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Kulturvolk Blog Nr. 149

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

30. November 2015

Stage Theater des Westens -


Vielleicht ist „Chicago“ für manche allzu streng; weil: viel zu wenig süß, sentimental, gefühlig. Und allzu wenig romantisch aufschäumend. Dafür ist dieser das ganze Genre prägende Broadway-Musical-Klassiker absolut stylish. Doch man muss sie mögen, diese Schnörkellosigkeit, die geprägt ist von der Farbe Schwarz, von hartem, gleißendem, scharfe Schatten werfendem Licht sowie von seltenen, augenzwinkernd gesetzten Flittermomenten. Man muss einen Nerv haben für das kaltschnäuzig Hingeworfene, das kühne Kühle dieser souveränen Show, die wie ein stählender Monolith düster funkelt. Eine Sache für radikale Ästheten. Für Liebhaber der großen, so souverän wie ausgebufft kalkulierten Form. Eine faszinierende Makellosigkeit! Man muss sich freilich auf einen derartigen kompromisslosen Extremismus einlassen können. Denn da ist nichts mit sofaweicher Soap und lieblich gezirptem Singsang. Da ist jazzige Schmissigkeit („All That Jazz“). Da grüßt das Amerika der Sechziger das alte Europa der unterhaltungstechnisch so coolen Vorkriegszeit mit seiner drastischen Gewitztheit. Man denkt an Brecht und kompositorischen Konsorten.

 

Dem „Dreigroschenoper“ - Autor mag die ins Aberwitzige gedrechselte, mörderische Sex-and-Crime-Story des genialen Bob Fosse Paroli bieten vor allem durch ihren gnadenlos frivolen Zynismus‘, der die fatale Verquickung von bürgerlicher Scheinmoral, Gerichtsbarkeit, Geldgier und Boulevardpresse bloßstellt. Alles dreht sich nur um Lüge, Verrat, Eitelkeit, Gewalt und Geschäftemacherei, also um Verheerendes. Von den Starkomponisten John Kander und Fred Ebb in ironisch pointierte Musiknummern gegossen.

 

Kern dieser zwischen bürgerlichem, halbseidenem und kriminellen Milieu changierenden Geschichte ist der Mord, den ein Tingeltangel-Star an seinem Ehemann begang. Umrankt ist die brutale Erschießerei von dreckigem Bussiness, Medienmanipulation und fragwürdiger Gerichtsbarkeit mit so genannten Staranwälten. Der sensationsheischende Fall kommt direkt aus der Wirklichkeit: Chicago 1924, Kriminalreporterin Watkins hat ihn in der „Chicago Tribune“ dokumentiert und zwei Jahre später daraus ein Theaterstück gebastelt, es wurde ein großer Erfolg – erst 1975 erschien die Musical-Adaption, 1996 die Revival-Version.

 

Das Stage-Ensemble knallt die fatale Chose voller schicker, schöner, aber durch und durch charakterloser Typen perfektionistisch bis in alle Finger-, Fuß- und Stimmbandspitzen lakonisch (oder rotzfrech) in den Raum und auf die Rampe. Bewundernswert die akrobatischen Einlagen, die tollen Slapstickiaden und die köstlichen, so selten erlebten Comic-Parodien. Eine boshafte Show in total coolem Design. Ganz großstädtisch. Erstaunlich intellektuell. Und ziemlich speziell dieser Kontrast: Einerseits das gestochen scharfkantige, gleißend Artifizielle, anderseits das schamlos Dreckige der Story. (bis 17. Januar 2016)

Filmtipp -

Schon lange, lange Zeit kein Regen mehr in Äthiopien, und so fliehen viele aus der Zone der tödlichen Dürre ins grüne Hochland. Da wächst, wenn auch karg, wenigstens etwas Essbares. Auch Ephraim, ein kleiner zarter Junge mit großen verträumten Augen, wird von seinem Vater, dem die Frau vor Hunger weggestorben ist, dorthin verfrachtet. Kommt er doch ohnehin mit dem Kleinen nicht zurecht; allein schon, weil er sich auf einen weiten Weg zur Suche nach einer neuen Frau macht. Da stört der Sohn und wird abgeschoben zu Verwandten in ein fernes Dorf, das ihm so fremd ist wie die Leute, die ihn als zusätzlichen Esser widerwillig aufnehmen. Ephraim fühlt sich ausgesetzt. Doch hat er einen Freund, den er mitgeschleppt hat aus der alten Heimat: Es ist ein Lamm. Er liebt es innig und hat es zum Ärger seines Vaters trickreich vorm Schlachten bewahrt.

 

Es ist eine einfache, berührend poetische und doch tief gründende Geschichte aus einem uns fernen, landschaftlich fantastisch schönen Land mit unsäglich schweren Lebensbedingungen, die der äthiopische Film „Ephraim und das Lamm“ in eindrücklich schönen und doch eigentlich schrecklichen Bildern erzählt. Zugleich beschreibt er eine archaisch geprägte, rückständige Gesellschaft, die durch ihren alltäglich harten Überlebenskampf, in dem (moderne) Bildung keinen Platz findet, brutalisiert ist und aggressiv reagiert auf jedwede individuelle Abweichung von vermeintlichen Normen.

 

Das offenbart sich schmerzlichst in Ephraims neuem Zuhause. Der weichliche, träumerische Knabe taugt nicht zur Feldarbeit, aber er kann gut kochen. Doch das trägt ihm bloß bösen Hohn ein: Ans Feuer gehören keine „richtigen“ Männer, Kochen sei Frauensache. Und auch sein Gefährte soll alsbald im Kochtopf enden. Doch der Neunjährige ist ein Pfiffikus. Mit viel Geschick und bewundernswerter Geschäftstüchtigkeit bereitet er im Geheimen die Flucht vor. Das Lamm ist gerettet, aber anders, als von Ephraim gedacht: Es stürmt von dannen zu seinen Artgenossen in eine Herde. Ephraim ist wieder allein. Ob er ins Dorf zur ungeliebten Verwandtschaft zurückkehren wird, in die er nicht passt und die allein „richtige“ Männer akzeptiert, das ist die Frage, die dieser tief berührende, an trefflichen Sinnbildern reiche Film von Yared Zeleke offen lässt.

 

„Ephraim und das Lamm“ entspricht dem Lebensweg des 1978 in den Slums von Addis Abeba geborenen Filmregisseurs (der später in die USA ging und dort studierte). Yared Zeleke: „Es ist ein semi-autobiographisches Drama mit Herz, Herzschmerz und dem Humor des alltäglichen Lebens in meinem Heimatland.“ Und wahrlich, in der erschütternden Geschichte dieses neunjährigen Außenseiters spiegelt sich – im kleinen Privaten komprimiert das große Gesellschaftliche die Tragödie Äthiopiens (und wohl auch Afrikas). Zugleich schildert der Film bei all seiner authentischen Ortsgebundenheit Allgemeinmenschliches. – Mit „Ephraim“ kam erstmals ein Beitrag aus Äthiopien ins offiziellen Programm der (diesjährigen) Filmfestspiele von Cannes; die Nordamerika-Premiere war beim Internationalen Filmfestival Toronto. Ab jetzt in unseren (Studio-)Kinos.

„Ernst-Busch“ - Finale im Berliner Ensemble -

Vier Jahre dauert die Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin (ein später, später Nachfahre der Max-Reinhardt-Schule). Sie wird von Bewerbern geradezu bestürmt und gilt als super streng, autoritär sowie hart auf Techniken orientiert; ganz böse Zungen meinen damit Ost-Drill. Die UdK-Schauspielausbildung mit West-Berlin-Tradition wird als psychedelisch oder gar traumtänzerisch belästert; ist gewiss maßlos übertrieben, aber was Wahres mag dran sein...

 

Kürzlich präsentierten nun 20 „Busch“-Studenten auf der Probebühne des Berliner Ensembles in einer Art großem Vorspiel Ausschnitte aus ihren Abschlussarbeiten. „Wir wollen spielen“ war das etwas altbackene Motto der ansonsten dampfend frischen Veranstaltung. Also, um es gleich und anders zu sagen: Ich war hingerissen! Dass da viel Talent zu bestaunen war, galt als ausgemacht. Allein schon das aufwändige Auswahl-Prozedere vor Studienbeginn dürfte verhindern, dass sich Talentarmut einschleicht. Um die Qualität des (zumindest an den Theatern unseres Landes überwiegend grottenschlecht bezahlten) Nachwuchses müssen wir uns also keine Sorgen machen.

 

Meine Bewunderung galt jedoch vor allem diesem herrlichen Abend als ganzem: Zunächst die starken, herausfordernden Texte, dann das vehement Spielerische, zuweilen auch gewitzt Verspielte (hier die Namen der die Studenten betreuenden Professoren: Ulrich Engelmann, Matthias Günther, Steffi Kühnert, Veit Schubert und Dozent Gregor Schleuning). – Und die Liste der Autoren verdeutlicht, welch gegensätzliche Spielformen von den verschiedenen Genres gefordert wurden: Tschechow, Goethe, Hofmannsthal, Shaw, Schimmelpfennig, Kleist, Büchner, Wallace, Simon. Zwischendurch gab es gar noch ein saftiges Liederprogramm von „Ich habe meine Tante geschlachtet“ bis „Immer, wenn ich traurig bin“.

 

Besonders bemerkenswert bleibt, mit welcher Feinfühligkeit, Akribie und Liebe, mit welch dramaturgischem Geschick Veit Schubert das anspruchsvolle Programm aus Szenen, Monologen und Liedern arrangierte und in den Rang einer eigenständigen und ziemlich originellen Theatervorstellung hob. Sie dauerte vier Stunden lang und war dennoch höchst unterhaltsam, was für allseitige Könnerschaft spricht. - Aber ach, das schöne Ding glänzte nur ein einziges Mal. Was für ein Luxus! Warum nicht wenigstens ein paar Wiederholungen (das BE hat schon ganz andere organisatorische Probleme gelöst)? Warum gönnt man nicht einem größeren Publikum diese Delikatesse?