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Kulturvolk Blog Nr. 158

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

1. Februar 2016

Grips-Theater im Podewil


Womöglich wollte er bloß eine Satire auf die seinerzeit so beliebten Ritterromane schreiben - alles schwülstig kitschige Unterhaltungsware. Doch alsbald packte ihn der Stoff derart, dass er, der spanische Autor Miguel de Cervantes (1547-1616), über sich hinauswuchs und mit „Don Quixote“ Weltliteratur schuf. Die weit ausgebreitete, von Komik wie Tragik durchsetzte Abenteuergeschichte des fahrenden Ritters, der mit seinem Knappen Sancho Panza nebst Ross Rosinante auf Heldentaten aus ist, dabei gegen das Böse und das Unrecht ankämpft sowie unermüdlich nach seiner liebsten Frau Dulcinea sucht, kippt immer wieder auf poetische Weise ins philosophisch Hochbedeutende, umspielt erste und letzte Daseinsfragen sowie das schwierig verschwommene Verhältnis von Traum und Illusion, Wahn und Wirklichkeit, Sein und Schein. Sancho Panza: „Und wenn es mir je ein Rätsel war, was normal und was verrückt ist, so weiß ich nun, dass die Normalen verrückt und die Verrückten normal sind. Und wenn manchem, was wir tun, der Sinn fehlt, so lobe ich mir den Unsinn.“

 

Der berühmte russische Dichter Vladimir Nabakov sagte über Cervantes‘ Roman, er treibe „mit dem realen Leben sein Spiel“ und erzähle „von der Verzauberung und der Unangemessenheit des Zaubers in einer entzauberten Welt, ja der Narrheit allen Zaubers schlechthin“.

 

Der berühmte Autor Lutz Hübner, einer der am meisten gespielten deutschen Dramatiker („Frau Müller muss weg“), sieht in „Don Quixote“ den ersten emanzipatorischen Entwicklungsroman der Weltliteratur, den jeder gelesen haben sollte. Also hat er den Klassiker in alter Treue zum "Grips" für dessen Bühne adaptiert (für Kinder ab acht Jahren): „Wenn man die mannigfaltigen Seitenstränge des Romans außer Acht lässt – ansonsten würde es im Theater sechs Stunden dauern , bleibt das Porträt eines Mannes, der versucht, seine Träume in die Tat umzusetzen.“ Nüchtern betrachtet, sei Quixote ein Verrückter. Aber wenn man sich einlasse auf die schräge Logik dieses Nerds, wie man heute sagen würde, sei die Welt plötzlich voller Wunder und Abenteuer.

 

So ist es auf der Podewil-Bühne, der "Grips"-Außenstelle, wo der Knabe Hugo (Jonathan Gyles), ein Fan der alten Ritterei, sich in seinem Kinderzimmer so heftig begeistert an diesem Quixote, dass er sich schließlich mit ihm in seiner überbordenden Fantasie identifiziert. Wie im Traum zieht er gemeinsam mit seinem Nachbarn (Thomas Ahrens mit grauem Rauschebart als Panza) durch die gefährliche, mit realen und irrealen Typen vollgestopfte Abenteuerwelt (Katja Hiller / Roland Wolf in vielen Rollen). Alles in schnellen neunzig Minuten. Wobei sich das schlichte Kinderzimmer mit ein paar Requisiten bloß flink verwandelt in immer neue Stationen dieser Fantasy-Tour durchs Don-Quixote-Land; Ausstattung: Mara Henni Klimek.

 

Unter der schwungvollen Regie von Barbara Hauck, die im „Grips“ zuletzt mit großem Erfolg „Supergute Tage“ inszenierte, imaginieren die vier tollen Spieler mit ganz einfachen, alltäglichen Mitteln/Requisiten die verrückten Traumwelten Hugos – der sich einen Papphelm und ein Holzschwert schnappt und allein damit schon bereit ist, als Don Quixote aus dem kleinen, realen Kinderzimmer auszubrechen die große, weite, irreale Kinderzimmer-Abenteuer-Welt. Großer Verwandlungsspaß aller Beteiligten, vehemente Spiellust, wobei es harsch zur Sache geht bei den aberwitzig der Wirklichkeit abgeguckten, ziemlich schmerzlichen Zusammenstößen des naiv gutmeinenden Träumers mit dem Unguten, Bösen, Verlogenen und Ungerechten unserer Welt. Schauplätze und Figuren – meist nur zeichenhaft charakterisiert wechseln wie im Fluge. Was womöglich (kleine Bedenklichkeit) allzu schnell geht für manchen Achtjährigen, der die witzigen Abstraktionen nicht gleich zu deuten weiß und vielleicht mehr fragend als erstaunt zurück bleibt.

(wieder am 4./5. Februar, 17./18. März jeweils um 10 Uhr; am 6. Februar und 19. März jeweils um 16 Uhr)

Schaubühne

Der Engländer Simon McBurney, Jahrgang 1957, ist ein internationaler Regie-Star, und seine Theatertruppe Compagnie Complicite weltberühmt durch ihre suggestive Bildsprache. Ist allerdings schon eine Zeitlang her. Jetzt hat dieser altgediente Großmeister des videogestützten Bildertheaters (auch längst keine Einzigartigkeit mehr) am Lehniner Platz sein so kostspieliges Ingenium installiert, um darin Stefan Zweigs Roman (von 1939) „Ungeduld des Herzens“ zu zelebrieren. Allerdings gut gekürzt, damit nach zwei dem Volke erträglichen Stunden endlich Schluss sein kann mit der angestrengt bedeutungshubernden Illumination eines literarischen Klassikers.

 

Zweigs Thema ist das Mitleid, und zwar dieses spezielle, dieses angeschaffte, das wir zu empfinden uns verpflichtet fühlen, wenn es etwa um die Beziehung zu behinderten Menschen geht. Hier (so der Plot) ist es eine reiche junge, doch gelähmte Dame, die sich in einen strammen österreichischen k.u.k. Offizier verliebt, der außerstande ist, der vollkommen Gehbehinderten zu gestehen, dass er nicht imstande ist, sie zurück zu lieben.

 

Ein großer, sprachlich wie psychologisch meisterlicher, historisch genau konturierter Text aus alter Zeit, aber allgegenwärtig. Mit komplexem Erkenntnisgewinn und „mit den Augen im Herzen“ dankbar zu lesen im trauten Heim mag da völlig genügen. Warum also noch ins Theater ? Es sei denn, es gäbe dort einen Zugewinn welcher Art auch immer.

 

McBurney jedoch liefert in seiner aufgeregten Eitelkeit nichts weiter als albern effekthascherisch gehäkeltes Kunstgewerbe, technisch verspielte Mätzchen. Die nämlich müssen davon ablenken, dass sieben wahrlich großartige Schauspieler (Robert Beyer, Marie Burchard, Johannes Flaschberger, Christoph Gawenda, Laurenz Laufenberg, Eva Meckbach) – einer allein von ihnen hätte es tun können , dass also diese glorreiche Sieben stark, sensibel und gut genug geschult ist, den berückenden Text auch ohne jegliches regieliches Zutun zum packenden Vortrag zu bringen. Der Regisseur wäre da auch überflüssig. Aber er ist nun mal mit viel Geld für diese deutsch-englische Koproduktion engagiert worden, so muss er denn platt bebildern, muss überflüssig verfremden und den Klassiker nichtssagend ergänzen mit allerlei Techniken und Schnickschnack des performativen Theaters. Eine groteske Etat-Verschwendung. Eine Anmaßung. Eine beispiellose Lächerlichkeit unter dem Mantel vermeintlich seriöser Kunst. Ein Betrug am Publikum. Macht mich wütend...

(wieder am 11., 12., 13., 14., Februar)

Der spezielle BE-Tipp. Und eine herzlichste Gratulation

Just vor eine Woche vor sechzig Jahren, am 25. Januar anno 1956, wurde Werner Riemann von Bertolt Brecht und dessen Ehefrau Helene Weigel als Kleindarsteller ans Berliner Ensemble engagiert. Es war zugleich sein 22. Geburtstag. Nach einer Elevenzeit (gibt es heute nicht mehr; Katharina Thalbach hatte sie am BE und Brecht-Enkelin Johann Schall am Deutschen Theater), nach dieser speziell in der Bühnenpraxis absolvierten Ausbildung wird Riemann „Diplom-Schauspieler“. Daraufhin schickte ihn die Weigel erst mal in die Provinz. Zunächst in die tiefe nach Prenzlau, danach in die sehr viel weniger tiefe nach Dresden ans Staatstheater. Schon 1963 sitzt Riemann wieder fest in der DDR-Hauptstadt im BE. Als Schauspieler und Regieassistent: Er arbeitet u.a. für Koryphäen wie Fritz Marquardt, Manfred Wekwerth, B.K. Tragelehn, Einar Schleef, Peter Kupke, Peter Palitzsch, Christoph Schroth.

 

Als Claus Peymann sein Amt antrat, kündigte er Riemann nicht, sondern schlug ihm vor, Theaterführungen am BE zu machen. Seitdem hat der jetzt 82-jährige in 16 Jahren in reichlich tausend Rundgängen mehr als 29.000 Besucher durchs berühmte und nicht nur in baulicher Hinsicht so kostbare Gehäuse gelotst. Gratulation dem Jubilar, dem wandelnden Theaterlexikon. – Und hier die tolle Nachricht: Werner Riemann macht natürlich weiter! Eine einzigartige Gelegenheit, ihn auszufragen. Über Brecht und seine Nachfolger. Über die Weigel oder die Berghaus, über Bondy, Schleef, Zadek, Haußmann, Wilson, Thalbach oder Peymann. Über das DDR-Theater und seine Schwierigkeiten mit der SED, über deren Gefolgsleute wie Widerspenstige. Wieder am Samstag, 20. Februar um 16 Uhr und am Sonntag, 28. Februar, 11 Uhr. Sollte man nicht verpassen!