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Kulturvolk Blog Nr. 124

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

30. März 2015

Friedrichstadtpalast -


Mehr als 300.000 verkaufte Karten in fünf Monaten; wenn das so weiter geht, ist die Knete wieder drin im Säckel. Hat man doch mehr als zehn Millionen Euro investiert in „The Wyld“, das damit zur sage und schreibe teuersten Showproduktion außerhalb von Las Vegas avanciert. Seit der Premiere gilt: „The Wyld“ ist ein Kracher im Kartenverkauf. Doch mit einer perfekt geölten und europaweit ausgreifenden Marketingmaschine allein läuft das natürlich nicht. Ohne Qualität im Ausschank bleibt jede Bude leer. Also testete ich jetzt, nach gut einem Vierteljahr, eine Vorstellung mitten in der Woche. Das Haus fast voll, um mich herum Geplapper auf Holländisch, Spanisch, Russisch und vornehmlich in südlichen Dialekten auch auf Deutsch.

 

Der Anfang des immerhin als bombastisch annoncierten Spektakels war erstaunlicherweise betont leise, lässig, intim. Ich kapiere: kleine Ouvertüre als Kontrast zum Großen, es soll schließlich noch laut, spannend, rasend werden, eben bombastisch. Zu Beginn also auf der Vorbühne erst mal die alltägliche Ballettprobe an der Stange. Klassisches Exercise mit zarter Klavierbegleitung und – als spaßige Beigabe – zickigem Ballettmeister, der die Truppe in dicken Strickstrümpfen und ausgeleierten T-Shirts scheucht und mit Worten lustvoll in den Hintern tritt. „Eins und zwei und drei und vier…“ So und mit einigen Blödeleien, Sprüngen, Pirouetten geht das ein paar Minuten lang, bis der Meister Schluss macht und sein Urteil fällt: „Nicht schlecht, aber auch nicht gut.“ – Ein kecker Satz, den sich die Regie da hat einfallen lassen für den Auftakt der bislang alle Verkaufsrekorde brechenden Show, die noch bis Mitte nächsten Jahres en suite laufen muss. Ist aber ironisch gemeint. Was jedem sofort klar wird, wenn nach irrem Wechsel sowohl der Beleuchtung (die Augen geblendet) als auch der Beschallung (das Trommelfell erschrocken) das nunmehr enorm aufreizend kostümierte Ballett aufmarschiert; perfekt trainiert und dressiert.

 

Berndt Schmidt, ruhmreicher Chef von Europas größtem Revuetheater, das er seit 2008 aus dem Versinken in tiefrote Zahlen errettete, hat, wie gesagt, für „The Wyld“ sehr viel Geld zusammen gekratzt. Das höchste Budget, das je in der nun schon 95-jährigen Geschichte dieses Instituts für eine Produktion verbraten wurde. Also Klotzen statt Kleckern; und ich darf ungeniert bewundernd sagen: Es hat geklappt. Das Klotzen hat sich sowohl in künstlerischer als auch (zumindest bis jetzt) wirtschaftlicher Hinsicht ausgezahlt trotz des nach meinem Geschmack etwas kryptisch im Ohr klingenden Titels. Doch hab‘ ich mir auch ohne den Hinweis im Hochglanz-Programmheft zusammen gereimt, dass mit dem umständlichen „Wyld“ das englische „the wild“ gemeint ist, was „Wildnis“ heißt. Ich darf hinzufügen, die Regie meint mit „The Wyld“ wohl auch das Noch-nie-Dagewesene, Exotische, Sagenhafte. Und der Untertitel „Nicht von dieser Welt“ spricht dann ja auch neugierig machend Klartext. – Man hat nicht zu viel versprochen…

 

Da wird also die frisch aufgetakelte Soundmaschinerie hoch gefahren, „eine der leistungsfähigsten Indoor-Anlagen Europas“ (Ansage der Pressestelle). Da werden die 1300 Scheinwerfer und 530 LED-Strahler angeworfen, da trollt sich das weltweit größte (festangestellte) Revueballett, seit jeher Superstar des Hauses und weltweite Einzigartigkeit, in wirklich verwegener Choreographie und Ausstattung auf die Spiegelfläche der ein halbes Fußballfeld einnehmenden Bühne. Da muss man weit in der Welt herumkutschieren, um so was zu sehen. Der Palast hat‘s!

 

Und überhaupt, das ist das Sensationelle auch dieser Show: Dass mit einem alle Tanz- und Musikstile perfekt beherrschenden, so fantastisch wie originell ausgestatteten Ballett und gestützt auf einen sagenhaft hoch gezüchteten technischen Apparat (der Kostenfresser!), dass mit all dem sowie mit originärer künstlerischer Fantasie wirklich unvergessliche Wirkungen erzielt werden. Wie sich hier Raum, Farbe, Licht, Musik, Menschen und alles in kontrastreicher Bewegung zu immer neuen Bildern, ja schier atemberaubenden Gesamtkunstwerken formieren das muss man erlebt haben. Da ist dieser einzigartige Unterhaltungsbetrieb ganz bei sich, ganz auf der Höhe der Zeit. Da triumphiert etwa in der atemberaubend inszenierten Nummer „Le Kick c' chic“ mit der Großen Girl-Reihe ästhetische Vollkommenheit. Das reine Glück des Schönen. Umwerfend! Allein deshalb schon muss man hin – ganz gleich, ob das nun unter „Wyld“ oder „Wild“ oder wie auch immer firmiert im jetzt frisch illuminierten, seine bislang gern geschmähte, dabei elegante Pompös-Architektur geschickt herausstellenden Palast an der Friedrichstraße 107.

 

Man darf es getrost in alle Himmelsrichtungen posaunen: Das internationale Team Manfred Thierry Mugler und Roland Welke (Regie), Jürgen Schmidt-André (Bühnenbild), Mugler und Stefan Canulli (Kostüm), Alain Lonchampt (Licht), Marc Vidal (Video) sowie die Großkollektive der Choreographen und Komponisten kreierten in ihren stärksten, das Fantastische so verwegen mit dem Zeitgeistigen verquickenden Nummern vollendete Show-Szenen.

 

Doch Mugler und Welke ertüftelten auch noch ein „Konzept“. Im Programmheft ist die Rede von nichts weniger als vom Berlin-Gefühl des 21. Jahrhunderts. Vom Großstadt-Dschungel, von durch die subkulturelle Berghain-Gegend streunenden Nachtgestalten, von den einst sonderlich in Berlin gleißenden Golden Twenties, von herumgeisternden Aliens, von Nofretete, einer Berlinerin, die im Ägyptischen Museum Fahrrad fährt und dort (wilde oder wylde?) Party macht. Und dann ist da noch die Rede von der Liebe eines Radfahrer-Akrobaten auf dem Alexanderplatz zu einer auf der Fernsehturmkugel hausenden Schönheit. Das rein Show-Ästhetische soll, so das Konzept, noch eingewickelt werden in eine volkstümlich gemeinte Berlin-Revue. Und bei all dem tümelte und stotterte es leider mächtig. So war das noch zur Premiere im Herbst vorigen Jahres. Doch jetzt ist Schluss damit. Alles Verkrampfte und Verrenkte ist gestrichen oder auf eine signifikante Andeutung komprimiert. Nichts mehr tümelt, nichts mehr stottert, nichts verläppert und verwurschtelt sich im Kleinkarierten. Man hat gelernt, geändert, verdichtet, verfeinert. – Und siehe, die Modenschau-Posen auf der Treppe, die Nixen unter Wasser in Glasballons, der Nofretete-Exotismus, der Sound und die jetzt wuchtig ohrwürmigen Gesangsnummern, der BMX-Solist Balazs Földvary, die „wylden“ Choreographien nebst der monströsen Transgeder-Figur, die atemberaubende Artistik der vier Muskelmänner des ukrainischen Äquilibristik Quartetts „White-Gothic“ sowie des russischen Luft-Perche-Duos „Markov“ – alles mischt sich in eine wundersame Folge kompakter und wirkungsmächtiger Breitwandbilder. Durchweht von einem Hauch Präteritum, Science Fiction, Altertum, 1920er-Jahre-Moderne und Berliner Luft von heute. Auffällig dabei das meisterliche Beherrschen der hohen Kunst der Übergänge durch die Regie, also die Verkettung der Kontraste von Action und Stille, Grellem und Dunklem, krachend Lustigem und entrückt Erhabenem oder fein Melancholischem – die Effekte sind überwältigend. Timing und Styling stimmen in jedem Detail, in jedem Moment. Zwei begeisternde Stunden lang (es gab Standing ovations). Nur schade, die Pause zwischen ihnen war viel zu kurz. Das Publikum verlangt nach mehr Muße fürs Flanieren, für Plauderei bei Häppchen und Gläschen. – Ach ja, die zur Premiere so umstrittene, als provinziell arg gebrandmarkte Dressur-Nummer pittoresk frisierter Pudel wurde vom international durchsetzten Publikum nunmehr herzlichst gefeiert. Man roch die Prise Zirkus, genoss die Hingabe ans Kind in uns allen. Gut gebellt, Friedrichstadtpalast. Wahnsinnig gut!

 

Zum Schluss noch ein hartes Halbbitter-Ei fürs Osternest -

Die aus Weimar stammende, nunmehr in Zürich und Tel Aviv lebende Autorin Sibylle Berg ist berühmt und womöglich auch berüchtigt als unverschämte und trotzdem nicht ganz von Menschenliebe freie Zeitgeistzynikerin – ihre Romane und gern und viel gespielten Theaterstücke im Maxim Gorki Theater läuft gerade ihre furienhafte Bloßstellung einer Mädchengang, die wie Gänse um ihre leere Lebensmitte herumschnattern (Mülheimer Theaterpreis). Kürzlich kam bei Hanser für 19,90 Euro ihr 256-Seiten-Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ heraus. Es geht um Cloe und Rasmus, Mitte 40, die Hälfte der Jahre sind sie miteinander verheiratet. Nun streicheln sie sich nur noch, „wie man Haustiere streichelt“. Und fragen sich: Ist Sex lebensnotwendig? Oder ist es doch eher die Liebe? Zur Beantwortung dieser immerhin ziemlich zentralen Lebensfrage trägt nun neuerdings ein gewisser Benny bei. Cloe hat sich ihm zugewandt, um endlich mal wieder „die Geschlechtsteile zu benutzen“. Denn anfangs war ihr Rasmus „zu geil, um ein großes Theater um Cloes Geschlechtsteile zu inszenieren“, später dann vermochte er nicht mehr „den gut ausgebildeten Liebhaber“ zu spielen. Also Funkstille. Doch dann nahm sich der knackige junge Benny der vertrackten Sache an. Und stiftete ein gewisses Wohlbehagen auf beiden Seiten. Zunächst. Was dann folgt, ist (wie das, was vorher war) für tabulose Geister amüsant nachzulesen. Für Leute jenseits der Midlife crisis eine womöglich lustige Erinnerung. Wer sie noch vor sich hat, darf sich frisch machen. Doch durch das Dilemma müssen schließlich alle; der Bergsche Sarkasmus ist da durchaus wohltuend. Also wär’s nicht schlecht, das spitzzüngige Büchlein zu Ostern im süßen Nest zu verstecken – zeugt vom Humor der Osterhäsinnen wie der Hasen. -- Frohes Fest!