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Kulturvolk Blog Nr. 17

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

14. Januar 2013

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Armin Petras, Chef des Gorki-Theaters, den unser Kultursenator ohne ein Wort einfach hat ziehen lassen nach Stuttgart – die mehreren Gorki-Bettelbriefe um ein paar Kröten extra zum ohnehin ärmlichen Etat (mit dem exzessiv produziert wird) oder wenigstens um eine Aussprache über die Finanzprobleme des Gorki wurden von der Kulturverwaltung einfach ignoriert (inzwischen bekommt Petras-Nachfolgerin Langhoff ratz-fatz 400 000 Euro Etaterhöhung aus der Wundertüte plus 300 000 Euros aus dem Lotto-Fonds), Gorki-Intendant Armin Petras also lieferte zum Jahresauftakt eine dreieinhalb-Stunden-Groß-und-Breit-Inszenierung unter dem sperrigen Titel „Demenz Depression und Revolution“.

Es geht erstens ums krank und alt Werden, dann im zweiten Teil um psychische Erkrankungen aufgrund Leistungsüberforderung. Vorlage für diesen Text ist der Selbstmord des berühmten Fußballers und Torhüters Robert Enke. Teil drei „Revolution“ handelt vom Prager Frühling: Ein prominenter tschechische Filmemacher erlebt die Dubcek-Befreiung 1968 (und dann den Einmarsch der Russen) quasi nebenher, seine Liebschaften sind aufregender als das politische Erdbeben – wie das Leben so spielt: Auf der Straße passiert Geschichte, und man selbst hängt im Bett.

Dieser Dreier – Alter, Psycho, Umsturz – reflektiere „3 mythen der gegenwart“ schreibt Petras (in alberner Kleinschreibe). Sei‘s drum, die Mythen blieben in seiner knalligen Action-Inszenierung (Autor Fritz Kater und Regisseur A. P. sind identisch) eher unbelichtet. Das mit den Mythen erscheint mir ohnehin rein rhetorisch. Und das technisch hochtourige Ensemble erzählt die leicht verschwiemelten Geschichten, die da unter der nicht imaginierten Mythendecke wabern sollen, mit heftig wirbelnden, meist grotesken theatralischen Mitteln arg verfremdet. Also nicht leicht nachvollziehbar. Eine alles in allem ziemlich verkopfte Veranstaltung.

Nun passierte nach der eher irritierenden als begeisternden Uraufführung Folgendes: Die Witwe des Fußballstars Enke, der sich schwer depressiv das Leben nahm, sah den Schutz von Persönlichkeitsrechten verletzt. Die Gerichte sind angerufen; das Gorki zog diesen (zweiten) Inszenierungsteil „Depression“ klüglich bis auf weiteres zurück. Schade, er ist der zumindest schauspielerisch packendste. Hinreißend als erst glamouröses, dann verzweifeltes Paar: Aenne Schwarz und Michael Klammer. Der ohnehin wenig überzeugende Dreiteiler, läuft nun als Zweiteiler; dabei sind die Themen des Dreiers akut; sonderlich „Depression“ und „Demenz“. Doch wichtige Themen machen noch lange kein großes Theater.

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„Junkerland in Bauernhand“ war nach 1945 die nicht unpopuläre Losung der Bodenreform in der Sowjetzone Deutschlands. Also raus mit dem Grundbesitzadel, der in die Westzonen floh. Nach 1990 sind einige der Nachfahren zurückgekehrt in die Heimat der Ahnen, haben ihr Vermögen zusammen gekratzt und ruinöse Immobilien (die teils auch restituiert wurden) sowie Land zurück gekauft. Nicht als Eroberer, als Neuanfänger, Aufbau-Pioniere und Partner der Alteinwohner in einer strukturschwachen, depressiven Region. Vorurteile machten ihnen ihr neues Leben (in meist neuen Berufen) nicht leicht; immerhin hatten sie dafür ein gutsituiertes Dasein im Westen aufgegeben. Inzwischen sind die Gräfinnen und Grafen anerkannt und integriert als Leistungsträger. Eine ganz besondere Erfolgsgeschichte, dokumentiert durch Martina Schellhorns Ausstellung „Heimat verpflichtet. Märkische Adlige – eine Bilanz nach 20 Jahren“; großartig illustriert von Starfotograf Oliver Mark. In der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung Potsdam; gleich hinterm Hauptbahnhof. Am 16. Januar, 18.00 Uhr, liest Schellhorn dort vor Marks großformatig inszenierten Bildern aus ihrem Ausstellungs-Begleitbuch mit journalistischen Porträts der Blaublütigen. Auch eine Art Theater.

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Als Teenager türmte er von zu Hause. Denn die galizische Provinz war allzu fad für einen, dem ein Besuch im Stadttheater zu Lemberg schlagartig klar machte: Ich muss Schauspieler werden. Alexander Granach (1890-1945) dampfte ab ins wilde Berlin, nahm Privatunterricht auch bei Max Reinhardt. Und wurde quasi über Nacht zum Star des Deutschen Theaters und des deutschen Films. Brecht über Freund Granach: „Frech, aufdringlich, brüllend, das der Kronleuchter wackelte“; sollte ein Lob sein. Fritz Lang hielt ihn gar „für einen der größten Schauspieler der Welt“. 1933 musste der kleine Kerl mit Hang zu großen blonden Frauen fliehen. Über die UdSSR (wo er allein durch Intervention von Lion Feuchtwanger Stalins Schergen entkam) gelangte er schließlich nach Hollywood, wo ihm eine Zweitkarriere glückte. Und er allzu früh starb.

Jetzt erzählt ein Dokumentarfilm von Angelika Wittlich das Leben dieses verrückten Abenteurers und genialischen Kerls. „Alexander Granach – Da geht ein Mensch“ ist ein grandioses Gespräch über Granach; basierend vor allem auf dessen autobiografischem Roman gleichen Titels (unbedingt lesen! Amazon!). Und auf den mehr als 300 Briefen, die der verführerische Künstler und Kampftrinker ab den dreißiger Jahren schrieb an seine nie geheiratete Geliebte, die Schweizer Schauspielerin Lotte Lieven. Ihre Antworten sind verschwunden. Doch filmisch zwischengeschaltete „Lesungen“ (Juliane Köhler, Samuel Finzi) aus Autobiografie und Liebesbriefen ergeben einen aufregenden Dialog.

Ein herzbewegender Film. Der endlich ins allgemeine Bewusstsein rückt: Granach war ein Großer des deutschen Theaters. Von sich selbst (zu Recht) begeistert schrieb er: „Solange das All ist, werde ich sein, und wenn ich nicht sein werde, wird auch das All nicht sein.“ Es ist aber! Und also ist auch er.

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