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Kulturvolk Blog Nr. 111

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

29. Dezember 2015

Admiralspalast / Silvester-Tipp!


Sie machen es mit Kehrbesen, Autoreifen, Müllschluckern, Bierbüchsen, Kaffeebechern, Zeitungspapier, Schaufeln, Einkaufswagen aus dem Supermarkt, mit Fingerschnipsen, Händeklatschen, Zungeschnalzen, mit Plastiktüten, Bällen, Abfalltonnen, knirschendem Sand unter den Schuhsohlen und mit Füßestampfen oder den Blechbecken der Einbauküchenspüle. All das sind die wundersamen Instrumente für eine wahrlich mitreißende Percussion-Show. Sie spielen damit und darauf und zwischendurch untereinander.

 

Wer dachte, die machen bloß Krach, liegt total daneben. Sie imaginieren vielmehr Kammermusik und großes Orchester, sie rocken ihre Leiber, machen Clownerien und winzig witzige Sketche – alles ganz einfach, ganz simpel mit Materialien quasi von der Müllkippe. Wirkt wie aus dem Hut gezaubert, wie improvisiert und ist doch grandios choreografiert und perfekt inszeniert. Toller Zirkus, präzise Show. Die hoch musikalischen, knackigen sechs Männer und zwei Frauen von „Stomp“ sind Akrobaten, Tänzer, Komödianten. Und natürlich haben sie den perfekten Rhythmus im Blut.

Es fing an vor gut drei Jahrzehnten im britischen Brighton: Luke Cresswell und Steve McNicholas, Mitglieder der Straßenband Pookiesnackenburger und der Off-Theatertruppe Cliff Hangar, kamen zueinander und ertüftelten eine verrückte Show aus Comedy, Artistik, Sport und Tanz im Sound der virtuos gehandhabten Instrumente aus dem dafür geeigneten Material von der Mülldeponie. Zum Edinburgher Fringe-Festival war Premiere – es wurde ein Sensationserfolg. Und „Stomp“ zur Marke für Fantasie, Poesie, Charme und eine faszinierende Geräuschkulisse. Seither hagelt es internationale Preise; seither gibt es Tourneen in alle Welt.

Jetzt ist „Stomp“ im Admiralspalast, noch bis zum 31. Dezember. 90 Minuten herrliche Unterhaltung für die ganze Familie. Also auf zum Jahresendvergnügen in den Admiralspalast! Man hat viel zu Schauen, noch mehr zu Staunen und darf seiner Begeisterung freien Lauf lassen und ein bisschen mitmachen im Sessel. Den verlässt man am Ende in denkbar glänzender Laune. Danke für diesen wirklich wunderbaren, tollen, verrückten und immer auch wieder – Überraschung! – ganz zarten, naiv spielerischen, aber dennoch raffiniert und kunstvoll präsentierten Jahresausklang. Prosit Stomp!

Zum Jubiläum 100 Jahre Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz am 30. Dezember 2014

Hier eine Stimme des Vereins Freie Volksbühne (sein Motto: „Die Kunst dem Volke“ – Zugang der Arbeiterschaft zu Theaterstücken frei von Zensur und zu günstigen Bedingungen). Es ist eine kluge, missionarische Stimme, die einst, vor mehr als 100 Jahren, aufrief zum Bau eines großen, vereinseigenen und hoch modernen Theaters, das unabhängig ist von staatlich-kaiserlicher Bevormundung und sich mutig der Zeitgenossenschaft verpflichtet:

…Und ich ging durch die Schreibmaschinenstube, ging durch die Lagerräume, ging durch die Werkstätten, wo in Lärm und Hast der Mensch zur Maschine wird, wo alles Denken und Fühlen aufhört. Überall dasselbe Bild. Da ist nur eine Rettung: Baut Volkskunsthäuser!

 

Helft den Menschen heraus aus der Enge des rein materiellen Strebens, zeigt ihnen den Sinn des Lebens durch die Kunst, lernt ihnen, dass alles Leben im Erleben liegt, dass die Arbeit nur Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck sein darf, dass alle Leistung sinnlos ist, die uns nicht Lebensempfinden und Lebensgenuss aufschließt. Gebt allen Menschen die Möglichkeit, an den geistigen Gütern der Menschheit teilzunehmen, schließt ihnen das Reich der Kunst, der Schönheit und Harmonie auf, füllt ihr Ohr mit Klängen, ihr Auge mit Bildern, ihre Gedanken mit Fragen, Zweifeln und Lösungen, erschüttert sie, macht sie weinen um Großes, lasst sie lachen, macht ihr Leben reich und weit und frei durch die Kunst!

 

Du Volk, das in Gefahr ist, seine Seele zu verlieren, hilf dir selbst! Bau Volkskunsthäuser!

 

Und deshalb bauen wir! Mitglieder der Freien Volksbühne, nur deshalb bauen wir! Und ihr alle, Leute des Volkes, alle ihr Ringenden, Schaffenden, alle vom Leben karg Gestellten, alle ihr Einsichtigen, die dem Leben einen höheren Sinn geben wollen: Helft bauen! Helft, und unser Haus wird 100 Jahre stehen!

Freundlich, beweglich, verträglich Prosit Neujahr!

Oft kommt es vor, dass meine gute Kollegin und Freundin Renate plötzlich nach einem Stück Papier giert und verzweifelt nach einem Schreibzeug kramt und für ein paar Minuten abtaucht. Dann hat sie mal wieder ein Einfall beim Schopf gepackt. Und prompt schüttelt sie da ein Gedicht heraus. Zum Beispiel dieses; frisch gedruckt in der Sammlung „Enteilen – Verweilen. Gedichte von Renate Hoffmann“ (Verlag am Park in der edition ost Berlin):

Silvester, Silvester

Der Vorsatz wird fester,

 

ein anderes Leben

 

anzustreben:

Freundlich, beweglich,

 

im Umgang verträglich.

 

Etwas mehr fasten,

 

weniger hasten.

 

Höflich zu jedermann,

 

Eigennutz hintenan.

 

Was man schon oft gedacht,

 

wird man jetzt über Nacht:

 

ein besseres Wesen,

 

von manchem sich lösen…

Erster Januar, erster Januar –

 

alles ist, wie’s vorher war.

Darauf dennoch einen Schnaps! Und noch einen auf die Zahl einhundertelf; es ist nämlich – wie die Zeit rast – mein 111. Spiral-Block.