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Kulturvolk Blog Nr. 155

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

11. Januar 2016

Berliner Ensemble -

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Wie wohl kaum ein anderer hat der russische Arzt Anton Tschechow so genau, so ernst und zugleich so leicht von der immerzu mehr oder weniger tief in uns wühlenden Sehnsucht nach dem, was wir gerade nicht haben, wo wir gerade nicht sind, was gerade nicht ist geschrieben. Wobei er wie nebenbei noch präzise Bilder vom Zwischenmenschlichen, vom Gesellschaftlichen liefert. Es gibt eigentlich keine Figur in seinem dramatischen Kosmos, die man nicht verzweifelt wütend oder sanft liebend und tröstend umarmen möchte. Soviel zu meinem Lieblingsautor; neben Shakespeare…

 

Nun also „Tri Sestri“ („Drei Schwestern“) im BE. Dort setzt Regisseur Leander Haußmann die drei unglücklich aristokratischen Schwestern sozial und historisch korrekt in ein pittoresk verwohntes, mit Nippes, Blümchen, Bildern und wackligen Möbeln vollgestopftes Adelspalais der Zarenzeit. Ein schalkhaft gesetzter Affront gegen gängige Tschechow-Inszenierungen heutzutage, denen der zur Moskauer Uraufführung anno 1901 als Avantgarde verstandene Stanislawski-Naturalismus total verpönt ist. Die BE-Bühne, einst Hochburg der abstrahierenden Verfremdung, schwelgt also in betörender, detailverliebter, altmeisterlicher Ausstattungsherrlichkeit (Szene: Lothar Höller; Kostüm: Janina Brinkmann; Licht: Ulrich Eh). Wow!

 

Die optisch perfekte Entrückung aus unserer Gegenwart ins Historische, dazu der Tschechow-Text in seiner unzerstörbaren Allgegenwärtigkeit, von Thomas Brasch feinsinnig trefflich übersetzt in unsere Sprache – das hat was! Schon das erzeugt starke Spannung. Und so hätte es ein schöner großer, hoch wie tief schwingender Abend werden können...

 

Doch er wurde es nicht so recht. Haußmann, durchaus ein Könner im Aufzeigen von Figurenbeziehungen im zwischenmenschlichen Wirrwarr, ein Könner auch im Arrangieren grandioser Tableaus und noch dazu ein raffinierter Spezi fürs Setzen suggestiver Spezialeffekte, Haußmann sind bei all dem installierten Schönen, Guten und Richtigen unter der rührigen Regie-Hand seltsamerweise die Figuren weggerutscht; genauer gesagt: ihre Tiefenschichten.

 

Nicht, dass die Schauspieler dürftig wären; nein, sie mühten sich redlich. Vermochten aber nicht recht einzudringen in den Tschechowschen Untergrund, den Subtext, in die geheimnisumwobenen Gefühlshöhen und erlittenen Daseinsabgründe der Figuren. Sie alle blieben in - sagen wir - seelischer Hinsicht irritierend anämisch. Das ganze blieb bei aller Tschechow grüßenden Stimmungsmalerei irritierend blass.

 

Wenn der Regisseur, der das wohl irgendwie spürte, dagegenhalten wollte, indem er – immerhin und sehr zu Recht das Komische, ja Groteske des verrückten Redestücks zwischen Euphorie und Depression ausstellt, kam das meist unangemessen laut, prall und platt rüber. Es wollte nicht recht funktionieren mit Hin und Her, dem Drüber und Drunter von Plapperei und Seelenqual, Pathos und Ironie, Kichern und innerem Furor, von Scherz und Schmerz und Entsetzen. Das tolle Ping-Pong, das eine jede Tschechow-Spielerei dem Theater abverlangt, das war fast immer ein kleines oder größeres bisschen verwackelt und traf nur selten zielgenau. Es hatte keinen Swing und keine Federung, es plumpste. Vielleicht fehlten da der Regie vor der Premiere noch ein paar Proben mehr. Und vielleicht hat sich das alles mit diesem kompetenten Ensemble längst eingerenkt nach einer Handvoll Vorstellungen.

(wieder am 14., 20., 27. Januar und am 7. Februar)

Admiralspalast -

Sie war sechszehn, und er war vierundzwanzig – als sie in Wien geheiratet haben: die bayerische Prinzessin Elisabeth Amalie Eugenie und der Kaiser von Österreich-Ungarn Franz Joseph I. Doch den ungestümen Backfisch hat man bei Hofe nicht ernst genommen; nicht mal bei der Erziehung ihrer Kinder durfte die blutjunge Mutter überhaupt mitreden. Die legendär schöne, in ihrer Ehe (1854-1898) nicht sonderlich glückliche Sissi wurde in den goldenen Käfig gesteckt und hatte, dominiert von der Schwiegermama, zu parieren. Immerhin lebte sie verschwenderisch (Extra-Schloss auf Korfu), betrieb exzessiven Schönheitskult und vehement Sport, reiste nach England zur Fuchsjagd, besichtigte antike Ausgrabungen in Kleinasien, hatte alsbald schlechte Zähne durch ihre Raucherei und trug einen Anker als Tätowierung: das Symbol der Seeleute als Zeichen ihrer Aufmüpfigkeit. Sissi war ein Glamour-Star der K.-u.-K.-Monarchie, arrangierte sich mit dem (immerhin ihr gutmütig zugeneigten Kaiser, dem sie ziemlich auf die Nerven ging) und erkämpfte sich Schritt für Schritt ein einigermaßen selbst bestimmtes Leben, engagierte sich politisch gegen die Unterdrückung der Ungarn und wurde so in gewisser Weise zur frühen Ikone einer modernen Frau.

 

Heute ist Sissy Mythos und neben Mozart nebst Mozart-Kugel aus Schokolade weltberühmter Werbeträger Österreichs. Beträchtlichen Anteil an diesem Aufstieg ins populär Transzendente hatten in den 1950er Jahren herzig-süßliche „Sissi“-Filme mit Romy Schneider, die damit berühmt wurde und alsbald diesen Mega-Kitsch hasste.

 

Elisabeth war eine starke, exzentrische und schwierige Frau mit ausgeprägtem Hang zu Manien und Depressionen; sie fühlte und dachte emanzipatorisch und freiheitlich, war also eine höchst widersprüchliche, hoch dramatisch gespannte Figur: Und eben die steht im Zentrum von Michael Kunzes prunkvoll ausgestattetem Musical „Elisabeth“ – der spannend realistische, weil tragisch grundierte Gegenentwurf zu „Sissi“. Mit der Musik von Sylvester Levay avancierte er seit seiner Uraufführung 1992 im Theater an der Wien unter der inzwischen als klassisch geltenden Regie von Harry Kupfer zum weltweit erfolgreichsten deutschsprachigen Musical alle Zeiten. Es lief in elf Ländern, hatte bislang mehr als zehn Millionen Zuschauer und wurde in sechs Sprachen übersetzt – sogar ins Finnische, Japanische, Koreanische.

 

Jetzt ist die Show (18-köpfiges Live-Orchester, 28 Ensemblemitglieder, 664 Kostüme, 158 handgeknüpfte Perücken), ist das melodramatisch verschattete, dunkel gerahmte Liebes- und Todesspiel dieser „Kaiserin der Herzen“ nach Jahren wieder in Berlin, im Admiralspalast zu sehen. Und wirkt frisch wie am ersten Tag; schließlich überwachte Opernregie-Weltstar Kupfer die Proben. Das ist intelligentes, von Kitsch und Albernheiten völlig freies, dennoch sehr gefühlvolles Unterhaltungstheater; perfekt gespielt, gesungen und gestylt (fantastische Video-Installationen, die Choreographien der ferngesteuert beweglichen Spiel- und Kulissenpodeste - Ausstattung Hans Schavernoch). Ein Glücksfall im meist stur geschäftstüchtigen, dem Flachen und Bieder-Gefälligen so überaus zugetanen Metier!

(bis 14. Februar)