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Kulturvolk Blog Nr. 117

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

9. Februar 2015

Vaganten Bühne


Die angeblich in der Welt meistgespielte Autorin heißt Yasmina Reza. Im Mai wird Thomas Ostermeier an seiner Schaubühne ihr neuestes Stück herausbringen – vorgestern erst hatte dort Shakespeares blutiges Superschurkenstück „Richard III.“ mit Lars Eidinger Premiere, von Ostermeier überraschenderweise inszeniert als kühles Gleichnis zum allgegenwärtig grauenvollen Welt-Wahnsinn, das sich mit geradezu schauerlichem Gleichmut gegenüber dem Entsetzen in cooler Rhetorik entfaltet.

 

Zurück zu Resa: Die Französin beherrscht wie kaum sonst eine Dramatikerin die schwere Kunst, in die schmuckreichen Fassaden der Gutbürgerlichkeit tiefe Löcher zu hacken. Das tut sie flott, und jeder Hammerschlag trifft einen Nerv. Sehr komisch, ziemlich schmerzhaft, aber auch äußerst erhellend bezüglich der bei jedermann gern gut versteckten Charakterschweinereien. Und obendrein gehörig philosophisch oder meinetwegen zivilisationskritisch wenn man bedenkt, was da in uns Bürgern der (gehobenen) Mittelklasse für Lust auf Wundenhacken beim Nächsten oder Liebsten unversehens schwelt und dann losgetreten wird auf der Bühne in den Reza-Stücken, die ihren durchtriebenen Unterhaltungswert durch dramaturgische Finesse und süffisant-lakonische Dialoge beziehen. Dramatik der Spitzenklasse; sozial genau, psychologisch bestechend. Bravo für die rührigen Vaganten allein schon dafür, dass sie den Reza-Hit „Drei Mal Leben“ überhaupt bringen; ist nicht leicht zu machen, wie leicht fällt man da ins Platte, Schmierige.

 

Und ein noch sehr viel lautstärkeres Bravo dafür, dass dem Ensemble dieses Kabinettstück an Virtuosität entsprechend gelang – ist immerhin nicht ganz einfach mit der rasenden Eloquenz sowie den fliegenden Wechseln der unterschiedlichen Perspektiven, denn: „Drei Mal Leben“ zeigt quasi im Laborversuch das dreimalige Aufeinanderprallen zweier Ehepaare bei einem abendlichen Zusammentreffen, wobei es in der Wiederholung jedes Mal ganz anders ausgeht. Wir lernen viel über Verhaltensmuster und ihre fatalen oder erquicklichen Folgen – wobei es um alltägliche Konflikte geht (Thema u.a. Klamotten, Haushalt, Kinder, Essen, Beruf und Sex), die sich unversehens ins Grundsätzliche, ja geradezu Katastrophale zuspitzen. Erst recht steigert das Köpfen von Rotweinflaschen das anfänglich harmlose Frozzeln zum auch von Handgreiflichkeiten nicht freien verbalen Gemetzel; wobei die Frontverläufe immerzu und überraschend sich kreuzen und queren. Neid und Eitelkeit, Verlogenheit und Angst kochen hoch, Abgründe brechen auf und Welten zusammen. Bettina Rehm inszeniert das gekonnt mit leichter Hand. Und Eva Mannschott, Stefan Mehren, Evamaria Slacher sowie Urs Fabian Winiger steigen als Doppel drei Mal hintereinander in den Ring, um sich dort untereinander fertig zu machen. Sieger gibt es keinen, doch wir alle haben zumindest theoretisch was kapiert. Könnte hilfreich sein in unser aller Alltagspraxis. (wieder am 21. sowie 24. bis 26. Februar)

Schlosspark Theater

Die Zeit ist knapp, der Premieren sind’s viele, deshalb diesmal in Hallervordens Schlosspark nur zur Fotoprobe von Esther Vilars Politkrimi (die Autorin war begeistert anwesend) „Das Lächeln des Barrakuda“. Wer es nicht weiß, Barrakudas sind Pfeilhechte und gehören zu den Raubfischen, aggressive Tierchen, die hemmungslos zubeißen. Womit Esther Vilar vornehmlich die ehrgeizigen, machtbesessenen Männchen im Politik- und sensationsgierigen Medienbetrieb meint. Im gegebenen Fall ist es ein Präsidentschaftskandidat Frank Marvin, der ein marodes Land auf Vordermann bringen will, aber kurz vorm Sieg über eine der freilich üblichen Bettgeschichten stolpert. Schluss mit Mister President! Allein seine Gattin Deborah, eine clevere Anwältin, könnte Marvins Katastrophe abwenden es kommt zur großen Eheschlacht, zu hoch spannenden Duellen ohne Beißhemmungen im schicken ehelichen Loft (stilvolle Ausstattung: Daria Kornysheva, Hendrik Scheel).

 

Das Stück wurde vor zwei Jahrzehnten uraufgeführt im Wiener Theater in der Josefstadt (Regie: Otto Schenk) mit dem Star-Paar Angelica Domröse und Hilmar Thate – ich sah später eine Übertragung der erfolgreichen Inszenierung im Renaissance-Theater, damals war es der Wiedereinstieg der beiden in die Berliner Szene nach dem Schiller-Theater-Desaster. Und damals dominierte die Domröse (extrem frauenbewegt) über einen eher müden Thate.

 

Diesmal, so schien es mir schon zur Probe, sind unter Thomas Schendels genauer Regie, die Gewichte gleichmäßiger auf beide Darsteller (Eleonore Weisgeber, Ulrich Gebauer) verteilt. Die hacken beide ganz schön grausig aufeinander ein, was Vilars plakativen Touch (der böse Kerl!) etwas entschärft bleiben aber dennoch auf irr vertrackte Art – da blubbert noch was ein Paar, was deren ohnehin schwierige Sache noch viel komplexer macht.

 

Es muss nicht allein hier zum wiederholten Male gesagt werden, dass Thomas Schendel (Hier mein Extra-Bravo!!) ein großartiger Regisseur ist mit einem super Händchen fürs spannungsgeladene Kammerspiel (am Schlosspark im Repertoire: „Misery“, „Die Selbstanzeige“, „The King’s Speech“ – sind alles große Hits, sollte man nicht verpassen). Und so führt denn Schendel seine starken, selbstbewussten Spieler so spielerisch wie konzentriert durch Esther Vilars mit Hintersinn, ätzendem Sarkasmus und saftigen Pointen gespickte Rededuelle. Ein schlimmes, böses, spannendes Ding, so aufklärerisch wie amüsant. Unbedingt sehenswert. (9.-11. Februar, dann wieder 11.-18. März)

Rosa Filmtipp

Ein Film von Rosa von Praunheim, ein Film für die schwule Gemeinschaft und ihre Freunde vom frühen Frontmann im Kampf um die Emanzipation gleichgeschlechtlich Liebender. Das Pseudonym R.v.P. nahm der 1942 als Holger Mischwitzky Geborene an in Verbundenheit zum Ort, in den er als 12jähriger kam: den Frankfurter Stadtteil Praunheim. Das Pseudonym trägt aber auch – und das vor allem im Gedenken an die von den Nazis verfolgten Homosexuellen, die im KZ verschwanden und dort mit einem rosa Winkel am Sträflingsanzug gebrandmarkt wurden.

 

Der Film heißt „Praunheims Memories“ und erzählt von Rosas Jugend eben dort (erster Kuss, erstes Fummeln, erste Liebe, erste Kunst in Form von Bildern und Gedichten und kurzen Filmchen für den Hessischen Rundfunk); dann, nach dem Abi, vom Studium an der Offenbacher Kunstschule. Danach ging P. nach West-Berlin an die Hochschule für Bildende Künste, studierte dort „Freie Malerei“ und initiierte um 1967 die Schwulenbewegung. Seither gilt er als Schwulenpapst. Mit dem 1971 uraufgeführten Film trefflichsten Titels „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, avancierte er (neben Fassbinder) zum berühmtesten schwulen politischen Künstler. Und nach dem Mauerfall wurde er Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg.

 

Doch davon ist in „Memories“ nicht die Rede. Es geht vielmehr - ganz in reportagehaftem Tonfall - sonderlich um den frühen Praunheim in Praunheim und Umgebung. Um alte Freunde, Lehrer, Galeristen, Kumpels, um, und das vor allem, um die frühe Bunderepublik. Und um R.v.P. als wilden Teenager, seine Anfänge als verrücktes Kunst-Huhn und notorisch Unruhe stiftender Politnik, der sich mutig offen zum Schwulsein in eher schwulenfeindlicher Zeit drüben (wie hüben!). Eine kleine Zeitreise mithin. Ein sentimental-sarkastisches Zurück in den frühen BRD-Zeitgeist und seiner Zäsur 1968. Bei allem grellen P-Trash und P-Blödsinn doch ziemlich interessant, sonderlich für (vergleichsweise brav) eingeborene Ostler, und nicht nur die von der schwulen Sorte.

 

Rosa im Interview: „Ich bin kein ausgeglichener Mensch, sondern einer für Extreme. Einerseits kann ich mir viele Feinde machen, anderseits sehr viele Freunde. Meine Schwächen sind gleichzeitig meine Stärken.“ Solche Leute, irritierend, lebensgierig, befremdlich exhibitionistisch, grauenvoll trutschig und in alle Fettnäpfchen so mutig wie albern kichernd tretend, sind immerhin zumindest das Salz einer Gesellschaft und bezeugen das Wesen ihrer Offenheit. Ich mag Rosa mit seinen mehr als 140 super tollen oder hinreißend idiotischen Filmen, zahllosen Männern und Hüten freilich mag ich ihn lieber auf Distanz. Ein Minimum an Schutz vor dieser Dampfwalze an Übergriffigkeit, Tunterei und monströser Kitscherei muss sein. Und dennoch: Er bleibt die Königin der Emanzipation (einst!???) verfemter Minderheiten. Es lebe Rosa! Er oder sie oder wie auch immer ist das eigentliche Kunstück. Das sagenhafte Kunstwerk, das gerade eben jetzt wieder zur Berlinale auf sämtlichen roten Teppichen zu bestaunen ist.

 

Nachsatz: Zur Berlinale läuft am 12. und 14.2. im Panorama Praunheims allerneuester Film „Härte“, eine harte und doch hoch sensible Studie über Männer, die durch physische oder seelische Gewalt schwer traumatisiert wurden, und über ihre teils entsetzlichen, teils anrührenden Versuche, mit diesen Traumata fertig zu werden.

52. Theatertreffen 1.-17. Mai

Sieben Theaterkritiker haben 379 Theaterproduktionen in allen drei deutschsprachigen Ländern beäugt, um zehn davon zu erwählen als „bemerkenswerte“ Inszenierungen im Zeitraum Februar 2014 bis Januar 2015. Die Provinz kommt dabei, um es gleich zu sagen, schlecht weg. Nix Bemerkenswertes dort. Allein Hannover und Stuttgart retten die Ehre der doch so zahlreichen Staats- und Stadttheater über Land; von Festival-Koproduktionen mal abgesehen.

 

Nun gut, die Theatertreffen-Jury hat sich diesmal offensichtlich auf bemerkenswert tagesaktuelle Produktionen konzentriert, abgesehen von Brecht („Baal“ – doch von Brecht ist in diesem von den Brecht-Erben inzwischen inkriminierten Castorf-„Baal“ auch nicht allzu viel mehr drin), abgesehen von der Fassbinder-Film-Adaption aus München und vom DT-Ruhrfestspiel-Beitrag mit Beckett (eine indirekt nachträgliche Gotscheff-Ehrung über den Gotscheff-Regie-Schüler Penteleev).

 

Also prononciert Akut-Zeitgenössisches bezüglich der Autoren. Bezüglich der das inszenierenden Regisseure hat man ja tatsächlich inzwischen durchaus Vielversprechendes gesehen oder gehört. Wie auch immer: Die Auswahl 2015 kann echt spannend sein – schlauer ist man ja immer erst hinterher, wenn man alles gesehen hat. Doch allzu oft wurde man in den letzten Jahren von zunächst Vielversprechendem ärgerlich enttäuscht.

 

Man muss wissen, was nie offen ausgesprochen wird: Die Jury tickt meist mehr oder weniger zeitgeistig, also ideologisch angeheizt (weil gern entsprechend zeitgeistig zusammen gesetzt von der hohen Direktion der vom Bund finanzierten Berliner Festspiele). Doch das wäre nicht unbedingt das Problem. Das Problem ist vielmehr, dass die von der Jury erwählten „zehn bemerkenswerten“ Theaterproduktionen als Show der zehn Besten im deutschsprachigen Raum gelten. Für die jeweils eingeladenen Theater bedeutet das ein Riesenrenommee, einer Berufung in den Theaterhimmel gleichend. Kulturpolitiker machen blöderweise ihre Subventionen gern vom Theatertreffen-Ruhm abhängig.

 

Selbstverständlich bietet die deutschsprachige Theaterlandschaft reichlich Theatertreffen-Taugliches, aber eben nur zehn Produktionen dürfen nach Berlin. Das ist das Problem! Hier schwelt dauerhaft Ungerechtigkeit. Nun wissen wir alle, nahezu jede Auszeichnung ist ein Affront gegenüber Gleichrangigem. Was wiederum nicht kommuniziert wird; warum sollte es auch. Doch den so vielen Guten, Leistungsstarken, leider nicht Eingeladenen kommt das teuer zu stehen. Über ihnen schwebt das Verdikt der Leistungsschwäche, so die nassforsch-freche Praxis der Kultur- und Medienpolitik. Was selbstredend Schwachsinn ist, extrem realitätsfern. Die Theatertreffen-Jury hat daran keine Schuld, eher das generelle Konstrukt dieser freilich schönen Veranstaltung, die zwar eine tolle Show ist, aber eben keine absolut gültige Leistungsschau. Viele Theater, die nicht nach Berlin eingeladen werden zum Treffen, leisten alltäglich Großes oder nichtalltäglich Ganzgroßes, schaffen es aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht oder nie nach Berlin (das betrifft sogar und langjährig erste Häuser!). Man müsste künftig den Eingeladenen zum Theatertreffen den Nimbus des absoluten Erwähltseins, des singulär Super-Wahnisnns-Tollen nehmen. Nur: Wie soll das gehen? Bitte, Thomas Oberender, Chef des Veranstalters Berliner Festspiele, denken Sie mal nach!

 

Hier die Liste der zum Theatertreffen 2015 von der Jury als „Beste“ Festgelegten:

 

1. Common Ground

 

von Yael Ronen und Ensemble

 

Maxim Gorki Theater Berlin, Regie: Yael Ronen

 

2. die unverheiratete

 

von Ewald Palmetshofer

 

Burgtheater Wien, Regie: Robert Borgmann

 

3. John Gabriel Borkman

 

von Henrik Ibsen

 

Schauspielhaus Hamburg, Regie: Karin Henkel

 

4. Atlas der abgelegenen Inseln

 

von Judith Schalansky

 

Schauspiel Hannover, Regie: Thom Luz

 

5. Warten auf Godot

 

von Samuel Beckett

 

Ruhrfestspiele / Deutsches Theater Berlin, Regie: Ivan Panteleev

 

6. Die Schutzbefohlenen

 

von Elfriede Jelinek

 

Theater der Welt / Thalia Theater Hamburg, Regie: Nicolas Stemann

 

7. Warum läuft Herr R. Amok?

 

nach Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler

 

Münchner Kammerspiele, Regie: Susanne Kennedy

 

8. Das Fest

 

nach Thomas Vinterberg und Mogens Rukov

 

Staatsschauspiel Stuttgart, Regie: Christopher Rüping

 

9. Die lächerliche Finsternis

 

von Wolfram Lotz

 

Burgtheater Wien, Regie: Dušan David Pařízek

 

10. Baal

 

von Bertolt Brecht

 

Residenztheater München, Regie: Frank Castorf

 

Dem Regisseur, Schauspieler und Autor Rainer Werner Fassbinder

 

(31. Mai 1945 – 10. Juni 1982), der im Mai dieses Jahres 70 Jahre alt geworden wäre, widmet das Theatertreffen einen Focus Fassbinder. Parallel zum Theatertreffen findet im Martin-Gropius-Bau, dem Ausstellungshaus der Berliner Festspiele, die Ausstellung Fassbinder – JETZT statt (6. Mai – 23. August 2015).