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Kulturvolk Blog Nr. 127

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

20. April 2015

Berliner Ensemble


„Wer nicht übt, ist nichts“, droht Caribaldi, Direktor eines verschlampten Kleinzirkus‘. Und drillt seit 22 Jahren seine vier wenig bis überhaupt nicht begabten Mitarbeiter, mit ihm Franz Schuberts berühmtes A-Dur-Streichquintett zur absolut perfekten Aufführung zu bringen. Sein Ziel, das Forellenquintett so zu können wie einst Pablo Casals. Alle wissen: Ist niemals zu schaffen, ist Wahnsinn. Aber dennoch: Üben! Immerzu üben! Denn für Caribaldi macht das rücksichtslose Abrackern für eine Idee den Sinn des Daseins. Üben ist für ihn Leben. Damit aufzuhören bedeutete Leere, wäre der Tod.

Thomas Bernhards hämisch als Komödie bezeichnetes Stück „Die Macht der Gewohnheit“ (uraufgeführt 1974 zu den Salzburger Festspielen) zeigt einen von der Sucht nach Vollkommenheit Getriebenen, einen besessenen Träumer (oder Utopisten). Obendrein aber offenbart diese Sisyphusiade des ewig Probenden, des ewig von Vollendung Träumenden ein Gleichnis aufs Dasein: Nämlich immerzu aufs Neue den abstürzenden Stein – hier: ein Felsbrocken aus Noten den steilen Berg hinauf zu rollen. „Wir wollen das Leben nicht, / aber es muss gelebt werden. / Wir hassen das Forellenquintett, / aber es muss gespielt werden…“

Bernhards Farce zeigt einen schicksalsergebenen Misanthropen, der, zerrissen von dem eklatanten Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Wollen und Können, erstrebter Ordnung und erlebtem Chaos, als verbissener Dilettant immer und immer wieder strebend sich bemüht. Und dieses karikierende Porträt offenbart zugleich das Absurde, das dem Menschsein innewohnt. Bernhard umjubelt das Trotzdem, feiert das Leben - getarnt als wüste, aber kunstvolle Tirade eines alten, aufs Perfekte pochenden Klar- und Wahnsinnigen.

Das gibt eine Paraderolle für Schauspieler, zur Salzburger Uraufführung war es Bernhard Minetti. Jetzt spielt der demnächst 83 Jahre alt werdende Jürgen Holtz den Caribaldi. Sein bewundernswertes Kunststück ist, trotz aller fein ironisch ausgestellter Alterswehwehchen den machtbewussten Despoten, den bitterbösen Zampano des Leistungsterrors und der gezielt aashaften Demütigung lustvoll auszuspielen - aber gleichermaßen auch den von Bitterkeit durchtränkten Wissenden um alle Wirklichkeitsabgründe. Da funkeln Reste großer Menschenliebe, gar Schwundformen erotischer Triebe. Da mischen sich Lebensweisheit und ebensolche Lebensenttäuschung auf komisch-groteske, schmerzliche Weise. Da tobt einer, wütet und beißt giftig um sich und ist doch zugleich ein keck Verschmitzter, ein frecher Hund und tollkühner Kerl, den man in den Hintern treten und zugleich küssen möchte. Tolle Taumelei auf hohem Grat. Da muss Regisseur Claus Peymann, erprobter Bernhard-Kenner und -Könner, nicht allzu viel tun. Er lässt klugerweise den großen Meister machen und arrangiert um ihn herum die vier fein komödiantischen Mitspieler (Karla Sengteller, Peter Luppa, Joachim Nimtz, Norbert Stöß).

Natürlich bleibt es der unvergessliche Abend des großen Jürgen Holtz! Der kann aufs herrlichste als lüsternes Ekelpaket erschrecken und als vertrackter Philosoph überzeugen – betörende Unterhaltung; „crescendo, decrescendo“. Man amüsiert sich blendend in diesem aberwitzigen Künstler- und Wortwitz-Drama voller Sarkasmus und Weltweisheit und noch dazu mit einem solchen des Lebens überdrüssigen, es zugleich aber selbstverliebt auskostenden, größenwahnsinnigen „Genie“ unter lauter „einfachen Geschöpfen“. Man hasst diesen Charakterkopf, aber er muss geliebt werden. Dabei wischt man sich, zugegeben, ein paar Tränen der Rührung rasch weg.

 

Gratulation

 

2000-2015 15 Jahre Berliner Kriminaltheater. Die schier unglaubliche Erfolgsgeschichte einer von Subventionen völlig freien Privatbühne; geschaffen aus dem Nichts. Gespräch mit den beiden Gründern Wolfgang Rumpf und Wolfgang Seppelt.

Endlich das eigene Theater, ging da ein großer Traum in Erfüllung?

 

Breites Grinsen bei beiden. Seppelt: Selbstredend war schon bei unseren ersten tapsigen Gehversuchen im Laufgitter glasklar, dass wir das Rampensau-Gen im Leib haben. Also Theaterblut schon immer. Der ewige Striese in uns. Doch ein eigenes Theater aufmachen, das ist eigentlich nur was für reiche Leute. Wir sind zwar Freaks, doch keine Millionäre. In den 1990er Jahren warf uns der Wegfall der sozialistisch flächendeckenden Subventionierung des Bühnenbetriebs in die Selbstständigkeit – Arbeitslosigkeit war keine Option. Wir zogen ein Kabarett auf, lief nicht schlecht, aber auch nicht super.

 

Rumpf: Da bescherte uns anno 2000 der Zufall ein eigenes Gehäuse: Dieter Hallervorden verkaufte uns sein Wühlmäuse-Theater in der Nürnberger Straße.

Passend für Nicht-Millionäre?

 

Rumpf: Reden wir hier nicht über Privatkredite und Oma ihr klein Häuschen als Sicherheit. Staatsknete gab’s keine. Bis heute nicht.

Und wieso Kriminaltheater?

 

Seppelt: In Berlin gab’s ja unübersehbar viel, aber Kriminaltheater gab’s nicht. Also fingen wir genau damit an. Unser Alleinstellungsmerkmal bis heute.

Der Steilaufstieg war programmiert?

 

Rumpf: Großer Bahnhof mit der Kriminalkomödie – sinniger Titel „Die acht Millionäre“; doch alsbald schon stotterte der Motor. Wir waren zu teuer, zahlten zu viel Miete und vor allem zu hohe Gagen.

Klingt nach Vorbeischrammen am Ruin?

 

Seppelt: Da lagen die Nerven blank; nicht erst der große Max Reinhardt wusste ein Lied davon zu singen. Doch da stürzte sich das Theaterglück auf uns ohne dieses Quantum Glück läuft ja nichts wirklich, schon gar nicht bei einem vollkommen privaten Theater.

Ein neues Haus als das neue Glück?

 

Rumpf: Wir hatten im rechten Moment die einzigartige Chance, im historischen, passgerecht sanierten Umspannwerk in der Palisadenstraße 48 die Pfosten unseres Krimitheaters neu aufzuschlagen. Die Auslastung schnellte von 30 auf mehr als 70 Prozent; jetzt ist es noch mehr.

 

Seppelt: Jeder Kaufmann weiß: Lage ist alles! Und Ambiente. Das originelle Flair der Location in Gründerzeit-Industriearchitektur, angeschlossen ein attraktiver Restaurant- und Barbetrieb – nicht erst seit heute eine Grundvoraussetzung für ein Theater als Besuchermagnet.

 

Rumpf: Seither läuft der Laden wie geschmiert. Erst Mord und Totschlag, Grusel, Grusel, dazwischen und danach und vielleicht schon davor fein Futtern und Schlürfen, Parkplätze in der Nähe, U-Bahn-Anschluss um die Ecke. Der Umzug aus Wilmersdorf nach Friedrichshain war ein Geschenk! Doch die Leute kommen ja nicht nur wegen der Unterhaltungsware Krimi. Sondern, weil sie hier Theater der alten, anders gesagt, der konventionellen Schule erleben. Avantgardismen, Dekonstruktionen und andere vielerorts bis zum Überdruss üblich erregte Verkopftheiten gehen hier gar nicht. Aber: Unser Ensemble hat nur gestandene, gut ausgebildete Profis! Dilettantismus geht gleichfalls gar nicht.

Wie sieht Ihr Publikum aus?

 

Seppelt: Zu uns kommen viele, die sonst kaum ins Theater gehen. Gut die Hälfte sind Angestellte und Beamte, es kommen aber auch viele junge Leute und Studenten auf einen amüsanten Abend mit Krimi und Gastronomie. Und das Tollste: Jeder zweite Besucher ist - unsere Fernwirkung! - Tourist.

Das Wunder: Ein blühendes Berliner Privattheater ohne Subventionen?

 

Seppelt: Soll uns erst mal einer nachmachen. Mittlerweile sind wir ein florierender mitteständischer Betrieb, ein stabiler Wirtschaftsfaktor: 200 Plätze, zuverlässig 50.000 Zuschauer pro Jahr; mit Sekretariat, Archiv, Dramaturgie, Bühnenbildner, Werkstatt, Requisite, Technik, Ensemble (ein Halbhundert Schauspieler). Mit freilich nur zwölf festen Mitarbeitern, doch ohne einen Cent Stütze. Jeder Antrag auf Spielstätten- oder Projektförderung wird verlässlich abgeschmettert. Die Innovation, ein seit 15 Jahren erfolgreich laufendes Privattheater zu kreieren, ist für den Staat keine Innovation. Der will allein das so genannte experimentell Künstlerische fördern. Freilich, in unseren vergeblichen Anträgen an den Senat kamen Begriffe wie „urbanistische Intervention“, „theatrale Recherche“, „kollaborative Aktion“ oder „Migrationshintergrund“ nicht vor. Also kein Geld. Das kassieren umso mehr andere Private wie Renaissance, Schlosspark, BE.

 

Rumpf: Und das verzerrt den Wettbewerb. Wer als klassisch eingestuft wird, gar als „konventionell“, was absolut negativ gemeint ist, der kriegt nix. Das so genannte Althergebrachte, das freilich auch die subventionierten Konkurrenzen fleißig pflegen, wird für unsereins zum Nachteil bei der staatlichen Geldverteilung, da werden wir, selbst bei der Vergabe von Lottomitteln, permanent ausgeschlossen. Irgendwie diskriminierend…

Also alles aus eigener Kraft und eigenes Risiko!

 

Rumpf: Ja. Und keiner kann uns dicht machen – außer wir tun das selbst. Armut gebiert Großes. Und verhindert die andernorts oft gedankenlos übliche Verschwendung.

 

Seppelt: Doch würden wir gelegentlich unsere notorische Selbstausbeutung auch ganz gern mal wenigstens ein bisschen abfedern.

Zu den Personen:

 

Wolfgang Rumpf, Regie: Absolvent der Staatlichen Schauspielschule Berlin (heute: Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“). Schauspieler und Regieassistent in der ostdeutschen Provinz. Regie-Aspirant am Deutschen Theater Berlin bei Wolfgang Heinz, Regie an verschiedenen DDR-Bühnen (Händel-Preis der Stadt Halle/Saale) und am Berliner Friedrichstadt-Palast. 1990 Direktor des Berliner Kabaretts „Kneifzange“. 1999 Berliner Operetten-Open-Air-Produktion „Im weißen Rössl“ mit Wolfgang Seppelt, beide übernehmen am 13. April 2000 das Berliner Kriminaltheater.

Wolfgang Seppelt, Chefdramaturg und Betriebsdirektor: Tischler-Lehre beim DDR-Fernsehen, Staatliche Ballettschule Berlin, Tänzer am Berliner Metropol-Theater, dort ab 1991 Chef Marketing/ Presse, Studium der Theater- und Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität. Produzent im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, im Metropol-Theater, in der Kleinen Revue des Friedrichstadt-Palastes. Ko-Direktor Kabarett „Kneifzange“. Seit 2000 Kriminaltheater.