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Kulturvolk Blog Nr. 147

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

16. November 2015

Kammerspiele des Deutschen Theaters

„Geh außen rum, Peer!“ Was für ein prima Ratschlag, denkt der. Und geht denn auch weit, weit nach draußen, stürzt gar einmal um die ganze Welt, immer auf der Flucht vor sich selbst und doch egomanisch wie kein anderer. Wie Doktor Faust bei Goethe verzweifelt nach Sinn und rücksichtslos nach Identität suchend durch Traum- und Wirklichkeitswelten rast, so tut das auch der arme Bauernlümmel Peer Gynt, ein Draufgänger, Verführer, Brauträuber, ein Lügenbold, Zaubermeister, Menschenschinder, Prophet in der Wüste und Kaiser im Irrenhaus, -- in Henrik Ibsens dramatischem Gedicht „Peer Gynt“, das ursprünglich gedacht war als gigantisches Lesedrama. Anno 1971 bei weiland Peter Stein an der Schaubühne dauerte die opernhafte Saga zwei Tage lang; jetzt in den DT-Kammerspielen hat Regisseur Ivan Penteleev diesen „nordischen Faust“ auf 100 Minuten eingedampft.

 

Ibsens monumentaler Breitwand-Illusionismus, sein von Massen bevölkertes Figurenpanorama auf ein paar Schnappschüsse reduziert für zwei Schauspieler, die gerade mal noch zwei Dutzend Seiten Text haben. Da ist alles Irrlichternde, Rätselhafte und Wundersame, alles Schauerliche und Schöne, aller Saft und alle Kraft, Raserei, Tollerei eliminiert. Eine strenge Reduktion auf Sentenzen. Auf Pessimismus, Beckettsche Leere, Vergeblichkeit und Endzeitstimmung. Auf das Nichts, auf das man stößt beim Schälen einer Zwiebel. Da nämlich ist kein Kern, wie auch bei Peer keiner ist. Keine Mitte, keine Identität und letztlich kein Sinn. Das alles auf ein paar Seiten rabenschwarzer Ibsen-Rest im finsteren Bühnenloch. Dafür aber wenigstens knapp zwei Stunden gute Schule der Sprechkunst mit Margit Bendokat (faszinierend eisige Lakonie) und Samuel Finzi (im undankbaren Modus keuchender Dauerdepression). Für einschlägige Genüssler womöglich eine Rarität; obgleich man beide Stars liebend gern in profunderen Rollen erlebt hätte. Ansonsten: Zu wenig Ibsen für einen Ibsen-Abend. (wieder am 18., 25. November, 21. Dezember)

Peymann als Plaudertasche oder Das BE von innen

Die Besucherorganisation Theater-Gemeinde Berlin (TGB) tut neuerdings das, was das konkurrierende Unternehmen Freie Volksbühne mit ihrer so genannten Montagskultur (unterwegs bis hin ins Fernsehstudio) längst schon tut: Nämlich sich mit speziellen Veranstaltungen unterhaltsam, hintergrundinformativ und mithin werblich an die breite Öffentlichkeit zu wenden. So gewann die TGB jetzt beispielsweise das Berliner Ensemble zum Partner, um in prominent besetzten Foyer-Veranstaltungen Einblicke in den (BE-)Bühnenbetrieb hinter den Kulissen zu vermitteln. In der kürzlich ersten Veranstaltung dieser Art stellten sich Geschäftsführerin Miriam Lüttgemann und BE-Boss Claus Peymann dem Publikum. (Übrigens: Peymann war bereits am 2. Dezember 2013 Gast beim monatlichen Theater-Talk der Freien Volksbühne auf ALEX-TV; abrufbar via YouTube).

 

Zur Einstimmung gab’s via Lautsprecher und demonstrativ programmatisch ein paar Takte aus Mozarts Singspiel „Der Schauspieldirektor“. Womit eine Selbstverständlichkeit annonciert ist: Peymann hat auch hier das Sagen, was er freilich in sympathischer Unaufdringlichkeit tut, indem er zunächst seine Ko-Chefin Lüttgemann präsentiert als kenntnisreiche und vor allem feste Stütze seiner selbst in diesem, so Peymann, „planerisch fast immer am Rande der Anarchie werkelnden Haus“. Schließlich sei man eine GmbH, verfüge mit den zwölf Millionen Euro staatlicher Zuwendung („bloß das Gorki hat weniger“) über „extrem kleine Sicherheiten“ und sei bei finanziellen Katastrophen „sofort schließbar“, weshalb man „wahnsinnig fleißig“ Stücke spiele mit enorm langer Laufzeit bei prima Kartenverkauf und vergleichsweise moderaten Preisen (die Konkurrenz sei teurer, aber man wolle das angestammte „bürgerliche“ Ost-Publikum halten und gewinne zunehmend Nachfrage von ausländischen Besuchern). Überraschend sei die große Nachfrage im Ausland; glücklicherweise, denn: Ohne weltweite Gastspielerei parallel zum weiter laufenden Berliner Betrieb drohe nämlich die Pleite.

 

Die so taffe wie charmante Frau Lüttgemann ergänzt ihren Chef mit allerhand spektakulärer Statistik; beispielsweise 30 Prozent Refinanzierung des Etats durch Kartenverkauf – in Berlin liege der Schnitt bei etwa 12 Prozent. Dann übernimmt wieder der Hausherr. Und wettert gleich mal gegen Oliver Reese, seinen Nachfolger ab 2017, gegen den er eine „gewisse Skepsis“ hege. Weil: Er werde die nach eigenen Angaben hervorragende ökonomische Bilanz wohl nicht halten können. C.P. befürchtet ein Desaster trotz der künftig gewährten permanent höheren staatlichen Zuwendung (Reese hat gut verhandelt). Das ärgert natürlich Peymann, der Extra-Zuschüsse (etwa für Wilson-Projekte) stets extra beantragen muss.

 

Reese, gegenwärtig noch Chef des erfolgreichen Frankfurter Schauspiels (die Frankfurter wollten ihn gern behalten), habe sich beim damaligen Kulturstaatssekretär Schmitz („Guter Mann!“) beworben. Und C.P. habe alles getan, ihn zu verhindern. Doch dann kamen ein neuer Staatssekretär (Renner) sowie ein neuer Regierender/Kultursenator (Müller) und Reese bekam den Job. C.P. habe Wowereit (damals noch im Amt) drei Vorschläge gemacht: Karin Baier (einst Köln, jetzt Hamburg), Leander Haußmann („super Regisseur“), Luc Bondy. Alles tolle Regisseure, schließlich könnten nur große Künstlerpersönlichkeiten ein BE dirigieren. Reese, auch als Regisseur ziemlich bravourös tätig, war ihm da offensichtlich viel zu klein. Peymann: „Ich hatte ihn nicht auf dem Schirm, und er ist viel zu dicht dran bei Ulrich Khuon, wird also das Gleiche machen wie das DT. Und werde wie Khuon nicht begreifen, der in seinem DT am geradezu massenhaft Produktionen heraus schleudere, dass ein BE wie auch ein DT kein gewöhnliches Stadttheater sei. Sondern etwa wie die Wiener Burg eine historisch gewachsene, einzigartige Besonderheit.“ - Kleine Anmerkung: Wie denn ein adäquater Spielplan für die genannten "besonderen" Häuser geprägt sein müsse, wurde leider nicht näher beschrieben... Ich meine: Durch Konzentration auf die großen deutschen Texte sowie auf die der Weltliteratur.

 

Also die Kulturpolitiker Renner & Müller sind bei C.P. wohl unten durch; spätestens seit der Berufung von Chris Dercon für die Volksbühne. „Ich habe nie für Castorf gekämpft, sondern für sein Haus und sein Ensemble.“ Denn nur ein starkes festes Ensemble könne einen attraktiven Repertoirebetrieb aufrecht halten. Im BE habe man Erfolgsstücke langfristig und vergleichsweise oft im Spielplan, eben so lange, bis die Nachfrage irgendwann versiegen würde.

 

Dercon sei wohl polyglott, charming, sexy, eloquent, managerhaft, aber "überflüssig" für Berlin. Das Fünf-Millionen-Euro-Sahnehäubchen extra für die künftige Dercon-Volksbühne sei „absolut Mumpitz“. Das viele Geld der klammen Stadt hätte Thomas Oberender vom Festspielhaus gehört, um dort („es steht ja meistens leer“) ein wirklich großes internationales Programm anzubieten. Dafür müsse man nicht in den Hangars von Tempelhof teure Volksbühnen-Außenstellen installieren. Man hätte dafür ja schon Oberenders Festspielhaus in der Schaperstraße. Und das HAU obendrein.

 

Weil Berlins Kulturpolitik („die nichts weiß und nichts will“) keine Alternative für die Zeit nach Castorf gehabt hätte, engagierte sie flugs einen gerade gängigen und teuren Big-Name, anstatt bereits (zaghaft) Bestehendes (Festspielhaus) endlich konzentriert zu fördern. Peymann in gelassener Resignation: „Eine Dummheit!“

 

Dumm sei auch der notorische Vorwurf, das BE betreibe ein Touristentheater wie der Friedrichstadtpalast. Doch die Reisebusse mit internationalen Kennzeichen stünden „leider oder Gott sei Dank“ nicht am Bertolt-Brecht-Platz. Tatsache sei allerdings, etwa die Hälfte der Besucher käme von sehr weit her („aus Bochum, Stuttgart, Wien“ ergänzt Frau Lüttgemann). C.P.: „Ja, es gibt diesen sagen wir hochwertigen Theatertourismus, der sich in Luxushotels eincheckt. Ist auch gut so und spricht für uns. „Das BE hat wieder Weltgeltung.“ Wegen Peymann oder doch wegen der Historie, bleibt die vage Frage.

 

„Jaja, die Menschen kommen wegen uns in die Stadt, aber auch wegen der Staatsoper oder wegen Castorf, dem sie dann womöglich für immer fern bleiben“, relativiert C.P. grinsend und nicht ganz ohne hübsche Häme. Also Weltgeltung, die sein Nachfolger, da ist sich der Prinzipal sicher, verspielen werde wie sie das DT längst verspielt habe. Und die Volksbühne nie wieder haben werde. Tja, allerorten Apokalypse post Peymann.

Theater am Kurfürstendamm

Die perfekte, zugleich massenwirksam familiär-intime Klopperei unter Paaren wie zwischen Generationen lieferte der grandiose US-Literat Tracy Letts mit seinem Film-Script „Im August in Osage Country“ (Pulitzer-Preis 2008). Da wird keinerlei Rücksicht genommen auf gutbürgerliche Fassaden, Verklemmtheiten, Verdrängungen, Lebenslügen. Klar, dass sich Stars wie Meryl Streep und Julia Roberts nebst anderen Groß-Könnern der Branche um die Mitwirkung in diesem Hollywood-Film geradezu rissen. Eine schwer beeindruckende, rabenschwarz gerahmte Komödie vom toll gelebten (oder eben verbittert nicht gelebten) Mittelklasse-Leben in der amerikanischen Provinz und obendrein vom bedrohlich vor und in der Haustür stehenden Tod. Ein lebenspraller Mix aus Komik und Grauen; eine Tragödie.

Was die Wirkung des Films betrifft gilt auch für dessen Bühnen-Adaption, die vor knapp einem Jahr unter dem Titel „Eine Familie“ im Kudamm-Theater herauskam unter Leitung des israelischen Regisseurs Ilan Ronen; Chef des israelischen Nationaltheaters Habima Tel Aviv und Vater von Tochter Yael und Sohn Michael; beide arbeiten gegenwärtig erfolgreich im Gorki-Theater.

Ilan Ronen lässt die schweren Konflikte aufeinander krachen, zeigt die bösen, sadomasochistischen Auswüchse, offenbart alle Schmerzen, alle Wunden, lässt aber auch das Komisch-Groteske nicht aus. Eine wahnsinnige Familienschlacht – und doch nicht ohne die berührenden, stillen Momente der Sehnsucht nach Glück. Freilich kann das – wie in Hollywood so auch hier nur mit einem super Ensemble gelingen – u.a. mit Ursula Karusseit, Friederike Kempter, Felix von Manteuffel, Eva Löbau, Marion Breckwoldt. Ein großartiges, unheimliches, in jeder Hinsicht starkes Stück (im Berliner Schauspiel mittlerweile eine Seltenheit. Unbedingt ansehen! (wieder 19.-22. und 26.-29. November)