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Kulturvolk Blog Nr. 178

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

20. Juni 2016
HEUTE: 1./2. „“Kabale der Scheinheiligen“ – Volksbühne / „Die Räuber“ – Berliner Ensemble / 3. Ausstellungs-Tipp: Harry Graf Kessler – Der Geschmackspapst seiner Generation / 4. Das große FVB-Sommerfest am 25. Juni / 5. Tschüss! Spielzeitpause und ab in die schöne Ferienzeit…

1./2. Volksbühne / Berliner Ensemble -


1. Das war nun kürzlich mal wieder ein echt Berliner Wahnsinns-Premieren-Wochenende: Knapp neun Stunden Schauspiel! Und da war alles drin; von supertoll bis sterbenslangweilig, von Genialität bis Banalität. Erst und als Vorspiel sozusagen im Berliner Ensemble Schillers „Räuber“, inszeniert von Leander Haußmann. Dann am Abend und in der Nacht darauf in der Volksbühne eine Fünfeinhalb-Stunden-Frank-Castorf-Tour-de-Force mit vielen Autoren und einem Regisseur unter dem Titel „Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn Molière“.

 

Der Doppel-Titel bezieht sich auf zwei Werke des von Stalin verfolgten sowjetischen Autors Michael Bulgakow; „Die Kabale“ ist ein Theaterstück, das die Zensur nicht wollte. Es geht darin um Frankreichs Klassiker Molière, den der Sonnenkönig erst tätschelte und dann wegen seiner schwer religionskritischen Komödie „Der Tartuffe“ fallen ließ. Der kam außerdem böse in die Schlagzeilen wegen seines angeblich inzestuösen Verhältnisses zu seiner Tochter. – „Das Leben des Herrn M.“ wiederum bezieht sich auf Bulgakows romaneske Biografie des großen wild-wüsten Franzosen.

 

Zweierlei ist sofort klar: Grundthema der alle und jeden überfordernden XXXL-Veranstaltung ist das (radikale) Künstlertum und sein ambivalentes Verhältnis zur Macht, zur Konvention und zur Gesellschaft. Und klar ist: Künstler Castorf selbst spiegelt sich in diesem Verhältnis, er ist vor allem Molière, aber auch Bulgakow und ein bisschen Sonnengott und Stalin. Aber er ist auch Rainer Werner Fassbinder, dessen Film „Warnung vor einer heiligen Nutte“ ausgiebig zitiert wird. Es geht da neben dem Intensivkonsum von „Cuba Libre“ um die Finanzierungsprobleme des Filmemachers. Auch lange Passagen aus der Tragödie „Phèdre“ von Jean Racine werden rezitiert – inhaltlich wegen des Inzest-Themas; formal, um sich über das dem Castorf-Theater verhasste Herumstehen und Herunterdeklamieren lustig zu machen, das die klassisch-französische Schule bis heute hingebungsvoll zelebriert.

 

Überhaupt nutzt der Regisseur die schier endlose, unverschämt endlose Spielzeit, immer mal wieder dafür, seine hinlänglich bekannte und diskutierte Ästhetik zu propagieren (Zertrümmerung, Collage) und dabei klar zu stellen, warum er „keine Tragödie kann“. „Immer geht’s ums Spielen, nicht ums Deklamieren.“ Und: Auf einer Banane ausrutschen sei besser als Textanalyse und Psychologie, Pathos und Tragödie. Also wird im wahrsten Wortsinn bis zum Umfallen gerutscht und wenig analysiert – das mag dann ein jeder nach seinem Geschmack selber tun. Schwierige Aufklärung. Ätsch! Dafür allerhand Spaß und Artistik im und ums Bett Ludwig XIV. sowie Molières herrlich barockem Thespiskarren (Bühne: Aleksandar Denic). Für solcherart sinniges wie sinnloses Allotria steht der Regie ein wahrlich grandioses, von Adriana Braga sexy kostümiertes Ensemble zur allseitigen Verfügung – allen voran Alexander Scheer (!), Georg Friedrich, Lars Rudolph, Jeanne Balibar, Hanna Hilsdorf, Sophie Rois und wie sie alle heißen.

 

Großartig auch der massiv eingesetzte, filmisch perfekte Video-Betrieb (Bravo!), der auf der dauerbetriebenen LED-Wand die Spieler in Großaufnahme zeigt, so dass sie derart ausgestellt ganz groß die Rampensau raus lassen können.

 

Die artifizielle, brillant spielwütige und brillant rumblödelnde Castorf-Party hätte nach drei Stunden aufgeschäumter Ironie, zündendem Witz und Sarkasmus sowie aashaftem Zynismus erschöpfend beendet sein können – dauerte aber beim mit rotziger Lust total rücksichtslosen Veranstalter fast doppelt so lang. So sind denn viele, viele öde, gähnend leere Viertelstunden auszuhalten. Da schmerzen Hintern und Rücken. Ein allzu lange dahin plätschernder Leerlauf; wohl auch, weil das Grundthema Künstler und Macht letztlich nicht so recht ziehen will und sich verläppert. Wo denn gibt es heutzutage in diesem Wohlstandsland noch Zensur und Verbot durch eine Obrigkeit? Auch hat die Volksbühne immer noch reichlich Geld zum Verpulvern. Was da womöglich noch ein bisschen zieht wäre Frankies Ärger über den von der ach so bösen Berliner Verwaltung vollzogenen Entzug seines so ruhmreichen Tollhauses, seiner geliebten, immerhin Epoche machenden künstlerischen Spielwiese nach gut zweieinhalb Jahrzehnten. Doch solch Ärger allein gibt einem Kerl wie Castorf eben auch nicht genug Kraft, daraus 300 Minuten durchweg packendes Theater zu machen. Beim Dostojewski beispielsweise vor knapp einem Jahr war das noch ganz anders…

 

 

2. Nun zu Leander Haußmann im BE: Bis zur Pause das wohl spannendste, geistreichste, fantasiereichste „Räuber“-Theater, was ich in so vielen Kritiker-Jahren je erlebt habe. Im Zentrum dabei die perfekte One-Man-Show von Matthias Mosbach als oberschlau durchtriebene Kanaille Franz Moor. Dann die Pause, und vorbei ist’s mit der knalligen, rockigen Vehemenz. Der von Bühnenbildner Achim Freyer mit schwarz-roten Tuchwolken verhangene Bühnenhimmel über der juvenilen Anarchie ist nun gähnend leer. Das herrliche Chaos ist aufgebraucht. Ab jetzt regieren pathetisch ausgewalzte Ernüchterung bis hin zum Absturz in den moralischen und letztlich mörderischen Abgrund. Wäre Haußmann nur halb so viel eingefallen wir zur Beschwörung des Wahnsinns-Anfangs hätte man sagen können: Erst Überhitze, dann Eiseskälte. Doch dem war nicht so. Vielmehr war erst das Überkochen, dann das Köcheln auf elend kleiner Flamme. Letztlich war es also der sozusagen halbe Schiller; ohne seine finale, ins geradezu Surreale greifende „Räuber“-Höllenfahrt. Ach, wie schade. Es hätte der ultimative, optimal zwischen wüstem Menschenwahn und hehrer Transzendenz changierende Schiller-Abend werden können.

 

Nun ist kurz nach der Premiere Leander Haußmanns Mutter verstorben, mit 82 Jahren an Parkinson. Vielleicht aber findet er dennoch die Kraft und den Mut, nochmal heftig nachzuarbeiten an seinen „Räubern“. Zu Beginn der neuen Spielzeit hätten wir womöglich den ganzen großen Schiller. Möge Direktor Peymann seinem begnadeten Regisseur die nötigen Ressourcen gewähren für ein Work-in-Progress. Es dürfte sich lohnen! Und auch, dass Haußmann dem Theater treu bleibt; und nicht, wie (vorschnell?) verkündet, ab jetzt nur noch Kino macht.

3. Ausstellungs-Tipp - Harry Graf Kessler – Lebemann und Lebenskünstler

Im Erste-Klasse-Polster vom Reichsbahn-Schnellzug zwischen Weimar und Berlin hat er wesentliche Ideen zum Libretto für die Strauss-Hoffmannsthal-Oper „Der Rosenkavalier“ fix hin gekritzelt; die grandiose Figur des Baron Ochs auf Lerchenau geht ganz auf sein Konto. Mit seinen grandiosen Einfällen inspirierte Harry Graf Kessler das Schaffen so ziemlich aller namhaften Musiker, Literaten, Maler und Bildhauer seiner Zeit. War doch der steinreiche, hoch gebildete Schöngeist (geboren 1868 in Paris, gestorben 1937 im Exil in Frankreich) und bekennende Nietzscheaner (Veredelung des Menschen durch Kunst) bestens vernetzt mit allem, was im alten Europa in Politik, Wissenschaft und Kunst Rang und Namen hatte; vor allem, was da modern, neu und zukunftsweisend war. Und mehr noch: Er war quasi der Geschmackspapst seiner Generation. Dass der charismatische Dandy, Lebemann und Lebenskünstler Zutritt hatte zur stockkonservativen Hofgesellschaft des ausgehenden Kaiserreichs (zu Wilhelm I. durfte er „Onkel“ sagen), war seiner strikten Hinwendung zum Avantgardismus überhaupt nicht abträglich. Auch empfand er es als ihm gemäß, dass er 1879 in den erblichen Adelsstand und zwei Jahre später schon in den Grafenstand erhoben wurde. Dass man ihn als polyglotten Liberalen nicht 1923 in den Reichstag gewählt hatte und ihm die ersehnte professionelle Diplomatenlaufbahn verwehrt blieb, wurmte ihn mächtig. Zehn Jahre später urteilt er nüchtern: „Der Staat soll ein komfortabler Stall werden, in dem alle gehorsamen Haustiere sich wohl fühlen und sich bei Bedarf artig schlachten lassen.“ – Noch mehr ärgert ihn aber, dass es ihm nicht gelang, das verschlafene Weimar zu einem neuen geistigen Zentrum zu formen (immerhin: das Bauhaus Weimar hätte es ohne ihn nicht gegeben).

 

Kessler war ein begnadeter Menschensammler, ein faszinierendes Allroundgenie und ein früher Meister des Crossover. Ein großer Kunstsammler, Mäzen, Verleger (seine berühmte Cranach-Presse lieferte bibliophile Kostbarkeiten), ein geschickter, weltgewandter Diplomat (Pazifist und Völkerbund-Vorkämpfer) sowie ein brillanter Beobachter seiner Welt. Er schrieb eine Walter-Rathenau-Biografie, eine Fülle von Aufsätzen und Essays und seine Erinnerungen. Vom 12. Lebensjahr an führte er unentwegt detailliert und pointiert vorurteilsfrei Tagebuch (quasi als ein früher Blogger). Es sollte der Rohstoff sein für die leider nie entstandene große Autobiographie – die zugleich die allumfassende eines Zeitalters hätte werden können.

 

Als kleinen Ersatz aber darf man getrost die von Christoph Stölzl, Heike Gfereis und Cornelia Vossen kuratierte Ausstellung im Max-Liebermann-Haus am Pariser Platz nehmen: „Harry Graf Kessler – Flaneur durch die Moderne“ . Was für ein geistig erfrischender Wind weht uns da an aus der Vergangenheit, in der die Besten ihrer Zeit sehr wohl wussten, was zukunftsträchtig ist: Eben nicht die nationale Engstirnigkeit und Abschottung, sondern Weltoffenheit, globales Denken, Innovation.

(bis zum 21. August)

4. An alle - Auf zum diesjährigen FVB-Sommerfest am 25. Juni, ab 16 Uhr!

Es wird in jedem Jahr um ein Quantum gigantischer: Noch mehr Stände, ein noch größeres Unterhaltungsprogramm im Zelt oder im Freien. Geradezu massenhaft treten Berliner und Brandenburger Schauspieler, Sänger, Musiker, Entertainer auf im Bühnenprogramm der "Kulturpartner" der Freien Volksbühne. Da ist alles drin von Pop bis Klassik; da findet jeder Geschmack und jede Altersgruppe Passendes. Und obendrein ist Straßenfest: Die Ruhrstraße wird zur Kunst- und Spielmeile. Also wenn det nischt is!! Auch für Futter und Flüssiges ist ausreichend gesorgt. Und für Fußballfans (Europameisterschaft) gibt's Public Viewing im Veranstaltungsraum. Also extra anstreichen im Kalender: Samstag, 25. Juni!

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5. Nach der dicken Party in der Ruhrstraße macht der Spiral-BLOCK - wie viele Bühnen auch - verdiente Sommerpause. Ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern und Freunden eine schöne Ferienzeit. Ab September bin ich mit meinen Theater-Betriebsnotizen immer montags aufs Neue für Sie da.