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Kulturvolk Blog Nr. 139

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

21. September 2015

Berliner Ensemble


Was soll man nur machen: Reicht man guten Gemüts Hilfesuchenden die Hand, wird sie einem schnell abgerissen von den Bedürftigen in ihrer Not. Wie also will da die weichherzig mitleidende Shen Te aus Sezuan ein guter, ein vor Menschen und Göttern angenehmer Mensch sein, wenn doch ihre schier grenzenlose Hilfsbereitschaft sie ruiniert? Denn eben erst hat sie aus göttlichen Händen viel Geld bekommen, um sich einen Tabakladen zu kaufen. Und gleich ist alles wieder fast futsch, verschenkt oder verborgt. Was soll man nur machen…?

 

Was für eine Frage just in diesen Tagen, als Leander Haußmann im Berliner Ensemble „Der gute Mensch von Sezuan“ inszenierte. Bertolt Brecht gab in seinem Parabelstück die praktische Antwort durch eine Art Doppelmoral: einerseits Zuwendung, anderseits Verweigerung. Und für die grundgute Shen Te erfand er da einen märchenhaften Trick: Immer wenn sie die übergroße Not der Verelendeten von Sezuan überfordert, schlüpft sie als ihr „Cousin“ Shui Ta in die Rolle des bösen, hartherzigen Geschäftsmannes, der nichts zu verschenken und zu verteilen hat. Und so rettet sie denn ihr kleines Eigentum, den Tabakladen. Obendrein errichtet dieser „Cousin“ mit ausbeuterisch harter Hand eine Tabakfabrik, die zwar allergrößtes Elend lindert, wofür jetzt aber die Bedürftigen von Sezuan schwer schuften müssen. Haben nun also die großen Götter bei ihrer Suche nach guten Menschen auf dieser Welt tatsächlich einen Gutmenschen gefunden in diesem ingeniösen Doppelwesen Shen Te / Shui Ta? Große Frage! Brecht gibt sie in seinem berühmten Epilog ans Publikum weiter: „Vorhang zu und alle Fragen offen…“

 

Man muss wissen, Brecht bastelte unentwegt herum an diesem Stück, das auch noch – um das Holzschnittartige der Gut-Schlecht-Mensch-Parabel gefühlig aufzupeppen garniert ist mit einer tränenreichen Lovestory: Das süß naive Girlie Shen Te verknallt sich in einen so egoistisch wie verführerischen Bösewicht, der sie schwängert und sitzen lässt (flotte Botschaft: Mädels, hütet euch vor bösen Buben). Und so mäandert die ganze Sache nebst diversen Gesangseinlagen (Musik Paul Dessau) aus in Nebensächlichkeiten.

 

Der Regisseur Leander Haußmann, dem wir nicht nur sarkastisch gewitzte, politisch pointierte Filmkomödien verdanken, sondern zuletzt auch im BE zwei fulminante, so gefühlspralle wie gedankenklare Klassiker-Inszenierungen ( „Hamlet“, „Woyzeck“), dieser tolle Künstler und sensible Fachmann fürs raffiniert Poetische ist leider der falsche Mann sonderlich für diesen angestrengt weitschweifigen Brecht. Immer wieder will er uns mit (Brecht würde schimpfen: „kulinarischem“) Kurzweil vom Sessel reißen. Da wechseln opernhaft gefühlige Momente mit zirkushaften Slapstickiaden, mit Komik, Blödeleien und poppig-musikalischen Nümmerchen (neben den klassischen von Dessau). Die vielen fantastischen, exotischen oder gar kitschig bunten Spielchen, die – gut gemeint und fein gemacht den „grauen“ B.B. „farbig“ machen sollen, verschwiemeln ihn aber nur noch mehr. Und leiern ihn aus bis kurz vor Mitternacht.

 

In diesem so abendüberfüllend aufgeschäumt und breit getretenen Brecht-(Lehr-)Stück versank denn auch die eigentlich großartige Schauspielerin Antonia Bill wirkungsarm in ihrer zwittrigen Titelrolle: Einmal als mit dem Hintern wackelndes Naivchen, ein andermal als immerzu kerlig sich im Hosenstall kratzendes Mackerchen.

 

Mindestens um ein gutes Drittel hätte man diese Sezuan-Tingelei samt Text kürzen und so womöglich doch noch bissig auf den Punkt bringen können. Aber da war wohl die bis zuletzt von der kürzlich verstorbenen Frau Barbara verbissen streng geführte Brecht-Erben-Firma vor.

 

Übrigens: Schon im Dezember kommt, wenn alles glatt geht, die nächste Haußmann-Inszenierung im BE: Das Gorki-Drama „Sommergäste“. Peter Stein inszenierte dieses Panoptikum einer edel versteinten, am Abgrund hockenden Wohlstandsgesellschaft einst epochemachend an der Schaubühne – wieder ein ziemlich „belastetes“ Projekt. Doch bei Gorki droht ja keine im Hintergrund mitspielende Erbengemeinschaft…

Theater im Palais

Das kleine Theaterchen im historischen Palais am Festungsgraben gegenüber der Staatsoper (ursprünglich ein Gästehaus für den preußischen Adel) feiert jetzt mit seiner 25. Spielzeit ein schönes Jubiläum und firmiert neuerdings als „Das Berlinische Theater Unter den Linden“. Dazu passt programmatisch das neue Stück von Barbara Abend zum Saisonauftakt „Das Schloss. Ein Gespenst packt aus“. Es ist ein amüsantes Historical, das im Schnelldurchlauf die Geschichte des benachbarten Hohenzollernschlosses grob umreißt; wir wissen: es entsteht gerade neu als Humboldt-Forum. Geschichtlich Verbrieftes und Anekdotisches kommt kurzweilig im Dialog zwischen zwei gegenwärtigen Baustellenbesuchern (Gabriele Streichhan & Matthias Zahlbaum) und dem besagtem hohenzollerschen Schlossgespenst (Carl-Martin Spengler im Nachthemd) zur Sprache, garniert mit allerhand pointierten Seitenhieben auf heutige Diskussionen ums Preußische einschließlich des Wiederaufbaus dieses zentralen Baudenkmals in der Mitte von Berlin. (wieder am 25. September und am 3. und 24. Oktober, jeweils 20 Uhr)

Langer Nachsatz / Tipp für Freaks

Der große Theaterkünstler Jürgen Rose – zwei Ausstellungen in München und ein feines Buch dazu

Hier ist das Leben, und da ist die Kunst. Aus dem einen kommt das andere, denn beide sind nicht das gleiche. Doch was heißt da „kommt“. Man muss sie dem Leben abtrotzen, abringen, aus ihm keltern, formen. Das hat zuerst mit Können zu tun. Und mit Feingefühl, Fantasie, Geschmack und mit sehr viel Wissen über das Leben und die Kunst. Ist sie doch eine vom Leben gespeiste Erfindung. Ein geradezu genialer Erfinder ist der Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose – ein Theatermacher. Das Theatermachen aber ist von solistischer und zugleich kollektiver Art – was da der einzelne tut wirkt nur wirklich zusammen mit dem Tun anderer: der einzelne Schauspieler ist nichts ohne seine Mitspieler, der Regisseur nichts ohne sein Ensemble, ohne den Bühnen- und Kostümbilder – und umgekehrt. Die Theaterkunst ist eine Zusammensetzung, ein komplexer Organismus; sein optimales Funktionieren das Ideal aller Theatermacher – klappt es nicht mit einem Organ (Sprache, Figur, Raum, Farbe, Kostüm, Frisur, Requisit, Musik) oder mit einem der Macher (Autor, Regisseur, Spieler, Ausstatter, Musiker), dann kommt der ganze Organismus ins Stottern. Deshalb sind große Theatermacher immer absolute, besessene Perfektionisten. Und so heißt es bei Thomas Bernhard in „Minetti“, diesem tollen Stück über einen grandiosen Spieler: „Wenn wir nachgeben, ist alles zu Ende; wenn wir nur einen Augenblick nachgeben…“ – Jürgen Rose ist so ein Unnachgiebiger.

 

Unnachgiebig gegenüber sich selbst allein im Atelier und auf den Proben mit dem Ensemble (Erfinden, Verwerfen, Ausprobieren, Neuerfinden). Doch zuerst steht natürlich das genaue Lesen des Stücks, das tiefe Erkennen der Figuren und ihrer Konflikte, ihres Zeithorizonts, ihrer geschichtlichen und sozialen Einbindung. Die Schauspielerin Cornelia Froboess über Jürgen Rose als Ausstatter (in München Residenztheater, Kammerspiele): „Was unsere gemeinsame Arbeit eigentlich ausgemacht und ausgezeichnet hat, dass nämlich alles, alle Erfindungen, alles was man weggeworfen und wieder zusammengesetzt hatte, dass das alles einer einzigen Sache gedient hat: der Aufführung. Und nicht irgendeiner Eitelkeit eines Bühnenbildners, der gesagt hätte, das muss aber so bleiben und es ist mir egal, ob die da drauf laufen können oder nicht… Alles geschah mit viel, viel Liebe für die Sache. Wir wollten alle dasselbe, wir wollten es stimmig machen, alle miteinander. Das war auch eine große Vertrauenssache. Und dieses Vertrauen war bei allen da. Und das gibt es so heute nicht mehr.“ – Und Jürgen Rose: „Es ist halt anders geworden. Heute wird oft abgeliefert und fertig. Es fehlt die kostbare Entwicklungszeit… Wir hatten das große Glück und konnten das anders machen, wir hatten das Paradies, aber das kriegen wir nie wieder.“

 

Klingt pessimistisch; nach einem Halbjahrhundert Theaterarbeit für viele bedeutende Bühnen (etwa das Stuttgarter Ballett, für Münchens Staatsoper, Kammerspiele, Residenztheater, für Salzburg, Wiener Staatsoper, Hamburger Schauspielhaus oder Berliner Schillertheater). Jetzt ist vieles kurzlebig, irgendwie rasch hingeworfen, Schnapsideen und spekulative Effekthascherei dominieren sowie das so genannte Authentische, das platt-plakativ-journalistische Kopieren oder Ablichten von Realitäten. Das Theater als Stücke-Durchlauferhitzer, da stören langwierig dialogisch-kollektive, aufwändig penible (auch kostspielige) Forschungs-, Detail- und Probenarbeit, das akribische Rollenstudium. Rose, ganz die alte Schule: „Die Figuren werden nicht mehr entwickelt, der gemeinsame kreative Prozess fällt weg, das Gespräch, die Zwiesprache, das Ausprobieren und Entdecken.“

 

In München würdigen jetzt zwei parallel gestaltete Ausstellungen das Lebenswerk von Jürgen Rose, Jahrgang 1937. Der Blick geht zurück in seine Anfänge als Ausstatter des „Stuttgarter Ballettwunders“ Anfang der 1960er Jahre und recht bis in jüngste Arbeiten, beispielsweise die Ausstattung für Wagners „Ring“ in Genf, Regie Dieter Dorn. Diese so faszinierende und aufschlussreiche Zeitreise (300 Inszenierungen) verdeutlicht die durchaus schwierigen, aber dennoch „paradiesischen“ Theaterzustände, unter denen der „kreative Prozess“ stattfinden und Furor machen konnte. Erstaunlich dabei, zu welch enormen stilistischer Vielfalt er führte; früh schon fand Rose zur offenen Raumbühne und zu Abstraktionen – wenn sie denn der künstlerischen Wahrheitsfindung dienten. Die beiden wahrlich begeisternden Schauen (Motto: „Nichts ist so lebensfüllend wie Theater“) im Münchner Theatermuseum am Hofgarten sowie in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste im Königsbau der Münchner Residenz präsentieren den Glanz und die Intelligenz und auch emotionale Kraft des Theaters (von Jürgen Rose). Wer es nicht bis zum 18. Oktober nach München schafft, findet im opulenten Katalog (Henschel Verlag Berlin) eine Auswahl signifikanter Bilder nebst hintergründigen Textbeiträgen prominenter Autoren, allsamt Kollegen, Chefs und engste Mitarbeiter von J.R. Alles in allem: Eine so opulent-großartige wie differenziert feinsinnige Hommage auf einen epochalen Theatermacher.