schillernden Hellseher“ von Knut Gminder (der auch Regie führt) findet genremäßig nicht recht zu sich selbst. Es bleibt mit seiner Mischung aus eigens von Matthias Binner pfiffig komponierten Couplets, aus lustig arrangierten Hellseher-Nummern und biografischen Hintergrundinformationen ziemlich wirkungsschwach hängen in der Luft. Dabei ist dieser aus Wien kommende buntschillernde Vogel Hanussen nicht nur ein von Mythen umringter grandioser Magier, ein durchtriebener Boulevard-Reporter, Zirkusakrobat und Wünschelrutengänger der k.u.k. Armee im Ersten Weltkrieg, er war auch, und das vor allem, eine sagenumwobene Figur der Kultur- und Zeitgeschichte, die zuletzt in Berlin als Hellseher an der „Scala“ ganz groß Karriere machte, wo ihr das Publikum hingerissen zu Füßen lag. Was für ein Kerl! Kesser Verführer, grandioser Hochstapler, Scharlatan und Manipulator („Ich liefere den Menschen das, was sie glauben, glauben zu wollen.“), der sich zuletzt den aufsteigenden Nazis kräftig andiente, die seine ungeheure Massenwirksamkeit für ihre Zwecke ausbeuteten.

 

Im Kino wurde Hanussen (1889-1933) von O.W. Fischer, Klaus Maria Brandauer und 2001 von Tim Roth verkörpert. Jetzt spielt ihn Maximilian Nowka mit Charme, Witz sowie gehöriger Kraft und Agilität. Sehr schön. Und dennoch: Der tolle Stoff bleibt nur schwach belichtet durch sein nerviges Hin und Her zwischen Show und Biopic – weshalb eben beides nicht wirklich zündet. Der mutige Schritt voll ins musikalische Historical, ins pointiert zeitgeschichtlich grundierte Varieté mit Musik und Zauberei, ins Kammer-Musical auf dem heißen Brettl – det wär’s jewesen!

 

Dramaturgisch gesehen passt diese Uraufführung prima in die originelle Leitlinie des feinen Spielplans am so rührigen Südwestkorso, wo man bereits schönste Erfolge feierte mit narzisstischem Herren-Personal; nämlich mit „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (nach Thomas Mann) und „Das Bildnis des Dorian Gray“ (nach Oscar Wilde – s. auch via YouTube unseren Theater-Talk auf Alex-TV vom 7. März).

(„Krull“ wieder am 24., 25. Sep., sowie am 15., 16. Okt.; „Dorian Gray“ wieder am 7.-9. Okt.; „Hanussen“ wieder am 30. Sep., 1., 21., 22., 23. Okt.)

3. Berliner Ensemble - Kassandra tanzt einen letzten Sirtaki

Er gehört als großer Poet, wortmächtiger Dramatiker zu den unerschrocken kritischen, gefeierten und von oben privilegierten wie gedemütigten Köpfen der DDR. Aber auch im wieder vereinten Deutschland, dem er von Anfang an skeptisch gegenüber stand, wird Volker Braun, der unermüdlich von einem demokratischen Sozialismus träumt (oder einer reformierten DDR nachtrauert), bewundert und verehrt. Und er bekam zahlreiche Preise in Ost wie West. Jetzt trat der aus Dresden stammende Berliner, Jahrgang 1939, mit einem neuen Stück namens „Die Griechen“ an die erstaunte Öffentlichkeit, das bereits gut ein Jahr lang in der Schublade lag. Nach kräftiger Bearbeitung (und Kürzung auf 90 Minuten) kam es nun endlich auf der BE-Probebühne unter Regie des alten BE-Kämpen Manfred Karge zur eher müde beklatschten Uraufführung.

 

Es geht, der Titel deutet es an, um die Euro-Krise, um die Griechenland-„Rettung“ für die EU, also um Politik, um Kritik an der Postdemokratie („Gewirre, wo kein Faden greifbar“) und, natürlich, um Kritik am Kapitalismus. All das ist verpackt und verwoben mit den sprachlichen Mitteln der antiken Tragödie. Ein Mythen-Boulevard von fern grüßen Botho Strauß und Peter Hacks. Obendrein ist die Chose heftig durchmischt mit Satire, Kabarett und Kalauern. Klingt prima, bleibt aber weitgehend eine arg verkopfte Veranstaltung.

 

Im ersten Teil geht es um Präsident Papandreou (Joachim Nimtz) und den gewünschten Euro-Schuldenschnitt gegen nationale Radikalreformen – beides fiel aus. Die Reformlosigkeit besänftigte das schäumende Volk - hier: die energisch ihre auf Pump finanzierten Arbeitsplätze verteidigenden Putzfrauen mit Swetlana Schönfeld vornweg. Das gleiche Spiel später in Teil zwei, diesmal mit dem flotten Varoufakis (Felix Tittel) an der Spitze. Zwei läppische Helden Griechenlands im populistisch-manipulativen Gerangel mit ihrem Wutbürger-Volk. Das elende Ergebnis ist weltbekannt. Zu weiterführenden Einsichten kommt der Autor nicht. Viel Wortgeklingel nebst einigen zynischen Späßchen und gelegentlichem Sirtaki-Getanze, aber mit einem zutiefst pessimistischen Finale: Die Mächtigen sind so unfähig, gierig und dämlich wie das Volk ungezogen, gierig und doof ist. Das alte ewige Dilemma also. Nichts Neues; Punkt.

 

Inszeniert ist die traurige, in Maßen komische und meist alberne Veranstaltung als Wortoper (am Klavier Tobias Schwenke) mit zehn gut trainierten Spielern und 16 harten Stühlen plus dem grotesken Trio der genannten Protagonisten. Die Dramaturgie schreibt erklärend: „Das Spiel über Sinn und Unsinn der Demokratie ereignet sich dort, wo es vor 3000 Jahren erfunden wurde, im klassischen Griechenland. Hier hat es begonnen, wird es hier enden?“ – Der resignierte Autor als Kassandra verkleidet ruft „Ja!“, Europa wird untergehen. Wir werden sehen…

(wieder am 21. Sep., am 1./2. Okt.)