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Kulturvolk Blog Nr. 146

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

9. November 2015

Volksbühne


Wenn einer aus 1200 Druckseiten Weltliteratur knapp sechs Stunden Theater macht (plus Pause), dann ist das doch nicht zu lang. Es sei denn, man insistiert auf eine der vielerorts üblichen Zwei-Stunden-Sprechblasen-Kurzfassung (ohne Pause).

 

Doch auf so was lässt sich Frank Castorf natürlich gar nicht erst ein. Wenn der Theater macht, hat er Existenzielles im Kopf, Menschheitliches. Mithin das ewig grauenvolle Chaos im Schlachthaus Welt, verbunden mit der ewig bohrenden Frage, warum das noch immer so ist und ob das so bleiben wird womöglich bis in alle Ewigkeit.

 

Antworten auf derartige Fragen gibt es reichlich. Doch mit der praktischen Verbesserung der desaströsen Lage der Welt nebst ihrer Bewohner hapert es mächtig. Grund genug fürs Castorf-Theater, die derart unzulänglichen, ja mörderischen Welt- und Menschenverhältnisse immer wieder und in welcher Kostümierung auch immer in all seinen Facetten fragend vor uns auszubreiten. Und spielerisch, also kunstvoll zum Kochen zu bringen. Das kann nicht ohne beträchtliche Anstrengungen sowohl der Spieler als auch der Zuschauer gehen. Und das geht schon gar nicht eins, drei, fix. Erst recht, wenn sich Frank Castorf für seine komplexe Denk- und hoch artistische Spielbühne Fjodor Michailowitsch Dostojewski zur Vorlage nimmt. Er tat es bislang mit dessen Werken „Dämonen“, „Der Idiot“, „Schuld und Sühne“. Und jetzt mit „Die Brüder Karamasow“.

 

Um es gleich zu sagen: Die von sexuellen und sonstigen Obsessionen (darunter auch von Liebe) durchsetzte Vatermordsgeschichte aus dem alten Russland ist allein schon spannend durchs ungeheuerlich Menschelnde. Da hat‘s toll was zu spielen fürs Castorf-Ensemble! Zugleich aber ist sie aufregend durch ihre philosophischen Aufladungen. Da nämlich kracht weltanschaulich total Gegensätzliches aufeinander: Einerseits Aufklärung und Emanzipation bis hin zu dem von allen moralischen Klammern befreiten Prinzip „Alles ist erlaubt“, das, wir erleben es immer wieder, in (massen)mörderischer Auslöschung gipfelt; anderseits Religion und Demut, die Unterordnung unter die Kirche, die den Menschen bindet durch ihre Kräfte Wunder, Geheimnis, Autorität. Hier also Liberalität, dort Orthodoxie. Ein Systemclash, brennend aktuell und mithin ein klassischer Castorf-Stoff. Wie auch dieser Dostojewski-Satz „Noch nie gab es etwas Unerträglicheres für den Menschen als die Freiheit.“

 

Er zieht sich gleichsam als Motto durch dieses Sechs-Stunden-Castorf-Karamasow-Spektakel, das der Regisseur aus der monumentalen, von der großen Swetlana Geier übersetzten Vorlage formte, die eben zweierlei ist: ein glühender Roman der Leidenschaften, ein kühles Argumentationsbuch.

 

Freilich, man muss sich einlassen wollen auf diesen Mix. Dann wirkt er nachhaltend. Zugegeben, eine Stunde selbstverliebtes Regie-Karacho hätte man streichen, den Großteil des hysterischen Figuren-Geschreis hätte man dämpfen können. Dafür darf man Castorfs einzigartige Kunst der szenischen Übergänge bewundern – und sein beispielloses Höchstform-Ensemble, nahezu beständig (allzu beständig) unter dampfenden Hochdruck: Die Damen Angerer, Balibar, Breitkreiz, Rois, Stangeberg; die Herren Arnst, Büttner, Güldenberg, Hosemann, Scheer, Zillmann. Sie alle haben wenigstens eine unvergessliche Nummer. Großes Kino. Denn über sehr weite Strecken wird via Video erzählt; doch weitaus intensiver als je zuvor. Castorf hat sich mittlerweile als Filmregisseur perfektioniert; die Kamerateams bleiben durchweg unsichtbar, umso suggestiver die Bilder, der Ausdruck der Spieler.

 

Nun endlich aber und als Schlusswort dieser im Körperlichen vehementen, im Geistigen faszinierenden Produktion: Ihr optisch fantastischer Rahmen, die letzte tollkühne Arbeit des Bühnenbildners Bert Neumann vor seinem frühen Tod. Mutig und ohne Rücksicht auf hohe Kosten hat er die Volksbühne umgerüstet in einen riesigen, bis an die Decke pechschwarz schillernden Dunkelraum. Eine unheimliche Trauerhalle, ein geheimnisvolles Großgrab. Dostojewski-Atmosphäre total. Die Bestuhlung ist entfernt, das ansteigende Parkett ausgelegt mit einer Art Asphaltdecke. Das Publikum lümmelt auf Sitzsäcken; orthopädisch unkorrekt, doch für Bandscheibengeschädigte stehen am Rand von Saal und Bühne noch ein paar Stühlchen. Im Bühnenhintergrund und an der einen Saalseite hübsch russisches Ambiente: Datsche, Gartenlaube, Ententeich, Bretterschuppen, Brettersauna. An der Saalrückwand (überm ehemals zweiten Rang) eine irrlichternde Kola-Reklame. Das optische Signal vom Heute. Es korrespondiert mit den Einschüben von Passagen aus „Exodus“ des zeitgenössischen Moskauer Autors Pjotr Silajew. Er nennt sich DJ Stalingrad, was genau auf seine Texte passt. Sie belichten grell den kriegerischen, nihilistisch oder nationalistisch-faschistoid geprägten Zustand einer hemmungslos lebensgierigen, orientierungslosen Jugend im postsowjetischen Turbokapitalismus, die Stalinbilder herumträgt und dabei Christenkreuze küsst.

 

Ein freilich böser und zermürbender, doch bei all seinen wütenden Entsetzlichkeiten, seinen Schrecken und Ängsten, seinen grotesk-komischen oder nach Liebe lechzenden Momenten ein wiederum vertrackt poetischer Abend. Voll von Blut, Schweiß, Tränen – Mitleid und Gedankenschwere. Glauben an die Freiheit? Glauben an Gott? Glauben an den Menschen? Gewiss aber ist nur der Tod. Ein Menschenspektakel. Eine Schlacht, zuweilen gar eine elende Schlammschlacht der Ideen und Möglichkeiten. Ihr Ausgang: offen. (wieder am 14., 20., 22., 27., 29. November)

Renaissance-Theater

Was für ein Fest, ihn endlich wieder auf einer Berliner Bühne zu sehen, wenn auch, um es gleich zu sagen, in einem ziemlich kleinen und dürftigen Stück: Udo Samel; einst eins der Schmuckstücke des meisterlichen Schaubühnen-Ensembles, zuletzt bestens beschäftigt leider eben nicht im ignoranten Berlin, das seine großen älteren Spieler achselzuckend ziehen oder links liegen lässt, sondern in Wien am Burgtheater. Nun ist er im Renaissance-Theater mit dem Stück „Entartete Kunst. Der Fall Cornelius Gurlitt“ von Ronald Harwood wieder hier in Berlin. In der Rolle eines kauzigen, eigenbrötlerischen, dabei aber äußerst durchtriebenen alten Mannes, eines besessenen Liebhabers von Kunst und kindlichen Sammlers von Spielzeugeisenbahnen mit Namen Cornelius Gurlitt.

 

Der Name wurde 2013 zum Etikett eines nicht nur im globalen Kunstbetrieb weltweit Aufsehen erregenden Kriminalfalls: Per Zufall kam heraus, dass der greise Gurlitt in seinem Münchner Appartement (und obendrein in seiner Salzburger Sommerhütte) insgeheim eine riesige, heute viele Millionen Euro werte Sammlung von Kunstwerken hortete, die sein Vater Hildebrand auf teils illegale Weise zusammentrug. Der international berühmte Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, zunächst ein glühender Förderer der Avantgarde um und nach 1900, wurde nämlich nach 1933 von Goebbels und Hitler beauftragt, aus Museen so genannte entartete Kunst zu requirieren und zum Nutzen des NS-Staates zu verkaufen. Gleiches galt für „beschlagnahmte“ Kunst aus dem Besitz verfolgter (und ermordeter) Juden. Zugleich hatte H.G. den Auftrag, als nicht „entartet“ geltende Kunstwerke ob aus jüdischem Besitz oder aus dem von Museen in den vom NS-Staat besetzten Territorien für das einzurichtende so genannte Führer-Museum in Linz beiseite zu schaffen.

 

1945 behauptete Vater Gurlitt, sein gesamter Privatbesitz einschließlich seiner in Teilen aus „Raubkunst“ bestehenden „Privatsammlung“ sei im Krieg vernichtet worden. Eine gigantische Lüge! Das Arsenal der unermesslichen Kostbarkeiten hatte überlebt und wurde vom Sohn als sein Erbe heimlich gehortet und gehütet. Bis die Sache vor zwei Jahren aufflog und bis jetzt Gerichtshöfe (Restitution) und Museen (Provenienzforschung) beschäftigt; Cornelius Gurlitt verstarb inzwischen (am 6. Mai 2014 in München).

 

Soweit im Groben der so komplexe wie skandalöse „Fall Gurlitt“, aus dem der vornehmlich durch preisgekrönte Drehbücher berühmt gewordene britische Autor Ronald Harwood (Jahrgang 1934) mit flinker Feder das Theaterstück „Entartete Kunst“ zusammenschrieb, dessen Uraufführung das Renaissance-Theater ergattern konnte. Eigentlich ein toller Coup, eine hoch brisante Angelegenheit, wäre das Script nur nicht derart flachbrüstig und einseitig orientiert auf die banale Darstellung eines bloß störrischen und schrulligen und ein bisschen von Tragik umwölkten Alten mit ausgeprägtem Hang zu muffigen Männerfantasien („Fluppen“) und neckischen Spielzeugeisenbahnen. Der alle Welt bewegende politisch-kriminelle Hintergrund wird gleichsam nebenher unter Beteiligung der insistierenden Anwaltschaft (Anika Mauer, Boris Aljinovic) mit dürren Worten und hier eher unangebrachten Seitenhieben auf gierige Kunsthändler und ebensolche Anwärter auf Restitution flapsig abgehandelt.

 

Der im Handwerklichen perfekte Regisseur Torsten Fischer, dem wir viele starke Abende im Renaissance verdanken, arrangierte die Petitesse souverän, ihre Schlappheit freilich vermochten weder er noch sein famoses kleines Ensemble zu überspielen. Ist doch schon der Titel „Entartete Kunst“ irreführend; es geht vornehmlich um Raubkunst. Und eigentlich geht es auch nicht um den traurig kriminellen, von höheren (politischen) Einsichten völlig freien Geheimniskrämer Cornelius, sondern um die von schier unglaublicher Dramatik umwölkte Figur seines Vaters. Der freilich wäre der wirklich potenzielle Lieferant eines Stoffs für wahrlich großes Polit- und Menschentheater – und nicht sein seltsamer Sohn. Harwoods Stückchen über Cornelius wäre dazu höchstens die vorbereitende Fingerübung. Und selbst da wäre noch sehr viel mehr drin gewesen... (wieder am 14., 15., 17. bis 20. November)

 

Aktuelle Anmerkung: Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die Bonner Bundeskunsthalle beauftragt, die Werke aus der so genannten Sammlung Gurlitt auszustellen, deren Herkunft bislang noch immer nicht eindeutig geklärt werden konnte. Man verspricht sich so Hinweise auf Spuren, die zu den rechtmäßigen Besitzern führen. Restauratoren der Kunsthalle haben in den letzten Monaten die höchst umstrittene Sammlung des verstorbenen Kunsthändlers Cornelius Gurlitt katalogisiert. Die Ausstellung soll im Herbst nächsten Jahres eröffnet werden.