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Kulturvolk Blog Nr. 103

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

3. November 2014

Schlossparktheater 1 -


Es war sein Wunschtraum: Einmal Molière machen! Nun endlich war es soweit: Dieter Hallervorden gibt den großen Deppen, der - weit verbreitete Idiotie zu allen Zeiten viel mehr sein will als er naturgemäß ist. Molière macht aus diesem Hang zur Hochstapelei eine freche Typen-Komödie der Intriganten und Egoisten, die man sich heutzutage so nur noch als Raserei im Tollhaus vorstellen mag, als verrücktes Kabarett, grellen Comic, als gellenden Jahrmarkt der Eitelkeiten. Doch Regisseur Folke Braband, ein erfahrener Komödiant (in seiner Textbearbeitung schlägt es durch), nimmt es überraschend brav, behäbig, bieder.

 

Im Mittelpunkt von „Der Bürger als Edelmann“, diesem klassischen Ulk, zappelt, seiner Hauptrolle gemäß und in grotesker Verkleidung, unser lieber Didi als verunglückter Möchtegern-Aristokrat. Das an sich feine Ensemble und also auch Hallervorden bleiben jedoch alles in allem arg unterfordert. Die Chose kommt nur mäßig auf Touren. Nette Unterhaltung. Trotzdem schade: Die Chance, einen gewaltigen Knaller loszulassen, die wurde verschenkt. – Aber die opulent barocke Ausstattung des berühmten Szenaristen Stephan Dietrich, die ist eine Augenweide! (wieder 19. - 23. Nov.)

Schlossparktheater 2 -

Der stotternde König kommt zurück: Wiederaufnahme „The King’s Speech“ von David Seidler nach der Premiere Anfang des Jahres. Recht so, denn die gut gebaute, das Historische geschickt einflechtende Geschichte vom stotternden König Albert (Oliver Mommsen), der es dank seines Trainers Lionel (Jürgen Tarrach) schließlich schafft, seine große Thronrede an die Nation (beim Eintritt Englands in den Zweiten Weltkrieg) fließend vorzutragen, ist ganz aufs Schauspielerische setzend von Thomas Schendel filmschnittartig gekonnt und wirkungssicher inszeniert im minimalistisch effektvollen Bühnenbild von Daria Kornysheva.

 

„King’s Speech“ ist kein Stück nach dem bekannten Film, sondern umgekehrt. Das Theaterstück war zuerst da. Der Autor recherchierte die Story schon Anfang der 1980er Jahre, hielt sie aber mit Rücksicht auf Königinmutter zurück. Als sie 2002 starb, machte Seidler das Drehbuch für den Film, der dann 2010 mit Colin Firth in der Titelrolle ein Hit wurde.

 

Jetzt sind die beiden Hauptdarsteller Mommsen und Tarrach das starke Duo, das vor allem für einen zwar vertrackt komischen, insgesamt aber sehr bewegenden, ja zu Herzen gehenden Theaterabend sorgt. Eine solide königliche Leistung! (wieder 4.- 8. Nov.)

Studio Schaubühne -

Warteschlange an der Kasse, daneben Leute mit dem „Suche-Karte-Schild“. Für einen Monolog mit Felix Römer, gefiltert aus dem 200-Seiten-Roman „Das Kalkwerk“ von Thomas Bernhard aus dem Jahr 1970 (Dramaturgie: Maja Zade).

Darin erzählt der große philosophische Knurrhahn, der bravouröse Sprachkünstler und nüchterne Menschenkenner, der lustvolle Alles-Infrage-Steller und sarkastisch an der Menschheit Unvollkommenheit Leidende von einem Exzentriker, der sich in einem stillgelegten Kalkwerk selbst eingekerkert hat, um an diesem „Idealort der Ruhe“ sein vermeintlich geniales Monumentalwerk „Das Gehör“ niederzuschreiben.

 

Dieser total verstiegene Seltsamkeits-Mensch ist ein dünnhäutiges Supersensibelchen, das sich an allen nur denkbaren Störungen durch die draußen dröhnende Welt sowie erst recht an der Verkorkstheit seiner Ehe, seinen fatalen Blockierungen und Unvollkommenheiten Herz und Hirn wund stößt. Da möchte einer sehr, sehr viel und kriegt bloß sehr, sehr wenig auf die Reihe. An der Diskrepanz zwischen obsessivem Wollen und verkrampftem Kaum-Können, zwischen erstrebter Vollkommenheit und dürftiger Realität wird dieser radikal abgehobene Kopfmensch schier verrückt. Schließlich versinkt er im Chaos aus Verzweiflung und Verstiegenheit.

 

Felix Römer zeichnet das exzessiv ins Groteske geschraubte Bild eines hysterischen Schmerzensmanns beim alltäglichen Scheitern. Ein aberwitziges Sinnbild des traurigen Menschlichen. Da tobt wie besessen ein elender Gigant und ein armes Würstchen zugleich, ein elender Gigant. Am Ende kommt es zu einem rauschhaften Suhlen in Dreck und Schlamm. Das befreiend Animalische. Fazit: Ein so präzises wie faszinierendes Virtuosenstück des furiosen Felix Römer - gestützt durch die geschickte Regie von Philipp Preuss. Bravo!

Dabei kommt mir zum wiederholten Mal in den Sinn, dass womöglich die Schaubühne das heimliche „Theater des Jahres“ sei. (für Kurzentschlossene jetzt gleich wieder am: 4. und 5. November)

Deutsches Theater – 25 Jahre Mauerfall -

Ein ziemlich umfängliches und originelles Programm läuft auf allen DT-Spielstätten zu diesem historischen Ereignis. Ich verweise sonderlich auf den zwar langen, aber gewiss hoch spannenden Abend „Damals: Das Volk. Dokumentarfilme vom Ende der DDR“, ausgesucht vom bekannten DDR-Dokufilmer Volker Koepp (Moderation: Ralf Schenk, Defa-Stiftung) am 8. November 18 bis 23 Uhr in den Kammerspielen.

 

Doch dann gibt es da noch eine schöne Kleinigkeit, nämlich „Arbeitergeschichten“, auf der Grundlage von Interviews aus dem Kiez-Milieu zusammengestellt von Jelena Schulte an der Bar im Foyer der Kammerspiele. Das ist zünftig und ziemlich erhellend und obendrein starmäßig besetzt (das DT spart auch beim Kleinen nicht mit Aufwand!), wobei mir sonderlich die großartige Barbara Schnitzler als ein schmallippiger, ein durchtrieben spitzzüngiger und bei aller eben nicht sonderlich sympathischen Pampigkeit doch irgendwie herziger Trampel vom Prenzlauer Berg auffiel (was für tolle große Rollen stecken in dieser Anlage). Witziger Titel des einstündigen Abends: „Zur Not gibt’s ‘ne Stulle weniger“. (wieder am 6. Nov.)

Festival Impuls - Ausflugstipp -

Unter „Jenseits der Weite“ firmiert in diesem Jahr das Festival für Neue Musik „Impuls“ in Sachsen-Anhalt (bis 25. November). Ein Novum diesmal: Das Jugendprojekt „Heimat“, eine spartenübergreifende Musik- und Theaterproduktion, bei der sich knapp hundert Jugendliche aus Dessau-Roßlau, Eisleben, Bitterfeld, Halle und Köthen mit den Theatern und anderen Kultureinrichtungen vernetzt haben zu einem originellen Großprojekt. Das Ganze verschränkt sich mit den barocken Musiktraditionen Mitteldeutschlands (neu plus alt), sonderlich mit der Musik von Johann Sebastian Bach. Wow! Ein vielschichtiges, aufwändiges, allein schon thematisch spannendes Ding.

 

So, liebe Leute: Nun schnappt Euch den lieben Nachwuchs (Kinder, Enkel) und kutschiert alle zusammen nach Dessau ins Theater (9.11.) oder nach Lutherstadt Eisleben ins Kulturzentrum im ehemaligen Theater (15.11.) oder nach Halle in die Oper (23.11.). Und schaut Euch an, was die Jugend unter erfahrener Anleitung dort alles zu sagen und künstlerisch drauf hat zum ambivalenten Thema „Heimat“ (jeweils ab 18 Uhr). Könnte so unterhaltsam wie lehrreich sein.

 

Zudem lässt sich der Ausflug in die etwas fernere Umgebung Berlins mit tollen Besichtigungen verbinden: Zum Beispiel Wörlitz und Bauhaus in Dessau; Luthers Geburts- und Sterbehaus im großartig herausgeputzten Städtchen Eisleben; die Sehenswürdigkeiten der Händel-Stadt Halle wie Kunstmuseum Moritzburg, Franckesche Stiftung, überhaupt der ganze historische Stadtkern. Also auf zu einer kleinen familiären Bildungsreise im Spätherbst.